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29.04.2010 von Sindy Heyn
Jobsuche
Und was machst du so?
Die Frage nach dem Job kann lästig sein. Studienabsolventen, die unterschiedlich lange nach der passenden Tätigkeit gesucht haben, berichten von ihren Erfahrungen.
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Der Job ist auch Prestigeobjekt. Es geht um Image und Selbstwertgefühl. Wer lange nach dem Studienabschluss nach der ersten Anstellung sucht, dem kann die Bewerbungsendlosschleife allerdings an die Nieren gehen. "Ich war schlicht überfordert", erzählt die 32-jährige Christine Müller. 2006 schloss die junge Frau ihr Studium als Diplom-Innenarchitektin ab. "Kurz nach dem Studium wusste ich überhaupt nicht, wie es weitergehen soll, in welche Richtung ich will", erinnert sie sich. "Möchte ich Messebau machen oder eher Denkmalsanierung, Wohnungen einrichten, Büros, Krankenhäuser oder Schulen planen? Ich hätte auch noch mal ein Aufbaustudium machen können, ins Ausland gehen oder im Küchenstudio anfangen können."
Der Vielzahl an Möglichkeiten stand jedoch nur eine begrenzte Anzahl echter Jobs gegenüber. Letztlich reiste die Berlinerin für einige Monate nach Australien, wo sie in verschiedenen Architektenbüros Erfahrungen sammelte. Zurück in Deutschland machte sie sich selbstständig und richtete Büros ein. Inzwischen hat sich die Freiberuflerin auf Altbausanierung spezialisiert und plant heute den Umbau alter Fabrikgebäude zu modernen Loft-Wohnungen.
Auch Nele Lindemann wusste nach ihrem Studium zur Betriebswirtin nicht genau, in welchem Bereich sie arbeiten wollte. "Ich hatte im Studium noch keine konkrete Vorstellung, wie mein Beruf exakt aussehen könnte", sagt sie. Also machte sie bereits studienbegleitend verschiedene Praktika und absolvierte nach einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt in England ein weiterführendes MBA-Studium. "Ich wusste immer, dass ich in meinem zukünftigen Job Verantwortung tragen und mit Menschen arbeiten möchte. Meine praktischen Erfahrungen und das Aufbaustudium haben mir geholfen, herauszufinden, worin meine Stärken liegen." Heute arbeitet sie als Senior Manager Education and Development in der Personalabteilung eines internationalen Unternehmens.
Auch wem der Einstieg ins Berufsleben leicht gelingt, kommen Zweifel. Die Diplom-Kauffrau Simone Bartels fand rasch nach ihrem Abschluss eine Festanstellung. Mittlerweile ist sie Teamleiterin in einem Münchner Medienunternehmen. Doch hin und wieder kommen der 33-Jährigen Zweifel, ob der eingeschlagene Karriereweg der richtige war. "Manchmal denke ich, es ging alles viel zu schnell. Es wird einem ja immer vermittelt, dass einem die Welt offen steht und man so viele Möglichkeiten hat. Das kann einen aber auch ganz schön überfordern", sagt sie. Dann überlegt sie, alles aufzugeben und noch einmal etwas ganz anderes zu machen und fragt sich, ob dies nun eine erste berufliche Sinnkrise ist? "Auf der einen Seite denke ich: Was mache ich hier eigentlich? Auf der anderen Seite aber schlägt mein Herz für meinen jetzigen Job, in dem ich schon viel erreicht habe."
Ein schneller Einstieg und Aufstieg im Job gelang Annett Rosenkötter keineswegs. Die Sozialwissenschaftlerin hat ein Jahr lang erfolglos Bewerbungen geschrieben. Für eine Weile arbeitete die 32-Jährige daher als Verkäuferin. Dieser Job war für sie jedoch nur eine Notlösung. "Bei der Frage, was ich mache, war mir dieser Job als Akademikerin peinlich, und ich habe ihn immer als vorübergehend beschönigt", gibt sie unumwunden zu. Eigentlich wollte die junge Frau gerne in der Stadtentwicklung arbeiten. "Aber angekommen in der Realität des Arbeitsmarktes musste ich über Alternativen nachdenken. Ein Schwerpunkt meines Studiums war die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, und so bewarb ich mich als Arbeitsvermittlerin bei der Bundesagentur für Arbeit. Nach mehreren erfolglosen Versuchen hat es im letzten Jahr endlich geklappt. Dieser Job macht mir Spaß", erzählt sie.
Die Realität auf dem Arbeitsmarkt lässt so manche engagierte Karrierepläne platzen. Einen Traumjob würde die 30-jährige Modedesignerin Claudia Albrecht daher nicht an Prestige, sondern an guten Rahmenbedingungen wie dem Arbeitsumfeld und dem Betriebsklima messen. "Mir ist ein angenehmes Arbeitsklima ohne ständige Konkurrenzkämpfe unter den Kollegen viel wichtiger als Titel oder Position. Nur so kann man langfristig glücklich sein."
Innenarchitektin Christine Müller genießt die Vorzüge, die ihr die Freiberuflichkeit bietet. Für sie sind selbst bestimmte Zeiteinteilung und abwechslungsreiche Projekte wichtiger als eine Festanstellung, auch wenn sie hierfür oft kein Verständnis findet. "In der Gesellschaft genießt leider nur die gute Festanstellung wirklich Anerkennung. Ich hingegen ernte meist verstecktes Mitleid dafür, dass ich mich durchwurschteln muss. Ich kann mir allerdings nichts Schlimmeres vorstellen als eine 40-Stunden-Woche mit 24 Tagen Jahresurlaub bei 2400 Euro brutto."
Zu seinem Job äußert sich der 31-jährige Markus Schneider eher zurückhaltend. Für ihn stand schon immer fest, dass er in der Landwirtschaft tätig sein will. Der Agrarwissenschaftler hat bereits vor seinem Studium auf dem väterlichen Landwirtschaftsbetrieb mitgeholfen, wo er auch jetzt arbeitet. Trotz seiner beruflichen Gradlinigkeit ist ihm die Frage nach seinem Job nicht immer angenehm. "Ich würde schon gern mal ein bisschen prahlen, aber das gibt mein Beruf nicht her. Mal ehrlich, es lässt sich einfacher darüber reden, wenn ich einen Job mit viel Verantwortung und viel Geld hätte", sagt er.
Personalerin Nele Lindemann erzählt gerne von ihrem Beruf. "Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Viele fragen allerdings nur aus reiner Höflichkeit und das große 'Ah und Oh' kommt nur, wenn man mit Titeln, Mitarbeiter- und Budgetverantwortung prahlen kann. Das ist mir lästig."
Auch Modedesignerin Claudia Albrecht hält nichts von Prahlerei. Sie unterhält sich zwar gern über ihren Job, aber wenn es um Titel und Positionen geht, steigt die Modedesignerin aus Leipzig aus. "Diese Titel-Geilheit mancher Leute macht mich fertig."
© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)
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