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Endlich frei vom Zwang der Arbeit?

Die Arbeit ist ein essentieller Bestandteil des menschlichen Daseins. In der modernen, kapitalistischen Gesellschaft allerdings ist die Arbeit der Antagonist des Lebens. Sie ist zwar Mittel zur Beschaffung lebensnotwendiger Ressourcen, nie aber Teil des Lebens, das sie ermöglicht. Das verdeutlicht auf eindrucksvolle Weise die Wendung "Work-Life-Balance", die ein Indiz für die Entfremdung zwischen den Polen Leben und Arbeit ist. Durch die Degradierung der Arbeit von einem eigenständigen Zweck zu einem reinen Mittel büßt der Schaffensprozess sein großes Potenzial ein, dem Menschen zur Selbstverwirklichung zu verhelfen.

Ein vollständiger Arbeitsprozess setzt sich grundsätzlich aus zwei Phasen zusammen, der des Planens und der des Schaffens. In der Umsetzung eines Plans, dem Schaffen, überführt der Mensch ein ideelles Objekt in die reale Welt. Er verwirklicht also einen Teil seiner selbst, den Plan, in einer von anderen wahrnehmbaren Sphäre, verdinglicht sich und macht sich für andere und für sich selbst greifbar. Darum ist Arbeit Selbstverwirklichung. Die Durchführung dieses Prozesses kann nur unter Aufwand aller geistiger und körperlicher Kräfte geschehen. Somit ist jede vollendete Arbeit Zeugnis des Menschseins des Erschaffers, eine Vergewisserung seiner selbst. Sich seiner selbst bewusst zu werden und sich selbst anderen bewusst zu machen sind zwei der tiefsten Bedürfnisse des Menschen, die in einer guten Arbeit Erfüllung finden können.

Es war eine der großen marxistischen Kritikpunkte, dass der Kapitalismus diesen ursprünglichen Arbeitsprozess zerstückelte und somit seines Potenzials beraubte. Der Fabrikarbeiter verwirklichte nicht mehr einen Teil seiner selbst, sondern einen fremden Plan, also nicht sich, sondern jemand anderes. Das von ihm geschaffene Produkt verlor seine Relevanz als Identifikationspunkt für sich selbst und für andere. Arbeit war fortan nur noch ein Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen, die außerhalb ihrer selbst lagen. Dem Menschen blieb nur noch die Flucht in den künstlerischen Ausdruck oder die Verzweiflung über die eigene Ausdruckslosigkeit.

Die heutigen Entwicklungen auf dem Gebiet der automatisierten Fertigung industrieller Produkte bedeuten das baldige Ende des Typus von Fabrikarbeiter, den die Industrialisierung hervorgebracht hat. Durch die größere Kosten-Nutzen-Effizienz der maschinellen Fertigung wird der Einsatz menschlicher Arbeitskraft in den Fabriken bald überflüssig sein beziehungsweise sich auf ein Minimum reduzieren. Doch auch in allen anderen Gebieten, in denen sich die industrielle Arbeitsweise durchgesetzt hat, in denen der Mensch also keine vollständigen Arbeitsprozess vollziehen darf, wird die Digitalisierung den Menschen bald obsolet machen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss ein Weg gefunden werden, die durch die maschinell und digital gesteigerte Effizienz gewonnenen Güter nicht mehr nur nach erbrachter Arbeit zu verteilen, denn Millionen von Menschen werden in die Arbeitslosigkeit geraten, oder ihr Leben zumindest nicht mehr durch ihre Arbeit finanzieren können. Wenn die Politik hier keine Initiative ergreift, droht die Prekarisierung einer ganzen Bevölkerungsschicht. Wenn dieser Wandel aber gelingen sollte, ist eine Welt in greifbarer Nähe, in der wir Menschen frei vom Zwang zur Arbeit uns in eigener Regie selbst verwirklichen können.

Julius Nickoleit

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