LL.M. an der University of Stellenbosch (2008)
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Erfahrungsbericht von Dr. Gerrit Mulert
LL.M.-Erfahrungsberichte
Welcher LL.M. ist der richtige für mich? In der Rubrik "LL.M.-Erfahrungsberichte" berichten LL.M.-Absolventen von Australien bis Südafrika von ihrer Erfahrung.
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Wann hast du den LL.M. absolviert?
Im Anschluss an mein Jurastudium an der Universität Würzburg habe ich nach dem ersten Staatsexamen von Januar bis Dezember 2003 mein LL.M.-Studium an der University of Stellenbosch in Südafrika absolviert.
War der LL.M. für dich die Alternative zur Promotion?
Master und Doktor waren für mich keine Alternativen zueinander, sondern ich habe beides miteinander verbunden, indem ich mir ein rechtsvergleichendes Promotionsthema ausgesucht habe, in das ich mich bereits in Südafrika einarbeiten konnte.
Was waren die Gründe für deine Entscheidung für das LL.M.-Studium?
Nach vier Jahren in Würzburg wollte ich noch mal die Möglichkeit ergreifen, für längere Zeit ins Ausland zu gehen und mich über mein eigentliches Studium und meine Promotion hinaus zusätzlich noch auf einem praktisch relevanten Rechtsgebiet zu spezialisieren. Dabei ging es mir auch darum, mir die Möglichkeit einer späteren Berufstätigkeit im Ausland oder bei einem international ausgerichteten Arbeitgeber zu eröffnen.
Nach welchen Kriterien hast du dir das Studienland ausgesucht? Gab es Alternativen?
Zur Auswahl Südafrikas als Studienland bin ich nicht aufgrund fachlicher, sondern vielmehr aufgrund persönlicher Neigung gelangt. Da ich während meiner Schulzeit bereits ein Jahr in den USA verbracht hatte und nun etwas anderes erleben wollte, schieden amerikanische Unis trotz ihrer teils hervorragenden LL.M.-Programme für mich aus. In Betracht kam als Alternative nur noch Neuseeland, wobei die Entscheidung für Südafrika und den Raum Kapstadt im Grunde genommen bereits mit dem Entschluss zum LL.M.-Studium zusammenfiel. Schwierig war lediglich die Entscheidung, an welche Uni ich gehen sollte. Ein weiterer Gesichtspunkt meiner Überlegungen waren die Studiengebühren, die in Südafrika vergleichsweise niedrig sind, je nach Universität zwischen 2.000 Dollar und 3.000 Dollar für das gesamte LL.M.-Studium.
Nach welchen Kriterien hast du dir die Uni ausgesucht? Gab es Alternativen?
Zur Wahl standen die University of Stellenbosch (SUN) und die University of Cape Town (UCT). Für Stellenbosch habe ich mich entschieden, da ich dort die Studienbedingungen alles in allem für besser hielt. Südafrika ist ein Land, in dem das Leben in Großstädten wie Kapstadt, Johannesburg oder Durban durchaus mit Gefahren verbunden sein kann, woraus sich im Alltag gewisse Unannehmlichkeiten ergeben können. Die University of Stellenbosch bietet hingegen den Vorteil, dass man sich dort trotz unmittelbarer Nähe zu Kapstadt bis in die Nacht hinein völlig uneingeschränkt bewegen kann. Außerdem sagte mir in fachlicher Hinsicht das in Stellenbosch angebotene LL.M.-Programm im International Trade Law besonders zu. Die Entscheidung war jedoch aufgrund der ebenfalls sehr ansprechenden und vor allem umfangreicheren Kursangebote an der UCT nicht leicht und fiel deshalb auch erst wenige Wochen vor meiner Abreise nach Südafrika.
Wie zufrieden warst du anschließend mit deiner Wahl?
Es hat sich herausgestellt, dass ich eine bessere Wahl nicht hätte treffen können. Sowohl das Land Südafrika als auch die Universität in Stellenbosch haben meine Erwartungen an das LL.M.-Jahr um ein Vielfaches übertroffen. Wohl kaum anderswo hätte ich so viele einzigartige und für mich unverzichtbare Erfahrungen machen können.
Welche besonderen Herausforderungen hat dein Studienland mit sich gebracht?
In Südafrika wird man mit einer gesellschaftlichen Realität konfrontiert, die man so aus Deutschland und Europa nicht kennt. Die Kluft zwischen arm und reich ist extrem und auch Rassengegensätze zwischen schwarz und weiß sind allgegenwärtig spürbar. Als deutscher LL.M.-Student gehört man zur „reichen“ und „weißen“ Elite, womit oft nicht ganz einfach umzugehen ist. Selbst in einer idyllischen und überaus europäisch geprägten Universitätsstadt wie Stellenbosch bleiben Erfahrungen mit diesen Problemen und ihren Auswirkungen auf das eigene Selbstverständnis nicht aus. Neben der im Allgemeinen mit einem LL.M.-Studium in Südafrika verbundenen Umstellung auf eine völlig neue Umgebung, eine andere Umgangssprache und umgekehrte Jahreszeiten entsteht aus diesen Gegebenheiten heraus eine ganz besondere persönliche Herausforderung, die sich letzten Endes jedoch als wertvolle und gewinnbringende Erfahrung erweisen kann.
Wie hast du das LL.M.-Studium finanziert?
Mein Studium in Südafrika wurde durch ein Postgraduiertenstipendium des DAAD finanziert. Angesichts der großen Anzahl deutscher Juristen, die sich für ein LL.M.-Studium entschließen, unterhält der DAAD ein spezielles LL.M.-Förderprogramm, das sich an Bewerber nach dem ersten oder zweiten Staatsexamen richtet. Näheres dazu kann man der jährlich neu erscheinenden Broschüre des DAAD entnehmen, die bei den Auslandsämtern der Universitäten erhältlich und im Internet einsehbar ist. Problematisch kann die Bewerbung um eine Förderung für Südafrika insoweit sein, als dass die vom DAAD vorgesehenen Bewerbungsfristen sich nicht an den Semesterzeiträumen auf der Südhalbkugel (Sommersemester beginnt Ende Januar, Wintersemester beginnt Ende Juli) orientieren. Sollte es dadurch jedoch zu unzumutbar frühen Bewerbungsfristen kommen, lässt sich meiner Erfahrung nach mit dem zuständigen Afrika-Referat des DAAD darüber reden und eine individuelle Lösung finden. Das Stipendium des DAAD umfasst die Studiengebühren für das LL.M.-Programm (für das Jahr 2003 waren das in Stellenbosch 2.100 Dollar), die Reisekosten (Flüge nach Kapstadt kosten derzeit zwischen 600 und 1.000 Euro), einen umfassenden Versicherungsschutz und eine monatliche Rate, deren Höhe von Jahr zu Jahr neu angepasst wird. Für mich waren das damals 1.050 Euro pro Monat. Als Gegenleistung wird von den Stipendiaten lediglich erwartet, nach Beendigung des Studiums einen ausführlichen Bericht zu verfassen, was angesichts der großzügigen Förderung wohl kaum abschreckend sein dürfte.
Wie hoch waren die Lebenshaltungskosten?
Grundsätzlich ist zunächst zu sagen, dass die Preise sehr deutlich unter westeuropäischem Niveau liegen, was auf die niedrigen Personalkosten in Afrika zurückzuführen ist. In einer Studentenkneipe in Stellenbosch kostet ein Bier beispielsweise zwischen 0,50 und 1 Euro und in einfachen Restaurants isst man für weniger als 5 Euro. In Supermärkten hingegen sind die Lebensmittel nicht viel günstiger als bei uns, so dass man sich schnell daran gewöhnt, abends auszugehen und in den zahlreichen Pubs und Bars im Durchschnitt ebenso viel Geld auszugeben, wie man es bereits als Student in Deutschland getan hat. Für die Miete sollte man in Stellenbosch zwischen 120 und 200 Euro einkalkulieren, sofern man sich privat ein WG-Zimmer oder mit anderen ausländischen Studenten zusammen vor Ort ein Haus teilt. Die Uni berechnet für die Unterkunft in einem ihrer Studentenwohnheime inzwischen ungefähr 250 Euro, was für dortige Verhältnisse relativ teuer ist. Der besondere Vorteil des Wohnheims besteht jedoch darin, dass man sofort Anschluss findet und es einem ganz sicher nie langweilig wird. Insgesamt sollte man die grundlegenden Lebenshaltungskosten in Stellenbosch – je nach Lebensstil – wohl mit ca. 500 bis 800 Euro pro Monat ansetzen. Allerdings muss man bedenken, dass es angesichts der quasi nicht nutzbaren öffentlichen Verkehrsmittel (Zugfahrten nach Kapstadt können gefährlich sein!) sehr erheblich zur Lebensqualität beisteuert, sich ein Auto zu besorgen. Zwar lässt es sich innerhalb von Stellenbosch gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad auskommen, doch sollte man sich nicht die Möglichkeit nehmen lassen, auch Kapstadt und die Winelands um Stellenbosch herum in seine Freizeitplanung mit einzubeziehen. Wer sich mit Autos auskennt, sollte sich ruhig eins kaufen, da die Wiederverkaufswerte am Ende des Jahres oftmals erfreulich gut sind. Wem das jedoch auf einen Schlag zu viel Geld und Mühe ist, sollte sich am besten mit Freunden oder Kollegen zusammen für etwa 250 Euro pro Monat inklusive Haftpflicht und Vollkasko einen alten Mercedes mieten. Beim International Office der Universität in Stellenbosch liegen Werbeprospekte verlässlicher Autovermietungen aus.
Waren der MBA oder andere Postgraduiertenprogramme eine Alternative für dich?
Nein, für mich kam nur ein LL.M.-Programm in Betracht. Alternativ hätte ich mich nur noch auf vergleichbare juristische Masterprogramme eingelassen, die in Südafrika jedoch meines Wissens nicht angeboten werden.
Wie bist du mit der Landessprache und den Besonderheiten des Landes klargekommen?
Mit der englischsprachigen Bevölkerung war der Umgang für mich unproblematisch, da ich während der Schulzeit bereits ein Jahr in Amerika war. Insbesondere an der Uni ergaben sich diesbezüglich keine Schwierigkeiten, da sämtliche Vorlesungen im LL.M.-Studium auf Englisch gehalten werden. Nicht ganz einfach war hin und wieder jedoch die Verständigung mit Südafrikanern, die als Muttersprache Afrikaans, Xhosa oder Zulu sprachen und nur gebrochene Englischkenntnisse hatten.
Wie ging es für dich nach dem LL.M. weiter?
Nach meiner Rückkehr nach Deutschland im Dezember 2003 bin ich nach Berlin gezogen und habe dort meine Doktorarbeit geschrieben, die ich thematisch bereits teilweise in Südafrika vorbereitet hatte. Im Februar 2005 bekam ich die Möglichkeit, erneut für drei Monate nach Stellenbosch zu gehen, um dort die rechtsvergleichenden Bestandteile meiner Arbeit zum Abschluss zu bringen. Seit Mai 2005 bin ich Rechtsreferendar in Berlin.
Hat sich das LL.M.-Studium in Sachen Karriere gelohnt?
Für die Ersteinstellung nach dem Assessorexamen wird mir das LL.M.-Studium sicherlich als zusätzliche Qualifikation zugutekommen. Viele Arbeitgeber, insbesondere in größeren Anwaltskanzleien und Firmen, verbinden mit dem LL.M. die Fähigkeit des Bewerbers, sich auch in englischer Sprache fachspezifisch behaupten zu können.
Hast du nach dem LL.M.-Studium überlegt, in deinem Studienland zu bleiben?
Tatsächlich ist mir während meines LL.M.-Studiums der Gedanke gekommen, in Südafrika zu bleiben oder zumindest nach Promotion und Referendariat dorthin zurückzukehren. Dafür sprachen ganz sicherlich die faszinierende Schönheit Afrikas und die vergleichsweise hohe Lebensqualität, die man als gut ausgebildeter Akademiker dort genießen kann. Dagegen spricht, dass es einem als europäischer Jurist auch mit in Südafrika erworbenem LL.M. nicht leicht fällt, dort einen adäquat bezahlten Job zu finden. Außerdem besteht die Gefahr, dass es sich als schwierig erweisen kann, nach mehreren Jahren Zwischenstation in Südafrika wieder nach Deutschland zurückzukehren und dort beruflich Fuß zu fassen.
Würdest du dich für dasselbe LL.M.-Studium noch einmal entscheiden?
Für ein LL.M.-Studium in Stellenbosch würde ich mich ohne jeden Zweifel immer wieder entscheiden. Die Erfahrungen, die man dort sowohl als Jurist als auch als Mensch sammeln kann, sind einmalig. Den sprichwörtlichen Zauber Afrikas zu erleben und sich gleichzeitig durch einen weltweit anerkannten Studiengang zusätzlich für seine Karriere in Deutschland oder im Ausland zu qualifizieren, erscheint mir eine sehr glückliche Kombination zu sein. Ich kann nur jedem LL.M.-Interessenten empfehlen, sich alternativ zu den „üblichen“ Studienländern Großbritannien und den USA auch über die Studienprogramme in Südafrika zu informieren. Wer weiß, vielleicht schlägt ja dann wie bei mir das Interesse in Begeisterung um.
Welche Tipps gibst du zukünftigen LL.M.-Studenten?
Zunächst kann ich nur jeden Juristen dazu ermutigen, sich für ein LL.M.-Studium zu entscheiden! Ganz unabhängig von allen Karriereplänen und beruflichen Perspektiven ist schon alleine die Erfahrung eines Auslandsjahres jeden Aufwand wert. Die Auswahl des Studienlandes und der Universität sollte sich dabei nicht nur an fachlichen, sondern vor allem auch an persönlichen Interessen orientieren. Nehmt euch einen Atlas vor und überlegt euch, wo ihr immer schon mal hin wolltet. So entstehen oft die besten Ideen. Denjenigen, die wie viele zwischen LL.M. und Doktor schwanken, rate ich, kreativ zu sein und sich ein Dissertationsthema zu überlegen, das sich mit dem LL.M.-Studium bzw. mit dem Aufenthalt im Studienland verbinden lässt. Ich denke, dass der Zeitraum zwischen erstem Staatsexamen und Referendariat am besten für ein LL.M.-Studium geeignet ist, zumal sich auf diese Weise die in vielen Ländern nicht unerheblichen Wartezeiten für eine Referendarstelle sinnvoll nutzen lassen. Außerdem sollte bedacht werden, dass man mit Mitte 20 noch wesentlich besser in die Uni passt als später. Das gilt vor allem auch im Umgang mit den im Durchschnitt wesentlich jüngeren Studenten im Ausland. Den Südafrika-Interessierten rate ich, sich vor ihrer Entscheidung zugunsten einer bestimmten Uni und Stadt über die dortigen Lebensverhältnisse zu informieren. So unterscheiden sich die Verhältnisse in Südafrika von Provinz zu Provinz teils erheblich. Während man in Kapstadt und Stellenbosch noch relativ europaähnliche Bedingungen vorfindet, trifft man in Durban und Johannesburg auf eine wesentlich afrikanischere Umgebung. Auch die von Stadt zu Stadt unterschiedliche Sicherheitslage sollte nicht unberücksichtigt bleiben, da sie sich erheblich auf die Lebensweise vor Ort auswirken kann.
