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"Unsere Vorstellung von Aufmerksamkeit ist eine große Illusion"

Unistart, Auge, Zeitung, Rolle [Quelle: freeimages.com, Autor: emsago]

Quelle: freeimages.com, emsago

Sie glauben, Sie schauen konzentriert auf Ihren Bildschirm? Tun Sie nicht: Ihr Gehirn schweift dauernd ab. Neurowissenschaftlerin Sabine Kastner erklärt das Phänomen.

Während Sie diesen Text lesen, liebe Leserin, lieber Leser, glauben Sie mutmaßlich, dass Sie das hochkonzentriert tun. Tatsächlich wechselt Ihr Gehirn mehrmals pro Sekunde den Fokus – ohne dass Sie es merken. Alle 125 bis 250 Millisekunden schwankt unsere Aufmerksamkeit von hochfokussiert zu unfokussiert und wieder zurück. Das haben nun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Princeton University herausgefunden (Neuron: Fieberkorn et. al., 2018; Neuron: Helfrich et. al., 2018). Zu den Autorinnen der Studie zählt auch Sabine Kastner, Professorin für Neurowissenschaften und Psychologie am Neuroscience-Institut in Princeton. ZEIT ONLINE hat mit ihr über den Sinn dieses Fokuswechsels gesprochen.

Frau Kastner, Sie haben gemeinsam mit Ihren Kolleginnen und Kollegen herausgefunden, dass unsere Aufmerksamkeit deutlich unbeständiger ist, als wir denken. Was haben Sie genau erforscht?

Sabine Kastner: Wir wollten wissen, was im Gehirn passiert, wenn wir einem äußeren Reiz Aufmerksamkeit zuwenden und das Gehirn diesen Reiz verarbeitet. In unserem Experiment haben wir die Aufmerksamkeit unserer Versuchspersonen an einem bestimmten Ort auf einem Computerbildschirm gebunden, und dort haben sie nach unbestimmter Zeit einen schwachen Lichtreiz entdecken müssen.

Was haben Sie herausgefunden dabei?

Dass wir Menschen alle paar Hundert Millisekunden unseren Fokus wechseln. Nach etwa 500 Millisekunden sind wir auf einem Aufmerksamkeitshöhepunkt, können uns sehr gut auf den äußeren Reiz fokussieren. In unserem Experiment haben die Versuchspersonen den schwachen Lichtreiz in diesem Zeitraum gut entdecken können. Und schon 130 Millisekunden später sank die Aufmerksamkeit bei ihnen um zehn Prozent, sie konnten den Lichtreiz nicht mehr so einfach finden. Das war völlig überraschend.

Warum?

Wir Menschen glauben ja, dass wir unsere Aufmerksamkeit bewusst auf einen Punkt richten, dass das sozusagen ein Willensakt ist. Wenn ich im Büro sitze, dann kann ich entscheiden, ob ich auf den Computerbildschirm vor mir oder auf mein Smartphone gucke. Was wir in dieser Studie aber sehen, ist das genaue Gegenteil: Unserer Aufmerksamkeit liegen automatische Prozesse zugrunde. Natürlich richten wir erst einmal die Aufmerksamkeit irgendwohin. Doch was dann abläuft, liegt jenseits unserer Wahrnehmung. Es passiert unbewusst.

Aus subjektiver Sicht erscheint es unvorstellbar, dass sich unsere Aufmerksamkeit so schnell ändert – wir merken davon im Alltag ja nichts.  

Das macht die Entdeckung auch so unerwartet. Schon Hermann von Helmholtz hat die Frage aufgeworfen, ob unsere Wahrnehmung kontinuierlich oder diskontinuierlich ist. Bisher sind wir immer davon ausgegangen, dass sich Aufmerksamkeit über die Zeit statisch verhält, dass sie also über einen längeren Zeitraum ähnlich bleibt. Lesen Sie ein spannendes Buch, so konzentrieren Sie sich manchmal über Stunden hinweg. Sie schweifen dann sicherlich auch mal ab, aber trotzdem haben Sie den Eindruck, dass Sie sich lange fokussieren. Unser Team hat erstmals belegen können, dass diese subjektive Vorstellung davon, wie wir Aufmerksamkeit wahrnehmen, eine große Illusion ist.

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