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Die Gabe

Mädchen, Geige, Notenständer, Wunderkind, Talent [Quelle: pexels.com, Autor: Mart Production ]

Quelle: pexels.com, Mart Production 

Eine zwölfjährige Geigenvirtuosin. Eine Schülerin, die drei Klassen überspringt. Ein Fußballwunderkind vor einer glänzenden Karriere. Was unterscheidet solche Talente von anderen Menschen? Auf der Suche nach der Herkunft des Besonderen.

Das Letzte, was die Eltern sehen, ist der Vorhang. Hellgrau und drapiert wie ein Faltenrock, hängt er von der vier Meter hohen Decke und versperrt den Blick durch die Glastür. Den Klang kann er nicht ganz aussperren. Eine Mutter drückt ein Ohr gegen die Scheibe und lauscht. Als ein paar Studentinnen durchs Treppenhaus stöckeln, schießt sie ihnen einen Blick wie einen Dartpfeil hinterher. Neben der Tür stehen Stühle, aber niemand von den Eltern setzt sich. Väter tigern mit verschränkten Armen im Gang herum, Mütter lugen durch den Schlitz am Vorhang vorbei. Immer wieder treten sie an den Assistenten heran, der mit einem Laptop neben der Tür sitzt, sie stellen Fragen, als läge ihr Kind im Operationssaal: Wie sieht es aus? Meinen Sie, sie schafft es?

Der Assistent zuckt mit den Schultern, und die Eltern starren wieder auf den Zettel, der an der Doppeltür klebt: Julius-Stern-Institut, Zugangsprüfungen SoSe 2022.

9.30 Uhr bis 10.30 Uhr: Klavier

11.20 Uhr bis 12 Uhr: Gesang

12.15 Uhr bis 12.35 Uhr: Flöte

13.20 Uhr bis 14.20 Uhr: Violine

15.10 Uhr bis 15.50 Uhr: Gitarre

Elf Kinder und Jugendliche treten an diesem Tag vor einer Jury auf, bestehend aus Professoren der Universität der Künste in Berlin. Monatelang haben sie sich vorbereitet, haben jeden Tag stundenlang geübt und in der Nacht vor der Prüfung wenig geschlafen. Alles wegen dieses einen Traums: einer Karriere als Profimusiker.

Das Stern-Institut ist in Deutschland eine der renommiertesten Talentschmieden für klassische Musik. 73 "Sternkinder", so werden sie genannt, absolvieren hier ein sogenanntes Jungstudium. Die jüngsten sind zehn, die ältesten 18 Jahre alt. Sie gehen weiter in die Schule, bekommen im Institut aber nebenher Unterricht und geben Konzerte vor einflussreichem Publikum.

Manchmal nimmt das Institut pro Semester nur zwei oder drei Neuankömmlinge auf. Nur sie sind gut genug.

Hinter dem Vorhang tritt nun ein Junge an den schwarzen Steinway-Flügel. Er ist 12 Jahre alt, trägt ein weißes Hemd und schwarze Turnschuhe. Drei Stücke hat er vorbereitet, Beethoven, Liszt, Ginastera. Die Jury schaut er nicht an. "Ich wünsche dir viel Glück", sagt eine Stimme. Sie gehört Anita Rennert, der Leiterin des Instituts. "Wenn du möchtest, kannst du die Maske beim Spielen abnehmen", sagt sie.

Der Junge nickt und zieht sich die Maske vom Gesicht. Er legt die Hände auf die Schenkel, konzentriert sich einige Sekunden – dann rasen die Finger über die Tasten.

Ein Professor legt die Hand an die Schläfe und schaut, als grüble er über einer mathematischen Gleichung. Ein anderer wendet den Blick ab und horcht, das Ohr zum Flügel geneigt. Ein dritter kritzelt Worte in ein Notizbuch: "Souverän". "Viel Leidenschaft". "Fehlt Atem". Anita Rennert faltet die Hände im Schoß und hört einfach zu.

Nach acht Minuten ist der Junge fertig. Mit dem letzten Akkord springt er auf und richtet zum ersten Mal den Blick auf die Jury. Beim Rausgehen atmet er tief aus.

Der zweite Bewerber spielt eine Nocturne von Chopin, das heißt: Er versucht es. Seine Finger stolpern über eine Taste, "Aaargh!" rutscht es ihm heraus. Seine Hände zittern. Er schaut zur Jury. "Ist schon gut", sagt Anita Rennert. Er darf von vorn anfangen.

Die dritte Bewerberin hat ein eigenes Stück komponiert. Sie verspielt sich oft, das Tempo schwankt. Nach wenigen Minuten schaut Rennert zu einem Professor: "Reicht, oder braucht ihr noch?" Er schüttelt den Kopf. Rennert sagt: "Vielen Dank."

Als die letzte Bewerberin den Raum verlassen hat, rücken die Jurymitglieder ihre Stühle zu einem Kreis zusammen. Sie diskutieren über Ausdruck, Technik und Bühnenpräsenz der Prüflinge. Den Jungen mit den Turnschuhen nehmen sie auf, die anderen beiden nicht. Später wird Anita Rennert sagen, ihre Aufgabe sei es, die Besten unter den Guten auszuwählen, die Unermüdlichen unter den Fleißigen. Denn: "Wer hierherkommt, hat bereits Talent."

Talent. Wenn es da ist, lässt es sich leicht erkennen. Aber schwer erklären. Woher kommt es? Ist Talent gottgegeben oder das Ergebnis harter Arbeit? Hat jeder Mensch ein Talent, für irgendetwas? Und wenn ja: Wie lange kann man danach suchen?

Fragen wie diese beschäftigen Forscher seit Generationen. Spektakuläre Höchstleistungen, egal ob am Klavier, im Klassenzimmer oder auf dem Fußballplatz, schrieb man früher gerne "Wunderkindern" zu. Ein Genie ist ein Mensch von Geburt an, so wie der kleine Wolfgang Amadeus Mozart, oder gar nicht. So dachte die Wissenschaft lange Zeit. Bis sich in den Neunzigerjahren eine neue Erkenntnis verbreitete.

Der schwedische Psychologe Anders Ericsson verglich damals drei unterschiedlich talentierte Gruppen von Geigern miteinander. Die Mitglieder der ersten Gruppe hatten das Zeug zum Virtuosen, gut genug, um Wettbewerbe zu gewinnen. Bei der dritten Gruppe reichte es zum Musiklehrer, die zweite Gruppe rangierte dazwischen. Ericsson stellte fest: Die Geiger mochten unterschiedliche Gene haben, vor allem aber zeigten sie unterschiedlichen Einsatz. Wer zur leistungsstärksten Gruppe gehörte, hatte bis zu seinem 18. Lebensjahr durchschnittlich 7.410 Stunden geübt, in der mittleren Gruppe waren es 5.300, in der dritten Gruppe lediglich 3.420 Stunden. Ericsson sah darin den Beweis einer alten Vermutung: Übung macht den Meister. Er war sogar überzeugt, die Begabung sei irrelevant, mit harter Arbeit lasse sich alles erreichen.

Der kanadische Journalist Malcolm Gladwell wurde auf die Studie aufmerksam und verarbeitete sie in seinem Bestseller Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht. Gladwell rundete die 7.410 Stunden auf und erfand die 10.000-Stunden-Regel. So viel Zeit müsse man investieren, um in einer Disziplin die Spitze zu erreichen. Das Buch löste einen Hype aus. Zeitungsartikel, TV-Beiträge und weitere Bücher folgten. "Diese 10.000-Stunden-Regel war auch in der Forschung der Knaller. Viele fanden das sehr plausibel", sagt der Musikwissenschaftler Heiner Gembris, der bis diesen März das Paderborner Institut für Begabungsforschung in der Musik leitete. Einige Wissenschaftler gingen so weit, zu behaupten, der kleine Mozart sei gar kein Wunderkind gewesen – sondern nur extrem fleißig.

Mit der Zeit wuchs die Kritik an dieser Sichtweise des "Alles ist möglich". Die Genforschung zeigte: Es gibt durchaus naturgegebene Potenziale. Ja, Spitzenleistungen müssen erarbeitet werden, aber wie leicht und schnell ein Mensch lernt, gibt zumindest teilweise die Natur vor.

Angeboren oder antrainiert – heute gilt das als überholter Gegensatz. Beides ist unerlässlich. Zudem haben Experten inzwischen weitere Faktoren entdeckt, die von Bedeutung sind. Vier davon wird dieses Dossier vorstellen, auf einer Reise in die Welten der Musik, des Sports und der Naturwissenschaft. Eine hochbegabte Ärztin und Schriftstellerin wird dabei eine Rolle spielen, ein ehemaliger Profifußballer, der eine glänzende Karriere vor sich hatte, und ein japanischer Algenfischer, der etwas Neues versuchen wollte. Am Anfang aber soll noch einmal Anita Rennert auftreten, die Leiterin des Stern-Instituts. Ganz, ganz selten, sagt sie, ergebe es sich, dass nicht das Kind zu ihr komme, sondern umgekehrt: dass sie auf ein junges Talent aufmerksam werde, so begabt, dass sie es anspricht und fragt, ob es nicht ein Sternkind werden wolle.

So war es bei Kira.

Das Umfeld 

Zwei Abende vor der Prüfung am Stern-Institut starrt Kira Koch auf ein Notenblatt. Dann schließt sie die Augen, atmet ein und wieder aus und zieht den Bogen mit einem kräftigen Rutsch über eine Saite ihrer Geige, als werfe sie eine Motorsäge an. Die Melodie von Tschaikowskys Valse-Scherzo stapft erst schwerfällig und trippelt dann immer leichtfüßiger durch den Raum. Kiras Lehrerin hat ihr gesagt, sie solle sich Tänzerinnen in schönen Kleidern vorstellen, die durch den Raum gleiten.

Kira ist ein zierliches Mädchen mit langen braunen Haaren. Wenn sie von sich selbst erzählt, fehlen ihr manchmal die Worte, dann zupft sie verlegen an den Saiten ihrer Geige wie an einer Gitarre. Stellt man ihr jedoch eine Frage zur Musik, sprudelt es aus ihr heraus, und sie erzählt von den Schwierigkeiten ihrer Stücke: bei Bach die Intonation, bei Tschaikowsky die Strichtechnik. Man vergisst dann kurz, dass sie erst zwölf Jahre alt ist.

Kira ist umgeben von Musik, ist es immer gewesen. Im Wohnzimmer steht ein weißer Flügel, an dem die Mutter, eine Konzertpianistin, gerade mit ihrem Trio probt. Ein großes Regal ist vollgestellt nicht mit Büchern, sondern mit Partituren. Chopin, Rachmaninow, Schumann. An der Wand hängt ein Bild des Komponisten Arnold Schönberg. "Schönberg hat in diesem Haus gewirkt!", sagt Kiras Vater, ein Architekt.

Spricht man mit den Eltern, merkt man schnell: Das Talent ihrer Tochter war für sie nicht wirklich eine Überraschung.

Kira ist ein Jahr alt, als die Großmutter ihr ein kleines Orchesterspielzeug schenkt, das sie auf dem Flohmarkt ergattert hat: sechs mit Strom betriebene Figuren, die verschiedene Instrumente spielen. "Kira hat Stunden damit verbracht", erzählt die Mutter. "Und wenn die Batterie leer war – großes Drama." Es ist der Startschuss für ihre Leidenschaft. Später bittet Kira die Mutter, in der Drogerie eine Geige zu kaufen, da gebe es doch schließlich alles. Die Mutter bastelt ihr stattdessen eine Pappgeige, mit der sich Kira dann wieder und wieder auf YouTube Eine kleine Nachtmusik anschaut und die Musiker imitiert.

Mit vier Jahren hat Kira ihre erste Geigenstunde. Sie lernt Notenlesen und Blattspiel, die Finger nehmen die Technik an. Und sie spielt, spielt, spielt. Nach drei Monaten, da ist sie gerade fünf geworden, hat sie ihren ersten Auftritt, ein kleines Konzert mit anderen Schülern. Kira spielt ohne Fehler. Sie überholt Kinder, die seit zwei, drei Jahren Unterricht haben. Die Lehrerin ist begeistert. Die Eltern schicken die Tochter zur Regionalrunde von "Jugend musiziert". Sie ist die jüngste Teilnehmerin und holt die höchste Punktzahl. Bei einer solchen Veranstaltung wird sie später Anita Rennert auffallen. Kira nimmt immer wieder an Wettbewerben teil, einige gewinnt sie, fast immer rangiert sie auf den oberen Plätzen.

Wie hat sie das geschafft?

Dass sein Umfeld ein Kind prägt, ist erst mal nichts Neues. Wer mit vielen Büchern aufwächst, liest später meistens gern. Wer schon als kleines Kind mit dem Vater kickt, lässt sich auch danach leichter für Sport begeistern. In der Musik ist das nicht anders. Ohne Förderung, sagen Forscher, könne eine Begabung verkümmern, egal wie ausgeprägt sie sei.

Die polnische Musikpsychologin Maria Manturzewska hat in einer Studie die Leben von 165 herausragenden Musikern analysiert. 97 Prozent stammten aus Familien mit musikalischer Tradition. Musik war Teil des Alltags. Außerdem, noch eine Gemeinsamkeit, glaubten die Eltern an das Potenzial ihres Kindes, achteten aber nicht so sehr auf Leistung und Karriere, sondern auf den Spaß an der Sache. Und: Fast immer spielte ein Elternteil selbst ein Instrument auf höherem Niveau.

Bei Kira gilt das für die gesamte Familie. Schon ihre Großmutter war Pianistin. Der Vater hat bis zum Studium Klavier gespielt. Eine Tante: Violine. Ein Onkel: Bratsche. Eine Cousine: Klarinette. Der kleine Bruder: Cello.

Trotzdem sagt die Mutter: "Kira ist ein ganz normales Kind."

Dass das nicht ganz stimmt, zeigt sich bei der Aufnahmeprüfung am Stern-Institut. Um kurz nach eins schlägt Kira den Vorhang zur Seite und marschiert durch die Tür. Ihre Mutter darf mit, sie begleitet die Tochter auf dem Klavier. Kira stellt sich neben den Flügel, die Mutter spielt die ersten Takte von Tschaikowsky, Kira schließt die Augen. Sie wartet bis zum Moment ihres Einsatzes und zieht den Bogen über die Saite. Und dann hört man ihn, auch wenn man ihn nicht sieht: den Tanz. Kira spielt nicht vor, sie tritt auf.

Nach knapp zehn Minuten verbeugt sie sich. Die Professoren schweigen, wie immer, machen sich Notizen. Doch dann, plötzlich, fängt einer an zu klatschen. Es ist das einzige Mal an diesem Tag.

Die Intelligenz 

Wenn Minu Tizabi zwischendurch alles vergessen will, taucht sie ein in die Welt der Elenden. Lés Misérables von Victor Hugo ist ihr Lieblingsbuch, und wenn das eine Schriftstellerin sagt, heißt das wohl etwas. Sie habe das Buch auf Deutsch, Französisch und Englisch gelesen, sagt sie, in verschiedenen Lebenslagen. Sie war zwölf, als sie es zum ersten Mal las. Ihr Vater und sie hatten gerade eine alte Bücherkiste ihrer Mutter auf dem Speicher gefunden, voll mit Krimis von Agatha Christie. Dabei stöberten sie auch den alten Folianten auf, eine dreibändige Ausgabe: Die Elenden. 17 Jahre ist das jetzt her. "Es hat mich umgehauen", sagt Minu Tizabi. Bis heute habe sie nie ein Buch gelesen, das so breit gefächert sei. Viele Werke beleuchteten ja nur eine Facette des Lebens. "Für mich ist große Literatur, wenn sich das Buch nicht auf ein Genre reduzieren lässt. Das ist nah am Leben. Denn das ist auch nicht nur eine Linie."

Ob gewollt oder nicht, dieser letzte Satz sagt viel aus über Minu Tizabis Leben.

"14-Jährige macht Abitur mit der Note 1,0", Die Welt, Juli 2007.

"Fräulein Einstein auf der Überholspur", Neue Zürcher Zeitung, August 2007.

"Als Wunderkind unter 65 Nobelpreisträgern", Frankfurter Allgemeine Zeitung, Juni 2015.

"Was wird aus Wunderkindern, wenn sie erwachsen sind?", Der Spiegel, September 2021.

Minu Tizabi, 29, sitzt in ihrem Elternhaus bei Pforzheim, wo alles begann. Der Bildschirm zeigt beige Gardinen, Spitzenvorhänge und eine junge Frau mit dicken Kopfhörern und kirschrot gefärbten Haaren. Eigentlich wohnt sie in Heidelberg, wo sie ihr Medizinstudium als jüngste Absolventin Deutschlands abgeschlossen hat und jetzt am Deutschen Krebsforschungszentrum arbeitet. Wegen Corona empfängt sie gerade kaum Besuch. Als Ärztin achte sie noch mal stärker darauf, sagt sie.

Was denkt sie über die alten Schlagzeilen? "Gestört hat es mich nicht", sagt Minu Tizabi. "Ich finde nur, es stimmt nicht. Es ist kein Wunder. Sondern klar ersichtlich, wie es zu allem kam."

Djamshid Tizabi, ein aus dem Iran stammender Elektroingenieur, und seine Frau Dietlinde, eine Naturwissenschaftlerin, bekommen eine Tochter, die sie Minu Dietlinde nennen. Die Mutter stirbt kurz nach der Geburt. Der Vater zieht mit dem Baby von Dortmund zu seiner Schwiegermutter nach Birkenfeld, einer kleinen Stadt zwischen Karlsruhe und Stuttgart. Hier wächst Minu auf.

Früh zeigt sich: Minu begreift Dinge schnell. Sie ist 18 Monate alt, als der Vater für sie Buchstaben aus Pappe bastelt, sie ihr immer wieder vorspricht und auf Gegenstände zeigt, die mit diesen Buchstaben beginnen. So jedenfalls wird er es später erzählen. An ihrem zweiten Geburtstag bläst er Luftballons auf, und als sie an die Decke schweben, fragt er seine Tochter, ob sie die unterschiedlichen Farben der Ballons benennen kann. Sie kann: Rot. Dunkelrot. Hellrot.

Mit zweieinhalb Jahren kann Minu lesen, mit drei schreiben und rechnen. Sie blättert gerne im Kinderlexikon und liest Einträge über die Planeten. Mit sechs wird sie eingeschult: "Ich hatte eine Schultüte mit der Maus von der Sendung mit der Maus. Nur dass ich nicht in die erste, sondern in die dritte Klasse kam." Später überspringt sie noch eine Klasse: In der fünften ist sie nur ein paar Wochen, dann wird sie erneut hochgestuft. Weil wegen des G8-Systems in Baden-Württemberg zwei Jahrgänge zusammengelegt werden, spart sie noch ein Jahr ein.

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr eine Situation in der sechsten Klasse, ihre erste Klassenarbeit auf dem Gymnasium. Die Lehrerin steht mit den korrigierten Arbeiten vorn und sagt: Ratet mal, wer am besten abgeschnitten hat! Bis dahin war immer dasselbe Mädchen Klassenbeste; auf sie deuten die Mitschüler. Die Lehrerin schüttelt den Kopf: Nein, es war Minu!

"Das war keine gute Idee der Lehrerin", sagt Minu Tizabi heute. "Diese Sonderstellung ... so baut man Konflikte auf." Das andere Mädchen habe eine Weile nicht mit ihr gesprochen. Einige Jungs mobben sie, stören bei Referaten, rufen dazwischen, beleidigen sie, gehen sie sogar körperlich an. Trotzdem empfindet Minu Tizabi das nicht als schwere Zeit. "Ich wusste, warum es passierte. Aber ich habe nicht darunter gelitten. Ich bin gern in die Schule gegangen."

2007 macht sie ihr Abitur. Mit 14. Notenschnitt 1,0.

Wieso ist sie so schlau?

"Ich bin nicht schlauer als die anderen", antwortet Minu Tizabi. "Ich habe nur die Dinge früher und schneller gelernt." Es klingt wie ein Widerspruch. Für sie nicht.

Würde sie nicht behaupten, dass sie schlau ist?

"Schwer zu sagen." Sie überlegt lange. "Ich tue mich schwer damit, mich mit dem Begriff zu identifizieren. 'Bin ich schlau oder nicht?', das war mir nie so wichtig. Ich habe mich eher gefragt: Bin ich gut in etwas?"

Für Minu Tizabi ist Schläue breiter definiert. Zum Beispiel der IQ-Test: Der messe nur bestimmte Bereiche wie Zahlendenken und räumliches Denken. Emotionale oder soziale Intelligenz lasse er außen vor. Auch Noten seien kein Indikator für Intelligenz, sondern für effektives Lernen und ein gutes Gedächtnis. In der Schule seien ihr die meisten Fächer leichtgefallen, sagt Minu Tizabi. "Aber ich musste auch fleißig lernen." Einmal, in der sechsten oder siebten Klasse, wollte sie ihr Glück testen: Für eine Mathearbeit lernte sie überhaupt nicht. "Ich hab eine Vier minus bekommen."

Im Grunde ist Intelligenz erst einmal nur eines: die Fähigkeit, zu lernen und Probleme zu lösen, egal worum es geht. In der Musik hilft sie, Harmonien zu begreifen, Rhythmen einzuordnen, Noten auswendig zu lernen. In der Mathematik erlaubt sie, abstrakte Zusammenhänge zu begreifen und allein der Logik zu folgen. Im Fußball ermöglicht sie, Pässe zu erahnen und Laufwege in Sekundenbruchteilen zu erfassen. "Intelligenz setzt sich zusammen aus mehr als hundert Teilfähigkeiten", sagt Franzis Preckel, Professorin für Hochbegabtenforschung und -förderung an der Universität Trier. Sie allein bringe noch keine Spitzenleistungen hervor, aber sie helfe dabei, in einer Sache besser zu werden, eine Begabung zu entfalten.

Intelligenz wirkt wie ein Navi: Was ist die kürzeste Route? Wie vermeide ich Umwege? Und wie fahre ich, wenn ich mich doch verirrt habe?

Minu Tizabis Weg verlief so direkt, wie es nur möglich war: Nach dem Abitur studierte sie Medizin in Heidelberg, mit 22 war sie Deutschlands jüngste Ärztin, sie ging in die USA und forschte zu Brustkrebs, mit 24 folgte die Promotion. Dann aber nahm sie sich eine Auszeit und tat das, was sie schon seit ihrer Jugend gerne machte: Sie schrieb Geschichten. Zwei Romane entstanden, einer davon wurde im vergangenen Jahr veröffentlicht, ihr Debüt. Vielleicht hilft Intelligenz auch dabei, unterschiedlichen Begabungen nachzugehen.

Inzwischen arbeitet Tizabi nur noch halbtags im Krebsforschungszentrum, die übrige Zeit schreibt sie. Das Gerede vom Wunderkind habe sie nicht genervt, sagt sie. "Aber ich möchte auch als Schriftstellerin wahrgenommen werden. Und nicht nur als Person, die mit 14 Abi gemacht hat. Ich möchte mich weiterentwickeln."

Der Wille

Der Käfig steht hinter der Kirche. Gut vier Meter hoch ist der Zaun, die Spitzen biegen sich nach innen wie bei einem Hochsicherheitstrakt, nur dass der Zaun keine Häftlinge einsperrt, sondern Bälle. Am Eingang hängen Sticker von Hertha BSC, vom Berliner Sport-Club Rehberge und ein Metallschild: "Bitte nicht füttern". Über dem Bitte prangt ein Aufkleber, sodass es heißt: "Rassismus nicht füttern".

Drinnen spielen sie sechs gegen sechs, auf Beton statt auf Rasen. Ganz selten Mädchen, fast immer Jungs, zwischen 8 und 16. Manche stochern wild nach dem Ball, andere tricksen wie Zinédine Zidane, "ey, ey, eyyy!", johlen sie, wenn einer den Torwart mit der Hacke tunnelt. Wer nicht mitspielt, übt Tricks oder lehnt am Zaun und wartet, bis die Verlierer den Platz verlassen.

Das Üben

In so einem Gitterkäfig im Berliner Stadtteil Wedding fing für Chinedu Ede alles an. Der Fußball wurde sein Leben. Der Fußball holte ihn aus diesem Viertel und brachte ihn in die Bundesliga. Der Fußball machte ihn zu einem der gefragtesten Talente seiner Generation und stieß ihn gleichzeitig ins tiefste mentale Loch.

Chinedu Ede schlendert über den Leopoldplatz im Wedding, grauer Hoodie, schwarze Jogginghose, die Haare an den Seiten und im Nacken kurz rasiert. "Komm, wir drehen ’ne Runde", sagt er und geht zu seinem Wagen. Seine Beine schlackern beim Gehen, als schiebe er einen unsichtbaren Ball zwischen den Füßen hin und her. Es ist so ein Dicke-Hose-Gang, man erwartet also auch ein Dicke-Hose-Auto – und steht stattdessen vor einem Smart. "Ich will nicht mehr nach Geld aussehen", murmelt Ede und grinst, er hasse es, wenn ihm Leute ins Auto glotzen.

Chinedu Ede ist hier aufgewachsen, gemeinsam mit zwei Brüdern. Der Vater, ein Diplomingenieur, der als Kind aus Nigeria nach Deutschland gekommen war, arbeitete die meiste Zeit. Die Mutter unterrichtete halbtags als Lehrerin an einer Berufsschule und kümmerte sich um die Jungs. "In den Neunzigern war der Wedding ein anderes Pflaster", sagt Ede. "Gewalttätiger." Alle paar Tage habe es eine Schlägerei in der Schule gegeben. "Drei Mal habe ich gesehen, wie jemand abgestochen wurde. Es war normal für mich."

Chinedu ist sechs, als er seine Leidenschaft entdeckt: Fußball. Der Käfig steht direkt neben der Schule, 4,50 Meter breit, 15 Meter lang. Heute kann man dort nicht mehr spielen. Das Schulgebäude ist zu klein geworden, als provisorische Klassenzimmer stehen jetzt Container auf dem Platz, auf dem sich damals Chinedus Edes Leben abspielte.

Nach der Schule rennt er nach Hause, pfeffert seinen Ranzen in die Ecke, rennt wieder raus und kickt von mittags bis in die Dunkelheit.

Chinedu spielt oft gegen Ältere, gegen Jungs, die größer und kräftiger sind als er. "Wenn die eklig wurden, musstest du noch einen draufsetzen, damit sie gar nicht erst die Chance haben, dich zu foulen. Da brauchst du Fantasie", sagt er heute. Stundenlang übt er Tricks und Finten, mit denen er seine Gegner ausspielt, abgeschaut von Stars wie Ronaldinho und Okocha. Sein Vater und der ältere Bruder bringen ihm früh bei, wie man am besten lernt: Schritt für Schritt, von langsam zu schnell. "Dann hast du es sauber drin", sagt Ede. Bald ist er der beste Spieler im ganzen Viertel.

Einer seiner späteren Trainer wird einmal sagen: "So, wie Ede spielt, das lernst du nirgendwo anders. Diese Schlitzohrigkeit und die Fähigkeit, Dinge zu machen, die sich kein anderer trauen würde, das hat er quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Man merkt ihm auf dem Platz einfach an, dass er Berliner ist."

Mit zehn bekommt Chinedu Ede seine erste Chance. Die Reinickendorfer Füchse, bekannt für ihre Jugendarbeit, haben ihn bei einem Jugendturnier gesehen und kontaktieren seine Eltern: Sie wollen Ede haben. Ede geht zu den Füchsen und wechselt zwei Jahre später zur Jugend von Hertha BSC. Zum ersten Mal trifft er auf Mitspieler, die ähnlich begabt sind wie er. Später wird man seinen Jahrgang als goldene Generation bezeichnen: Kevin-Prince Boateng. Ashkan Dejagah. Änis Ben-Hatira. Patrick Ebert. Chinedu Ede aber gilt als das vielleicht größte Talent unter ihnen. Mit Boateng schießt er sich abwechselnd zum Torschützenkönig, mit Ebert bildet er eine gefürchtete Flügelzange.

Ede ist in der Oberstufe, zwölfte Klasse, als Hertha BSC ihm anbietet, Profi zu werden. Nimmt er an, kann er kein Abitur machen. "Mein Vater, typisch Afrikaner, hatte immer gesagt: Schule, Schule, Schule. Aber dann hat er im Vertrag gesehen, dass ich monatlich mehr verdienen würde als er – und meinte: Unterschreib sofort!", erzählt Ede. Am 18. November 2006 erlebt er sein Bundesliga-Debüt: Hertha BSC gegen Borussia Dortmund.

Es gibt in Deutschland wohl keinen Bereich, in dem so breitflächig nach Talenten gesucht wird wie im Fußball. Schon Grundschüler nehmen an sogenannten Sichtungsturnieren teil. Dribbling, Schnelligkeit, Ballgefühl, all das wird in speziellen Tests geprüft. Von den Ergebnissen erhoffen sich die Trainer einen Blick in die Glaskugel: Welches Kind könnte als Erwachsener zum Star werden?

Oliver Höner ist Professor am Institut für Sportwissenschaft der Uni Tübingen und begleitet die Talentförderprogramme des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Der DFB hat in Deutschland 366 Stützpunkte. Die besten Nachwuchsspieler werden zweimal im Jahr getestet, um die allerbesten herauszufiltern. Höner wertet die Resultate aus. Dabei hat er sich auch mit einem Faktor beschäftigt, der schwer zu messen ist: dem Willen. "Wir haben mit zwölfjährigen Stützpunktspielern einen Persönlichkeitstest gemacht", sagt er. Die Spieler füllten Fragebögen aus. Es ging darum, zu ermitteln, wie motiviert sie sind, wie selbstbewusst oder wie ängstlich. Höner wollte herausfinden, ob solche Dinge den Erfolg beeinflussen. Nach vier Jahren prüfte er, wie sich die einzelnen Spieler entwickelt hatten. Das Ergebnis: Je leidenschaftlicher die Kinder von der großen Karriere geträumt hatten, desto wahrscheinlicher landeten sie als Jugendliche tatsächlich im Nachwuchszentrum eines Proficlubs.

Aus anderen Bereichen gibt es ähnliche Erkenntnisse: Forscher stellten fest, dass junge Musiker, die der Meinung waren, sich durch regelmäßiges Üben verbessern zu können, von ihrem Unterricht besonders profitierten. Die amerikanische Psychologin Carol Dweck fand heraus, dass es schon einen Unterschied macht, ob man denkt, man könne etwas "nicht" oder man könne es "noch nicht".

Anders gesagt: Man kann viel schaffen, wenn man will.

Chinedu Ede wollte nicht.

Die ersten zwei Jahre als Profi erlebt er wie im Rausch. Er ist gerade volljährig geworden, die Presse lobt ihn, der Erfolg benebelt ihn. Er erzählt: Früher riefen sie ihm vor den Bars und Clubs schon von Weitem zu, er solle sich verpissen. Nun laden sie ihn ein. Frauen stehen an, um mit ihm auszugehen. "Ich war mir sicher gewesen, dass ich wahrscheinlich nie aus der Gegend rauskommen werde. Ich war froh, wenn ich Geld für ’nen Döner hatte. Und plötzlich wird da mit solchen Summen um sich geworfen."

Wie hat er sich damit gefühlt?

"Ich war überfordert. Von außen sah es sicher so aus, als hätte ich ein super Leben. Aber ich bin von einer morallosen Aktion in die nächste gestürzt. Glücksspiel, Partys, Alkohol. Ich hatte nichts mehr unter Kontrolle. Ich habe immer mehr Besitz angehäuft. Aber je mehr du hast, desto mehr Angst hast du, das alles wieder zu verlieren."

Früher, erzählt Ede, sei er auf dem Platz einfach losgedribbelt, und wenn er Füße vor sich sah, ließ er sich von seinem Instinkt leiten. Plötzlich muss er sich an die taktischen Vorgaben des Trainers anpassen. Es geht nicht mehr ums Tricksen, sondern um Effizienz, nicht mehr um den Spaß des Einzelnen, sondern um den Erfolg der Mannschaft. Ede verliert das, was ihm am wichtigsten war: die Freude am Spiel.

2008 wechselt Ede von Hertha BSC zum MSV Duisburg. Doch auch dort läuft es nicht rund. Ein Jahr später ist er Teil der legendären deutschen U21-Nationalmannschaft: Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Mesut Özil. Sie gewinnen die Europameisterschaft in Schweden. Chinedu Ede aber kommt nicht ein einziges Mal zum Einsatz. Während sich sein Freund Kevin-Prince Boateng durch die vier größten europäischen Ligen spielt, bleibt Ede auf seinem Talent hängen. Der Tod seiner Mutter, die 2006 starb, nagt an ihm. Ede fällt in ein Loch.

Was hat ihm gefehlt?

"Ich hab nicht den Biss gehabt. Es ging mir um den Spaß, nicht ums Gewinnen. Wenn die andere Mannschaft besser spielte, hab ich das denen gegönnt. Aber das kannst du halt nicht bringen."

Wieso hat er trotzdem weitergemacht?

"Was hätte ich sonst tun sollen? Ich war für nichts qualifiziert. Ich hatte die Schule geschmissen. Wo sonst hätte ich mit so wenig zeitlichem Aufwand so viel Geld verdienen können? Ich bin aber auch daran gewachsen."

Chinedu Ede spielte noch in anderen deutschen Vereinen, und im Ausland: Zypern, Niederlande, Thailand, "work and travel" nennt er das. Im Sommer 2019 beendete er seine Karriere. Drei Mal sei er danach noch im Stadion gewesen, erzählt er, und habe gedacht: "Zum Glück bin ich raus aus dem Mist."

Ede hat ein Musiklabel gegründet. Seinen Frust schrieb er in einen Song: Reflexion. Ede sagt, er bereue nicht, diesen Weg gegangen zu sein: Schließlich sei er mit Bereichen seiner Persönlichkeit konfrontiert worden, die er sonst vielleicht nie gefunden hätte. "Ich bin jetzt 35. Und hab immer noch das ganze Leben vor mir."

Die Geduld 

Die Hände von Yoshiaki Tokunaga sind kräftig und wettergegerbt. Wenn er hinausfährt in die Bucht, rudern seine Hände das Boot. Wenn er die Ernte einholt, ziehen seine Hände die Netze voller Algen aus dem Wasser, manchmal 30, 40 Kilo pro Tour. Es ist eine auslaugende Arbeit, sagt Tokunaga, und für die Hände auch gefährlich: Manche Fischer brechen sich das Handgelenk oder einzelne Finger, wenn sie die schweren Erntemaschinen bedienen. Trotzdem habe er sich früher nie Sorgen gemacht um seine Hände, sagt Tokunaga. Inzwischen aber passe er höllisch auf. Denn wenn er sich verletzt, kann er keine Konzerte mehr geben.

Yoshiaki Tokunaga, 62, ist Norifischer. Nori, das sind die getrockneten Meeresalgen, die zu vielen japanischen Speisen gereicht werden. Manche kosten nur zwei, drei Yen pro einzelnes Blatt, andere 300 Yen, umgerechnet 2,20 Euro. Tokunagas Algen sind in der Gegend bekannt für ihre Qualität. Er sagt: Je dunkler die Farbe und je glänzender das Blatt, desto besser. "Gutes Nori schmilzt auf der Zunge wie hochwertiges Rindfleisch."

Seit einigen Jahren ist Yoshiaki Tokunaga nicht nur für seine Algen bekannt, sondern auch für Franz Liszt.

Das Hobby 

An einem sonnigen Märztag sitzt Tokunaga auf seiner Couch in der Hafenstadt Saga im Süden Japans. Weil wegen der Pandemie kaum jemand ins Land darf, erscheint sein Gesicht jetzt in einer Zoom-Kachel. In Japan ist es 16 Uhr. Am Abend wird Tokunaga noch hinausfahren aufs Meer, das sei die beste Erntezeit. Er blättert durch ein orangefarbenes Heft und prüft die Gezeiten. Um 19.30 Uhr müsse er los, aber davor könne er gerne seine Geschichte erzählen.

Tokunaga ist in Saga aufgewachsen. Auch sein Vater war Algenfischer, mit 18 übernimmt Yoshiaki das Familienunternehmen. Er heiratet und bekommt mit seiner Frau einen Sohn. Die Nori-Fischerei ist ein gutes Geschäft, er stürzt sich in die Arbeit. Als der Sohn erwachsen ist, lässt Tokunaga es ruhiger angehen, er beginnt, Pachinko zu spielen.

Pachinko ist eine Mischung aus Flipper und Geldspielautomat. "Du kaufst Kugeln und spielst mit ihnen. Die Kugeln kannst du später in Geld umtauschen", sagt Tokunaga. Das Spiel ist in Japan sehr beliebt, vor allem bei älteren Männern, es gibt etwa 7500 Spielhallen voller lärmender und blinkender Automaten, die "Pachinko-Palaces" genannt werden.

Im Sommer, wenn keine Nori-Saison ist, spielt Tokunaga bald stundenlang Pachinko. Anfangs setzt er nur wenig Geld. Wenn er gewinnt, geht er etwas trinken oder kauft seiner Frau ein kleines Geschenk. Doch dann erhöht er die Einsätze. Bis ihm irgendwann das Geld ausgeht. "Ich habe mich ans Portemonnaie meiner Frau gemacht", sagt er. "Ich habe mir 20.000 oder 30.000 Yen rausgenommen. Bis meine Frau mich erwischt hat."

Sie habe ihm gesagt: Such dir gefälligst ein neues Hobby!

Fragt man Wissenschaftler nach dem besten Zeitpunkt, etwas zu lernen, sagen die meisten: so früh wie möglich. In der Musik zum Beispiel seien die ersten neun Jahre am wichtigsten für die Entwicklung.

Yoshiaki Tokunaga ist 52 Jahre alt, als er mit dem Klavierspielen beginnt.

An den genauen Tag könne er sich nicht mehr erinnern, sagt er, vielleicht lag er im Bett, zappte durchs Fernsehprogramm. Jedenfalls blieb er bei dieser Pianistin hängen. Tokunaga sagt von sich, er sei nicht sonderlich musikalisch. Beim Karaoke schmettere er manchmal Enka-Lieder, japanische Volksmusik, es geht um Frauen, Sake und das Meer. Klassische Musik hatte er bis dahin kaum wahrgenommen. Aber als Tokunaga dieses Klavierstück hört, ist er beeindruckt.

"Mein Leben bestand bis dahin nur aus Arbeit und Pachinko", sagt Tokunaga. "Deshalb hatte ich eine Lücke. Ihre Musik ging in mein Herz."

Die Pianistin, findet er heraus, heißt Fujiko Hemming, eine schwedisch-japanische Künstlerin, und das Stück heißt La Campanella, es ist von Franz Liszt.

Tokunaga sagt: "Ich dachte: Es würde die Leute doch überraschen, wenn ich das spielen könnte."

Er geht zu seiner Frau, sie ist Klavierlehrerin, und fragt, ob sie die Noten habe. Sie stutzt, holt dann aber ein Heft aus dem Schrank. Tokunaga hat als Kind ein wenig Trompete gespielt, also denkt er, dass er die Noten vielleicht noch lesen könne, immerhin weiß er noch, wo das C ist. "Als ich die Noten vor mir hatte, sah ich, dass die ganz anders sind, viel komplizierter."

Er bittet seine Frau um Hilfe. "Sie sagte: Das schaffst du sowieso nicht. Völlig unmöglich." Als Klavierlehrerin weiß sie, dass La Campanella eines der technisch schwierigsten Stücke der Klavierliteratur ist. Selbst erfahrene Pianisten brauchen ein Jahr, um es zu meistern.

Tokunaga hat keine Chance.

Oder vielleicht doch?

Wenn ein Mensch altert, altert auch sein Gehirn. Die Masse schrumpft, die Hohlräume wachsen. Die synaptischen Verbindungen ändern sich, sie sind umhüllt mit einer fetthaltigen Substanz namens Myelin, die eine wichtige Rolle spielt – je besser die Hülle, desto schneller der Informationsfluss. Im Alter nimmt die Myelinschicht ab. Ein Grund, weshalb ältere Menschen langsamer sind. Sie bewegen sich langsamer, sie lernen langsamer. Doch auch wenn die Schutzhülle dünner wird, die Verbindungen bleiben bestehen – und es lassen sich neue ausbilden.

"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – das ist ein Missverständnis", sagt Claudia Voelcker-Rehage, Professorin für Neuromotorik und Training an der Uni Münster.

In einer Studie ließ Voelcker-Rehage 1206 Testpersonen zwischen 6 und 89 Jahren üben, mit Bällen zu jonglieren. Am geschicktesten stellten sich die 15- bis 29-Jährigen an. Die Älteren schnitten zwar etwas schlechter ab, aber die Unterschiede zwischen den 30- und den 75-Jährigen waren gering. Nach sechs Übungseinheiten konnten alle die Bälle in der Luft halten. Die Handmotorik ändere sich mit zunehmendem Alter, und das Gehirn steuere die Finger nicht mehr so präzise an, sagt Voelcker-Rehage. "Aber das Lernen als solches bleibt. Man muss nur mehr Geduld haben."

Yoshiaki Tokunaga hat viel Geduld. Er stößt auf eine Methode, das Klavierspielen zu lernen, bei der er keine Noten lesen muss: Er hört sich das Stück so oft an, bis er es auswendig kann, das dauert drei Monate. Bei YouTube findet er ein Übungsvideo mit einer Klaviatur. Die Töne gleiten als Balken den Bildschirm herunter, dazu leuchten die jeweiligen Tasten auf. Wenn er nicht aufs Meer hinausmuss, übt Tokunaga acht Stunden am Tag: zwei Stunden mit der rechten Hand, zwei Stunden mit der linken, dann vier Stunden mit beiden Händen. Die schwierigen Stellen von La Campanella vereinfacht er. Manche Triller lässt er weg, die Melodie klimpert er nur mit dem Daumen. 18 Minuten braucht er am Ende für das Stück, das im richtigen Tempo knapp fünf Minuten dauert.

Nach weiteren drei Monaten schafft er schon einige der schwierigen Passagen und spielt das gesamte Stück immer wieder durch. Er liegt jetzt bei acht Minuten.

Nach einem Jahr hat er fast alle Vereinfachungen durch die Originale ersetzt. Sein Spiel klingt nicht wie das eines Konzertpianisten. Aber es klingt nach Liszt.

Niemand hat Yoshiaki Tokunaga jemals ein Wunderkind genannt. Das unterscheidet ihn von Kira Koch, Minu Tizabi und Chinedu Ede. Aber Tokunagas Beispiel zeigt, dass auch gewöhnliche Menschen ein Talent entfalten können, selbst wenn sie schon älter sind. Sie müssen es nur versuchen.

Tokunaga übt und übt, monatelang, jahrelang. Als er mit seiner Frau in den Urlaub nach Tokio fährt, nimmt er ein E-Piano mit. Er übt so viel, dass er Muskelkater in Fingern und Armen kriegt. Abends beklebt er sie mit Kältepflastern, sonst kann er nicht schlafen. "Einmal fragte mich meine Frau: Warum strengst du dich so an? Ich antwortete: Es macht mir einfach Spaß."

Wollte er irgendwann mal aufgeben?

"Es gab ... harte Momente", sagt Tokunaga langsam. Tage, an denen er einfach nicht vorankam. Aber dann habe er doch weitergemacht.

"Vielleicht lag es auch an dem Versprechen", sagt Yoshiaki Tokunaga.

Versprechen?

"An otosan."

Die Freude, die eben noch in Tokunagas Gesicht tanzte, ist jetzt weg. Er presst die Lippen aufeinander. Schluckt, faltet die Hände. Eine Träne. Er schaut zur Seite aus dem Fenster.

Otosan bedeutet Vater auf Japanisch. Tokunagas Vater wohnte schon seit Langem bei der Familie. Sein Zimmer lag im Erdgeschoss, direkt unter dem Musikzimmer. Als Tokunaga mit dem Klavierspielen anfing, war sein Vater schon über 80. Yoshiaki Tokunaga sagt: "Ich wollte meinen Vater stolz machen."

Zwei Jahre nachdem der Sohn mit dem Klavierspielen anfing, wurde der Vater schwer krank. Kurz darauf verstarb er.

"Mein Vater hat mir die ganze Zeit beim Üben zugehört", sagt Yoshiaki Tokunaga. "Deshalb denke ich, dass er bei mir ist, wenn ich La Campanella spiele. Auch wenn ich ihn nicht mehr sehen kann."

Tokunaga hat seinen Weg von Anfang an bei YouTube dokumentiert. Eine Art Übungstagebuch, das zunächst niemanden interessierte, aber dann auf einmal immer mehr Klicks bekam. Die Medien wurden auf ihn aufmerksam, und plötzlich galt er als "Klavierwunder von der Algenfarm". Heute gibt er Interviews und kleine Konzerte. Und übt weiter. Gerade lernt er eine Beethoven-Sonate und Chopins Revolutionsetüde.

Aber La Campanella spielt er immer noch, jeden Tag.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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