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Liebe Bahn, gern optimiere ich Ihnen nebenbei Ihr Zeitmanagement

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Quelle: unsplash.com, Abbie Bernet

Azubis, die sich bei der Bahn bewerben, müssen keine Anschreiben mehr verfassen. Endlich, findet unsere Autorin. Ein Brief – mit freundlichen Verbesserungsvorschlägen.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Bahn,

mit außerordentlichem Interesse habe ich verfolgt, dass die Deutsche Bahn bei angehenden Azubis künftig auf das Bewerbungsschreiben verzichten will. Denn für Schüler sei "so ein Motivationsschreiben schon schwierig", sagte eine Ihrer Personalerinnen. Nicht nur für Schüler – auch ich, immerhin Abiturjahrgang 2005, kann mich noch heute voll und ganz mit dieser Aussage identifizieren. Daher möchte ich Ihnen zu dieser Entscheidung gratulieren und folgenden Vorschlag unterbreiten: Verzichten Sie ab sofort bei allen Bewerberinnen und Bewerbern, egal welchen Alters und unabhängig von der zu besetzenden Position, auf ein Anschreiben.

Gerne erläutere ich Ihnen, warum das sowohl für Sie als auch für die Kandidaten einen Gewinn darstellen dürfte. Das aktuelle Prozedere ist eine Qual. In einer Studie mit mehr als 1.000 Jobsuchenden stufte die Hälfte der Befragten die Formulierung des Anschreibens als den nervenraubendsten Teil einer Bewerbung ein.

Klar: Der Bewerberin graust es davor, sich selbst in gestelztem Deutsch anzupreisen, als würde ihr Leben von der Stelle abhängen. Gut, das tut es in gewisser Weise auch – Miete, Bafög-Schulden, die Mediamarkt-Ratenfinanzierung, Sie wissen schon. Aber dass sie es überaus reizvoll findet, in der aufstrebenden Region Ostwestfalen-Lippe diese außergewöhnliche Karrierechance als Facility-Managerin zu ergreifen, das können Sie als Personaler doch nicht ernsthaft glauben.

"Nicht einmal die engsten Freunde dürfen das Motivationsschreiben gegenlesen."

Die Lobhudelei auf die eigene Person ist bisweilen so peinlich, dass nicht einmal die engsten Freunde das Motivationsschreiben gegenlesen dürfen. Stundenlang grübelt der Bewerber, wie er Ihnen am überzeugendsten demonstrieren kann, dass genau er dieser agile Teamplayer ist, den Sie sich in Ihrer Stellenausschreibung gewünscht haben: innovativ, flexibel, verantwortungsbewusst. Schon in der Jugend konnte er als Kapitän im Basketballteam der Gesamtschule Gievenbeck seine Führungsqualitäten unter Beweis stellen.

Mit Verlaub: Sie sind selbst schuld, dass Ihnen die Lektüre dieser Anschreiben keine Freude bereitet. Wenn Sie so austauschbare Stellenausschreibungen daherfloskeln, bleibt den Jobanwärtern gar nichts anderes übrig, als zurückzufloskeln. Zum Glück machen einige von Ihnen schon das einzig Richtige: Sie tun sich das nicht an und skippen das Anschreiben im PDF. In einer Studie der Jobwebsite ReCareered mit 2.000 Personalverantwortlichen und Recruitern gaben 90 Prozent an, das Bewerbungsschreiben nicht zu lesen. Ob ein Kandidat oder eine Kandidatin zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, entschieden 97 Prozent der Befragten allein auf Grundlage des Lebenslaufs. Die anderen drei Prozent hatten wahrscheinlich einen Rechtschreibfehler im Anschreiben entdeckt.

"Ich freue mich auf ein Gespräch, in dem ich Sie gerne persönlich davon überzeuge – und optimiere mit Ihnen so ganz nebenbei Ihr Zeitmanagement."

Wenn Phrasendrescherei und der Bewerbungsjargon also nicht ausgerechnet zum Anforderungsprofil eines Jobs gehören, ist niemandem mit dem klassischen Anschreiben geholfen. Einzige Ausnahme: Sie wollen mit dem Anschreiben die Leidensfähigkeit Ihrer Bewerber testen – clever! Immerhin 45 Prozent der Personalverantwortlichen halten das Anschreiben "für eine notwendige Fleißaufgabe". Von Masochismus stand zwar nichts in der Annonce, aber den visionären Querdenker (m/w) suchen Sie wohl auch nicht, oder? 

Habe ich Ihr Interesse geweckt, in Zukunft voll und ganz aufs Bewerbungsschreiben zu verzichten? Ich freue mich auf ein Gespräch, in dem ich Sie gerne persönlich davon überzeuge – und optimiere mit Ihnen so ganz nebenbei Ihr Zeitmanagement: Sie wollen in diesem Jahr insgesamt 19.000 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen? Ein Klacks, wenn Sie sich fortan nicht mehr durch nichtssagende Papierberge arbeiten müssen!

Mit freundlichen Grüßen, Ihr dynamisches Talent

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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