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Plötzlich bescheiden

Student, bedrückt, skeptisch, traurig [Quelle: unsplash.com, Autor: Wes Hicks]

Quelle: unsplash.com, Wes Hicks

Wer in den vergangenen Jahren ins Berufsleben gestartet ist, kannte keine Absagen. Und Kündigungen schon gar nicht. Nun erlebt die Generation Hochkonjunktur ihre erste echte Rezession – und merkt, dass die Wahrheiten von gestern so schnell nicht wieder gelten werden.

In der Welt von Lucas Rohleder war die Rezession bislang ein Teil der theoretischen Modelle aus dem VWL-Studium. Mit seinen Kommilitonen scherzte er vor Kurzem noch über die goldenen Zwanziger, in denen sie nun alle eine steile Karriere machen würden. Und trotzdem genug Zeit hätten, das Leben auszukosten. "An der Uni hat man uns das Gefühl gegeben: Ihr werdet alle einen guten Job finden", erzählt der 24-Jährige.

Dann kam Corona. Die Krise, die alles auf den Kopf stellt und wohl niemanden so unvorbereitet trifft wie Rohleders Generation. Wer seinen ersten Job zwischen 2010 und 2020 antrat, kannte nur Wachstum. Die Sorgen der Wirtschaft hießen Fachkräftemangel. Sorgen, die für Rohleder und seine Generation Verhandlungsmacht bedeuteten. Sie mussten sich kaum bewerben, um sie wurde gebuhlt. "Diese Generation macht sich um ihre wirtschaftliche Zukunft keine Sorgen", analysiert Klaus Hurrelmann.

Schon wer ein paar Jahre früher auf den Arbeitsmarkt kam, hat die Unsicherheit nach der Finanzkrise miterlebt. Wer noch ein bisschen länger dabei ist, das Wachsen und Platzen der Dotcom-Blase, das Jahrzehnt des Siechtums am deutschen Arbeitsmarkt zwischen 1995 und 2005. Fünf Millionen Arbeitslose. Was gestern Stoff für die Geschichtsstunde war, ist plötzlich: eine Erfahrung, die fehlt. Als Messgröße, an der man sich orientieren könnte. Als Erinnerung, wie sich beim letzten Mal doch alles zum Guten gewendet hat.

Hurrelmann kennt die Ängste und Hoffnungen, Sorgen und Wünsche der Jugend so gut wie kaum ein anderer Wissenschaftler im Land. Seit den Sechzigerjahren erforscht er ihr Seelenleben. Etwa im Auftrag der Burgerkette McDonald’s, für die er regelmäßig die Ausbildungsstudie erstellt: Nur 23 Prozent der Befragten gaben darin im vergangenen Jahr an, manchmal Angst vor der Arbeitslosigkeit zu haben. 79 Prozent fanden leicht einen ersten Job. Schließlich brummte die Wirtschaft. Viele Stellen blieben unbesetzt, weil es an geeigneten Leuten fehlte. Und so hörte die Generation von Lucas Rohleder nie etwas anderes, als dass sie dringend gebraucht werde. "Das fördert natürlich das Selbstbewusstsein", sagt Hurrelmann. Dementsprechend wenig Demut zeigten die Berufseinsteiger, forderten geregelte Arbeitszeiten, Einfluss von der ersten Sekunde an, einen schnellen Aufstieg. Und nun? Diktieren bald wieder die Unternehmen die Bedingungen? Ist die Zeit der umworbenen Bewerber vorbei – und damit auch ihre Aussicht auf eine Karriere?

Stellensuche statt Weltreise

"Als klar wurde, dass die Coronakrise für die Wirtschaft schlimmer werden könnte als die Finanzkrise, da wurde mir mulmig", sagt VWL-Student Rohleder. Deshalb wolle er sich zügig bewerben, "bevor es vielleicht noch schlechter aussieht". Vorübergehend ist er im Arbeitszimmer von Freunden in Düsseldorf untergekommen. Seine Studienwohnung in Bonn hatte er bereits vor der Krise gekündigt, weil er ursprünglich vor der Abgabe seiner Abschlussarbeit auf Reisen gehen wollte. In ein paar Wochen muss die Arbeit fertig sein. Jetzt, wo Reisen ohnehin unmöglich ist, hat er die Jobsuche vorgezogen. Sie beschäftigt ihn mehr als die Fußnoten seiner Masterarbeit. Er durchforstet Ausschreibungen im Internet, überlegt, was er noch an zusätzlichen Qualifikationen braucht. Und sucht Anhaltspunkte, welches Einstiegsgehalt er verlangen könnte: 50.000 Euro? 40.000 Euro? Oder deutlich weniger?

Ökonom Hannes Schwandt kann ihm in dieser Hinsicht keine große Hoffnung machen. Er erforscht an der Northwestern Universität bei Chicago die Einkommen und Karrierepfade verschiedener Jahrgänge. Sein Ergebnis: Die ersten Gehälter von Einsteigern in der Krise sind im Schnitt geringer. "Aber selbst wenn die Rezession schon lange wieder vorbei ist, sieht man diese Einkommensverluste bis zu 15 Jahre später noch in den Daten", sagt Schwandt. Unter der aktuellen Krise leidet vor allem die junge Generation, das zeigen auch die Zahlen des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit. Die unter 25-Jährigen waren demnach vor der Krise seltener fest angestellt als ältere Beschäftigte – und konnten einfach entlassen werden. Holger Schäfer, Arbeitsmarktforscher vom Institut der deutschen Wirtschaft, verweist darauf, dass Unternehmen, die sparen müssen, als Erstes Neueinstellungen stoppten.

Zwischen Marvin Kleins erstem Arbeitstag und seiner Kündigung lagen nur zwei Wochen. Der 27-Jährige, der seinen wahren Namen für sich behalten will, erinnert sich gut an den Montagmorgen vor zwei Monaten, an dem er ins Büro der Geschäftsführung gebeten wurde. Die Stimmung sei bedrückend gewesen. Er hatte gerade erst als Ingenieur in einem Konstruktionsbüro angeheuert. Die Coronakrise ließ Aufträge verschwinden, die Liquidität schmolz dahin. Schon in der Woche bevor Klein seine Kündigung erhielt, hatte das Unternehmen die Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Neueinsteiger Klein, keine Kinder, war einer jener Kandidaten, die eine Kündigung als Erstes treffen musste. Mit seinem persönlichen Plan jedoch verträgt sich das ganz und gar nicht. Während des Studiums hat Klein Schulden gemacht: Bafög, Studienkredit und ein Darlehen fürs erste eigene Auto muss er abzahlen. Und eigentlich wollte er sich ein paar Dinge gönnen, auf die er im Studium verzichtet hatte: eine eigene Wohnung, vielleicht ein paar Urlaube, ein neues Auto. "Es ist frustrierend", sagt Klein.

Viele Bewerbungen, kleiner Job

Dabei kann man Klein nicht vorwerfen, er habe sich schlecht vorbereitet: Den Master in Maschinenbau hat er mit guten Noten abgeschlossen, Erfahrungen bei einem führenden Technologieunternehmen gesammelt, nebenbei Programmieren gelernt. Und so hat er nie daran gezweifelt, dass die Wirtschaft einen wie ihn brauche. Ebenso wie Rohleder: "Unternehmen haben sich noch im Herbst bei uns im Seminar vorgestellt und vermittelt: Ihr seid die Leute, die wir suchen", erzählt er. Kommilitonen aus höheren Semestern berichteten stets, wie spielend einfach die Jobsuche sei. Für seinen Jahrgang sieht es anders aus: Ein Bekannter hat 40 Bewerbungen verschickt – und eine Stelle bei der kleinsten Firma bekommen. "Je mehr solche Fälle ich höre, desto mehr Sorgen mache ich mir", sagt Rohleder.

Ein genauer Blick auf die Generation Hochkonjunktur zeigt allerdings auch: Nicht alle erleben die Krise gleich. Junge Ostdeutsche, so zeigte schon die McDonald’s Ausbildungsstudie im vergangenen Herbst, machen sich weniger Sorgen um den wirtschaftlichen Abschwung als westdeutsche. Florian Molder, 29 Jahre alt, Logistikplaner bei VW in Chemnitz, ist seit fünf Wochen in Kurzarbeit. Trotzdem schaut er zuversichtlich in die Zukunft. "Ich kenne Krisen durchaus", sagt er. Sein Vater, ein Bauingenieur, habe in den Nullerjahren seinen Job verloren. Seine Mutter erlebte nach der Wende, wie das Unternehmen, in dem sie arbeitete, pleite ging. "Aber es ging immer weiter. Und meistens war die neue Situation dann sogar besser."

"Ich verzichte dann eben auf die Pause und die schönen Monate, die ich mir eigentlich verdient hätte“

Lucas Rohleder, VWL-Student auf Jobsuche

Molders Hoffnung ist keinesfalls unbegründet."Der demografische Wandel spielt der jungen Generation weiterhin in die Hände", sagt Arbeitsmarktforscher Schäfer. Denn an den großen Linien ändert auch Corona nichts: Viele Babyboomer gehen nach und nach in Rente. Die Jahrgänge, die nun auf den Arbeitsmarkt drängen, werden derweil immer kleiner. Wegen der rückläufigen Auftragslage dürfte die Nachfrage nach schlauen Köpfen zwar sinken, versiegen wird sie nicht.

Diesen Optimismus will auch Marcel Rütten, bei der Berner Group für die Personalgewinnung zuständig, den jungen Bewerbern vermitteln. Das Familienunternehmen produziert Werkzeug und Werkstattausstattung. Von mehr als 8000 Mitarbeitern arbeiten etwa 5000 im Vertrieb. Neueinstellungen seien zwar erst einmal schwierig, erzählt Rütten. Denn Bewerber fahren bisher stets bei den Außendienstarbeitern mit, um den Job kennenzulernen. Unmöglich in Zeiten, in denen ein Sicherheitsabstand von 1,5 Metern gilt. "Aber: Wir versuchen, mit den Kandidaten in Kontakt zu bleiben und Alternativen zu den bisherigen Abläufen anzubieten."

Dennoch dürfte die Krise die Generation verändern, glaubt Sozialwissenschaftler Hurrelmann. "Sie werden nicht mehr ganz so kühne Forderungen stellen können", prophezeit er. Flexible Arbeitszeiten, die Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeiten werden sie wohl akzeptieren müssen. "Zumindest in einem Maße, das die Lebensqualität nicht einschränkt."

Der Trumpf digitaler Intuition

"So stark hat sich der Arbeitsmarkt nicht verändert, dass man mit einer Haltung gegenüber Kandidaten auftritt, die der von vor 10, 20 Jahren gleicht", warnt der Personaler Rütten. "Ganz im Gegenteil. Wenn Sie sich jetzt arrogant verhalten, wirkt das viele Jahre nach." Auch Hurrelmann geht davon aus, dass die gut Ausgebildeten weiterhin problemlos unterkommen: "Die Unternehmen brauchen diese digitale Intuition, die die jungen Leute mitbringen." Zur Not würden sie lieber einige Ältere in Frührente schicken, als darauf zu verzichten. Die großen Verlierer seien diejenigen, die schon heute nur schwierig eine Ausbildung fänden. Sie würden nun völlig untergehen.

Marvin Klein ist längst klar geworden, dass ihn die Krise noch über Monate begleiten wird – und seinen großen Traum von einem Job in der Autoindustrie in weite Ferne rückt. Vor Kurzem hat er als Lagermitarbeiter beim Onlinehändler Amazon angeheuert. Ein Übergangsjob, um schnell Geld zu verdienen. Derweil sucht er weiter, auch in anderen Branchen. Für einen guten Job wäre Klein durchaus bereit, etwas weiter zu pendeln. Beim Gehalt würde er ebenfalls Abstriche machen. VWL-Student Rohleder würde zwar am liebsten in Nordrhein-Westfalen bleiben, sucht aber auch anderswo: "Der Job ist wichtiger als der Ort."

Eine typische Eigenschaft könnte seiner Generation dabei zugutekommen: ihr ausgeprägter Pragmatismus. Auf den persönlichen Komfort zu verzichten, so Hurrelmanns Beobachtung, habe diese Generation dank Fridays for Future zum Lebensprinzip erhoben. Wer nicht mehr fliege und kein Fleisch mehr esse, um das Klima zu retten, der passe auch seine Ansprüche bei der Berufswahl leichter an. "Das eigene Leben dem Job unterzuordnen, kommt für sie allerdings nicht infrage", sagt Hurrelmann.

Statt in finnischen Nationalparks unberührte Natur zu bewundern und in Südkorea in eine fremde Kultur einzutauchen, wie er es geplant hatte, sitzt Rohleder nun also zwischen Gästebett, fremdem Schreibtisch, Zimmerpflanze und Esstisch. Draußen bimmelt alle zehn Minuten eine Straßenbahn vorbei. Rohleder durchforstet abwechselnd die Literatur für seine Masterarbeit und die Stellenportale im Netz. Und stellt sich darauf ein, dass der erste Job nicht alle Hoffnungen erfüllen wird. "Wenn ich in den ersten zwei Jahren keine so gute Work-Life-Balance habe, wäre das okay."

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