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Verbunden im Internet
03.07.2006
von Lukas Oldenburg

Social Software und Web 2.0

Aktive User dank sozialer Software

Die Zeiten des passiven Internetznutzers und der statischen HTML-Seiten sind vorbei. Sich von Seite zu Seite klicken und lesen, was einem die dortigen Medien aufbereitet haben – dank "Social Software" geben sich immer weniger User damit zufrieden. Durch Weblogs, Wikis, Foto-Sharing- und Social-Bookmarking-Portale wird der Surfer selbst zum Redakteur. Doch auch den Betriebsalltag können Wikis, Tags und Blogs bereichern. Beim Knowledge Jam der COGNEON GmbH in Erlangen trafen sich am 29. Juni 15 Vertreter aus verschiedenen Unternehmen zum Erfahrungsaustausch.

Web 2.0 ist ein "buzzword", bei dem keiner so recht weiß, was es eigentlich bedeutet. Das Internet jedenfalls wurde nicht "upgedatet", User nutzen es nur aktiver als früher. Meist dient Web 2.0 daher als Oberbegriff, um die Vielzahl an neuen interaktiven Werkzeugen und Diensten im Internet zu beschreiben.

COGNEON Knowledge Jam: Forum für Social Software
Zu Web 2.0 gehört auch und allen voran die so genannte "Social Software". Um die ging es beim Knowledge Jam, den das Erlangener Unternehmen COGNEON organisiert hatte. COGNEON berät Unternehmen beim Wissensmanagement und hat sich auf diesem Gebiet einen Namen gemacht. Referent Martin Röll (siehe Interview unten) stellte zum Einstieg die populärsten Social-Software-Werkzeuge vor. Später diskutierten die Teilnehmer dann, wie sich diese auch im Unternehmen sinnvoll nutzen lassen.


Martin Röll, Unternehmensberater für Social Software
Martin Röll (25) aus Dresden berät Unternehmen, wie sie Social Software sinnvoll einsetzen können. In seinem Weblog präsentierte er bis zum Januar 2007 seine neuesten Erkenntnisse zu diesem Thema.

Ist Web 2.0 wirklich eine "neue Version" des Internets?
Nein, das Internet ist dasselbe geblieben. Mit "Web 2.0" werden verschiedene Veränderungen im Web beschrieben: vor allem die Verbreitung von Social Software, insbesondere Weblogs, außerdem das Entstehen neuer Web-Anwendungen durch Mash-Ups, die Vermischung verschiedener Anwendungen miteinander, und Technologien wie AJAX.

Wie viel Prozent der User nutzen wirklich aktiv Social Software?
Das kann ich nicht sagen. Insgesamt gesehen sind es immer noch sehr wenige. Viel interessanter finde ich allerdings, wie viele aktive Weblogs und Wikis es derzeit zum Beispiel schon gibt und in welch rasantem Tempo ihre Zahl wächst.

Man liest ja immer wieder, dass das Internet durch Social-Software-Applikationen zu einem Medium werde, das dem Ideal der Demokratie am ehesten entspräche: Es gibt keine Hierarchien, und jeder hat die Möglichkeit, sein Wissen zu veröffentlichen. Erleben wir eine Medienrevolution?
Ich glaube nicht. Die Aufmerksamkeit ist immer noch nach denselben Gesetzen verteilt. Mit den Weblogs ist aber eine neue Form der Öffentlichkeit dazugekommen. Es gibt mehr Möglichkeiten, sich auszudrücken und seine Meinung auch an etablierten Medien vorbei zu verbreiten.

Und wie können traditionelle Medien auf diese neue Form der Öffentlichkeit reagieren? Sollte die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihre Online-Artikel auf Wikibasis veröffentlichen und für jeden editierbar machen?
Traditionelle Medien sollten gut beobachten, was in dieser neuen Öffentlichkeit vor sich geht. Dann können sie ihre eigenen Inhalte so gestalten, dass sie gut mit den Werkzeugen der Social Software zusammenspielen. Social-Software-affine User finden die Artikel dann zum Beispiel über Tags in ihren RSS-Feeds oder über die Suche auf Social-Bookmarking-Portalen.
Vom Leser zum Redakteur
Zu den bekanntesten Applikationen zählen die Wikis, die sich als Werkzeug zur Ablage und Aktualisierung von Wissen etabliert haben: Sind herkömmliche Enzyklopädien teuer und einige Beiträge darin oft kurz nach Erscheinen schon wieder veraltet, so halten Internetuser wie du und ich die Wikipedia kontinuierlich aktuell. Bereits jetzt ist die englischsprachige Version schon etwa 12mal so groß wie die Encyclopædia Britannica. Dabei verderben viele Köche nicht zwangsläufig den Brei: Die Zeitschrift Nature zeigte vor kurzem, dass eine Auswahl an Wikipedia-Artikeln 162 inhaltliche Fehler offenbarte. Was zunächst viel erscheint, ist es nicht mehr, wenn man es ins Verhältnis setzt: Denn selbst in zufällig ausgewählten Einträgen aus der renommierten Encyclopædia entdeckte das Expertengremium 123 falsche Informationen.

Kollektive Intelligenz: Das Wiki-Prinzip
Das Wiki-Prinzip, das auch bei e-fellows.net wiki Verwendung findet, ist das der kollektiven Intelligenz: Viele Gehirne wissen mehr als eins, viele Augen finden mehr Fehler als zwei. Ein weiterer Vorteil: Das Wissen ist im Nu eingegeben und ohne größeres Stöbern auch wieder abrufbar: Man gibt einfach den gesuchten Begriff in die Suchbox ein und klickt auf "Los", schon befindet man sich auf der Artikelseite oder kann einen neuen Eintrag erstellen, falls der Artikel zum gesuchten Begriff noch nicht existiert.

Weblogs: eine neue Öffentlichkeit
Doch nicht nur Wikis haben das Internet revolutioniert. Weblogs haben für eine neue Form der Öffentlichkeit gesorgt, die traditionelle Medien zu Umstellungen zwingt und Diktatoren die Schweißperlen auf die Stirn treibt: So verbucht allein die Blog-Suchmaschine Technorati.com jede Stunde etwa 50.000 neue Weblog-Einträge. Wer gut ist, zu dem verlinken andere auf ihren Blogs. Kommentare sorgen für Interaktion.

"Taggen" statt "zu Favoriten hinzufügen"
Wer früher auf etwas Interessantes im Netz stieß, nutzte die Browserfunktion "Zu Favoriten hinzufügen". Nach einiger Zeit jedoch wurde die Favoritenliste immer länger und die Unterordner immer unübersichtlicher. Alte Links vergaß man oder konnte sie schlichtweg nicht mehr finden. Wenn man daher heute etwas Interessantes aufstöbert, erleichtern einem Social-Bookmarking-Dienste wie del.icio.us oder Mister Wong das Wiederfinden. Ein Klick auf eine Browserschaltfläche, drei, vier Tags (Schlagworte) eintragen, speichern, und weiter geht die Surferei. Dasselbe funktioniert mittlerweile auch mit Bildern, Videos und Musikdateien.

"Folksonomy" statt Taxonomie
Was daran "Social Software" ist? Andere User, die nach Schlagworten suchen, die ich zuvor einer URL oder einem Bild zugewiesen habe, finden meine Linkempfehlungen, können sie weiterempfehlen, bewerten oder zu ihren hinzufügen. So entstehen so genannte "folksonomies" (Kofferwort aus "folk" und "taxonomy"): Das Web wird nicht hierarchisch in Über- und Unterkategorien klassifiziert, sondern einfach durch Schlagworte geordnet. Da beliebte Seiten häufiger gespeichert werden, stehen sie am Ende in der "folksonomy" auch ganz am Anfang der Suchergebnisse.


Social Software: Bereicherung im Unternehmensalltag?
Doch auch Unternehmen verwenden immer häufiger "Social Software". So sind Wikis hervorragend dazu geeignet, Erfahrungswissen oder Anleitungen für häufige Prozesse abzuspeichern. Will man Fortschritte bei längerfristigen Projekten dokumentieren, so bieten sich dazu Weblogs an. Das kann so aussehen, dass mehrere Mitarbeiter an einem Weblog schreiben und dort immer ihre neuesten Erkenntnisse ablegen. Vorteil: Man muss die Projektmitarbeiter nicht bei jeder halbdringlichen Erkenntnis mit einer E-Mail beglücken. Gegenargument: Ein Forum ist hierzu genauso gut geeignet.

Projektdokumentation per Blog, Tags und RSS Feeds
Röll schlägt daher eine Kombination aus Blogs, Tags und so genannten RSS Feeds vor. Der Mitarbeiter verschlagwortet dabei in seinem eigenen firmeninternen Weblog je nach Projekt oder Themengebiet jeden Eintrag mit bestimmten "Tags", beispielsweise mit dem Projektnamen oder dem Themengebiet. Über RSS Feeds können die anderen Mitarbeiter nun Blogeinträge zu bestimmten Schlagworten "abonnieren", so zum Beispiel die Beiträge, die mit dem Projektnamen verschlagwortet sind. Jedes Mal, wenn ein anderer nun einen neuen Eintrag mit dem abonnierten Schlagwort versieht, lädt ihn der RSS Reader automatisch herunter. Abgesehen davon, dass man nicht mehr ständig von E-Mails genervt wird, die nur noch für dringenden, nicht offenen und wichtigen Verkehr genutzt werden sollen, seien hierbei auch die Synergieeffekte nicht zu unterschätzen: "So finden sich Mitarbeiter aus verschiedensten Abteilungen, die an ähnlichen Themen interessiert sind", meint Röll.

Probleme: Datenmigration, strikte Hierarchien
Auch wenn viele Unternehmen bereits Social Software einsetzen – bei Siemens kann zum Beispiel mittlerweile jeder Mitarbeiter seinen eigenen Blog führen –, gibt es natürlich auch noch viele Probleme. Die kamen ans Licht, als die Unternehmensvertreter von ihren Erfahrungen erzählten. So sei es oft schwierig, das gesamte anderswo abgespeicherte Wissen auf ein Wiki zu migrieren. Leichter machen es spezielle, aber teure Wiki-Engines wie das "Confluence Wiki", in die man auch Texte im Rich-Text- oder HTML-Format einfügen kann, ohne sie wie beim Mediawiki noch einmal neu formatieren zu müssen. Als eines der größten Probleme gilt noch die Offenheit und Hierarchielosigkeit der meisten Social-Software-Applikationen, die nicht zu den strikten Hierarchien vor allem in großen Unternehmen passen. Wenn der Abteilungsleiter jede Information erst prüfen muss, sind freie Weblogs und Wikis eben nur mit erheblichen Einschränkungen funktionabel.

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