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Wo Einmalhandschuhe keine sind - meine Famulatur in Vietnam

Medizin, Doktor, Kittel [Quelle: RGBStock.com, Autor: lusi]

Quelle: RGBStock.com, lusi

Keine Kühleinrichtung für Knochenteile? Kein Problem, dann wird das Schädeldach eben solange im Bauchraum des Patienten gelagert. e-fellow Yannic arbeitete vier Wochen lang in einem Krankenhaus in Vietnam. Dort erlebte er nicht nur vietnamesische Herzlichkeit, sondern lernte auch, wie Medizin funktioniert, wenn das Budget minimal ist.

Zeitraum und Ort

Mitte Februar 2010 bis Mitte März 2010, University for Pharmacy and Medicine in Thai Nguyen, Vietnam

Die Universität in Thai Nguyen ist eine Partneruniversität der Medizinischen Fakultät in Dresden. Die ganze Planung im Vorfeld regelten wir per E-Mail mit Frau Phoung, der Betreuerin für ausländische Studenten in Thai Nguyen. Prof. Peter Dieter, der Auslandsbeauftragten der Medizinischen Fakultät in Dresden, vermittelte uns den Kontakt. Wir kommunizierten ausschließlich auf Englisch miteinander, sowohl schriftlich als auch später während der Arbeit im Krankenhaus.

Mein Kommilitone und ich hatten zu diesem Zeitpunkt beide das fünfte Semester erfolgreich abgeschlossen. Vorrausetzung für die Teilnahme war der erfolgreiche Abschluss der 1. Ärztlichen Prüfung. Den Flug und die Unterbringung vor Ort mussten wir selbst bezahlen.

Allgemeine Freude über unsere Anwesenheit

Nach unserer Ankunft in Thai Nguyen begrüßte uns Frau Phoung herzlich mit Reiswein und vietnamesischer Schokolade in ihrem Büro. Anschließend führte sie uns über das Universitätsgelände und wir besichtigten das Krankenhaus. Von allen Seiten wurden wir begeistert begrüßt.

Diese Freundlichkeit sollte auch die nächsten Wochen über anhalten. Für die Vietnamesen war es eine Ehre, Studenten aus Deutschland in ihrem Krankenhaus begrüßen zu dürfen. Es stellte sich heraus, dass sich nicht viele Europäer nach Thai Nguyen verirren. Die meisten Studenten aus dem Ausland arbeiten im angesehenen Deutsch-Vietnamesischen-Krankenhaus in der Hauptstadt Hanoi.

Nicht Zwei-Bett-Zimmer sondern Zwei-Patienten-Betten

Unser erster Eindruck war schockierend, bestätigte aber unsere Vorahnungen. Wir bekamen ein Krankenhaus zu sehen, dass seine beste Zeit lange hinter sich hatte.

Es bestand aus mehreren einzelnen Häusern, welche durch klosterartige Gänge miteinander verbunden waren. Die einzelnen Patientenzimmer hatten drei bis vier Betten und schienen ausreichend groß zu sein. Erst später wurde uns klar, dass in den Betten nicht nur ein Patient lag, sondern zwei bis drei. Fenster aus Glas gab es keine, lediglich Verschläge aus Holz. Wir mussten uns anstrengen, unsere Überraschung nicht zu deutlich zu zeigen.

Die etwas andere Lagerung von körpereigenem Gewebe

Wir verbrachten jede Woche auf einer anderen Station. Unsere Famulatur begann im Operationssaal Nummer 1. Aufgrund unserer rudimentären praktischen Fähigkeiten durften wir leider nicht assistieren. Die Verständigung auf Englisch gestaltete sich mit manchen Kollegen doch schwerer als erwartet, so dass sie auf theoretischer Ebene oft sehr oberflächlich blieb. Doch immerhin konnten wir im OP zuschauen. Wir sahen einen tennisballgroßen Schilddrüsentumor, den wir in Deutschland so wahrscheinlich nie hätten sehen können. Was uns aber am eindrücklichsten in Erinnerung blieb, war die Operation eines kleinen Jungen mit einer Blutung im Kopf: Um den Behandlungsverlauf zu beobachten, wurde ihm ein Teil des Schädeldachs für zwei Wochen entfernt. Da es im Krankenhaus keine Kühleinrichtungen für Knochenteile gab, wurde dem Jungen das Knochenstück zur Überbrückung kurzerhand in den Bauchraum eingenäht. Auf diese Weise wird dort körpereigenes Gewebe vorübergehend gelagert.

Nach der Chirurgie ging es weiter in die Innere Medizin. Wir lernten einen sehr engagierten jungen Arzt kennen. Wir durften ihn bei der Untersuchung der Patienten begleiten und anschließend besprach er mit uns das Krankheitsbild. Wir hörten Herzfehler mit dem Stethoskop ab und prüften Leberzeichen am Körper. Oft gingen wir danach noch gemeinsam einen Tee trinken. Das lockte immer viele interessierte Studenten an, die sich mit uns unterhalten wollten und uns einluden, am Abend mit ihnen Karaoke singen zu gehen.

Lernen von Krankenschwestern

In Vietnam verabreichen – im Gegensatz zu Deutschland – die Krankenschwestern Injektionen und nehmen Blut ab. Da wir das auch lernen wollten, begleiteten wir an manchen Tagen das Pflegepersonal und legten Zugänge. Dabei waren wir stets von acht bis zehn Studenten umringt, die sich unseren Umgang mit der Spritze nicht entgehen lassen wollten. Wir erfuhren von den Schwestern, dass die Angehörigen der Patienten ihre kranken Verwandten Tag und Nacht pflegen müssen, da dies in Vietnam nicht Aufgabe des Pflegedienstes ist.

Unsere letzte Station war die Pädiatrie. Dort durften wir sogar Zugänge an den Venen des Kopfes von Neugeborenen legen. Wir lernten, die Kinder richtig zu halten und ihnen Essen über die Magensonde zu verabreichen. Alles in allem eine der schönsten Erfahrungen innerhalb der vier Wochen.

Ein weiteres Highlight für uns war, dass wir den vietnamesischen  Medizinstudenten einen Englisch-Kurs geben durften. Dabei forderten wir die Studenten auf, Begriffe zu sammeln, die sie mit Deutschland verbinden. Was am Ende der Stunde an der Tafel stand, war genauso vorhersehbar wie völkerverständigend: Bier, Autobahn und Oktoberfest.

Mein Fazit

In einer vierwöchigen Famulatur in Deutschland hätten wir wohl mehr Praxiswissen erwerben  können. Dennoch wird uns die Famulatur definitiv in positiver Erinnerung bleiben.

Wir lernten ein neues Land, neue Menschen und eine ganz andere Kultur kennen. Und ein Gesundheitssystem, in dem es sich der Staat nicht leisten kann, mehr als etwa 20 Euro pro Jahr für die Gesundheit jedes einzelnen Bürgers auszugeben. Im Vergleich dazu waren es 2008 in Deutschland 3.210 Euro. In Vietnam müssen sogar Einmalhandschuhe mehrmals benutzt werden. Dieses Wissen gab mir einen ganz anderen Blick auf unser Gesundheitssystem und lehrte mich, nicht alles selbstverständlich hin zu nehmen. Für diese Erfahrung bin ich sehr dankbar. Ich kann jedem nur raten, eine Famulatur in einem Land zu machen, in dem nicht so hohe Standards herrschen, wie hier in Deutschland.

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Kommentar (1)

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  1. Patrick Beggan

    Ich kann den Inhalt nur bestätigen. Ich war im letzten Jahr auch in Vietnam, allerdings 5Monate lang und habe dort an einer Hochschule in BacGiang (Östlich von Thai Nguyen). Mir sind vorallem die Gegensätze aufgefallen, jeder mit Handy aber wenig mit fliessendes Wasser. Alle kennen die neusten Hit-Songs aber wenige können sich ein Radio leisten. Ich hatte den Glück, dass ich mich soweit eingelebt habe, dass ich erst wirklich realisiert habe wie verwöhnt wir sind und wie gut wir es in Europa haben als ich wieder daheim war. Am traurigsten für mich ist die Erinnerung and den Strassenkindern, die immer etwas zu verkaufen hatten, super englisch konnten, voller Leben und Spass und oft sehr intelligent, wo ich mich gefragt habe was für Chancen haben die! Das komische dabei ist, dass ich wirklich viel Spass und lustige Erlebnisse mit denen hatte und alles andere als Trauer in deren Gesellschaft hatte. Wo ich war gab es kein einzige Weisser Mensch ausser ich, da habe ich mich bis zum letzten Tag, trotz wilkommen sein und alles mitmachen, trotzdem immer als "Outsider" mich gefühlt. Tolles Bericht und für ein paar Wochen oder Monaten dort zu arbeiten würde ich jeder empfehlen.

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