Erfahrungsbericht - White & Case, Partner

aus e-fellows.net wiki, dem Wissensspeicher von e-fellows für e-fellows
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Erfahrungsbericht von Florian Hirschmann

Partner bei White & Case

Inhaltsverzeichnis

Der Ruf der weiten Welt – Diplomatie an der Madrider Botschaft

Erfahrungsberichte von Juristen
Neu00.png

Welche Berufsfelder gibt es für Juristen? Referendare, Jobeinsteiger und Berufserfahrene berichten in der neuen Rubrik "Perspektiven für Juristen" von ihren Erfahrungen.

Dieser Erfahrungsbericht stammt aus dem Buch "Perspektiven für Juristen".

Im März 2004 war es endlich so weit: Nach Stationen bei Gericht und Staatsanwaltschaft sollte die dreimonatige Verwaltungsstation im Rahmen meines Rechtsreferendariats beginnen.

Bewerbung um den Referendarplatz

Um einen der raren Referendarplätze zu erhalten, empfiehlt es sich, sich möglichst frühzeitig beim Auswärtigen Amt – der zentralen Anlaufstelle für Rechtsreferendare – zu bewerben. Aufgrund meiner Affinität zur spanischen Sprache hatte ich mich speziell für Mittelund Südamerika sowie Spanien beworben. Letztendlich standen zwei Standorte zur Wahl: La Paz (Bolivien) und Madrid (Spanien). Da zu diesem Zeitpunkt Bilder heftiger Unruhen im Regierungsviertel von La Paz in den Nachrichtensendungen flimmerten, entschied ich mich für Madrid als die sichere Alternative. Dass sich dies ausgerechnet für Madrid später als Trugschluss erweisen sollte, hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht geglaubt.

Meine Tätigkeitsbereiche an der Madrider Botschaft

Die Madrider Botschaft gehört als sogenannte A-Botschaft weltweit zu den wichtigsten Botschaften der Bundesrepublik Deutschland und hat für Referendare – im Vergleich zu London und Paris – den Vorteil einer noch überschaubaren Größe. In Madrid werden Referendare in allen Abteilungen, wie z. B. Rechts- und Konsularwesen, Wirtschaft, Arbeit & Soziales, Presse und Kultur, ausgebildet, was das mögliche Berufsbild eines Juristen im Diplomatischen Dienst vervollständigt, da Juristen nicht nur im Rechts- und Konsularwesen eingesetzt werden. Highlight meiner Station war meine Zeit in der Presseabteilung, die von einem sehr engagierten Botschaftsrat verantwortet wurde, der mir die Möglichkeit gab, an Außenterminen wie Pressekonferenzen, Tagungen und Treffen mit lokalen Journalisten teilzunehmen. Meine Tätigkeitsschwerpunkte auf rechtlichem Gebiet lagen im Pass- und Staatsangehörigkeitsrecht, Familien-, Erb- und Völkerrecht sowie im Internationalen Privatrecht. Zudem hatte ich Gelegenheit, deutsche Strafgefangene und deren Angehörige in spanischen Justizvollzugsanstalten von Botschaftsseite zu betreuen. Den traurigen Höhepunkt meiner Zeit in Madrid bildete der 11. März 2004, der Tag der El-Kaida-Attentate mit 191 Toten. Die Zeit nach den Attentaten war geprägt von Planungsaufgaben für Trauerfeiern, Besuchen hoher deutscher Repräsentanten (Bundespräsident, Bundeskanzler, Außenminister und Bundesminister) und der Bewältigung von Anfragen aus Berlin zu Hintergründen der Attentate. Hautnah dabei fühlte ich mich auch bei der Berichterstattung („Drahtberichte“) nach Berlin über die Informationspolitik der konservativen spanischen Regierung und die anschließenden Wahlen mit Regierungswechsel. Zudem war die Botschaft mit der Vorbereitungen für die Teilnahme des Bundespräsidenten an der Hochzeitsfeier des spanischen Kronprinzen betraut.

Vorzüge und Kehrseiten der Tätigkeit im Diplomatischen Dienst

Die wichtigsten Vorzüge einer Tätigkeit als Jurist im Diplomatischen Dienst (höherer Dienst) sind neben festen Arbeitszeiten die Krisensicherheit eines Jobs mit Beamtenstatus und die Chance, verschiedene Länder hautnah kennenzulernen. Die Möglichkeit, nicht nur juristisch tätig zu werden, sondern neben dem Rechts- und Konsularwesen auch andere Bereiche wie Wirtschaft, Politik oder Arbeit & Soziales zu verantworten, kann je nach Blickwinkel einen Vor- oder Nachteil darstellen. Die Kehrseite einer Tätigkeit im Auswärtigen Dienst besteht jedoch sicherlich darin, circa alle vier Jahre den Standort wechseln zu müssen, um jeweils wieder nach Berlin in das Auswärtige Amt zurückzukehren. Absolute Flexibilität ist somit unentbehrlich für Juristen, die mit diesem Berufsbild liebäugeln. Auch muss sich ein Jurist im Diplomatischen Dienst von dem Mythos verabschieden, den das Berufsbild aus früheren Zeiten noch heute in der Bevölkerung hat. Die deutschen Botschaften im Allgemeinen und die Botschafter mit ihren Botschaftsräten im Besonderen sind – zumindest in den A-Botschaften – schon lange nicht mehr die einzigen Naht- und Kommunikationsstellen der Bundesrepublik Deutschland mit dem jeweiligen Ausland. Aufgrund der globalisierten Außenpolitik und immer kürzer werdender Distanzen reisen zu nahezu allen wichtigen Angelegenheiten ein hoher Regierungsvertreter oder gar der Außenminister oder Bundeskanzler selbst an, sodass den Botschaften zunehmend „nur“ die Organisation des Besuches der Vertreter aus Deutschland verbleibt. Insofern geht hier sicherlich ein bisschen vom Glanz des Berufsbildes aus alten Tagen verloren.

Fazit

Die Zeit an der deutschen Botschaft in Madrid empfand ich sowohl in fachlicher als auch persönlicher Hinsicht als große Bereicherung. Im Ergebnis entschied ich mich jedoch gegen eine Berufslaufbahn im Diplomatischen Dienst. Dies lag hauptsächlich daran, dass ich nach dem Studium und zwei Examina einen Beruf ausüben wollte, der mir als Volljurist beides ermöglicht: komplexes juristisches Arbeiten in einem internationalen und professionellen Umfeld.

Im Jahr 2005 begann ich deshalb im Bereich Gesellschaftsrecht/Mergers & Acquisitions bei einer amerikanischen Großkanzlei in Frankfurt und bin seit November 2007 bei der englischen Sozietät Ashurst LLP in Frankfurt am Main tätig.

Meine Werkzeuge