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Meine neuen Kollegen: Obama, Sarkozy und Assad

New York (Quelle: freeimages.com, Autor: marcuscg)

Quelle: freeimages.com, marcuscg

Die einen kellnern, die anderen jobben beim Steuerberater. Frederik hat dagegen einen etwas anderen Studentenjob: Diplomat. Allerdings nicht in einem Planspiel und auch nicht für Deutschland. Er arbeitet für den kleinen Inselstaat Tuvalu bei den Vereinten Nationen in New York. Dort sitzt er auch schon mal vor Obama, hört Susan Rice schimpfen und lernt mehr über 23 Stockwerke.

Freitagmorgen, acht Uhr. Ich stehe im Empfangsbereich der Deutschen Mission, schräg gegenüber vom UN-Hauptquartier und löse das Problem, wem ich die Hand zur Begrüßung geben soll, ziemlich unsouverän. Der deutsche Experte für Klimapolitik mustert mich mit fragendem Blick - von Tuvalu stamme ich offensichtlich nicht, angemeldet bin ich auch nicht. Wir steigen zu siebt in den Fahrstuhl, außer dem Klimaexperten und mir  noch fünf Botschafter kleiner Inselstaaten wie Nauru, Vanuatu oder Palau.

Warum der 23. Stock eigentlich der 21. ist

Wir fahren zum Breakfast-Meeting in den 23. Stock, der eigentlich  der 21. Stock ist - weil in den USA das Erdgeschoss bereits als erster Stock zählt und 13. Stockwerke nicht existieren. Das Thema "Klimawandel als Bedrohung für die internationale Sicherheit" wurde auf die Agenda des Sicherheitsrates gesetzt, nächsten Mittwoch findet die Sitzung  statt, der Ausgang ist noch ungewiss. Mir wird schnell noch ein Platz neben dem deutschen Botschafter eingedeckt.

Nur nicht dumm auffallen

Ich gebe mir Mühe, dem Gespräch möglichst umfassend zu folgen, ohne dumm aufzufallen. Leider kann ich bei einem Frühstücksmeeting schlecht meinen Collegeblock rausholen und mitschreiben. Also wiederhole ich in meinem Kopf gebetsmühlenartig die aus meiner Sicht wichtigsten Informationen - schließlich muss ich im Anschluss meinen Bericht für die Botschaft und die Regierung verfassen. Mein Botschafter bevorzugt glücklicherweise kurz und knapp.

Koffer packen einer ganzen Nation?

Um 10 Uhr ist bereits das nächste Meeting im Hauptquartier mit dem argentinischen Botschafter. Dieser empfängt uns als Vorsitzender der G77, ein Zusammenschluss aus Schwellenländern. Das heutige Thema: Klimawandel. Hier ist die Position der G77 aus unserer Sicht ernüchternd. Ganze Staaten drohen im Meer zu versinken. Kiribati plant deswegen bereits den Umzug der gesamten Nation nach Fidschi. Ban Ki-moon bezeichnete den Klimawandel als die größte Bedrohung des 21. Jahrhunderts. Eine Anzahl von 250 Millionen sogenannter Klimaflüchtlinge wird noch im Laufe dieses Jahrhunderts erwartet.

Kein Vertrauen in den Westen

In den informellen Meetings wird auch klar, warum die G77 das Thema in Wirklichkeit nicht im Sicherheitsrat haben wollen: "We do not trust them" lässt uns der argentinische Botschafter wissen. Viele kleine Staaten befürchten, dass der Westen, welcher drei von fünf ständigen Mitgliedern stellt, jede neue Kompetenz des Sicherheitsrates missbrauchen könnte - um eigene Interessen unter dem Deckmantel einer moralischen Unfehlbarkeit durchzusetzen. Wer ist der Nächste im Fadenkreuz der Mächtigen?

Wenn Susan Rice schimpft und schreit

Am folgenden Mittwoch sitze ich in der Sicherheitsratssitzung, zwei Reihen hinter dem runden Tisch, und verfolge den Schlagabtausch. Indien fällt uns in den Rücken, Russland zweifelt an hinreichenden wissenschaftlichen Belegen für den Klimawandel. Susan Rice, Botschafterin der USA, schreit ihre Kollegen beinahe an, dass sich der Sicherheitsrat seiner Verantwortung nicht entziehen dürfe. Tue er dies dennoch, könnten die USA nur wünschen: "Tough luck!"

Nur Lippenbekenntnisse

Eine schöne Gelegenheit für die USA, ein klimapolitisches Profil zu inszenieren – allen ist ohnehin klar, dass kein konkretes Ergebnis zustandekommen wird, der ideale Zeitpunkt also für Lippenbekenntnisse.

In Reihe eins vor Sarkozy und Obama

Zeitsprung: Ende September, die Generalversammlung der Vereinten Nationen ist in vollem Gange. Die Sitzverteilung erfolgt dadurch, dass der Platz vorne links einmal im Jahr ausgelost wird, ab dort geht es alphabetisch weiter. Das Los fiel auf Turkmenistan, unsere Plätze sind unmittelbar vor dem Rednerpult in Reihe eins. Obama, Sarkozy, Cameron, Ahmadinedschad, jede Menge Diktatoren und Staatsoberhäupter mir bis dato völlig unbekannter Länder haben schon das Wort ergriffen. Der Nahost-Konflikt ist nach dem Antrag Palästinas auf Vollmitgliedschaft das meistbesprochene Thema.

Standing Ovations für Assad

Eben wurde Assad mit Standing Ovations begrüßt und hat im Anschluss eine flammende Rede gehalten, die als "sein wichtigster internationaler Auftritt" kommentiert werden wird. Jetzt antwortet Netanjahu im Rededuell des Nahen Ostens: "I didn't come here to win applause. I came here to speak the truth!" Ein kleines Kapitel der Weltgeschichte wird geschrieben!

Wie werde ich Diplomat für Tuvalu?

Um eine Zeit von mindestens drei Monaten als vollwertiger Diplomat – unbezahlt – für einen Inselstaat zu arbeiten, muss man sich nur bei "Islands First" bewerben – eine NGO, die gegründet wurde, um die strukturell sehr schwachen Inselstaaten zu unterstützen – Tuvalu beispielsweise hat den Beraterstäben der großen Staaten ganze drei Mitarbeiter entgegenzusetzen: Der Botschafter, seine Frau und sein Schwiegersohn. Bewerber sollten fließend Englisch sprechen und ihre Motivation überzeugend darlegen können. Ein abgeschlossenes Studium ist schön, aber nicht zwingend erforderlich.

Mein Glück in der Hauptstadt der Welt

Eine einmalige Zeit! Dazu Manhattan, Hauptstadt der Welt – wohl der einzige Ort, an dem Menschen aus jedem Land dieser Erde wohnen. Und was auch immer man der UNO vorwerfen mag – sie wird in Zukunft gewiss nicht unbedeutender. Während meines Sommers in New York hatte ich obendrein noch das "Glück", gleich mehrere historische Ereignisse zu erleben: Das stärkste Erdbeben an der US-Ostküste seit mehr als 100 Jahren, den Beinahe-Bankrott der USA, Hurricane Irene, zu deren Ehren zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt der New Yorker Nahverkehr komplett eingestellt wurde und die Anfänge der "Occupy-Wall Street-Bewegung".

Auf der Seite des Guten

Auch ohne den Berufswunsch "diplomatischer Dienst" rate ich jedem Interessierten, von dieser Chance Gebrauch zu machen. Neben den vielen Eindrücken bekommt man auch das Gefühl, auf Seite der Schwachen für eine gute Sache zu kämpfen - ein angenehmer Kontrast zu so manch anderem Praktikum.

Weitere Informationen gibt es unter www.islandsfirst.org.

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Kommentare (5)

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  1. Caro

    Hallo Frederik, toller Bericht.. Vielen Dank! Ich werde (höchstwahrscheinlich) im September bei Islands First anfangen... :-) Könnte ich dir vielleicht noch ein paar Fragen stellen? Wenn du Zeit und Lust hast, schreib mir doch kurz eine Mail. Ich habe leider keinen e-fellows-Zugang. Vielen Dank, Caro

  2. Frederik

    Hi Cornelia, Hast Du da einen guten Kontakt? Versuche seit knapp 2 Wochen, die zwecks meiner Promotion zu erreichen. Falls ja, schreib mir via e-fellows!

  3. Cornelia

    Hey Frederik, der Bericht klingt ja wirklich spannend! Habe 2010 Kiribati bei den UN Klimaverhandlungen in Cancun unterstützt und konnte deshalb einige Erfahrungen nachvollziehen. Liebe Grüße, Cornelia

  4. Frederik

    Danke! Ich bin allerdings längst noch keine 28, sondern erst 27! Und um Missverständnissen vorzubeugen: Das Bild ist gestellt (beide ;) ).

  5. Tinka

    Wau! Super Job, super Bericht. Vielen Dank dafür!

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