Partner von:

Ein Plädoyer für die 30-Stunden-Woche

Wir befinden uns mitten in einer industriellen Revolution. Mehr als hundert Jahre, nachdem mit der Dampfmaschine die Industrialisierung begann, später Elektrotechnik und schließlich Computer die Produktion effizienter gemacht haben, kommt nun die "Industrie 4.0": die maximale Vernetzung von Mensch, Maschine und Produkt.

Vor allem in der Produktion können immer mehr Arbeitsschritte durch Maschinen ersetzt werden. Das beschleunigt die Herstellung, reduziert den Lagerbedarf und ermöglicht Individualisierung. Und spart vor allem Arbeit: Im Jahr 2035 wird es in Deutschland 60.000 Arbeitsplätze weniger geben als heute, heißt es in einem Forschungsbericht, den das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Ende letzten Jahres veröffentlicht hat.

Diese Zahl ergibt sich aus einer Differenz: 420.000 Arbeitsplätze gehen im verarbeitenden Gewerbe verloren, während die 360.000 neu geschaffenen Stellen vor allem dem Dienstleistungssektor zuzuordnen sind. Insgesamt kommt es also zu einer erheblichen Umverteilung innerhalb der Berufsfelder. Außerdem führt die Digitalisierung zu einer höheren Wertschöpfung und größeren volkswirtschaftlichen Gewinnen – obwohl es weniger Stellen gibt.

Das könnte zum Vorteil aller genutzt werden. Laut einer Studie vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung leidet jeder zwanzigste Arbeitnehmer unter psychischen Problemen, meist wegen einer zu hohen Arbeitsbelastung. Der Alltag wird immer schnelllebiger und der Beruf stressiger – obwohl uns Maschinen bereits jetzt viel Arbeit abnehmen. Denn müßiger wird der Mensch dadurch aber keineswegs. Im Gegenteil: Der Alltag erscheint schnelllebiger, der Beruf stressiger und Freizeit ist als solche nicht mehr von der Arbeit zu trennen.

Man könnte so weitermachen. Mit der "Industrie 4.0" gäbe es dann ein paar mehr Arbeitslose, der Rest prescht weiter voran bis zum Burnout. Dann hätte man nur Verlierer. Man könnte mit der gewonnenen Arbeitszeit aber auch alle zu Gewinnern machen.

Schon 2013 forderten über mehr als hundert Wissenschaftler, Politiker, Gewerkschafter und Publizisten eine Arbeitszeitreduzierung hin zur 30-Stunden-Woche – bei vollem Lohnausgleich. In einem offenen Brief an die verschiedenen Verbände, Vorstände und Parteien in Deutschlands kritisierten sie die hohe Zahl Arbeitsloser oder Unterbeschäftigter, denen überforderte Arbeitnehmer gegenüberstünden. Man müsse Arbeitszeit als Ware betrachten und durch eine EU-weite 30-Stunden-Woche verknappen, weil ein Überangebot zu Lohnverfall und Arbeitslosigkeit führe.

Die Forderung hatte natürlich keine politischen Konsequenzen. Die 30-Stunden-Woche ist aber immer wieder Thema. Work-Life-Balance wird immer wichtiger, gerade für die, die im Beruf physisch und psychisch an ihre Grenzen kommen. Schließlich nützt es nichts, viel Geld zu verdienen, wenn man es nicht ausgeben kann.

Die "Industrie 4.0" bringt mehr Wohlstand bei weniger Arbeitszeit. Wenn man diesen Zeitgewinn auf die gesamte Gesellschaft umrechnet, hat jeder etwas davon. Natürlich werden in manchen Branchen mehr Stellen wegfallen als in anderen. Aber solche Entwicklungen sind lange vorhersehbar und können schon in der Schul- und Berufsausbildung berücksichtigt werden.

Man sollte den Verlust von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung also als Gewinn ansehen. Dank des Fortschritts kann sich der Mensch nun endlich ein bisschen zurücklehnen.

Digitalisierung raubt keine Arbeitsplätze – sie nimmt Arbeit ab, ohne dafür Lohn zu fordern.

Marlene Thiele

* Die Reihenfolge der Veröffentlichung ist zufällig und spiegelt nicht das Ranking der Jury wider. 

nach oben

In der e-fellows.net community diskutierst du mit anderen Stipendiaten und Alumni über Studium, Karriere und das Leben.

Wie können wir die Community verbessern? Nutz unser Kontaktformular, schreib uns an community@e-fellows.net oder starte einen Thread in der Anregungsgruppe!

Community-Letter

Top-Fragen, Insider-Antworten und Expertenforen jede Woche zusammengefasst

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren