Auslandserfahrung aus Personaler-Sicht
"Auslandserfahrung ist noch lange kein Ticket für den Job"
Wie Unternehmen Auslandserfahrung bewerten, hängt oft davon ab, ob es im Ausland Tochtergesellschaften gibt. Grund zum Aufatmen gibt es für Bewerber, die kein Semester in der Fremde verbracht haben. Freuen können sich aber auch diejenigen, die in einen Auslandsaufenthalt investiert haben: Ihnen winken zum Teil höhere Einstiegsgehälter.
Nicolet Eglseder von Bosch und Dr. Daniela Favoccia von Hengeler Mueller geben Auskunft über interkulturelle Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten im Beruf.
Dr. Daniela Favoccia ist Partnerin bei der Wirtschaftskanzlei Hengeler Mueller und tätig in den Bereichen Mergers & Acquisitions, Gesellschaftsrecht und Equity Capital Markets.
Nicolet Eglseder ist Leiterin Junior Management Programs bei Bosch im Corporate Human Resources Management.
Bevorzugen Sie Bewerber mit Auslandserfahrung? Wenn ja, warum?
Nicolet Eglseder: Ja, Auslandserfahrung ist eine zwingende Voraussetzung für unser Trainee-Programm, da die Bewerber üblicherweise eine Station ihres Programms in einer unserer ausländischen Dependancen verbringen. Außerdem sammelt man nur über einen längeren Auslandsaufenthalt viele zusätzliche Erfahrungen, die gerade beim Berufseinstieg eine große Rolle spielen. Dabei geht es uns vor allem um Sozialkompetenz wie interkulturelle Kenntnisse, Mobilität, Einsatzbereitschaft in anderen Ländern und Flexibilität. Es zeigt uns auch, dass sich der Bewerber einer ganz neuen, für ihn fremden Kultur ausgesetzt und dabei über den eigenen Tellerrand geschaut hat.
Daniela Favoccia: Wir sehen Auslandserfahrung im Lebenslauf sehr gern, bevorzugen Bewerber mit längeren Auslandsaufenthalten aber nicht. Für uns spielen verschiedene Kriterien eine Rolle: Neben der Persönlichkeit achten wir sehr stark auf die Papierform des Bewerbers, das heißt vor allem gute Zeugnisse und was jemand sonst noch gemacht hat, wie eine Promotion oder die Tätigkeit bei einer Unternehmensberatung oder in einem Unternehmen. Hat man schon einmal einen längeren Aufenthalt im Ausland verbracht, zum Beispiel innerhalb der Referendariatszeit oder während eines LL.M.-Studiums, zeigt das die erforderliche Flexibilität und Offenheit, die man später im Beruf braucht. Wir honorieren es auch mit einer höheren Vergütung, wenn jemand sich schon während seiner Ausbildung die Investition getätigt hat, für ein Jahr ins Ausland zu gehen. Das ist aber auch der einzige Unterschied. Das gleicht sich später wieder aus, sobald Bewerber, die noch keine zwölf Monate im Ausland studiert oder gearbeitet haben, für uns für ein Jahr ins Ausland gehen. Dabei arbeiten sie in unserem Büro in London oder im Büro von befreundeten Kanzleien in England oder Amerika. Das passiert in der Regel nach drei Jahren.
Worauf legen Sie in Bezug auf Auslandserfahrung bei den Bewerbern den größten Wert?
Daniela Favoccia: Da sind wir offen. Die meisten unserer Bewerber haben ihr Studium im Ausland verbracht, aber natürlich gibt es auch Kandidaten, die für längere Zeit bei einer ausländischen Firma oder Kanzlei gearbeitet haben. Die geforderten interkulturellen Erfahrungen sammelt man bei beiden Varianten.
Nicolet Eglseder: Die Hauptsache ist, dass Bewerber im Rahmen ihres Studiums oder eines Praktikums Auslandserfahrung gesammelt haben. Ob Studium oder Praktikum, dies spielt nur eine untergeordnete Rolle, das heißt, wir würden niemanden bevorzugen, nur weil er oder sie ein Praktikum statt eines Studiensemesters im Ausland absolviert hat.
Wie bewerten Sie die verbreitete Meinung, Auslandserfahrung sei das Ticket für den Job? Glauben Sie, dass dies eine Spirale in Gang setzt, nach der in wenigen Jahren nur noch diejenigen mit den spektakulärsten Erfahrungen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen?
Nicolet Eglseder: Grundsätzlich sehe ich Auslandserfahrung nicht automatisch als Job-Ticket und finde, dass der Auslandsaufenthalt allein im Allgemeinen überbewertet wird. Für eine erfolgreiche Bewerbung ist immer das Gesamtbild ausschlaggebend. Das bedeutet: Inwiefern erfüllen die Bewerber so genannte harte Kriterien wie Ausbildung, Noten, Studienzeitraum, Hochschule und praktische Erfahrungen? Bringen sie außerdem Soft-Skills wie Präsentationsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen, Konfliktstärke und Teamfähigkeit mit? Gerade für letztere ist das Ausland eine gute Schule. Letztlich glaube ich, dass die Aussagekraft eines Auslandsaufenthalts mittlerweile abgenommen hat. Gab es früher kaum Studienplätze an ausländischen Hochschulen, so ist es heute selbstverständlich, dass die Studierenden während ihres Studiums mindestens einmal im Ausland gewesen sind. Aber ich möchte auch Mut machen: "Spektakuläre Erfahrungen" werden so schnell keine Rolle für den Berufseinstieg spielen, denn seine Soft-Skills kann man überall gleich gut trainieren.
Daniela Favoccia: Ich glaube auch nicht, dass Auslandserfahrung das Ticket für den Job ist. Für uns zählt im Übrigen nicht die spektakulärste Erfahrung, sondern der Gesamteindruck, den ein Bewerber hinterläßt. Dazu gehören neben der Auslandserfahrung auch die Persönlichkeit, Offenheit und Flexibilität für Neues und eben auch die exzellente Papierform. Sicherlich ist aber jemand leichter vielfältig einsetzbar, der schon mal im Ausland war und die entsprechende Sprache spricht. Vieles läuft ja heute ausschließlich auf Englisch, inbesondere im Bank-und Kapitalmarktrecht. Generell denke ich daher schon, dass man mit Auslandserfahrung seinen Marktwert verbessert. Sie bleibt aber ein Add-on und ist nicht das allein entscheidende Auswahlkriterium.
Welche Länder im Lebenslauf sind für Sie am interessantesten?
Nicolet Eglseder: Da gibt es bei Bosch keine Gewichtung. Ich gehe davon aus, dass jeder Bewerber, der für längere Zeit im Ausland war, interkulturelle Kenntnisse mitbringt – und die werden überall auf der Welt gebraucht. Zudem bereiten wir unsere Mitarbeiter gründlich auf ihren Auslandseinsatz vor. Bosch hat Standorte in fast allen Ländern weltweit. Bei uns können erfolgreiche Bewerber in China, Indien, Japan, oder Brasilien ebenso arbeiten wie in Russland, Tschechien oder Schweden – um nur einige wenige zu nennen.
Daniela Favoccia: Da ein ganz großer, wenn nicht sogar der überwiegende Teil der Tätigkeit eines Anwalts in einer internationalen Wirtschaftskanzlei heute in Englisch erfolgt, sind für uns ganz klar die englischsprachigen Länder wie USA oder Großbritannien vorrangig. Das heißt aber nicht, dass die Bewerber diese Erfahrung schon mitbringen müssen. Auch Aufenthalte in anderen Ländern sind interessant. Wir schauen generell, wenn wir jemand ins Ausland entsenden, welche Sprachkenntnisse oder kulturellen Interessen sie oder er bereits vorweisen kann. Zunehmend entsenden wir unsere jungen Anwälte im Rahmen von Secondments nämlich auch nach Italien, Frankreich, Spanien, Schweden und sogar Indien und Hongkong. Nicht zuletzt können auch die familiären Bindungen der Kandidaten ausschlaggebend dafür sein, wo sie eingesetzt werden können und wollen.
e-fellows im Ausland treffen
Frankreich, Spanien, USA oder Indien: Für jedes Land gibt es in der e-fellows.net community die passende Gruppe.
