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Leben und Arbeiten in der größten Demokratie der Welt

Kaufmännische Leiterin in einem Bosch-Rexroth-Werk in Indien [Quelle: freeimages.com, Autor: subhadipin]

Quelle: freeimages.com, subhadipin

Mit Teetrinken und Süßigkeiten kann man in Indien Freundschaften und Geschäftskontakte knüpfen. Das lernte e-fellows.net-Alumna Isabelle, als sie vor drei Jahren nach Delhi zog. Mit jeder Menge Humor und Geduld im Gepäck lässt sich in der Hauptstadt mit über 17 Millionen Einwohnern gut Fuß fassen.

Es sind mittlerweile drei Jahre vergangen, seit ich nach Delhi gezogen bin, Hauptstadt Indiens und 17-Millionen-Metropole. Bis heute hat meine Faszination für diese verrückte, pulsierende Hinterlassenschaft unzähliger Invasoren nicht abgenommen. Die Engländer gestalteten nur den letzten dramatischen Akt mit der Ernennung Delhis zur Hauptstadt des British Raj im Jahr 1931.

Mit einer rapide wachsenden Bevölkerung von derzeit 1,3 Milliarden Menschen und einem gleichzeitigen Durchschnittsalter von 23 Jahren, gestaltet Indien seine - und damit auch unsere - Zukunft. Ich kann mir derzeit keinen spannenderen Ort auf dieser Welt vorstellen, in dem ich leben und arbeiten möchte. Wie es dazu kam? Purer Zufall - und ein bisschen Mut.
Noch während meines Studiums bin ich 2008 in der Leitung eines Start-Up-Unternehmens  eingestiegen und Hals über Kopf nach Indien gezogen. Ich hatte das Angebot erhalten, bei einer Unternehmensberatung mit Schwerpunkt erneuerbare Energie in Neu Delhi zu arbeiten und habe mich nach meinem Bauchgefühl dafür entschieden.

Sicher, ich war davor schon oft in Indien. Ich kannte die gängigen kulturellen Gepflogenheiten und verstand die Bräuche der Hindus, die mit 82 Prozent die religiöse Mehrheit bilden. Ich konnte die Meilensteine indischer Unabhängigkeits-Geschichte im Schlaf wiedergeben. Aber in Indien privat und beruflich Fuß fassen war eine Herausforderung.

Indien boomt – und steht sich dabei manchmal selbst im Weg

Mit einer Wachstumsrate von durchschnittlich acht Prozent entwickelt sich Indiens Wirtschaft rasant. Auch die Krisen der internationalen Finanzmärkte haben diese Kontinuität nur wenig beeinträchtigt. Bis 2025 wird Indien voraussichtlich zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen und einen beachtlichen Teil zur Weltwirtschaft beitragen.

Seit Öffnung der Märkte im Jahr 1991 hat Indien den Weg der Liberalisierung eingeschlagen - und das mit Erfolg. Das Wohlstandsniveau steigt stark an, die Analphabeten-Rate sinkt und Auslandsinvestitionen werden im großen Stil getätigt. Immer mehr internationale Firmen bauen Standorte in Indien auf oder erweitern bestehende. Armut, knappe Ressourcen bei Wasser und Elektrizität, massive Umweltverschmutzung sowie ein vielschichtiges kulturelles System machen Indien andererseits zu einem Land voller ethischer, emotionaler und organisatorischer Herausforderungen.
So ist das Land zum Beispiel nicht umsonst für seine ausufernde Bürokratie bekannt. Einfache Prozesse, wie etwa das Eröffnen eines Bankkontos oder die Anmeldung beim Einwohnermeldeamt, können aberwitzige Formen annehmen. Dokumente verschwinden in riesigen Papier-Archiven, da ein Großteil der Institutionen noch nicht vollständig computerbasiert arbeitet. Das macht Arbeit – für alle Beteiligten.

Indiens Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft stehen vor der Herausforderung, umfassende Reformen einzuleiten. Bildungsmöglichkeiten und Jobs für die stark ansteigende Bevölkerung müssen geschaffen, Armut reduziert und Wachstum nicht auf Kosten von Natur und kultureller Vielfalt gebaut werden. All diese Herausforderungen spiegeln sich auch in meinem täglichen Berufs- und Privatleben wieder. Ein allgemeines Erfolgsrezept? Harte Arbeit, viel Improvisationstalent - und eine ordentliche Portion Humor gegen das Chaos des Alltags.

Humor, starke Mägen und andere überlebenswichtige Eigenschaften

Gepaart mit einer hohen Frustrationstoleranz sind Humor, Neugier und Gelassenheit in der Tat entscheidende Voraussetzungen, um sich in Indien langfristig wohlzufühlen.

Überall auf der Welt öffnet gemeinsames Lachen Türen und Herzen und kann brenzlige Situationen entschärfen. Indien ist da keine Ausnahme.

Wer Humor zeigt, ist dabei – diese Formel habe ich mir zu Herzen genommen. Sie ist eine entscheidende Grundlage für Beziehungen und Freundschaften. Ohne Humor geht in Indien wenig.

Tee und Gäste-Fütterung

Lange Treffen zu Tee und Abendessen sowie Netzwerken bei allerlei Veranstaltungen gehören ebenfalls zu meinem Arbeitsalltag. Auch meinem Vermieter und seiner Familie statte ich wöchentliche Besuche ab. Neben der Plauderei über Familie, Nachbarn, Beruf und Politik ist das immer eine gute Möglichkeit, sich an zahlreichen Knabbereien satt zu essen. "Have more! Have more!"

So ein Nachmittag kann schon mal ein ganzes Abendessen ersetzen. Das "Füttern" der Gäste ist eine der vielen wunderbaren Eigenheiten, die auch mit dem Einzug des modernen Lebensstils geblieben sind. Nur die Art der Snacks hat sich verändert: Wurden früher selbstgebackene Süßigkeiten gereicht, sind es nun die eingeschweißten kalorienreichen Varianten. Kein Wunder also, dass die Zahl übergewichtiger Mittelstandsfamilien in Indien stetig steigt.

Gelassenheit hilft auch, das gelegentlich auftretende Heimweh kleinzuhalten – denn wer vermisst nicht langjährige Freunde und Familie oder träumt ab und zu von einem saftigen Schnitzel? Trotzdem zieht mich nichts zurück nach Deutschland. In den letzten drei Jahren habe ich wahnsinnig tolle Menschen in Indien getroffen. Ich habe viel über mich und Deutschland aus einer anderen Perspektive gelernt und ein aufregendes  Land entdeckt, das sich täglich neu zu erfinden scheint. Das Gefühl am Puls der Zeit zu sein, belebt und erfrischt – und wird mich auch für die nächsten Jahre hier halten.

Alles - und ein bisschen mehr

Lange Rede, kurzer Sinn: Indien ist ein Land, das mich auch nach drei Jahren herausfordert und mitunter auch sehr anstrengend sein kann. Man kommt nur langfristig klar, wenn man sich bewusst auf die Gegebenheiten vor Ort einlässt: Annehmen statt Urteilen lautet daher mein Mantra.

Noch immer fasziniert mich die Dynamik des Landes und seiner Bewohner, ihre Schnelligkeit und Flexibilität. Mir gefallen die Vielfalt in Kultur, Natur, Lebensstil und der Humor der Menschen, mit denen ich arbeite und lebe. Deshalb war die Entscheidung, nach Indien zu kommen, genau die Richtige für mich. Wer viel gibt, bekommt in der Regel auch viel zurück – und in Indien manchmal sogar ein bisschen mehr.

Die etwas andere indische Arbeitswelt oder: Erfolgskriterien

Was mich ebenfalls in Delhi halten wird, ist mein neuer Job. Seit Kurzem baue ich das Indien-Geschäft für eine deutsche Kommunikationsagentur auf. Das ist eine große Herausforderung - mit vielen Tücken und Hindernissen auf dem Weg. Darum habe ich in einem kürzlich erschienen Artikel für die indische Nachhaltigkeits-Plattform "Think to Sustain" über Erfolgsfaktoren im indischen Markt berichtet. Hier eine kurze Zusammenfassung:

  • Ein Land, viele Märkte: Wer in Indien erfolgreich sein möchte, muss verstehen, dass das Land kein großer homogener Markt ist. Jeder Bundesstaat ist individuell zu verstehen - vor dem Hintergrund seiner eigenen sozio-ökonomischen und politischen Dynamik. Die Unterschiede liegen nicht nur in verschiedenen Sprachen und Dialekten, sondern auch in ihrer historischen Entwicklung. Daher hat sich Englisch - neben 16 weiteren Sprachen - als offizielle Amtssprache etabliert. Englisch ist so auch die gängige Geschäftssprache unter Indern aus Nord und Süd.
  • Zugang zu Informationen: Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für den indischen Markt ist der Zugang zu Informationen. In Indien sind der öffentliche, private und zivile Sektor bislang nicht ausreichend vernetzt. Gesetze und Richtlinien werden von Bürokraten verfasst, die oftmals die Bedürfnisse von Firmen nicht verstehen. Zudem ist es aufgrund der Vielzahl an Dokumenten kaum möglich, basierend auf einer reinen Schreibtisch-Recherche den Markt zu verstehen. Kurz gesagt: Wer "Doing Business in India" verstehen will, muss vor Ort sein!
  • Zugang zu Netzwerken: In Indien gilt: "Erst der Mensch, dann das Geschäft". Netzwerke schaffen Vertrauen. Sie sind ein Resultat der Tradition sowie eine praktische Notwendigkeit in einer Gesellschaft, die sich schnell verändert und ein undurchsichtiges Rechtssystem hat. Vertrauen ist in Indien die Grundvoraussetzung für erfolgreiche Zusammenarbeit – und Tee trinken daher Teil der Erfolgsstrategie.
  • Einbindung des informellen Sektors: Etwa 93 Prozent der arbeitenden Bevölkerung Indiens haben eine informelle, außervertragliche Arbeit. Viele dieser Menschen arbeiten in der Landwirtschaft, in Kleinindustrien oder im Bau. Diese informellen Jobs sind die Stütze des indischen Systems und sind äußerst wichtig für den reibungslosen Ablauf vieler Geschäftsprozesse. Wer in Indien erfolgreich sein will, muss lernen, den informellen Sektor gewinnbringend in sein Geschäft einzubinden. Sonst sind logistische Probleme vorprogrammiert.
  • Skaleneffekt nutzen: Wer es schafft, mit seinem ersten Projekt ein replizierbares Geschäftsmodell zu entwickeln, für den kann der indische Markt mit seiner Größe und Dynamik sehr interessante Geschäftsmöglichkeiten bieten. Skalierung funktioniert in Indien vor allem dann, wenn man Produkte schafft, die den Bedürfnissen der indischen Kundschaft entsprechen. Zum Beispiel durch niedrige Preise. Dies hat der indische Mobilfunkanbieter Bharti Airtel erkannt. Er bietet den weltweit günstigsten Mobilfunktarif an und setzt auf Verbreitungstaktik statt auf Preisstrategie. Heute ist Airtel einer der größten Telefonanbieter der Welt.
  • Geduld haben: Meine Erfahrung des indischen Arbeits- und Lebensumfelds hat gezeigt, dass Prozesse in der Regel wesentlich mehr Zeit beanspruchen, als eingeplant war. So dauert es sehr lange, bis aus einem Gespräch ein Vertrag entsteht. Man muss meist viel Zeit investieren, bis ein Deal abgeschlossen ist. Für mich bedeutet das, viel unterwegs zu sein, um Präsenz zu zeigen und Kunden, Multiplikatoren und Medienvertreter zu treffen. Nur wer zum Namen ein Gesicht im Kopf hat und mit klaren und starken Produkten auftritt, kann sich durchsetzen.
  • Gute Teams aufbauen: Auch der Aufbau eines guten Teams vor Ort kostet Zeit und Geld. Auf eine Job-Ausschreibung erhielten wir im Schnitt bis zu 600 Bewerbungen. Davon waren allerdings ein bis zwei Prozent zu gebrauchen. Indien verfügt über einen immensen Pool an Talenten. Doch diese zu finden, ist wahre Kunst. Kein Wunder also, dass uns viele europäische Firmen baten, auch für sie Personal ausfindig zu machen!

Die Arbeit in einem indisch-deutschen Team erfordert viel Geduld und  Geschick, um die interkulturellen Tücken zu umschiffen. Ich habe viele  Projekte mit deutschen Kunden in Indien gemanagt. Dabei habe ich mich  oft geärgert, wenn das Verständnis von Qualität, Deadlines oder  Systematik fundamental unterschiedlich war. Um dieses Verständnis  anzugleichen, war viel Zeit und Training nötig. Doch auch hier gilt: Mit  Humor, harter Arbeit und Improvisationstalent ist fast alles zu  meistern.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Sehr interessant!

    Ich fand Ihr Bericht ueber Indien sehr praezis und erfreuend. Ich bin ein umgekehrtes Fall - also, ein Inder, der in Deutschland leben und arbeiten moechte. Es freut mich zu sehen, dass sich die Deutscher auch interessieren, in meinem Land zu wohnen. Alles Gute! :-)

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