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In Japan auf bebendem Boden

Stipendiat des Monats September 2011 Johannes Bild 2, 77+100 Quelle: e-fellows.ne

Stipendiat des Monats September 2011 Johannes Bild 2, 77+100 Quelle: e-fellows.ne

Gerade kommt Johannes mit den Arbeitskollegen vom Mittagessen, da fangen plötzlich die Wände an zu wackeln. Johannes steht im 26. Stock eines Bürokomplexes und sucht erst einmal Deckung vor fallenden Lampen und Büchern. Gleich wird er durch das enge Treppenhaus evakuiert werden. Johannes ist seit gerade mal drei Wochen für ein Praktikum in Tokio und bekommt die Katastrophe um Fukushima hautnah mit. Zu nah – die Japaner bleiben zwar ruhig, aber Johannes flüchtet erst einmal nach Deutschland.

Es wird abenteuerlich

Das Praktikum in Tokio bekommt Johannes durch eine Kooperation seiner Universität in Münster mit Japan. Viel Zeit zum Vorbereiten bleibt ihm nicht, denn erst zwei Monate vorher bekommt er die Zusage und ist noch mitten im Prüfungsstress. "Zeit, Japanisch zu lernen, blieb da natürlich keine mehr." Die Wohnung wird zwar von Deutschland aus organisiert, der Rest bleibt aber offen. "Ich wollte nicht alles planen, ein bisschen Abenteuer sollte es schon sein." Abenteuerlich wurde es auch, allerdings mehr als geplant.

Die Stadt, die niemals schläft

"Es war ein glücklicher Zufall und ich bin total zufrieden, Tokio ist eine tolle Stadt." 35 Millionen Menschen - eine Stadt, die nie schläft. Höchstens die Geschäftsmänner am Straßenrand, wenn sie nach einer durchzechten Nacht die letzte U-Bahn verpasst haben. "Du läufst nachts durch die Straßen und siehst typische japanische Geschäftsmänner in ihren Anzügen auf der Straße liegen. Aber das stört dort keinen." Die Kriminalitätsrate ist in Japan sehr gering. "Man wacht am nächsten Morgen auf und hat seinen Geldbeutel noch in der Jackentasche."

Erst mal ruhig bleiben

Seine ersten Eindrücke bestätigen sich auch beim weiteren Aufenthalt. Vor allem am 11. März, als die Naturkatastrophe ausbricht - die Japaner bleiben erstaunlich ruhig. "Wir wurden evakuiert, aber keiner brach in Panik aus. Die Japaner sind zwar an Erbeben gewohnt, aber diese Stärke war selbst für sie außergewöhnlich. Mir selbst war aber auch noch nicht ganz klar, was eigentlich passiert ist." Selbst die japanischen Medien bleiben sachlich und vermeiden unnötige Dramatik.

Sechs Stunden nach Hause laufen

Deutlicher wird die Katastrophe bei der Stromversorgung. "Alle U-Bahnen standen still, Busse, Taxis und die Straßen waren überfüllt. Also mussten wir nach Hause laufen. Ich hatte Glück und war nur eineinhalb Stunden unterwegs, andere Kollegen hatten einen sechsstündigen Fußmarsch vor sich." In Deutschland ist es mittlerweile Mittag und die Nachricht dringt so langsam durch die Kanäle.

Eine Übernachtung auf dem Flughafen

"Die Ungewissheit war am Schlimmsten." Deshalb beschließt Johannes, sein Praktikum zu unterbrechen und wie viele andere Ausländer heim zu fliegen. Um den Flug zu bekommen, reist er vorsichtshalber einen Tag früher an und übernachtet am Flughafen. "Das Verkehrssystem war zusammengebrochen, durch die Stromknappheit wurden nur noch die Hälfte der Bahnen eingesetzt. Man wusste nie, wann man ankommt."

Das Haus auf dem Reisfeld

Nach einem Monat kommt er aber wieder zurück und packt mit an. "Mit der Firma fuhren wir in eine der am schwersten betroffene Region Miyagi. Dort haben wir einen Tag lang als Freiwillige geholfen." 500 Kilometer reisen sie, um in der Stadt Kesennuma Reisfelder aufzuräumen. "Da stand plötzlich ein Haus auf einem Reisfeld, wo gar kein Haus sein sollte." Das Helfen tut gut, trotzdem mischen sich komische Gefühle dazwischen, wenn er die Ausmaße des Tsunami sieht. "Man findet persönliche Dinge in den Trümmern, die durch den Tsunami angespült wurden. Es ist seltsam, die letzten persönlichen Dinge von Leuten wegzuschmeißen, die alles verloren haben."

Importierte Bananen ohne Strahlung

Auch in Tokio muss er sich auf die neue Situation einstellen. "Die Lebensmittelversorgung war bedenklich, man wusste nicht mehr, was man essen konnte." Besonders kritisch: Johannes kann kein Japanisch und versteht die Schriftzüge auf den Lebensmitteln nicht, kann die Herkunft also nicht bestimmen. "Irgendwann habe ich als Obst nur noch Bananen gegessen. Die können ja schließlich nicht aus Japan stammen." Welche Milch er bedenkenlos kaufen kann, sagt ihm sein Kollege. Und ansonsten heißt es: Vertrauen.

Fuji und zwei e-fellows

Alleingelassen fühlt er sich in seiner Situation jedoch nie. "Ich hatte super Kollegen, die haben die Zeit erst so unglaublich gut gemacht." Abendliche Touren gehören genauso dazu wie der Arbeitsalltag. Kurz vor seiner Abreise besteigen sie sogar gemeinsam den größten Berg Japans, den Fuji. "Ein altes Sprichwort besagt: "You are wise to climb Fuji once and a fool to climb it twice." Die Weisheit wollte ich natürlich mitnehmen." Ein bisschen Heimat trifft er im fernen Asien auch – nämlich zwei e-fellows. "Ich habe die City Group Tokio wieder belebt und mich tatsächlich mit zwei e-fellows vor Ort getroffen und ausgetauscht. Das hätte ich jetzt auch nicht erwartet."

Fernweh nach Sardinen-U-Bahnen

Mittlerweile ist Johannes wieder in Deutschland und kann sich wieder als Leiter der City Group Münster betätigen. Regelmäßig gibt es Stammtische, Besuche auf dem Weihnachtsmarkt oder auch mal ein Treffen mit Beratern von Oliver Wyman. Wohin er nach seinem Master of Finance will, ist noch nicht sicher. Er könnte sich allerdings durchaus vorstellen, noch mal ein paar Jahre in Tokio zu arbeiten. Denn nach den riesigen Menschenmassen in Tokio kommt ihm Deutschland fast etwas ausgestorben vor. "Man muss nicht mehr darum kämpfen, in die U-Bahn zu kommen und sich wie Sardinen zusammenquetschen." Die Türen schließen auch nicht mehr einfach ohne Rücksicht auf Verluste.

Der Trick mit den japanischen Kollegen

Außerdem hat er jetzt den Dreh raus, wie er von seinen japanischen Kollegen verständliche Antworten auf Englisch bekommt: Immer per Mail anschreiben, nie ansprechen. "Theoretisch sprechen viele Japaner Englisch, aber die Schriftsprache ist für sie einfacher. Schnelle und gute Antworten erhält man deshalb meistens per Mail." Mit diesem Know-how steht einer weiteren Karriere in Tokio nichts mehr im Wege – und einer zweiten Fuji-Besteigung auch nicht.

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