Erfahrungsbericht - Senior Associate bei McKinsey & Company, Inc.
Ein Erfahrungsbericht von Dr. Hedda von Schaumann-Werder
Senior Associate
McKinsey & Company, Inc.
Inhaltsverzeichnis |
Als Exot in der Strategieberatung
Erfahrungsberichte von Juristen
Welche Berufsfelder gibt es für Juristen? Referendare, Jobeinsteiger und Berufserfahrene berichten in der neuen Rubrik "Perspektiven für Juristen" von ihren Erfahrungen. Dieser Erfahrungsbericht stammt aus dem Buch "Perspektiven für Juristen". |
Während meiner Referendarstation im kartellrechtlichen Bereich einer deutschen Großkanzlei stellte ich fest, dass mich die Hintergründe für wirtschaftliche und unternehmenspolitische Entscheidungen der Mandanten im Grunde mehr interessierten als raffinierte Konstrukte von Rechtsformen oder prozessuale Winkelzüge. Als zum Ende meines Referendariats die Berufsentscheidung dringlicher wurde, nahm ich deshalb an einem Event von McKinsey in Heiligendamm teil. Dort vermittelten mir Fallstudien zur Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft eine Ahnung von der Arbeit eines Unternehmensberaters. Und weil ich viele gute Gespräche mit solchen Beratern hatte, beschloss ich ziemlich spontan, mich in das Auswahlverfahren von McKinsey zu wagen.
Gut vorbereitet zum Vorstellungstermin
Diese eintägige Veranstaltung besteht aus mindestens drei Interviews und einem analytischen Test. Für Juristen ist das sicher ungewöhnlich. Daher empfiehlt sich auch eine gewissenhafte Vorbereitung. Entsprechende Literatur hilft dabei, auf jeden Fall sollte man aber die zur Verfügung gestellten Unterlagen durcharbeiten und das Kopfrechnen wiederholen.
Gefördert von Anfang an
Mit meinen Abschlüssen in der Tasche (beide Staatsexamina und der Doktortitel) begann ich im Januar 2009 als Associate im Hamburger Büro von McKinsey. Zunächst aber konnte ich mich auf meine künftigen Aufgaben vorbereiten – mit dem sogenannten Mini-MBA. So nennt sich das firmeneigene, internationale Training für alle, die nicht Wirtschaftswissenschaften studiert haben. In drei intensiven Wochen lernten wir die Grundlagen von Makroökonomie, Finance, Strategie sowie Operations kennen und erprobten unser Wissen in Fallstudien. Dann sammelte ich erste Erfahrungen in einem Beratungsprojekt, um nach weiteren zwei Monaten erneut zu einem Training zu reisen. Diesmal ging es um nützliches Handwerkszeug für den Berateralltag und die Teamarbeit, beispielsweise Problemlösungsstrategien und Interviewtechniken. Spätestens da wurde mir deutlich, dass die Förderung der eigenen Mitarbeiter ein zentraler Bestandteil der Firmenphilosophie ist und sehr ernst genommen wird.
Offen für Neues
Auch wenn man als Jurist bei McKinsey eher ein Exot ist, hinsichtlich der Projektauswahl unterliegt man keinen Beschränkungen – genauso wenig wie alle anderen jungen Berater. Einige haben schon beim Start eine ungefähre Ahnung, in welchem Sektor sie gern arbeiten möchten, bei anderen stellt sich das erst nach mehreren Projekten in verschiedenen Branchen heraus. Auf jeden Fall wird man ermutigt, in den ersten Jahren breite Erfahrungen zu sammeln, bevor man sich später gegebenenfalls spezialisiert. Vor allem aufgrund der wirtschaftlichen Lage habe ich allerdings im ersten Jahr hauptsächlich Banken und Finanzdienstleister beraten, und zwar meist in Fragen der organisatorischen Gestaltung des Unternehmens. Gelegentlich nutzten mir sogar meine juristischen Kenntnisse, etwa bei der Neugestaltung der Führungsstruktur einer Bank. Doch bei der Arbeit im sogenannten Merger Management wurde mir sehr deutlich, dass der Abschluss des Unternehmenskaufvertrags mithilfe spezialisierter Anwälte nur einen kleinen Schritt im Prozess zur erfolgreichen Zusammenführung zweier Organisationen darstellt. Was ich aber immer als hilfreich empfand, ist die Fähigkeit eines guten Juristen, auch komplizierte Sachverhalte zu durchdringen, komplexe Probleme strukturiert zu lösen und sauber zu kommunizieren.
Stets im Austausch mit anderen
Die tägliche Arbeit ist vielfältig und sehr interaktiv, obwohl auch das Erstellen von Präsentationen und das Entwickeln von Excel-Modellen dazugehört. Vom „typischen“ Juristenalltag unterscheidet sich mein Leben vor allem dadurch, dass ich direkt vor Ort mit dem Klienten zusammenarbeite, regelmäßig mit den übrigen Teammitgliedern Ergebnisse diskutiere, weitere Schritte bespreche und bei Bedarf Experten aus dem weltumspannenden Netz der Firma hinzuziehe – beispielsweise, um Spezialfragen zur Nachfolge in Familienunternehmen zu klären.
Praktikum oder Referendarstation als Testphase
Insgesamt scheint mir das Berufsbild des Unternehmensberaters für viele Juristen schwer fassbar zu sein. Dennoch: Wer Freude an der engen Zusammenarbeit mit verschiedenen Menschen hat, sich für wirtschaftliche Zusammenhänge interessiert, immer wieder neue Herausforderungen sucht und weder das Reisen noch die Zahlen scheut, der sollte sich einen persönlichen Einblick verschaffen. Ein Praktikum oder auch eine Wahlstation im Referendariat sind gute Gelegenheiten dafür. Einstiegsvoraussetzungen und Arbeitszeiten dürften hierbei übrigens niemanden überraschen: Sie sind bei McKinsey kaum anders als in den bekannten Großkanzleien.