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Mehr Recht als schlecht für Flüchtlinge

Artikelbild Stipendiat des Monats April 2015 (Quelle: Refugee Law Clinic München)

Quelle: Refugee Law Clinic München

In ihrem Jurastudium hat Stipendiatin des Monats Franziska schon ganz schön viel von der Welt gesehen: Sie hat in Italien, Russland und Malaysia studiert. Neben dem internationalem Recht hat sie dabei eine andere große Leidenschaft entdeckt: die Refugee Law Clinic in München, eine Rechtsberatung für Flüchtlinge. Franziska erzählt vom Alltag in der Law Clinic und erklärt, warum man auf alles gefasst sein muss - auch auf eine Geburt mitten in der Beratungsstunde.

Ein paar Minuten reichen für ein Telefongespräch mit Franziska nicht aus – so viel hat sie zu erzählen: über ihre Beweggründe, Jura zu studieren, ihre Zimmergenossinnen in Russland und natürlich die Refugee Law Clinic, die sie 2013 mit Freunden und Bekannten in München gegründet hat. Und gerade zu letzterer weiß Franziska so einige Annekdoten zu berichten.

Von Voodoo-Zauber und erkämpften Schulbesuchen

Da war zum Beispiel der Mann aus Nigeria, der einen Diebstahl in seinem Wohnheim meldete – und den Fall schließlich mithilfe eines Voodoo-Zaubers lösen wollte. Es gab Geschichten, die glücklich ausgingen, wie die des 16-jährigen Jungen, der von den Behörden viel älter eingeschätzt wurde und deswegen ausgewiesen werden sollte. Dank der Law Clinic durfte er schließlich doch bleiben und eine Schule besuchen. Es gab aber auch tragische Geschichten von Krieg, Gewalt, Vergewaltigung und Flucht unter lebensgefährlichen Umständen.

Franziskas Interessen sind sehr vielseitig, das merkt man im Gespräch mit ihr sofort. Ihre Leidenschaft für Sprache und Kultur kommt genauso zum Ausdruck wie die Begeisterung für Recht und Gesellschaft. Letzteres brachte sie schließlich zur Entscheidung, Jura zu studieren: "Ich lerne, unter welchen Vorschriften und Normen wir miteinander auskommen und wie Gesetze auf uns wirken."

Zensiert von Russland

Weil Franziska von Beginn ihres Studiums an rechtliches mit kulturellem Wissen verknüpfen wollte, belegte sie an der Uni in Passau auch einen Russischkurs: "Ich finde, man bekommt an der Uni so viele Angebote wie sonst nirgends, das sollte man nutzen." Deswegen entschied sie sich, eine Sprache zu lernen, die nicht jeder kann. Außerdem findet Franziska Russland spannend: "Obwohl das Land geografisch so nah ist, ist die Mentalität eine ganz andere." Davon konnte sie sich auch bei ihrem Auslandsjahr in St. Petersburg überzeugen, wo sie sich ihr Wohnheimzimmer mit zwei Russinnen teilte. "Am Anfang habe ich mich schon fremd gefühlt – das legte sich aber mit der Zeit." Das russische Rechtssystem hat Franziska übrigens am eigenen Leib zu spüren bekommen: Ihr Blog, den sie über ihren Alltag in Russland geführt hatte, wurde zensiert. Das war zwar eher eine Vorsichtsmaßnahme, da Franziska sich nicht kritisch über das Land geäußert hatte, aber dennoch eine prägende Erfahrung.

Nach ihrer Rückkehr an die Passauer Uni bekam sie überraschend die Gelegenheit, noch mal im Ausland zu studieren – diesmal in Italien und Malaysia. In Italien besuchte sie zum ersten Mal Kurse im Flüchtlingsrecht – ein Thema, das sie seitdem nicht mehr losließ. Kurze Zeit später in Malaysia kam ihr die Idee für die Refugee Law Clinic.

Brauchen Flüchtlinge eine studentische Rechtsberatung?

Am Anfang war es vor allem wichtig, andere Menschen von der Idee einer studentischen Flüchtlingsberatung in München zu überzeugen: Braucht die Stadt das überhaupt? Gibt es nicht schon genug Anwälte, die Asylbewerber beraten? "Nein", stellte Franziska bei ihrer Recherche fest, "es bekommen längst nicht alle Flüchtlinge einen Termin beim Anwalt – etwa ein Drittel geht leer aus."

Zusammen mit Freunden, Bekannten und weiteren Jura-Studenten, gründete sie 2013 die Refugee Law Clinic in München. Anfangs zu siebt erstellte die Gruppe ein Konzept, recherchierte Anwälte, die sie bei der rechtlichen Beratung unterstützen würden und nahm Kontakt mit der Caritas auf, die Räume zur Verfügung stellte.

Aller Anfang ist... schwanger

Die erste Beratungsstunde war aufregend – Franziska erinnert sich: "Wir waren natürlich ziemlich nervös – wird die Rechtsberatung verlaufen, wie wir uns das vorgestellt haben? Unsere erste Klientin war eine hochschwangere Frau, die wissen wollte, welche Staatsbürgerschaft ihr Kind haben würde, wenn es auf die Welt kommt." Die Frage kam wirklich auf den allerletzten Drücker, denn die Wehen setzten mitten in der Beratungsstunde ein und die Frau musste ins Krankhaus gefahren werden. Auch, wenn nicht alle Beratungsstunden so aufregend sind wie die erste, kommt es immer wieder zu Überraschungen: "Man muss lernen, auch unvorbereitet mit Menschen umgehen zu können."

So sieht eine Beratungsstunde aus

Wie läuft eine Beratungsstunde in der Law Clinic in der Regel ab? Franziska: "Bei der Beratung sind wir immer zu dritt. Dabei achten wir darauf, dass immer eine Studentin und ein Student beraten – denn manche Themen möchte man lieber mit einer Frau oder einem Mann besprechen. Eine Person ist der Wortführer, die zweite Person arbeitet ihr zu, die dritte Person (oft ein Student, der gerne in die Arbeit der Law Clinic reinschnuppern möchte) führt Protokoll." Und wie funktioniert das ganze sprachlich? Die meisten Flüchtlinge in Bayern kommen aus Syrien, für die gibt es Übersetzer. Das sind meist Jura-Studenten, die einen arabischen Hintergrund haben und deren Eltern oft selbst aus ihren Heimatländern geflohen sind. "Viele andere Flüchtlinge kommen aus Nigeria, Somalia und Eritrea – da kommen wir meist mit Englisch und Französisch aus."

Und wie geht es weiter?

Momentan findet die Beratungsstunde jede Woche abwechselnd an zwei Standorten statt. Da die Refugee Law Clinic mittlerweile Teil eines Praxismoduls an der Jura-Fakultät der LMU München ist, werden immer mehr Studenten auf den Verein aufmerksam. Als nächstes ist eine zentrale Beratungsstelle geplant.

Trotz Engagements in der Law Clinic hat Franziska sich noch nicht entschieden, wie ihre berufliche Zukunft aussehen soll – Vollzeit als Anwältin für Flüchtlinge zu arbeiten findet sie schwierig: "Ich will bei der Arbeit nicht irgendwann abstumpfen und nichts mehr fühlen, wenn die Flüchtlinge mir ihre Geschichten erzählen." Sie könnte sich aber vorstellen, später in einer caritativen Organisation zu arbeiten. Auf jeden Fall will sie sich weiterhin nebenbei für Flüchtlinge einsetzen.

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