Ingenieure bei Bosch
Eine Werkstatt im Computer
Dr. Michèle Hirsch (Jahrgang 1966) wollte sich nach ihrem Physik-Studium und der Promotion eigentlich habilitieren. Doch das war ihr nicht praktisch genug, daher schaute sie sich nach einer Position in der Industrie um. Nach ein paar Schlenkern landete sie bei Bosch in Stuttgart - als Simulations-Ingenieurin in der Hardware-Entwicklung für Leistungselektronik. Um mit ihren "Hitzetests" nicht ständig Geräte zu zerstören, simuliert sie kritische Situationen am Computer.
Warum haben Sie sich als Physikerin für Bosch entschieden?
Ich habe in Freiburg und Tübingen studiert - da ist eigentlich jedem das Technologieunternehmen Bosch ein Begriff. Und ich habe dort zwei Praktika gemacht - eins in der Entwicklung und eins in der Forschung. Da ich mich aber eigentlich habilitieren wollte, dauerte es etwas, bis ich zu Bosch zurückkam. Erst war ich als PostDoc am Lawrence Berkeley Laboratory in den USA, dann an der Uni Oldenburg. Nach einem Exkurs bei Daimler in der Forschung hat mich aber Bosch schlussendlich doch überzeugt. Mittlerweile bin ich seit zehn Jahren hier.
Wo bei Bosch arbeiten Sie nun?
Ich arbeite in einem relativ jungen Bereich - der Entwicklung von elektrischen Antrieben für Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Meine Projekte befassen sich alle mit der elektronischen Hardware für diese Antriebe.
Also mit Steuergeräten?
Im Prinzip ja. Ein Elektro- oder Hybrid-Fahrzeug benötigt ja relativ viel Strom – in der Spitze so 300 bis 400 Ampere. Die dazu passenden Geräte sind daher etwas anders aufgebaut als die meisten Steuergeräte, die bei Bosch sonst hergestellt werden. Das zeigt sich auch in Größe, Gewicht und Kosten: wo eine Leistungselektronik eher in der oberen Liga mitspielt. Ich befasse mich vor allem mit dem Zusammenspiel vom Fahrzeug-Antrieb mit der eingebauten Leistungselektronik. Meine Spezialgebiete sind das Thermo-Management und die thermische Zuverlässigkeit.
Es geht also um Hitze?
Genau. Bei elektronischen Geräten entsteht eine erhebliche Abwärme, die müssen wir von den sensiblen Bereichen "wegführen". Dazu simuliere ich verschiedene Szenarien, um zu sehen, wo es in welchen Situationen heiß wird - und warum. Auf diesen Ergebnissen aufbauend entwickle ich Konzepte, wie man die thermische Belastung verringern könnte. Ich frage mich also zum Beispiel, wie man die Geräte so steuern kann, dass es gar nicht zu einer Überhitzung kommt.
Kann man es nicht einfach kühlen?
Wenn das Gerät immer heiß wäre, wäre das alles nicht so kompliziert. Allerdings gibt es einen ständigen Temperatur- wechsel zwischen heiß und kalt - je nachdem, ob es in Betrieb ist oder nicht. Das ist wie bei einer Büroklammer, die man zu oft an einer Stelle biegt. Irgendwann bricht sie. Genauso geht es unseren Geräten: Irgendwann halten sie der Belastung nicht mehr Stand.
Sie stehen also immer in der Werkstatt vor den Geräten und lassen sie überhitzen?
Nein, das wäre zu teuer und zu umständlich. Meine Werkstatt ist der Computer. Die Daten des Objekts werden in Bits und Bytes umgerechnet - so lassen sich Simulationen auch viel besser durchführen. Das gilt vor allem für Extremsituationen. Ich kann ja nicht am Prüfstand ständig die Geräte ruinieren, wenn ich Grenzsituationen testen will. Schneller geht es so natürlich auch.
Können Sie auch mal von zu Hause aus arbeiten?
Ich mache das nicht nur ab und zu sondern jede Woche. In der Regel arbeite ich an drei Tagen von zu Hause aus, zwei Tage bin ich auf jeden Fall im Büro. Mein Mann macht das umgekehrt - so ist immer jemand für unsere Tochter erreichbar. Insgesamt arbeite ich auch nur 35 Stunden in der Woche - eine prima Aufteilung.
War es denn schwer, dieses Modell durchzusetzen?
Nein, gar nicht. Es gibt so viele verschiedene Modelle zur Arbeitsteilung bei Bosch. Das liegt daran, dass man in Abstimmung mit seinen Chefs sinnvolle Modelle vorschlagen kann, die den Bedürfnissen des Unternehmens, der Aufgabe und des Mitarbeiters entgegenkommen. Ich bin ein paar Monate nach der Geburt unserer Tochter erst mit 40 Prozent eingestiegen und habe dann weiter aufgestockt. Weil mein Bereich sehr jung war und gerade aufgebaut wurde, hat das sehr gut gepasst. Ich habe quasi meine Arbeitszeit mit den Aufgaben gesteigert.
Haben Sie denn heute schon einen Hitzeschock simuliert?
Der heutige Tag stand eher im Zeichen der Eigensicherheit. Ich entwickle einen Algorithmus, der im Steuergerät wichtige Temperaturen zu jedem Zeitpunkt mitberechnet - während es in Betrieb ist. So soll das Gerät öfter und länger am Grenzbetrieb laufen können - wir können also mehr rausholen.
In Ihrem Team arbeiten nicht nur Physiker - wie klappt das?
Ich arbeite vor allem mit Elektrotechnikern und Maschinenbauern zusammen - und das klappt ganz gut. Als Physiker kenne ich mich fachlich in vielen Gebieten aus - aber nirgends absolut tiefgründig. Der Vorteil ist, dass ich mich schnell in die Ideen der anderen einarbeiten kann. Wenn es mal sehr speziell in ein Fachgebiet geht, holen mich meine Kollegen ab und erklären alles so genau, dass wir gut darauf aufbauend weiterarbeiten können.
Gibt es auch Kolleginnen - oder ist Ihr Job sehr männerdominiert?
Es gibt eigentlich fast nur Männer, das macht mir aber nichts aus. Es beeinflusst auch meinen Arbeitsalltag nicht sehr. Was ich aber lernen musste: etwas mehr wie die Männer zu kommunizieren. Frauen sind oft auf der "Vielleicht-Schiene" unterwegs - auch wenn sie sich bei einer Sache gar nicht unsicher sind. Männer verkaufen Ideen mehr wie Wahrheiten. Wenn ich mir das bewusst mache, kann ich aber genauso argumentieren.
Wie kommt man als Ingenieur zu Bosch?
Stelle deine Fragen in der e-fellows.net community. Vera Winter von Bosch beantwortet sie gerne.
