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Das denken e-fellows über die Zukunft der Arbeit

Roboter, Digitalisierung, Arbeit [Quelle: pexels.com]

Quelle: pexels.com

Was fällt euch zum Thema "Zukunft der Arbeit" ein? Das haben wir euch Anfang Mai in der Community gefragt – und euch aufgefordert, uns eure Gedanken in einem Kurzessay mitzuteilen. 27 Einsendungen haben uns erreicht und wurden anschließend von einer Jury unserer Partnerunternehmen Accenture und McKinsey bewertet. Zehn Einsendungen, die der Jury besonders gut gefallen haben, gibt es hier zum Nachlesen.*

Wie wollen wir zukünftig arbeiten? Muss Arbeit heute anders gedacht werden als noch vor 30 Jahren? Wollen wir noch in ein Büro gehen müssen oder uns nach festen Arbeitszeiten richten? Heißt "Karriere machen" heutzutage nicht viel mehr, dass uns der Arbeitgeber flexibles Arbeiten in entspannter Umgebung ermöglichen muss? Ist es nicht schon fast eine Grundrechtverletzung, wenn ein Unternehmen keinen Kicker und den prall gefüllten Matekühlschrank bereitstellt? Oder geht es vielleicht doch um etwas ganz anderes?

Mein Vater, Jahrgang 1939, begann seine "Karriere" mit 14 als Maschinenbaulehrling. Später holte er sein Abitur auf der Abendschule nach und studierte Maschinenbau. Er arbeitete anschließend für einige Industrieunternehmen, dann für das Umweltbundesamt, anschließend als Dozent für die Technische Fachhochschule in Berlin. Er nannte das allerdings nie "Karriere". Er nannte das "Arbeit". Wenn er mir Geschichten "von früher" erzählte, hatten sie eigentlich immer mit seinem Beruf zu tun und das, was er in seinem Beruf so getan hatte, nannte er "Arbeit". Ich habe meinen Vater in seinen 77 Jahren nie das Wort "Karriere" verwenden hören. Mein Vater definierte sich über seine Arbeit. Er wollte nützlich sein und die Welt verbessern. Sein Beitrag zu einer besseren Welt war die Entwicklung von effektiveren Methoden der Luftreinhaltung. Ihm war bewusst, dass er Glück "im Beruf" gehabt hatte. Er hatte nicht nur das Glück als Mann in Deutschland den Arbeitsmarkt betreten zu haben. Darüber hinaus tat er das zu einer Zeit in der es genügend Arbeit gab. Vor allem aber hatte er Glück, weil er etwas gefunden hatte, dass Bedeutung für ihn hatte. Er fand seine Arbeit sinnvoll. Ihm war wichtig, was er arbeitete und er hatte das Gefühl, die Welt Luftfilter um Luftfilter zu verbessern und das ist das eigentliche "Glück".

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Arbeit grundsätzlich neu gedacht werden kann oder muss. "Karriere" oder "Arbeit" – das macht im Leben des Einzelnen keinen Unterschied. Das ist nur Semantik. Ein Kicker oder die leckere Mate sind sicher nett, können aber nicht auf Dauer über das Gefühl hinwegtäuschen, dass das was man hier tut, belanglos ist.

Was es also braucht, ist Sinn. Wenn wir arbeiten, um etwas zu bewegen und zu verändern, dann fühlen wir, dass wir existieren. Dieses Gefühl füllt uns aus und macht uns zufrieden. Zufriedenheit wiederum ist das, wonach wir alle streben. Ich glaube daher nicht, dass wir Kicker oder Mate im Büro brauchen. Selbstverständlich ist es hilfreich in einem angenehmen Umfeld zu arbeiten. Über das Ausführen einer sinnentleerten Tätigkeit täuscht es jedoch auf Dauer nicht weg. In einer Welt, in der Arbeit angenehm gestaltet werden kann, haben wir endlich die Freiheit uns auf den Sinn unserer Tätigkeit zu konzentrieren. Wir alle haben die Möglichkeit, uns einen Bereich zu suchen, in dem wir mit unserem Talent die Welt verbessern können. Diese Chance sollten wir nutzen denn "Arbeit der Zukunft" kann und sollte "sinnvolle" Arbeit sein. Diese Werteänderung von Karriere zu jedem Preis zu "wertvoller" Arbeit ist längst überfällig. Ich hoffe, dass in 30 Jahren, wenn der nächste Vater seiner Tochter von seinem Arbeitsleben erzählt, er weder von Arbeit noch Karriere spricht, sondern erzählt, was sein Beitrag zu einer besseren Welt gewesen ist.

Esther Birlin-Spake

Vom Akzeptieren, Finden und Lernen

"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung", "Was machen wir morgen?", "Die Maschinen kommen!" – so beginnen Artikel zum Thema Zukunft der Arbeit. Globalisierung, Digitalisierung, Technologisierung – sie verändern unsere Arbeitswelt stark. Was bedeutet das für mich als Arbeitnehmer, und wie kann ich mich schon heute darauf einstellen?

1. Akzeptiere: Die feste Anstellung verschwindet

Trotz Automatisierung wird es auch in Zukunft genügend Tätigkeiten geben – gerade in den Bereichen zwischenmenschliche Interaktion, Kreativität und Denkarbeit. Diese Tätigkeiten sind aber nicht zwingend im traditionellen Arbeitgeber/Arbeitnehmer-Verhältnis angelegt oder in einem Job vereint. Vielmehr wird sich das Arbeitsleben in Zukunft flexibler gestalten, als Kombination verschiedener "Projekte", die man sich selbst zusammenstellt.

Dies birgt viele Vorteile: Wir werden (teilweise gezwungenermaßen) unser Leben viel aktiver gestalten, statt in einem starren Angestelltenverhältnis festzusitzen. Arbeit wird sich aus vielen Facetten zusammensetzen und ein integrierter Teil des Lebens sein.

Natürlich birgt dieser Wandel auch Herausforderungen: weniger Sicherheit. Mehr Risiko. Weniger Planbarkeit. Das traditionelle System Ausbildung – Arbeit – Rente wird nicht mehr aufrecht zu erhalten sein. Und die Umsetzung, gerade in Deutschland, wird schwierig: Bei starren Strukturen wie Bildungssystem, Rentensystem, oder auch Arbeitsrecht ist ein grundsätzliches Umdenken notwendig. Ideen wie das Bedingungslose Grundeinkommen sind ein möglicher erster Schritt in die richtige Richtung.

2. Finde: Kenne deine Leidenschaft und dein Ziel

Umso wichtiger wird es für jeden von uns, seine persönlichen Ziele zu definieren. Ohne zu philosophisch klingen zu wollen: "Welchen Sinn möchte ich meinem Leben geben?" wird demnächst die zentrale Frage sein. Selbstverwirklichung kann für jeden in greifbare Nähe rücken. Mit der Freiheit, unser Leben aktiv gestalten zu können, können wir unsere Hobbys in Arbeitsprojekte umwandeln.

Natürlich wird diese Veränderung einschneidend und teilweise schmerzhaft. Jedoch zeigen verschiedene Studien, dass sich aktive Lebensplanung, eigene Gestaltungsmöglichkeiten und "Purpose in Life" positiv auf Gesundheit und Lebensqualität auswirken können. Das wird langfristig die positiven Aspekte der Zukunft der Arbeit in den Vordergrund stellen.

3. Lerne: Sei offen und entwickle dich kontinuierlich weiter

Was kann ich also schon heute tun, um mich auf die Zukunft der Arbeit vorzubereiten? Vorwiegend ist es eine Sache der Einstellung: Sei offen! Statt in Schreckstarre zu verharren, sollten wir uns auf die vielen Möglichkeiten einlassen und aktiv die neue Welt verstehen lernen. Flexibilität wird nötig sein, genauso wie die Fähigkeit, uns immer wieder neu zu erfinden. Wir definieren uns nicht mehr über den Status unserer jetzigen Position, sondern über unser Ziel im Leben.

Sozialkompetenzen werden zunehmend an Gewicht gewinnen. Sie sind nicht jobbezogen, sondern allgemein anwendbar, und können auch nur schwer automatisiert oder standardisiert werden. Kommunikation, emotionale Intelligenz, Teamwork – diese Fähigkeiten werden in Zukunft den Unterschied machen und sollten daher für jeden im Fokus stehen.

Zusammenfassend sollten wir die Zukunft der Arbeit aktiv und positiv mitgestalten, unsere persönlichen Ziele definieren und unser Leben nach ihnen ausrichten, und offen dafür sein, uns kontinuierlich weiter zu entwickeln.

Katharina Holch

Wenn Zukunftsmusik Realität wird

Die Zukunft ist jetzt. Immer wieder höre ich diesen Spruch: in der Autowerbung, in der Uni und in Film und Fernsehen. Zukunft ist ein nur sehr schwer fassbarer Begriff. Jede Sekunde unserer Existenz ist Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart zugleich. Der Zahnarzttermin, den ich morgen habe, liegt genauso in der Zukunft wie die Flugtaxen, die mich in 20 Jahren zur Arbeit fahren werden. Arbeit wird sich verändern. Berufe werden wegfallen, neue Berufe werden entstehen. Auch diese Phrase gehört mittlerweile zum täglichen Repertoire unseres Alltags, sei es im Feuilleton oder im Wartesaal des Arbeitsamts.

Wie werden wir diese Probleme lösen? Was wird der Taxifahrer machen, wenn automatisch gesteuerte Flugtaxen seine Arbeit machen? Hinzu kommen die klassischen Beispiele im Niedriglohnsektor – ich denke hierbei an KassiererInnen, die in manchen Geschäften heute schon von Maschinen abgelöst werden. Ich denke außerdem an BuchverkäuferInnen, die von Amazon verdrängt werden.

Doch bei dieser Frage müssen wir alle tief in uns gehen. Was bevorzugen wir? Eine Amazon-Drohne, die uns das gewünschte Buch nach zwei Stunden in den Innenhof fliegt? Oder der lange Weg zum Buchladen, der um 18:30 Uhr schließt? Stellen wir uns im Supermarkt lieber an oder setzen wir auf innovative Systeme, die unseren Einkauf beim Verlassen des Geschäfts automatisch abrechnen?

Die Frage nach der Arbeit der Zukunft ist stets eine Frage nach uns selbst und nach unserem Konsumverhalten. Immer schneller, immer weiter. Das gilt nicht nur für die bereits erwähnte Autowerbung, sondern auch für den "First-World"-Alltag. Zeit wird die neue Ressource. Besonders in der Stadt werden optimal getaktete Busse und intelligentes Carsharing den täglichen Stau-Guerilla ersetzen.

Flugtaxen, Carsharing, Drohnen. Was sich nach Automatisierung anhört, lässt eine zentrale Frage in den Vordergrund rücken: Was passiert mit den Arbeitsplätzen, die wegfallen werden?

Klar ist: Arbeitsplätze werden wegfallen, insbesondere im Niedriglohnsektor. Doch standen wir nicht schon vor 200 Jahren am gleichen Punkt? Was haben sich wohl die Bauernfamilien gedacht, als die Industrialisierung einsetzte? Die menschliche Gesellschaft erreichte eine neue Entwicklungsstufe: Sie wurde mit zahlreichen Problemen konfrontiert und entwickelte Lösungsansätze. Heute haben wir ein funktionierendes Sozialsystem und einen Arbeitsplatzüberschuss – vor 250 Jahren undenkbar.

Heute spüren wir alle die Auswirkungen des technologischen Wandels. Vor zehn Jahren wurde das erste iPhone vorgestellt und heute ist ein Leben ohne Smartphone unvorstellbar. Smart Home war vor fünf Jahren noch Zukunftsmusik, heute kann jeder seine Küchenlampe steuern, während er in der U-Bahn sitzt.

Was ich damit sagen will, ist folgendes: Die rapide Geschwindigkeit wird neue Möglichkeiten schaffen, neue Arbeitsplätze. Es werden Tätigkeiten entstehen, die wir heute noch nicht kennen. Geisteswissenschaftler werden gemeinsam mit Ingenieuren Roboter entwickeln, die täglich anfallenden Datenmengen werden von Fachkräften ausgewertet werden. Kurz gesagt: Ein Ruck wird durch unsere Gesellschaft gehen, wir werden eine neue Revolution erleben, die Digitale Revolution. Der Mensch wird in einer vollautomatisierten Welt vielleicht gar nicht mehr arbeiten müssen – kommen hier Konstrukte wie das bedingungslose Grundeinkommen ins Spiel? Am Ende des Tages werden sich unsere Fragen beantworten, denn: Die Zukunft ist jetzt. Und vor allem ist sie das, was wir aus ihr machen.

Gabriel Rinaldi

Eine neue Blaupause der Bildung

Technology inspires art, and art challenges the technology.

John Lasseter, Chief Creative bei Pixar

Folgt man den Gedanken von John Lasseter unter Bezugnahme auf Abraham Maslows humanistische Psychologie lässt sich annehmen, dass eine spezifische und auf Emergenz ausgerichtete Wechselwirkung zwischen technologischen Potentialen und dem kreativen Denk- und kritischen Entstehungsprozess von menschlich geschaffenem Wissen besteht. Mitunter wird sogar behauptet, das digitale Zeitalter um transformative Momente und Künstliche Intelligenz (KI) ermögliche dem Menschen erstmalig die universelle Realisierung eines humanistischen Bildungsideal. In diesem Kontext darf jedoch nicht nur die Art der Entstehung, sondern auch die Frage nach dem Umgang mit Wissen thematisiert werden. Kulturwissenschaftler sehen sie parabolisch als Grundvoraussetzung zu einer erfolgreichen Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels, ausgelöst durch die vierte industrielle Revolution.

Anders als sonst wurde diese 2016 vom Weltwirtschaftsforum ausgerufen, während man zugleich warnte, einer Robotisierung der Menschheit Herz und Seele stehlen zu lassen. Was nach Sci-Fi klingt, lässt sich belegen: Einer Studie von McKinsey zufolge ließe sich schon heute die Hälfte aller Arbeitsaktivitäten automatisieren. In Zukunft sollen 16 Billionen US-Dollar Löhne eingespart werden können, während die Einnahmen durch KI von derzeit 8 Milliarden auf mehr als 47 Milliarden US-Dollar bis 2020 aufwachsen. Eine 2013 veröffentlichte Studie aus Oxford kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Besonders risikobehaftet sind regelgebundene Aktivitäten.

Anzunehmen ist jedoch, dass durch die Entwicklung von KI, analog zu den 1980er Jahren, als der PC zum Allmendegut wurde und über 20 Millionen Software-Entwicklern die Profession prophezeite, auch eine Vielzahl an neuen Berufen entstehen wird.

Die neuen Errungenschaften der KI-Forschung, die in den vergangenen fünf Jahren mehr Fortschritte erzielte als in den 50 zuvor, werden jedoch nicht nur zu messbaren Strukturveränderungen des Arbeitsmarkts führen, etwa durch das von IBM angepriesene Augmented decision making, das schon heute dank Deep-Learning-Verfahren in der medizinischen Prognose und Diagnostik große Erfolge erzielt. Schon vor Jahren legte Googles selbstfahrendes Auto mehr als 320.000 Kilometer sicher zurück, was den 80er TV-Kult "KITT, I need you!" zunehmend in den Schatten rückt.

In der Systemtheorie hieß es, dass sich für die Gesellschaft durch die Zuse'sche Erfindung vieles ändern würde. Heute darf man die Entwicklung von Enterprise-Resource-Planning-Systemen beobachten, deren langfristig einziger Zweck es ist, die algorithmisierte Organisation ohne Organisation zu schaffen und manageriale X-Theorien alsbald durch dynaxische Agilitäten zu ersetzen. Manch einer weiß darin das Ende der US-amerikanischen Corporation als Leitbild organisationaler Konstitution zu erkennen. Organisationsforscher wie Stephan Jansen widersprechen. Ihnen nach skizziert die Entwicklung um KI den Übergang zu einer organisationalen Ambidextrie, in der die Faktoren einer zuverlässigen Bürokratie mit denen eines zuverlässigen Überraschungsmoment gleichzeitig Wirkung entfalten.

Die Ausdehnung dieses Spannungsverhältnisses käme dann der Wiederentdeckung jener Blaupause gleich, die Gesellschaft in der Vergangenheit stets dazu ermutigte, sich immer neu zu erfinden, um über den disziplinierten Horizont des Monokausalen hinauszudenken.

Summa summarum: Es wäre eine neue Blaupause der Bildung.

Said-Djamil Werner

Mose, Marx & Maschinen

"Heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden"

Ist dies das Manifest der Generation Y? Jener Arbeitsscheuen, die sich der biblischen Prophezeiung ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts zu essen (Mose 3:19) nicht mehr stellen wollen? Die Teilzeit statt Vollzeit, Sinn statt Sinnlosigkeit und Selbstverwirklichung statt Karriere fordern.

Oder aber ist dies die Proklamation des bedingungslosen Grundeinkommens? Das Ergebnis der Maschinen-Dividende? Die Abschaffung der Arbeit durch die künstliche Intelligenz? Die Vision einer Zukunft, in der eine Stunde Erwerbsarbeit ausreicht?

Weit gefehlt. Oder aber genau ins Schwarze getroffen.

Es ist Karl Marx, der mit diesen Worten die Zukunft der Arbeit beschreibt. Doch sind damit die gegenwärtigen Visionen zur Zukunft der Arbeit nur verkappter Sozialismus? Kommt der Kommunismus durch die Hintertür der Digitalisierung zurück auf die Bühne der Geschichte?

Eine Frage der Perspektive.

Wenn die Gewerkschaften die 28 Stunden Woche fordern, so nähern sie sich dem selben Ziel wie die FDP, wenn sie die weitere Flexibilisierung der Arbeitswelt vorantreiben will. Beiden geht es um die Freiheit.

Den Gewerkschaften im Korsett der auf ein Minimum reduzierten Lohnarbeit bei gleichzeitig größtmöglicher Ausweitung der Freizeit. Den Wirtschaftsliberalen bei größtmöglicher Unabhängigkeit von staatlichen Regularien, der stundenweisen Verdingung als digitaler Nomade, der größtmöglichen finanziellen und persönlichen Selbstständigkeit.

Doch im Zentrum steht bei Beiden eigentlich die conditio humana, das Hineingeworfensein des Menschen in die Welt, seine tägliche Konfrontation mit dem Spagat zwischen Sinnsuche und Erwerbsarbeit.

Dem Neoliberalen wie dem Sozialisten schwebt eine Vision der Freiheit und Selbstverwirklichung vor, die in Zeiten von Digitalisierung, Robotisierung und Automatisierung greifbar nahe scheint.

Ist nun die Zukunft der Arbeit Fukuyamas Ende der Geschichte? Ist die Digitalisierung die Kraft, der das gelingt, woran der Systemkonflikt von Ost und West scheiterte, der Schaffung einer lebenswerten Umwelt, der vita activa im Sinne Hannah Arendts, der besten aller Welten, kurz des Paradieses auf Erden?

Aber Halt. Da war doch noch etwas. Stimmt. Der alte Feind. Das Kapital.

Ob Instrument der Ausbeutung des Marxismus oder unabdingbares Investitionskapital der neoklassischen Wachstumsökonomie, ohne Kapital keine Arbeit. Und ohne Kapital auch keine Zukunft der Arbeit.

Denn am Kapital entscheidet sich die Zukunft der Arbeit.

Was passiert, wenn nur noch das Kapital arbeitet? Breitet sich flächendeckende Armut aus, oder feiern wir den Wiederbeginn von Ovids aurea aetas, des goldenen Zeitalters? Hartz IV für hoi polloi und Couponschneiden für die Besserverdienenden? Oder aber eine Maschinendividende für alle, die Freiheit ungekannten Ausmaßes ermöglicht?

Es stellt sich die alte Frage nach dem Eigentum. Denn wenn die Arbeit verschwindet, bleibt das Kapital. Antworten gibt es viele, gerechte wie ungerechte. Ein weites Spektrum von einem "Alles bleibt, wie es ist" über eine Maschinendividende bis hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Eine Vielfalt ungekannter Möglichkeit kommt auf uns zu. Es liegt an uns, die Zukunft der Arbeit zu gestalten.

Nur eines dürfen wir nicht tun: untätig sein. Packen wir's an!

Maximilian Konrad

Der individualisierte Mensch im Kampf mit sich selbst

Auf die Globalisierung hat sich der Staub gelegt. Digitalisierung, Selbstoptimierung, Transhumanismus, das ist der neuste Shit. Von harter körperlicher Arbeit befreit, tobt sich der privilegierte Homo Sapiens nun auf seiner virtuellen Spielwiese aus. Arbeit und Spiel scheint im Internet der Dinge miteinander zu verschmelzen. Das stete Ziel vor Augen: perfektionierter Individualismus, eine Arbeit, die einen erfüllt. À la "Don’t dream your life, live your dream". 

Eine Netzdebatte über die Pros und Cons einer Robotersteuer? WTF?!

Willkommen. Das ist die Zukunft der Arbeit.

Nicht nur aufgrund des demografischen Wandels ergänzen Maschinen den menschlichen Arbeiter. Mit der Erfindung des Internets, zunächst APARNET genannt, 1969, bricht ein neues Zeitalter an. Die Welt vernetzt sich. Unternehmen haben nicht nur die Möglichkeit, ihr Angebot auf einer Homepage darzubieten, nein, manche Unternehmen agieren nur im Internet, bieten dort ihre Dienste an. Die Arbeitswelt verändert sich. Informationen als Ware. Im Endeffekt alles nur Einser und Nullen und doch Triebkraft der Wirtschaft.

Mit zunehmendem Wohlstand der Gesellschaft wächst eine Generation heran, der scheinbar alle Möglichkeiten offen stehen. Man übernimmt nicht mehr einfach den Beruf seiner Eltern! Nein, was möchte man WIRKLICH arbeiten? Die ideale Arbeit darf sich nicht mehr nach "Arbeit" anfühlen. Im Grunde sprechen wir hier von einer Abschaffung des Begriffs Arbeit. Eine Flut von Informationen, scheinbar kostenlos im Internet verfügbar, verweist auf alle Möglichkeiten, was man erlernen und schließlich arbeiten kann. Dass der "Traum" wahr werden kann, sieht man in den sozialen Medien. Die sogenannten "Influencer" zeigen, wie man mit seiner Personality Geld verdienen kann. Arbeiten ist passé. Heutzutage reist man, isst in fancy Restaurants oder trainiert im knappen Höschen und verdient dabei Geld. Zumindest manche. Aber hört: "Das kann wirklich jeder erreichen, wenn man nur an sich glaubt." Pic or it didn’t happen. Doch der Großteil scheint den "erfolgreichen Arbeitern der Zukunft" nur im Internet zu folgen. Wird dabei zum passiven Zuschauer und vergisst dabei ganz, sich selbst zu verwirklichen. Auch der Trend, ein eigenes Start-Up zu gründen, am besten selbstgebrautes, ökologisch-regionales Bier im Food-Truck anzubieten, fußt auf der Vorstellung, seine eigene Idee "einfach" umzusetzen. Gibt es keine Firma, die deinen Ansprüchen entspricht, gründest du einfach selbst eine.

Absurderweise und doch ganz und gar verständlich erscheint der mit diesem Phänomen verbundene Wunsch nach Vereinfachung. Während der Hurrikan mit endloser Kraft Home Office, Mutual Authentification, Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und noch mehr Informationen um einen herumwirbelt, möchte man seinen Platz im Auge des Sturms finden. Leben ohne Geld, alte Handwerke, Minimalismus. Vielleicht doch nicht so viel verdienen, vielleicht doch nicht den perfekten Beruf finden. Die technologisierte Arbeitswelt ruft eine Gegenbewegung hervor. Der Bauernmarkt gilt als Idyll. Auch Kommunen, die sich eigenständig organisieren wollen und eigene Berufe schaffen, erhalten Zuwachs. Doch dieser Wunsch nach Klarheit, nach Minimalismus scheint schwer umsetzbar. Kaum einer arbeitet wirklich im Auge des Sturms.

Die Frage nach der Zukunft der Arbeit, oder besser Arbeit der Zukunft, bleibt offen. Der Kampf Mensch gegen Maschine ist längst ausgekämpft. Nun kämpft der individualistische Mensch mit sich selbst.

Sarah Ziegler

Deutschland im Jahr 2050

"Könnte ein Roboter meinen Job erledigen?", fragt mich der Job Futuromat der IAB. Ich tippe meine zukünftige Profession ein. "67 Prozent dieses Tätigkeitsfeldes können bereits durch Roboter erledigt werden", ist die erschreckende Antwort. Ist es an der Zeit, sich Sorgen zu machen?

Deutschland im Jahr 2050. Tausende Menschen stürmen durch die Innenstadt. Ein Bäcker, zwei Verkäuferinnen, ein junger Rechtsanwalt im Anzug und mit ihnen viele Zugehörige anderer Berufsgruppen, die durch die Digitalisierung ihre Arbeitsplätze verloren haben. Sie treten Schaufenster ein, lassen Bankautomaten explodieren, verbrennen Computer auf offener Straße. Enttäuschung und Wut zeichnet die Gesichter. "Es gibt kaum noch Arbeit, was soll aus uns werden?", scheinen sie zu fragen.

Wer schon einmal in der Produktionshalle eines Autokonzerns war, hat ein ziemlich genaues Bild unserer zukünftigen Arbeitswelt im Kopf. Riesige Hallen voller Maschinen. Dazwischen vereinzelt Menschen, die bei Problemen eingreifen. Was in der Automobilbranche schon längst Realität ist, beginnt sich auch in anderen Bereichen auszubreiten. Selbstfahrende Autos ersetzen Taxifahrer. Intelligente Softwaresysteme machen Steuerberater überflüssig, Service-Roboter lösen Bedienungen in Restaurants ab und so weiter. Nach einer Studie der IngDiBA Economic Research sind 59 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland durch die Industrie 4.0 bedroht, andere Forscher kommen teilweise sogar zu noch höheren Zahlen. Steht uns eine düstere Zukunft bevor?

Deutschland im Jahr 2050. Der Stadtpark ist voll, obwohl es ein ganz normaler Vormittag unter der Woche ist. Durch die Digitalisierung wird weniger menschliche Arbeitskraft benötigt.Warum also nicht nach einem angenehmen Sonnenbad eine halbe Stunde im Park arbeiten? Rekreation befreit den Geist und schafft Platz für neue Ideen. Der Park ist auffallend sauber – viele Menschen benutzen ihre freie Zeit, um sich ehrenamtlich zu engagieren.

Vom Müll sammeln und Blumen pflanzen bis zur Kinderbetreuung sind überall Ehrenamtliche zu finden. Entspannung und Zufriedenheit zeichnet die Gesichter. "So viel Freizeit, was für ein Leben", scheinen sie zu denken.

Auch wenn durch die Industrie 4.0 viele Arbeitsplätze wegfallen, werden mittel- und langfristig Aufgaben übrig bleiben, die nach wie vor von Menschenhand erledigt werden müssen. Außerdem sollte man sich bewusst machen, dass die Produktivität der Wirtschaft an sich durch den Abbau von Arbeitsplätzen und vermehrtem Maschineneinsatz nicht geschwächt wird, ganz im Gegenteil. Der Lebensstandard kann nach wie vor hoch bleiben, wenn die Politik lenken eingreift und die Solidargemeinschaft stärkt, sodass auch Menschen mit bedrohten oder wegfallenden Arbeitsplätzen nicht in die Armut abrutschen. Das bedingungslose oder das solidarische Grundeinkommen sind hier nur zwei von unzähligen möglichen Modellen. So kann der Staat die Wirtschaft und die Gesellschaft vor düsteren Arbeitslosigkeitsdystopien schützen.

Die Arbeitswelt steht schon seit dem Anbruch der industriellen Revolution im starken Wandel, Sorgen um eine sichere Zukunft sind keine neue Erscheinung. Aber mit einer Veränderung muss keine Verschlechterung einhergehen. Die Arbeitnehmer müssen wohl flexibler werden, um sich an veränderte Anforderungen anzupassen und sich gegebenenfalls neu zu orientieren. Doch wenn Politik und Wirtschaft ihre soziale Verantwortung ernst nehmen, so kann die Arbeit der Zukunft durchaus eine verbesserte Lebensqualität für alle mit sich bringen.

Lara Kaupp

Endlich frei vom Zwang der Arbeit?

Die Arbeit ist ein essentieller Bestandteil des menschlichen Daseins. In der modernen, kapitalistischen Gesellschaft allerdings ist die Arbeit der Antagonist des Lebens. Sie ist zwar Mittel zur Beschaffung lebensnotwendiger Ressourcen, nie aber Teil des Lebens, das sie ermöglicht. Das verdeutlicht auf eindrucksvolle Weise die Wendung "Work-Life-Balance", die ein Indiz für die Entfremdung zwischen den Polen Leben und Arbeit ist. Durch die Degradierung der Arbeit von einem eigenständigen Zweck zu einem reinen Mittel büßt der Schaffensprozess sein großes Potenzial ein, dem Menschen zur Selbstverwirklichung zu verhelfen.

Ein vollständiger Arbeitsprozess setzt sich grundsätzlich aus zwei Phasen zusammen, der des Planens und der des Schaffens. In der Umsetzung eines Plans, dem Schaffen, überführt der Mensch ein ideelles Objekt in die reale Welt. Er verwirklicht also einen Teil seiner selbst, den Plan, in einer von anderen wahrnehmbaren Sphäre, verdinglicht sich und macht sich für andere und für sich selbst greifbar. Darum ist Arbeit Selbstverwirklichung. Die Durchführung dieses Prozesses kann nur unter Aufwand aller geistiger und körperlicher Kräfte geschehen. Somit ist jede vollendete Arbeit Zeugnis des Menschseins des Erschaffers, eine Vergewisserung seiner selbst. Sich seiner selbst bewusst zu werden und sich selbst anderen bewusst zu machen sind zwei der tiefsten Bedürfnisse des Menschen, die in einer guten Arbeit Erfüllung finden können.

Es war eine der großen marxistischen Kritikpunkte, dass der Kapitalismus diesen ursprünglichen Arbeitsprozess zerstückelte und somit seines Potenzials beraubte. Der Fabrikarbeiter verwirklichte nicht mehr einen Teil seiner selbst, sondern einen fremden Plan, also nicht sich, sondern jemand anderes. Das von ihm geschaffene Produkt verlor seine Relevanz als Identifikationspunkt für sich selbst und für andere. Arbeit war fortan nur noch ein Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen, die außerhalb ihrer selbst lagen. Dem Menschen blieb nur noch die Flucht in den künstlerischen Ausdruck oder die Verzweiflung über die eigene Ausdruckslosigkeit.

Die heutigen Entwicklungen auf dem Gebiet der automatisierten Fertigung industrieller Produkte bedeuten das baldige Ende des Typus von Fabrikarbeiter, den die Industrialisierung hervorgebracht hat. Durch die größere Kosten-Nutzen-Effizienz der maschinellen Fertigung wird der Einsatz menschlicher Arbeitskraft in den Fabriken bald überflüssig sein beziehungsweise sich auf ein Minimum reduzieren. Doch auch in allen anderen Gebieten, in denen sich die industrielle Arbeitsweise durchgesetzt hat, in denen der Mensch also keine vollständigen Arbeitsprozess vollziehen darf, wird die Digitalisierung den Menschen bald obsolet machen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss ein Weg gefunden werden, die durch die maschinell und digital gesteigerte Effizienz gewonnenen Güter nicht mehr nur nach erbrachter Arbeit zu verteilen, denn Millionen von Menschen werden in die Arbeitslosigkeit geraten, oder ihr Leben zumindest nicht mehr durch ihre Arbeit finanzieren können. Wenn die Politik hier keine Initiative ergreift, droht die Prekarisierung einer ganzen Bevölkerungsschicht. Wenn dieser Wandel aber gelingen sollte, ist eine Welt in greifbarer Nähe, in der wir Menschen frei vom Zwang zur Arbeit uns in eigener Regie selbst verwirklichen können.

Julius Nickoleit

Digitalisierung = Qualitätszeit

Der einstige Umbruch der Industrie- zur serviceorientierten Dienstleistungsgesellschaft löste den Sinn von operativer Arbeit zunehmend auf und bot ein Spektrum neuer Gestaltungsmöglichkeiten in der Arbeitswelt an.

Nicht nur entlang der Gesamtwirtschaft ließ sich ein sektoraler Strukturwandel konstatieren, sondern ebenso das Arbeitsparadigma änderte sich grundlegend, welches mit einer wenig transparenten sowie atomisierten Jobkultur einher ging. Neben wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen treiben nun weitere Einflussfaktoren die Wandlung voran. Begriffe wie "Arbeit 4.0" oder "Work by artificial intelligence" tangierten eine neue Ära. Diese digitale Revolution verändert sowohl den Lebensstil als auch den sozialen Interaktionsraum. Wie verdichtete Informationswolken arrangiert der Einzelne seine Hüllen und verankert diesen Informationskomplex in einem Konstrukt, welches wiederum in einem Konglomerat privater und beruflicher Netzwerke zerfließt.

Die Idee einer vollkommenen Digitalisierung und Automatisierung des Daten- und Arbeitsaufkommens wäre durchaus denkbar. Jedoch wird eine Überlassung von Arbeit und Informationen durch Objekte, den Anforderungen aktuell nicht gänzlich gerecht und zeichnet sich vielmehr durch noch zu geringe Flexibilisierungsräume und bedeutende Unzulänglichkeiten aus. Zu groß ist das Risiko der Manipulation oder eines technischen Zusammenbruchs verursacht durch Dritte, Zufall oder technischer Verfehlungen. Eine zentrale Bedeutung wird verteilten, vernetzten und "eingebetteten" Computersystemen und der Entwurf von Software mit Hilfe von rechnergestützten Applikationen zu Teil.

Ist das die Lösung? Wird die menschliche Arbeitskraft künftig vollständig durch digitalisierte und automatisierte Prozesse und Objekte substituiert?

Die Antwort lautet heute noch NEIN. Aber wenn JA, wäre das denn so schlimm?

Ein Arbeitsleben stellt für viele Menschen einen Zyklus aus Geld verdienen und Geld ausgeben dar. Aber was ist, wenn der Mensch sich diesem Zeitverzehr entziehen und sich mehr dem eigentlichem Leben widmen könnte? Maschinen und softwarebetriebene Applikationen sind mittlerweile hervorragend dazu geeignet,  vorgegebene Arbeitsabläufe zu replizieren. Insbesondere können diese jene Tätigkeiten übernehmen, welche einen hohen Grad an Routineintensität und Risikoreichtum inkludieren. Der Mensch kann sich nach und nach der operativen und taktischen Arbeit in jeglicher Natur entziehen und tritt lediglich die Aufgabe an, durch sein vernetztes Denken sowie Erfahrungswissen, digitale Systeme und Ideen zu verzahnen.

Jedes Leben ist nun mal endlich und so ist es für jeden einzelnen umso wichtiger aus dem Spannungsgefüge, namentlich "der Kampf um jedes Zeitatom", das Maximum heraus zu holen. Im Zuge dieser Entwicklung wird in summa zwar nicht mehr Zeit geschaffen, dennoch kann die dadurch frei gewordene Zeit optimaler genutzt werden. Die Möglichkeit, sich anspruchsvollen Aufgaben zu widmen, und zumal die Möglichkeit wahrzunehmen, sich selbst signifikant weiterzuentwickeln. Im Zentrum des Lebens sollten jene Dinge stehen, die man gerne macht, die einen bewegen und euphorisieren. Digitale Lösungen könnten sämtliche Bereiche unseres Lebens entlasten. Das Resultat: Qualitätszeit. Inwieweit es in der Zukunft gelingt, im Rahmen der Digitalisierung eine Synthese aus abgestimmter Exaktheit, Sicherheit und Zusatznutzen in Form von Qualitätszeit herzustellen, um dem veränderten Wertekonglomerate gerecht zu werden, bleibt abzuwarten.

Thai Tam Duong

Ein Plädoyer für die 30-Stunden-Woche

Wir befinden uns mitten in einer industriellen Revolution. Mehr als hundert Jahre, nachdem mit der Dampfmaschine die Industrialisierung begann, später Elektrotechnik und schließlich Computer die Produktion effizienter gemacht haben, kommt nun die "Industrie 4.0": die maximale Vernetzung von Mensch, Maschine und Produkt.

Vor allem in der Produktion können immer mehr Arbeitsschritte durch Maschinen ersetzt werden. Das beschleunigt die Herstellung, reduziert den Lagerbedarf und ermöglicht Individualisierung. Und spart vor allem Arbeit: Im Jahr 2035 wird es in Deutschland 60.000 Arbeitsplätze weniger geben als heute, heißt es in einem Forschungsbericht, den das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Ende letzten Jahres veröffentlicht hat.

Diese Zahl ergibt sich aus einer Differenz: 420.000 Arbeitsplätze gehen im verarbeitenden Gewerbe verloren, während die 360.000 neu geschaffenen Stellen vor allem dem Dienstleistungssektor zuzuordnen sind. Insgesamt kommt es also zu einer erheblichen Umverteilung innerhalb der Berufsfelder. Außerdem führt die Digitalisierung zu einer höheren Wertschöpfung und größeren volkswirtschaftlichen Gewinnen – obwohl es weniger Stellen gibt.

Das könnte zum Vorteil aller genutzt werden. Laut einer Studie vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung leidet jeder zwanzigste Arbeitnehmer unter psychischen Problemen, meist wegen einer zu hohen Arbeitsbelastung. Der Alltag wird immer schnelllebiger und der Beruf stressiger – obwohl uns Maschinen bereits jetzt viel Arbeit abnehmen. Denn müßiger wird der Mensch dadurch aber keineswegs. Im Gegenteil: Der Alltag erscheint schnelllebiger, der Beruf stressiger und Freizeit ist als solche nicht mehr von der Arbeit zu trennen.

Man könnte so weitermachen. Mit der "Industrie 4.0" gäbe es dann ein paar mehr Arbeitslose, der Rest prescht weiter voran bis zum Burnout. Dann hätte man nur Verlierer. Man könnte mit der gewonnenen Arbeitszeit aber auch alle zu Gewinnern machen.

Schon 2013 forderten über mehr als hundert Wissenschaftler, Politiker, Gewerkschafter und Publizisten eine Arbeitszeitreduzierung hin zur 30-Stunden-Woche – bei vollem Lohnausgleich. In einem offenen Brief an die verschiedenen Verbände, Vorstände und Parteien in Deutschlands kritisierten sie die hohe Zahl Arbeitsloser oder Unterbeschäftigter, denen überforderte Arbeitnehmer gegenüberstünden. Man müsse Arbeitszeit als Ware betrachten und durch eine EU-weite 30-Stunden-Woche verknappen, weil ein Überangebot zu Lohnverfall und Arbeitslosigkeit führe.

Die Forderung hatte natürlich keine politischen Konsequenzen. Die 30-Stunden-Woche ist aber immer wieder Thema. Work-Life-Balance wird immer wichtiger, gerade für die, die im Beruf physisch und psychisch an ihre Grenzen kommen. Schließlich nützt es nichts, viel Geld zu verdienen, wenn man es nicht ausgeben kann.

Die "Industrie 4.0" bringt mehr Wohlstand bei weniger Arbeitszeit. Wenn man diesen Zeitgewinn auf die gesamte Gesellschaft umrechnet, hat jeder etwas davon. Natürlich werden in manchen Branchen mehr Stellen wegfallen als in anderen. Aber solche Entwicklungen sind lange vorhersehbar und können schon in der Schul- und Berufsausbildung berücksichtigt werden.

Man sollte den Verlust von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung also als Gewinn ansehen. Dank des Fortschritts kann sich der Mensch nun endlich ein bisschen zurücklehnen.

Digitalisierung raubt keine Arbeitsplätze – sie nimmt Arbeit ab, ohne dafür Lohn zu fordern.

Marlene Thiele

* Die Reihenfolge der Veröffentlichung ist zufällig und spiegelt nicht das Ranking der Jury wider. 

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