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Bürokratie in Brisbane

Brisbane Skyline, Quelle: sxc.hu, User: CraigPJ

Brisbane Skyline, Quelle: sxc.hu, User: CraigPJ

Warum hast du dich für eine Promotion entschieden?
 Ich habe nach dem Studium knapp ein Jahr gearbeitet und wollte eigentlich noch mehr Berufserfahrung sammeln, bevor ich promoviere. Aber dann hat sich die Möglichkeit an der UQ ergeben, und ich habe zugegriffen. Denn die Promotion war eine gute Gelegenheit, einige Jahre in Australien zu leben. Das ist mein Traumland, seit ich 2003 in Sydney ein Praktikum gemacht habe. Beruflich ist die Promotion für mich eher zweitrangig. Ich möchte hinterher in die Industrie zurückkehren, da ist der Doktortitel vielleicht nützlich, es würde aber auch ohne gehen. Außerdem halte ich mir so die Möglichkeit offen, später an einer Universität akademisch zu arbeiten. Allerdings kann ich heute noch nicht sagen, ob ich das je tun werde.
 

Wie bist du auf deine Uni gestoßen, hattest du vorher schon Kontakte?
 Ich kannte meine PhD-Betreuerin vom Studium an der TU Dresden. Als sie dann nach Australien ging, hat sie mir angeboten, dass ich jederzeit kommen und bei ihr promovieren könnte.
 

Wie hast du dich beworben? Musstest du dich vor Ort vorstellen?
 Die Bewerbung war rein schriftlich. Aber ich denke, dass das nur möglich war, weil ich meine Betreuerin schon aus Deutschland kannte. Ich habe ein Forschungsprojekt eingereicht, GMAT- und TOEFL-Ergebnisse sowie Uni- und Arbeitszeugnisse aus Deutschland eingesandt und ein sehr langes Bewerbungsformular ausgefüllt - die Australier lieben Bürokratie.
 

Gibt es deiner Meinung nach Vorteile bei der Promotion in Australien gegenüber Deutschland?
 In meinem Gebiet - den Informations-Systemen oder der Wirtschaftsinformatik - sind die Anforderungen für Veröffentlichungen hier in Australien höher. Deswegen lernt man schnell, wissenschaftliche Beiträge zu schreiben. Man arbeitet mit Professoren zusammen, die selbst in Top-Journalen veröffentlichen und kann sich viel von ihnen abgucken. Im ersten Jahr hat man auch Vorlesungen und sogar Prüfungen in wissenschaftlichem Arbeiten. Außerdem sind Doktoranden in Australien offiziell Studenten. Das heißt, man muss hier nicht so viel lehren.
 

Was ist dein Promotionsthema?
 Ich untersuche die Gründe, warum Firmen neue IT-Systeme anwenden, und wie sich die auf den Erfolg von IT-Projekten auswirken.
 

Wie kommt man zu solch einem Thema?
 Als ich nach dem Studium anfing in der IT-Branche zu arbeiten, konnte ich zwei Dinge beobachten. Erstens: IT-Projekte verlaufen oft nicht so, wie sich ein Kunde das vorstellt. Die Projekte dauern länger als geplant, kosten mehr und am Ende entsprechen die technischen Details oft nicht den Kundenwünschen. Zweitens werden IT-Systeme aus vielen Gründen eingesetzt – meistens erhoffen Firmen sich Einsparungen, manchmal werden sie aber auch "gezwungen" - zum Beispiel von einem wichtigen Kunden. Ich möchte herausfinden, ob es einen Zusammenhang zwischen den Gründen und dem Projekterfolg gibt.
 

Was ist für dich an deiner Promotions-Variante besonders positiv oder negativ?
 Schön ist, dass ich lerne, wissenschaftlich zu arbeiten. Zudem kann ich selbst entscheiden, wie viel ich an der Uni unterrichte. Außerdem kümmert man sich hier sehr intensiv um mich - die meisten Betreuer haben nur ein oder zwei PhD-Studenten. Leider ist es aber relativ teuer in Australien zu promovieren. Man bekommt kein Gehalt, sondern zahlt Studiengebühren - etwa 11.000 Dollar pro Semester. Zum Glück habe ich Stipendien – eines für die Lebenshaltungskosten und eines für die Studiengebühren. Die Stipendien waren viel schwerer zu bekommen als der Studienplatz. Hinzu kommt noch, dass man hier im ersten Jahr Vorlesungen hat und deswegen am Anfang kaum Zeit hat, an der Promotion zu arbeiten.
 

Auf welche unerwarteten Hindernisse bist du gestoßen und wie hast du sie bewältigt?
 Obwohl man wesentlich weniger unterrichtet als in Deutschland, ist der Arbeitsaufwand extrem hoch - Strategien zum Zeitmanagement sind also sehr nützlich. Außerdem hätte ich nicht gedacht, dass Australien so bürokratisch ist. Das kann einen hier durchaus in Schwierigkeiten bringen. Mein Visum ist zum Beispiel an die Auflage gebunden, dass ich studiere. Meine Uni sollte der Einwanderungsbehörde eigentlich mitteilen, dass ich neu eingeschrieben bin. Als ich aber ein halbes Jahr nach Studienbeginn bei der Behörde war, habe ich festgestellt, dass die von mir gar nichts wusste. Es kam heraus, dass meine Immatrikulation irgendwo zwischen zwei Abteilungen hängen geblieben war. Die Einwanderungsbehörde hat sich geweigert, mir eine Arbeitserlaubnis auszustellen, bis die Uni das Problem geklärt hatte.
 

Hattest du Probleme dich in der neuen Kultur zurecht zu finden?
 An meiner Uni kommt es schon manchmal zu Schwierigkeiten bei der Kommunikation. Das liegt an der Internationalität der Studenten. Mit australischen Kollegen geht man anders um, als mit chinesischen. Am Anfang dauert es ein bisschen, bis man das lernt. Man muss auch auf viele kulturelle Gegebenheiten Rücksicht nehmen, die in Deutschland keine große Rolle spielen. Im ersten Semester habe ich zum Beispiel an einem Gruppenprojekt teilgenommen und mich mit meinen Kollegen regelmäßig zum Mittagessen getroffen. Nach einiger Zeit fielen die Treffen aus, weil der Ramadan angefangen hatte und eines der Gruppenmitglieder Moslem war. Australier denken ganz selbstverständlich an so etwas, ich als Europäerin hatte es vergessen. Inzwischen habe ich mir angewöhnt, darauf zu achten, damit ich nicht aus Versehen einen Moslem im Ramadan zum Kaffeetrinken einlade.
 

Wie ist die Zusammenarbeit mit deinem Professor und die Betreuung?
 Die Betreuung ist sehr intensiv. Ich sehe meine Betreuerin meistens mehrmals pro Woche. Jeder Student hat auch mindestens einen Zweitbetreuer - den sieht man aber nur ein paar Mal im Jahr.
 

Was planst du nach deiner Promotion, möchtest du in Australien bleiben?
 Ja, ich würde gerne einige Jahre in Australien bleiben und Berufserfahrung in der IT-Branche sammeln, bevor ich zurückgehe.
 

Welche Tipps kannst du anderen (künftigen) Doktoranden mit auf den Weg geben?
 Durchhalten. Eine Promotion ist wahrscheinlich nie ein gerader Weg. Speziell für Doktoranden der Wirtschaftsinformatik: In Deutschland wird manchmal gesagt, dass es deutsche Wissenschaftler schwer haben, in guten angelsächsischen Journalen zu veröffentlichen. Das stimmt nicht. Es ist nicht leichter oder schwerer als für jeden anderen. Die sprachliche Qualität des Artikels spielt zwar eine Rolle, die Redakteure achten aber mehr auf den Inhalt. Wenn der Artikel einen Beitrag zur Forschung leistet, bekommt der Autor immer eine zweite Chance, um die Sprache zu korrigieren.
 
 Ein weiterer Tipp: Wenn ihr eine Promotion im Ausland plant, plant rechtzeitig. Ich war am Schluss ein wenig in Zeitnot mit meiner Bewerbung. Es tauchen alle möglichen Hindernisse auf, an die man am Anfang nicht gedacht hat. Meine Bewerbung hat sich zum Beispiel verzögert, weil in der Übersetzung meines Uni-Zeugnisses ein Fehler war und ich eine neue brauchte. Aber mit ein bisschen Geduld und Organisationstalent bekommt man das alles schon hin.

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