von Barbara Boesmiller

Geschichten aus 1001 Firma

Storytelling als Managementmethode

Karolina Frenzel, Michael Müller, Hermann Sottong: Storytelling. Die Kraft des Erzählens fürs Unternehmen nutzen. Das Harun-al-Raschid-Prinzip. dtv Taschenbücher Bd.34325, Juli 2006, 319 Seiten, 12 Euro. ISBN: 9783423343251

Bestellen bei buecher.de


Stell dir vor, der Vorstandschef deines Unternehmens fragt dich, ob es Probleme in der Firma gibt. Und nun stell dir vor,
er würde heimlich zuhören, wenn du dich in der Küche mit Kollegen unterhältst. Wann würde dein Vorstandschef wohl mehr über den Zustand der Firma erfahren? Die Geschichte von Harun-al-Raschid, dem Kalifen von Bagdad aus den "Märchen aus 1001 Nacht", beantwortet diese Frage: Weil er nachts nicht schlafen konnte, mischte sich der Kalif verkleidet unter sein Volk. Aus den Erzählungen der Menschen erfuhr er, was sie wirklich bewegte und was sie ihm nicht persönlich sagten - weil ihnen der Mut fehlte oder sie nicht die Worte dafür fanden. Weil der Kalif danach handelte, machte er sein Reich zu einem blühenden Land. Heute würde nach diesem Prinzip das perfekte "Management by Storytelling" funktionieren - meinen die Münchener Literaturwissenschaftler Karolina Frenzel, Dr. Michael Müller und Dr. Hermann Sottong.

Theorie und Praxis
Storytelling ist eine Management-Methode, die man genau wie andere solche Methoden zum Change Management, zur Personalentwicklung oder zur Verbesserung der internen Kommunikation einsetzen kann. Allerdings stützt sich die Storytelling-Analyse nicht auf Zahlen und Statistiken, sondern eben auf die Erzählungen von Mitarbeitern. Das Buch erläutert deshalb zunächst ausführlich das so genannte "Harun-al-Raschid-Prinzip". Als Beleg für Sinn und Anwendbarkeit der Methode nennen die Autoren dann konkrete Beispiele aus Unternehmen wie Xerox oder Siemens. So wurden bei Xerox als Ergebnis einer Storytelling-Analyse alle 25.000 Techniker weltweit vernetzt, damit sie Kollegen direkt um Hilfe bitten konnten. Die Servicezeit und der Verbrauch an Ersatzteilen sanken daraufhin in zwei Jahren um zehn Prozent. Der zweite Teil des Buches besteht aus Tipps, wie man Storytelling in der Praxis anwenden kann.

Ich erzähle, also bin ich
Warum Storytelling funktioniert und die Methode so wertvoll ist, begründen die Autoren in einem Satz: Der Mensch ist ein erzählendes Wesen. Durch unsere Geschichten drücken wir unsere Indentität und unsere Beziehung zur Umwelt aus. Außerdem können wir auch Dinge erzählen, die wir abstrakt nicht formulieren könnten. Das Erzählen ist deshalb bis heute eines der wichtigsten Mittel, um Informationen zu verarbeiten und Wissen weiterzugeben.

Das "Unternehmen im Kopf"
Damit Storytelling brauchbare Ergebnisse liefert, gilt es, das so genannte "Unternehmen im Kopf" zu finden. Damit meinen die Autoren das gemeinsame, aber verborgene Regelsystem, das in jedem Unternehmen vorhanden ist - und nur allzu oft nicht dem offiziellen Bild der Firma entspricht. Mitarbeiter und Management sind sich dessen meist nicht bewusst. Sie wissen nur, dass bestimmte Dinge immer gleich ablaufen oder irgendetwas eben nicht so läuft, wie es soll. Weil die Ursache unklar ist, setzen Veränderungen oft am falschen Punkt an - und bleiben wirkungslos. Storytelling dagegen macht das "Unternehmen im Kopf" bewusst und damit eine gezielte Veränderung möglich. In ihrer Beratungsarbeit befragen die Autoren dazu anonym eine bestimmte Zahl von Mitarbeitern der Firma, die unterschiedliche Positionen bekleiden. Diese Mitarbeiter erzählen ihre Arbeitsbiographie: wie kamen sie zum Unternehmen, wann hat sich etwas gravierend verändert - beispielsweise nach einem Börsengang. Aus diesen Gesprächen leiten die Berater Hypothesen zu Problemen der Firma ab. Sobald weitere Erzählungen diese Annahmen immer wieder bestätigen, gelten sie als stichhaltig. Dahinter steht das Konzept der so genannten Grounded Theory. Ist schließlich das "Unternehmen im Kopf" entschlüsselt, machen die Berater konkrete Lösungs- und Verbesserungsvorschläge.

Manager aus 1001 Nacht?
"Storytelling" ist ein gut geschriebenes und äußerst lesens-
wertes Buch. Es erklärt und begründet die Methode und regt zum Nachdenken an - sei es über das eigene Erzählverhalten oder die eigene Arbeitsbiographie. Auch die Beispiele für den Einsatz der Storytelling-Analyse überzeugen. Allerdings bleibt das Grundproblem des "Management by Storytelling": Es setzt sozusagen "Manager aus 1001 Nacht" voraus, die wie Kalif Harun-al-Raschid die Erzählungen ihrer Mitarbeiter ernst nehmen und daraus wirklich Konsequenzen ziehen wollen.

 


Kommentar schreiben

Sicherheitstext eingeben:*

* Pflichtfelder