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Zu Besuch in der Todeszelle

Corinna Stipendiat des Monats Oktober 2011 People 174x100 e-fellows.net

Wer die Community kennt, kennt Corinna. Sie hat schon über 2.500 Daumen gesammelt und kann jetzt Fragen sogar noch schneller beantworten – mobil mit ihrem iPhone. Dabei zeigt sie Gesicht: "Anonym posten? Wozu denn?" Außerdem hat die Daumenkönigin ein außergewöhnliches Hobby: Sie interessiert sich für die Todesstrafe. Deshalb stattete sie auch ganz spontan einem Verurteilten einen Besuch in der Todeszelle ab - von Angesicht zu Angesicht mit einem Mörder.

Als Atheistin auf der katholischen Mädchenschule

Als Atheistin an einer katholischen Mädchenschule macht Corinna ihr Abitur. Durch eine Facharbeit kommt sie auf das Thema Todesstrafe. Das an sich ist ja nicht ungewöhnlich, aber Corinna geht einen Schritt weiter. Durch Amnesty International bekommt sie Kontakt zu Ricardo. Er wurde in den USA zum Tode verurteilt. Am Anfang schreiben sich die beiden nur, doch aus der Brieffreundschaft wird eine richtige Freundschaft. Kurzum beschließt Corinna, Ricardo in seiner Todeszelle zu besuchen.

"Ich bin eigentlich kein abenteuerlustiger Mensch"

Damals ist sie 19 Jahre alt und ihre Eltern nicht gerade begeistert. "Aber Fragen ist da die falsche Taktik, ich habe sie nur über meinen Plan informiert." Zum ersten Mal fliegt sie alleine - und das gleich zu einem ihr völlig Unbekannten. "Ich bin eigentlich gar kein abenteuerlustiger Mensch. Ein Jahr Work & Travel in Australien würde für mich zum Beispiel nie in Frage kommen." Aber wie kommt man dann darauf, einem Mörder auf einem anderen Kontinent einen Besuch abzustatten? "Das hat sich einfach spontan ergeben, und Ricardo hatte sich so auf meinen Besuch gefreut."

Verloren am Flughafen in Texas

Am Flughafen in Texas sollen sie eigentlich Ricardos Verwandte abholen. Nur leider kommt niemand. "Wir hatten immer nur E-Mail-Kontakt, ich hatte nicht einmal eine Telefonnummer." Der Taxifahrer bringt sie schließlich ans Ziel. "Ich war so erleichtert, dass ich ihm erst mal 30 Dollar Trinkgeld in die Hand gedrückt habe." Endlich angekommen, erfährt sie, dass ihre Gastfamilie erst einen Tag später mit ihr gerechnet hatte.

Briefe aus dem Gefängnis schmuggeln

Im 400 Kilometer entfernten Gefängnis besuchen sie gemeinsam Ricardo in seiner Todeszelle. Durch Glasscheibe und Telefon sieht und hört sie Ricardo zum ersten Mal. Wie ist das so – Angesicht zu Angesicht mit einem Mörder? "Die Gespräche waren ganz normal, seine Nichte war auch dabei und wir haben uns viel über seine kleine Tochter unterhalten." Einmal schmuggelt sie sogar persönliche Nachrichten für ihn aus dem Gefängnis.

Briefe aus der Freiheit

Nach zwei Wochen fliegt sie wieder heim und schreibt ihm weiterhin regelmäßig. "Dabei kommt man sich schon etwas schlecht vor, wenn man frei ist und erzählt, was man alles machen kann, während er in seiner vier Quadratmeter großen Zelle sitzt." Aber auch Ricardo hat etwas zu erzählen. "Er schreibt viel über seine Anwälte und schickt mir zum Beispiel seine Prozessunterlagen", erzählt Corinna. Er versucht, sich auch über lustige Dinge zu unterhalten, aber Corinna weiß, wie es im Gefängnis vor sich geht. "Die Todestrakte verstoßen gegen etliche Menschenrechte, und viele Gefangenen bitten irgendwann freiwillig um die Hinrichtung." Mittlerweile zieht sich sein Verfahren schon seit zehn Jahren. Corinna selbst hat ihre Einstellung zu Giftspritze und Todesstuhl geändert. "Früher war ich eine totale Befürworterin der Todesstrafe. Mittlerweile weiß ich, wie verworren die Verfahren sind. Es werden den Angeklagten nur Steine in den Weg gelegt. Die Unschuld zu beweisen ist fast unmöglich."

Kulturschock in der Großstadt

Wieder zurück in Deutschland, geht ihr normales Leben weiter: Sie studiert Bioingenieurwesen, macht mittlerweile einen Master in Mikro- und Nanotechnik. Das Großstadtleben in München war für sie erst einmal ein Kulturschock. "Ich komme aus einem Dorf mit 4.500 Einwohnern und ohne Ampeln. Einmal in der Stunde fährt der Bus. Hier rennen die Leute wie die Bekloppten, weil sie sonst zehn Minuten auf den nächsten Bus warten müssten." Mehrmals in der Woche reitet sie und ist dabei teilweise "hauptberuflich Pferdebesitzer und nebenberuflich Student".

Hobbys? Horrorfilme und Bäume

Ein typisches Mädchen ist sie deshalb aber noch lange nicht. Als Teenager liebte sie Horrorfilme, stellte sich bei "The Ring" das Telefon neben die Couch. Gar nicht gehen dagegen die Cartoon-Figuren von "Happy Tree Friends", die zwar niedlich aussehen, sich aber in jeder Serie möglichst brutal umbringen. "Da wird mir schlecht." Bäumen im realen Leben sind dagegen eine Leidenschaft. "Ich liebe exotische Pflanzen. Bonsai-Bäume und ein Mammutbaum gehören schon zu meinen Schätzen. Als nächstes will ich unbedingt einen Urzeitbaum, der erst vor Kurzem entdeckt wurde." Corinna bleibt sich also treu, denn ein Markenzeichen hat sie schon weg: Ungewöhnliche Hobbys sind ihr Hobby.

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