Henri-Nannen-Schule (HNS)
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Die Henri-Nannen-Schule (HNS) gehört zum Gruner und Jahr-Verlag und liegt neben dem Verlagsgebäude am Hamburger Hafen. Gegründet wurde sie 1978 vom damaligen stern-Chefredakteur Henri Nannen, dem Journalisten Wolf Schneider sowie dem damaligen Vorstandsvorsitzenden von Gruner und Jahr, Manfred Fischer. Mehr als 500 Journalisten wurden bereits an der renommierten Schule ausgebildet.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Grundlegendes zur Henri-Nannen-Schule
[Bearbeiten] Wann?
Im Abstand von anderthalb Jahren schreibt die HNS 15 Ausbildungsplätze aus. Für das nächste Auswahlverfahren können Bewerber sich ab Januar 2011 auf der Webseite der HNS registrieren. Die Lehrredaktion beginnt im Januar 2012.
[Bearbeiten] Voraussetzungen?
Bewerber müssen zwischen 19 und 27 Jahre alt sein und die deutsche Sprache perfekt beherrschen. Ein abgeschlossenes Studium ist keine Voraussetzung; die Schule weist jedoch daraufhin, dass ein Studium von Vorteil ist.
[Bearbeiten] Wie viele?
Die HNS nimmt 20 Schüler pro Jahrgang auf.
[Bearbeiten] Kosten?
Die Journalistenschüler erhalten eine Ausbildungsbeihilfe in Höhe von 761 Euro brutto, die sie nicht zurückzahlen müssen.
[Bearbeiten] Abschluss?
Die Ausbildung ist nicht akademisch. Die Schüler erhalten am Ende ein Zertifikat über ihre Teilnahme.
[Bearbeiten] Ausbildung
Die Ausbildung dauert anderthalb Jahre. Unterrichtet werden Print-, TV-, Hörfunk- und Onlinejournalismus. Ein jeweils zehnwöchiges Praktikum bei einer Zeitung sowie bei einer Zeitschrift sind Pflicht. Ein sechswöchiges Praktikum kann in einer Zeitschriften- oder Onlineredaktion absolviert werden und für das letzte elfwöchige Praktikum dürfen die Schüler eine Redaktion frei wählen.
[Bearbeiten] Aufnahmeprüfung
[Bearbeiten] Die erste Hürde: eine selbst angefertigte Reportage und ein Kommentar
Rund 2000 Personen fordern jährlich die Bewerbungsunterlagen an. Knapp die Hälfte bewirbt sich tatsächlich. Die erste Hürde stellen eine selbst angefertigte Reportage mit max. 4.500 Zeichen und ein Kommentar mit max. 1.800 Zeichen dar. Im Auswahlverfahren 2009/10 standen folgende Themen zur Auswahl:
[Bearbeiten] Reportage
- Nach dem Absturz: ein Stimmungsbericht von der SPD-Basis
- "Das wollen wir nicht!": Wie eine Bürgerinitiative gegen ein lokales Projekt kämpft
- Charaktertest: Wie eine WG herauszufinden versucht, wer am besten in das freie Zimmer passt
- Helden des Alltags: Unterwegs mit einem Menschen, dessen Einsatz der Gesellschaft gut tut
- Vom Gefühl, ein Fremder zu sein: Was ich erlebte, als ich mich in eine Gruppe begab, zu der ich gar nicht passe
[Bearbeiten] Kommentar
- Zum Beispiel Sarrazin: Wo sollten für einen Politiker die Grenzen öffentlicher Rede- und Meinungsfreiheit liegen?
- "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht mit einer Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten Sache". Was halten Sie von dieser Aussage?
- Sind private Krankenversicherungen unsolidarisch?
- Zwei Varianten, vereinfacht erklärt: In Deutschland dürfen Organe nur Menschen entnommen werden, die vor ihrem Tod dem zugestimmt haben. In anderen Ländern dürfen Organe jedem Menschen entnommen werden, der vor seinem Tod dies nicht abgelehnt hat. Welche Regelung halten Sie für die bessere?
- Sie gehören zu einer Generation, die derzeit gern als "Generation Krise" bezeichnet wird. Müssen wir Sie bemitleiden?
Zusammen mit der Reportage reicht jeder Bewerber eine Beschreibung des Recherchewegs ein, in der er die Kontaktdaten seiner Interviewpartner, besuchte Institutionen etc. nennt.
[Bearbeiten] Auswahltage in Hamburg
Die besten 80 Bewerber werden zum zweitägigen Auswahlverfahren nach Hamburg eingeladen. Wer es in die Finalrunde schafft, muss der HNS vor den Auswahltagen seinen Lebenslauf, eine kurze Begründung, warum er/sie Journalist werden will, sowie Praktikums- und Uni-Zeugnisse schicken.
Die Auswahltage bestehen aus einem Bildertest, einem Fragebogen und zwei Schreibübungen am ersten Tag, sowie einem Bewerbungsgespräch am zweiten Tag.
[Bearbeiten] Bildertest
Die Kandidaten sollen dreißig Bilder erkennen und den Vornamen, Namen und die Funktion der abgebildeten Person(en) nennen. Die Fotos werden in einer Power-Point-Präsentation abgebildet, die zwei Mal gezeigt wird. Die besondere Schwierigkeit besteht darin, dass auf jedem Foto nur das Gesicht der Person zu sehen ist. Es geht also nicht darum Pressefotos zu erkennen, die man schon einmal in einer Zeitung gesehen haben könnte. Stattdessen sollen die Bewerber die Personen völlig losgelöst von jeglichen Zusammenhängen erkennen. Im Bewerbungsverfahren 2010 kamen u.a. vor:
- Simone Thomalla: Schauspielerin
- Bernard Madoff, US-Milliardenbetrüger
- Paul Biedermann, Sportler des Jahres
- Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin Thüringen
- Daniel Westling, Verlobter von Kronprinzessin Victoria von Schweden
[Bearbeiten] Wissenstest
Hilfreich für die 56 Fragen in 45 Minuten sind verschiedene Jahresrückblicke (DIE ZEIT, Süddeutsche Zeitung, SPIEGEL, stern, BILD), da es um Themen geht, die im letzten halben Jahr durch die Presse gingen. Zusammengestellt wird der Test von verschiedenen Gruner + Jahr-Redaktionen. Zu großen Teilen daran beteiligt sind der stern und GEO. Auch der aktuelle Henri-Nannen-Jahrgang steuert ein paar Fragen bei. Hier ein paar Beispiele aus dem Fragebogen 2010:
- Warum konnte der letzte Gewinner von "Das Supertalent" keine CD aufnehmen? (Der Sieger war ein Hund.)
- Wie hoch sind die Schulden von Lehman Brothers? (Etwa 200 Milliarden US Dollar.)
- Wie viele Autos stehen auf dem Mond? (Dort stehen zwei Mondautos.)
Zu den Fragen mit aktuellem Bezug kommen dann noch Fragen zum Allgemeinwissen. Die können von den NATO-Gründerstaaten über die Autoren verschiedener Literatur-Klassiker bis hin zu den Daten des Jom-Kippur-Krieges gehen. In jedem Test kommt mindestens eine Mathematik-Frage dran. Wer ein Faible für Fremdwörter hat, ist ebenfalls im Vorteil, da die Kandidaten immer eine Reihe von Wörtern erklären müssen. Gut auskennen sollte man sich ebenfalls mit den Chefredakteuren der wichtigen deutschen Zeitungen und Zeitschriften (z.B. SPIEGEL, stern, GEO, Financial Times Deutschland, Süddeutsche Zeitung, ZEIT, Neon) sowie den Intendanten der Rundfunk- und Fernsehanstalten (z.B. ARD, ZDF) und den wichtigsten Verlegern (z.B. Springer-Verlag, Gruner + Jahr, Burda). Am Ende des Tests müssen die Bewerber einen kurzen Text präzise ins Englisch übersetzen und in einem deutschen Text Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung korrigieren. Weitere typische Fragen sind die nach dem aktuellen Preis für ein Barrel Rohöl oder den Wechselkursen vom Euro zum Dollar bzw. umgekehrt.
[Bearbeiten] Schreibübung
Bei der ersten Schreibübung bekommen die Bewerber einen Text, der knapp eine Seite lang ist und vor Grammatikfehlern, Schachtelsätzen und umständlichen Formulierungen nur so strotzt. Diesen gilt es zunächst zu verstehen und dann in einer Dreiviertelstunde um ein Drittel zu kürzen und so umzuformulieren, dass der Sachverhalt klar wird und der potentielle Leser den Text nach Möglichkeit mit Interesse liest. Im letzten Auswahlverfahren ging es beispielsweise um einen Einbruch mit Körperverletzung.
Für die Reportage recherchieren die Bewerber zunächst drei Stunden vor Ort. Im Januar 2010 wurden die Finalisten zu einer Motorradmesse geschickt. Da es in der Vergangenheit häufiger kleine "Helfer" gab, die die Kandidaten beim Verfassen der Reportage unterstützt haben, werden die Bewerber vom Schulleiter der HNS und einigen Mitarbeitern begleitet. Während der ganzen Zeit gilt strengstes Handyverbot. Nach drei Stunden Recherche und einer kurzen Kaffeepause gibt es dann noch einmal drei Stunden Zeit zum Schreiben.
Vom Betreten des Verlagsgebäudes morgens um kurz vor acht bis zur Abgabe der Reportage vergehen rund zwölf Stunden. Im Anschluss daran findet ein Empfang für alle Bewerber statt, bei dem der Bildertest aufgelöst und die kuriosesten Antworten des Wissenstests verkündet werden. Traditionell hält Wolf Schneider, der Mitbegründer der HNS, eine kleine Rede, in der er verschiedene Themen rund um den Journalismus abhandelt: Verlagskrise, wozu noch Journalismus, was ist Qualitätsjournalismus etc. Tradition ist auch, dass er aus den Lebensläufen der Finalisten das zitiert, was ihm besonders gut oder schlecht gefallen hat. Oberste Regel: Jeder Lebenslauf passt auf eine Seite und auf Formulierungen mit vielen Fremdwörtern sollte man ebenfalls verzichten.
Das Bewerbungsgespräch erfordert mehr Energie als der Prüfungstag zuvor. Eine Wand von zwölf Menschen mitten aus dem journalistischen Leben fordert den Bewerber gedanklich heraus und möchte schlicht und ergreifend herausfinden, wie die Leute "ticken". Dazu haben alle den Lebenslauf des Kandidaten vor sich liegen. Drei Bewerber sitzen jeweils zusammen und werden manchmal der Reihe nach, manchmal kreuz und quer befragt. In der Jury sitzen häufig bekannte Gesichter, z.B. Thomas Osterkorn (Chefredakteur stern), Wolf Schneider, Timm Klotzek (Chefredakteur Neon), Peter-Matthias Gaede (Chefredakteur GEO) usw. Neben den Klassikerfragen (Warum wollen Sie Journalist werden? In welchem Ressort möchten Sie arbeiten? Braucht man überhaupt noch Journalisten oder wird es künftig nur noch Blogger und Hobby-Autoren geben?) kann eigentlich alles gefragt werden. Hier ein paar Fragen des letzten Auswahlverfahrens:
- Erklären Sie bitte in zwei Sätzen das Thema Ihrer Diplomarbeit.
- Nutzen Sie Facebook für Ihre Recherchen?
- Wer wird Ihrer Meinung nach der Nachfolger von Sigmar Gabriel?
- Was bedeutet Qualitätsjournalismus für Sie?
- Was machen Sie, wenn Sie nicht an der HNS genommen werden?
Wichtig: Am Ende darf jeder Bewerber eine Frage an die Jury stellen. Die sollte man sich möglichst schon vor dem Gespräch überlegen. Bei allen Fragen zählt eine schlüssige Argumentation mehr als die eigentliche Begründung. Die Jury versucht bewusst jedes Argument umzudrehen und immer neue Gegenargumente zu finden. Es ist ganz normal, dass nicht nur ein Jurymitglied redet, sondern dass sich ständig alle ins Wort fallen und mehrere Fragen parallel gestellt werden. Davon sollte man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, sondern freundlich aber bestimmt bei seiner Meinung bleiben und bei provozierenden Fragen auf keinen Fall klein beigeben.
[Bearbeiten] Erfahrungsbericht und Tipps
Von den 80 Finalisten bekommen 20 einen Platz an der HNS. Ein Patentrezept für die Aufnahme gibt es nicht, denn die eigene Chance hängt natürlich stark davon ab, wie gut die Mitbewerber sind. Die oberste Regel an beiden Tagen lautet in jedem Fall: Nicht die Nerven verlieren! Insbesondere das Gespräch mit der Jury ist nichts für Zartbesaitete – das sollte man sich aber auf keinen Fall anmerken lassen. Das Auswahlverfahren ist auch darauf ausgelegt, die Stressresistenz der Bewerber zu testen. Wer sich den ganzen Tag Gedanken über seinen missglückten Wissenstest macht und sich auf nichts anderes mehr konzentrieren kann, hat meist schon verloren. Daher gilt: Eins nach dem anderen und nicht verrückt machen, wenn etwas nicht so gut klappt.
