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Eine richtige Büroschönheit

Sexy, Karussell, Frau, Kleid [Quelle: unsplash.com, Autor: Garbiel Matula]

Quelle: unsplash.com, Gabriel Matula

Bitte nicht zu aufregend anziehen: Wer das von seinen Kolleginnen am Arbeitsplatz verlangt, hat das Leben nicht verstanden.

An meinem ersten Arbeitstag bei meiner ersten Zeitung trug ich Slim Jeans in schwarzem Samt und dazu Cowboy-Stiefelettchen. Unter dem Jackett eine hochgeschlossene Bluse mit süßen Rüschen und dazu sehr viel Lippenstift. Meine kleine Verbeugung vor Mick Jagger mit seinen Bagel Lips. Meinem Idol!

An diesem meinem ersten Arbeitstag wurde ich zum Chef gerufen. Als ich ins Zimmer trat, saß auf dem Sofa eine Frau in meinem jungen Alter, sie trug einen Minirock, der bis knapp unter die Schambehaarung reichte. Ich trat gerade rechtzeitig ein, um zu sehen, wie sie die Arme ausbreitete und rechts und links auf die Lehne platzierte, sodass sich ihr Jackett öffnete und den Blick freigab auf ihre Bluse aus grober Spitze in Nude, unter der sie offensichtlich ebenfalls nude war, nackt.

Wir beide wurden irgendwann belästigt, wenn auch nicht vom Chef. Man hörte, sie habe sich einmal in ihrem Zimmer verschanzen müssen, worauf ein rolliger Kollege versucht haben soll, die Tür aufzubrechen. Ich hörte einmal von einem Senior-Journalisten, er rate mir für die Jobgespräche der Zukunft, die Bluse ein paar Knöpfe weiter aufzuknöpfen. Sonst werde das nix. Stimmte aber nicht: Wir beiden jungen Frauen machten, trotz Bluse mit Rüschen bzw. mit Hautschattierung, so etwas wie eine kleine Karriere. Lag es am Outfit? Oder gerade nicht? Who knows.

Was also trägt die Frau am Arbeitsplatz? Oder der Mann? Leider zu oft dasselbe fade Einerlei.

Man kann es auf vielen Teamfotos sehen: Frauen, anschmeichelnd, wie sie so gerne sind, tarnen sich gern als Männer. Kleine dunkle Anzüge. Dezentes Make-up. Eine Angst-Camouflage. Damit sie im Wald der Männer nicht als Blümchen rüberkommen, damit keiner merkt, dass sie eigentlich eine Frau unter Männern sind. Damit niemand auf böse Gedanken kommt. Ihnen etwas tut. Man weiß ja, wie das ausgeht, seit Jahrhunderten dasselbe. "Röslein wehrte sich und stach, half ihm doch kein Weh und Ach, musst' es eben leiden."

Solchen vorsichtigen Wesen möchte man einen meiner Lieblingskollegen vorstellen. Er trägt schwarz-roten Nagellack, dessen dunkle Glut so gut zum Undercut passt. Ein Blick auf den Ökonomie-Experten in seinem hautengen Dolce-&-Gabbana-Anzug zeigt: Nicht nur Frauen präsentieren gern ihre süßen Körper. Zwei meiner Kollegen hatten mal ein Date mit einem indischen Herrenschneider, im Büro. An seinem Turban blitzte ein großer Diamant, vermutlich fake, und er gab sich alle Mühe, ihnen viele kleine Sakkos zu verpassen, die leider viele kleine Falten warfen, an den falschen Stellen. Man war enttäuscht. Zu Recht. Aber die Richtung stimmte!

Längst hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass nicht die Frau abrüsten sollte, sondern dass der Mann in Stylingfragen noch ein wenig zulegen kann. Zu lange haben sich viele Männer auf die Attraktivität von Geld, Macht und Alter verlassen oder einen Mangel an stilistischer Finesse als Ausweis von Intellektualität betrachtet. Ein Habitus, den die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken schon vor Jahren als ein bedauerliches Resultat der Französischen Revolution beschrieben hat, in welcher der König und seine in Samt und Brokat herausgeputzten Vasallen einen Kopf kürzer gemacht wurden und die Siegerhorde sich aufmachte in die Moderne – im Einheitsanzug der corporate identity, darunter leider meist, man kann es nicht oft genug betonen, ungewaschen.

Der unangenehme Sound der fünfziger Jahre

Der männliche Bürolook ist historisch betrachtet eine Art Schuluniform des neuen kapitalistischen Zeitalters. In Deutschland, wo man bekanntlich die Dinge oft zu ernst nimmt, wurde daraus eine Pflichtübung; in Frankreich oder Italien, in Rom oder Manhattan hat der Mann längst abgerüstet und vergnügt sich im Styling. Schon mal einen Blick auf thesartorialist auf Instagram geworfen? Erhellt jeden grauen Morgen!

Natürlich gibt es Rückschläge, Schlappen, Enttäuschungen. Die eng taillierten Flower-Power-Hemden der sechziger Jahre gerieten leider wieder außer Mode. Auch so die hohen Absätze an den Stiefeletten für die Boys. Aber wie nett doch heute die jungen Männer im ICE auf dem Weg zum Meeting ihre Prada-Taschen für das iPad nebeneinanderhalten. Oder über die handgerollte Krawatte aus durchscheinendem dünnen Seidengewebe mit Silberstreifen plaudern! Wie adrett sie aussehen in einem Westchen im Schottenmuster! Statt zu müffeln wie früher die Heinze und Alberts, verströmt der moderne Mann Geraniumduft von Aesop. Der Hipster wird Rollenmodell, thank god! Und jetzt, ausgerechnet jetzt, sollen Frauen sich den Gestus der Schönheit versagen?

Einige der Diskussionen von heute haben wieder den unangenehmen Sound der fünfziger Jahre. Da ist dieselbe Moralisierung, die Strenge, das Besserwissen, die Tendenz zum Totalitären. All das weckt unheilvolle Erinnerungen: "Eine deutsche Frau schminkt sich nicht" etc. Auf Netflix kann man sich Alias Grace anschauen und studieren, wie das freudlose Outfit als Herrschaftsinstrument des Totalitären eingesetzt wird. Das Verbot der Schönheit ist ein Gestus der Dominanz. Schon sind wir bei der Burka. Ja ja, auch die muslimische Frau kann unangenehmen Kleiderregeln unterworfen sein. Aber von einer Freundin, die Ärztin ist, höre ich, dass es unter der Burka gelegentlich sehr aufreizend zugeht. Und warum auch nicht? Es ist ja nicht die Enthüllung, die Verlangen auslöst. Gerade die Verhüllung trägt dazu bei.

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