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Automobilbranche befeuert die Kanzleiumsätze

Autos im Sonnenuntergang [Quelle: unsplah.com, Autor: Xan Griffin

Quelle: unsplash.com, Xan Griffin

Diesel-Betrug und Compliance-Beratung sorgen für eine hohe Auslastung in den Anwaltsbüros. Gewinner sind vor allem zwei nationale Mittelstandsberater. Aber wie nachhaltig ist die Champagnerlaune in den Kanzleien?

Im dritten Jahr nach Aufdeckung des Abgasskandals von Volkswagen sind die Auswirkungen des vermutlich weitreichendsten Kriminalfalls der deutschen Wirtschaftsgeschichte auf den Anwaltsmarkt unübersehbar. Die Wirtschaftskanzleien können mit der hohen Frequenz an rechtlichen Anfragen aus der Automobilbranche, von institutionellen Aktionären sowie diverser Verbände und der öffentlichen Hand kaum Schritt halten. Branchenübergreifend nahm Compliance-Arbeit zu, immer häufiger im Kontext kartellrechtlicher Themen. Und weil auch die M&A-Anwälte vom ungebremsten Interesse ausländischer Investoren profitierten, melden die Sozietäten für das Geschäftsjahr 2017 – das in britischen Kanzleien traditionell erst zum 30. April des aktuellen Kalenderjahres endet – steigende Umsätze. Allein die zehn umsatzstärksten Einheiten erwirtschafteten zusammen mehr als 2,2 Milliarden Euro, hat der Fachverlag "Juve" recherchiert.

Auch wenn die Spitzenpositionen in dem jährlichen Umsatz-Ranking abermals von Freshfields Bruckhaus Deringer (405 Millionen Euro), CMS Hasche Sigle (316 Millionen) und Hengeler Mueller (241 Millionen) besetzt werden, zeigt die Liste der 100 größten Wirtschaftskanzleien in Deutschland, wie stark der Markt derzeit in Bewegung ist. Rupprecht Graf von Pfeil, Partner der Kanzleiberatung Venturis Consulting Group, teilt die Ansicht, dass immer mehr Spieler größere Marktanteile für sich einfordern. "Es ist schon überraschend, in welcher Breite Sozietäten im vergangenen Jahr ein zweistelliges Umsatzwachstum verzeichnen." Die größten Sprünge in dieser heterogenen Gruppe gelangen Dentons (61 Millionen) sowie der amerikanischen Einheit Gibson Dunn (26 Millionen), die in der Abgasaffäre als Compliance-Beraterin von Daimler agiert.

Für die Bewältigung der Klagen und Aufklärung der Diesel-Krise hat die deutsche Automobilindustrie ganze Anwaltsscharen mandatiert. Allein Volkswagen hat sich, so ist aus Marktkreisen zu hören, in Deutschland die Dienste von bis zu 15 Kanzleien gesichert. Neben Freshfields hat davon offenkundig vor allem die erstmals in der Top 10 vertretene Mittelstandsberaterin Luther profitiert. Die Kanzlei steigerte ihren Umsatz um 27 Prozent auf mehr als 145 Millionen Euro; Luther erreicht diese Bestmarke aber auch dank 53 Berufsträgern mehr als noch im Vorjahr – weil sich auf den Schreibtischen ihrer Anwälte die Klagen von VW-Kunden auftürmen.

Für Berater von Pfeil sind dies "konjunkturelle Sondereffekte" im Umsatzwachstum einzelner Kanzleien. Es erinnert ihn an eine vergleichbare Situation in der Schweiz, wo vor wenigen Jahren zahlreiche Kanzleien Kapazitäten aufbauten, um die hohe Compliance-Nachfrage im Nordamerika-Geschäft eidgenössischer Großbanken wie UBS und Credit Suisse abarbeiten zu können. "Die dringendsten Fragen für Kanzleimanager sind doch: Wie setze ich das zugestellte Personal nach dieser Phase ein? Wie kann das Bestandsgeschäft in dieser Zeit gehalten und ausgebaut werden?"

Neben Luther ist eine weitere nationale Wettbewerberin in die Spitzengruppe aufgestiegen, deren Erfolg sich auf der starken Präsenz im Mittelstand und bei großen Familiengesellschaften gründet: Heuking Kühn Lüer Wojtek (149 Millionen) ist in den vergangenen Jahren vor allem über die Aufnahme wechselwilliger Leistungsträger und deren Teams aus anderen Kanzleien gewachsen. Dadurch ist sie fachlich deutlich breiter aufgestellt als die Transaktionskanzleien. Dennoch gelingt es ihren Anwälten in den aktuell stark nachgefragten Themen wie Compliance, Kartellrecht und Wirtschaftsstrafrecht, Schritt mit der internationalen Konkurrenz zu halten. Mit dem Aufstieg dieser beiden Mittelstandsberater gelingt es den nationalen Kanzleien erstmals seit Jahren wieder, eine Patt-Situation zu den angloamerikanischen Großkanzleien herzustellen. In der starken Präsenz deutscher Sozietäten im Kreis der zehn umsatzstärksten Einheiten erkennt Berater von Pfeil jedoch "nur eine Momentaufnahme". Das sei sicherlich bemerkenswert, in Jubel solle man deswegen aber nicht verfallen, erklärt er. "Orientiert man sich am Umsatz je Berufsträger, dominieren angloamerikanische Einheiten – mit Ausnahme von Hengeler Mueller." Ginge es allein nach der wichtigen Finanzkennzahl des Umsatzes je Berufsträger – also der Werthaltigkeit der Arbeit –, läge Marktführer Freshfields nur auf Platz elf.

Heuking und Luther rangieren deutlich dahinter: Hier spielt ein Anwalt mit durchschnittlich 473.000 beziehungsweise 442.000 Euro im Jahr nur die Hälfte dessen ein, was Juristen in den vor allem auf grenzüberschreitenden Transaktionen und Prozesse spezialisierten amerikanischen Sozietäten abrechnen. Das sind Indikatoren, dass sich das High-End-Geschäft für diese Gruppe überwiegend aus New York und Chicago stammender Kanzleien auch in Deutschland weiterhin lohnt. Mit Blick auf das Volumengeschäft sieht von Pfeil voraus, dass in Zukunft viele standardisierte Arbeitsschritte von Maschinen erledigt werden. "Kanzleien sollten hier von den großen Beratungshäusern lernen, die durch den Einsatz von Software in der Prozessoptimierung und Mandantenorientierung schon deutlich voraus sind."

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