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Verenas erste Woche an einer Kölner Hauptschule

Tafel, Schwamm, Kreide, Unterricht [Quelle: freeimages.com, Autor: ywel]

Quelle: freeimages.com, ywel

Verena tauscht Bürosessel gegen Klassenzimmer: Nachdem sie die letzten Jahre für die Bildungsinitiative Teach First Deutschland gearbeitet hat, wechselt sie jetzt von der Theorie in die Praxis und wird selbst Fellow an einer Kölner Hauptschule. In ihren ersten Tagen als Lehrkraft kommen einige Herausforderungen auf sie zu: Wird das Lehrerkollegium sie akzeptieren? Und wie werden die Schüler reagieren?

Montag, 30. Januar 2012

6.00 Uhr: Ein fieses Geräusch drängt sich in mein Bewusstsein – ist das wirklich schon mein Wecker? Nochmal umdrehen - Fehlanzeige! Nach Jahren mitarbeiterfreundlicher Gleitzeitregelungen bemerke ich schmerzlich die erste Herausforderung der Arbeit als Fellow. Wer hat eigentlich entschieden, dass Schule so früh anfangen muss?

Bis in die Haarspitzen kribbelig starte ich in meinen ersten Tag als Fellow. Kaffee ist heute wohl nicht nötig. Auf dem Weg über die Deutzer Brücke gehen mir noch einmal die Reaktionen meiner Freunde durch den Kopf, als ich ihnen von meinem Plan erzählte, selbst Fellow zu werden. Von "Bist du irre, deinen Job aufzugeben?" bis "Cool, dass du dich das traust!" war alles dabei. Und als klar wurde, dass ich in Köln auf der rechten Rheinseite an einer Schule arbeiten werde, erntete ich von allen meinen Kölner Bekannten nur noch vielsagend hochgezogene Augenbrauen: "Schäl Sick? Na viel Glück..."

Aufgeregt und hellwach gehe ich den schmalen Weg aufs Schulgebäude zu – der neue Teil ist knallrot angestrichen und umrahmt von ein paar alten Backsteinmauern - auf einer prangt ein riesiges Gemälde der Schüler. Gar nicht übel, denke ich und betrete mit Spannung meinen neuen Arbeitsplatz.

Noch sind die Gänge leer, keine Schüler sind zu sehen. Im Sekretariat werde ich sofort freundlich begrüßt und die Schulverwaltungsassistentin fängt direkt an, mir zu erklären, wie die Schule funktioniert, wo ich was finden kann und was es alles zu beachten gibt. Schon bei der Beschreibung der Unterrichtszeiten beginnt mein Kopf zu schwirren: Um 8.00 Uhr beginnt die erste Stunde, die zweite um 8.45 Uhr, danach folgt eine halbstündige Pause. Die zweite Pause - nach der 4. Stunde - ist dann 15 Minuten lang, die Mittagspause dauert eine Stunde und fällt zusammen mit der 6. Stunde. Zwischen den Nachmittagsstunden gibt es keine Pausen mehr, der Tag geht bis 16.30 Uhr – außer an den kurzen Tagen, da sieht alles wieder ganz anders aus…

In der Pause erwartet mich meine erste Aufgabe: Aufsicht bei den Tischtennisplatten im Keller. Endlich bekommen ich Schüler zu Gesicht. Neugierig beäugen mich acht Jungs, als ich mit ihnen die Platten aufbaue. Nachdem die erste Scheu überwunden ist, starten die Fragen: "Sind Sie ne neue Lehrerin?", "Was machen Sie hier?", "Woher kommen Sie?" Nur neben den Platten stehen und aufpassen ist mir zu langweilig, also frage ich prompt zurück, ob sie mich mitspielen lassen. Und wie sie das lassen! Ein Spiel schaffe ich noch zu gewinnen, danach werde ich gnadenlos Runde um Runde abgezogen. Die Jungs haben sichtlich Spaß daran und grinsen bei jedem Punkt bis über beide Ohren. "Kommen Sie nächstes Mal wieder?" - "Klar!" - "Cool."

Dienstag, 31. Januar 2012

Zeugniskonferenztag! Ein Tag ohne Schüler, dafür mit umso mehr Gelegenheiten, das gesamte Kollegium kennenzulernen. Meine Schulleiterin stellt mich direkt zu Beginn der Konferenz vor, und ich sehe viele fragende und wohlwollende Blicke von allen Seiten – ein perfekter Start in ein weit mehr als nur nettes Kollegium.

Weiter gehts mit Angeboten der "2. Chance", einem Projekt, das Dauerschwänzer wieder in den Schulalltag integriert. Bei einigen Fehlstundenzahlen zucke ich zusammen: Über 500 im Halbjahr - unentschuldigt. Einzelne Schüler wohnen nur wenige 100 Meter von der Schule entfernt und scheinen doch jeden Morgen zwischen ihrer Haustür und der Schuleingangstür verloren zu gehen.

Außerdem steht eine kurze Besprechung der Zeugnisse und aller Sonderfälle an. Jeder Klassenlehrer stellt seine Klasse und den aktuellen Stand kurz und knapp vor. Eine perfekte Gelegenheit für mich, mehr über die Klassen zu erfahren und vor allem mitzubekommen, wo meine Unterstützung besonders helfen kann!

In den Pausen zwischen den einzelnen Besprechungspunkten habe ich alle Hände voll zu tun, immer wieder zu erläutern, was ich an der Schule mache und wie ich überhaupt hierher gekommen bin. "Fellow also? Wieso heißt das denn so? Und was genau sollst du machen? Oh, könntest du auch mal zu mir in den Unterricht kommen?" Aber klar, mehr als gerne!

Mittwoch, 1. Februar 2012

Ab heute geht es endlich richtig los, ich werde die nächsten Tage damit verbringen, so viele Schüler, Kollegen und Klassen wie möglich kennen zu lernen. Mein Ziel: Herausfinden, wo und wie meine Unterstützung am sinnvollsten ist.

Zuerst stapfe ich mit einem Kollegen, der ebenfalls neu an der Schule ist, hoch in den zweiten Stock: auf zur "Vorbereitungsklasse". In die Vorbereitungsklasse gehen Schülerinnen und Schüler, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben, noch wenig Deutsch verstehen und daher noch nicht "regeleingeschult" werden können, wie es so schön heißt. Bewaffnet mit Arbeitsblättern zur Flächenberechnung und einem Plan für die Stunde betreten wir den Raum. Ein bunter Mix aus verschiedensten Altersstufen und Hintergründen erwartet uns, einige der Schüler haben nie zuvor eine Schule besucht. Vom ersten von ihnen lerne ich zuerst den Hinterkopf kennen: Er moonwalkt gekonnt rückwärts auf die Klassentür und dann auf seinen Platz zu. Nicht schlecht, vielleicht sollte ich über eine Tanz-AG nachdenken.

Eigentlich steht Mathe auf dem Plan, aber erst einmal ein dicker Konflikt im Raum: Einige Schülerinnen und Schüler dürfen mit der Mathelehrerin im Computerraum arbeiten, der Rest bleibt in der Klasse, um mit uns zu arbeiten – nicht gerade beliebt diese Option. Tom*, eben noch fröhlich moonwalkend, ist sauer und rastet völlig aus. Stühle fliegen durch den Raum, Stifte gehen kaputt, die restliche Schüler brüllen mit und stacheln ihn an. Wir haben keine andere Wahl, Tom muss von den anderen getrennt werden – mein Kollege geht mit ihm für ein Einzelgespräch vor die Tür. Mir stockt eine Sekunde der Atem.

Wie soll ich bloß Ruhe in diese aufgebrachte Gruppe bringen? Mit wildem Herzschlag warte ich auf einen ruhigeren Moment, um die Schüler anzusprechen. Was sich wie unendliche Minuten anfühlt, dauert wahrscheinlich nur ein paar Sekunden. Ich nutze die Chance, als einer der lauteren Schüler abschätzend in meine Richtung schaut: "So, ich würd gern loslegen!" Wirklich kein brillanter Satz, denke ich noch. Aber er reicht – wie von Geisterhand gedreht schauen plötzlich alle Köpfe in meine Richtung. Und schon bin ich mittendrin, erkläre und verteile Arbeitsblätter. "Wie war das nochmal, a mal b?", "Wieviel ist denn nun 5 mal 7?", "Kann ich noch ein Arbeitsblatt?", "Können Sie mal gucken, muss das so?" Der Rest der Stunde vergeht wie im Flug. Mit einem Kribbeln von Kopf bis Magen verabschiede ich die Schüler und mache mich auf zur nächsten Klasse. So fühlt sich das also an, Fellow zu sein - wahnsinn.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Meine Tage vergehen, als hätte jemand auf die Fast-forward-Taste gedrückt: Ich lerne Namen, Hintergründe, Stärken, Schwächen, Interessen und Persönlichkeiten kennen und sauge wie ein Schwamm alle Informationen auf - von morgens halb acht bis nachmittags um halb fünf bin ich in der Schule, um möglichst viele Stunden zu unterstützen. Jeder im Kollegium hat eine andere Umgangsweise mit den Schülern, jeder Schüler reagiert unterschiedlich auf verschiedene Methoden, jede Klasse hat ihre eigene Dynamik -  und ich lerne und lerne und lerne...

In der Mittagspause steht die Besprechung vom "Team 5" an – alle Klassenlehrer der fünften Klassen setzen sich zusammen und tauschen sich über aktuelle Themen aus. Heute geht es um den Lese- und Rechtschreibkompetenztest, den alle Fünfer geschrieben haben. Die Ergebnisse sind ernüchternd, viele haben enorme Probleme beim Lesen einfacher Texte. Schnell entbrennt eine wilde Diskussion, die nur durchs Klingeln zur nächsten Stunde aufgehalten wird. Eine Lösung gibt es noch nicht, aber klar ist: Hier muss sich dringend etwas tun!

Freitag, 3. Februar 2012

Zeugnistag! Ich bilde mir ein, die Anspannung zu spüren, die in der Luft liegt, während ich durch den Gang zur ersten Stunde laufe: Deutsch Förderunterricht in der 5c im Team-Teaching. Für die letzte Stunde vor der Zeugnisausgabe haben wir ein Spiel vorbereitet, um den Wortschatz zu erweitern – eine abgewandelte Version von Stadt-Land-Fluss. "Könnwers nich ausfalln lassn?" murmelt und mault es uns entgegen, als wir den Klassenraum betreten. Das fängt ja gut an. Nach anfänglicher Skepsis sind die Schüler dann aber voll dabei und überbieten sich gegenseitig mit kreativen Wortschöpfungen. Selbst die anfangs Stillsten trauen sich nach der ersten Viertelstunde, ihre Vorschläge laut zu sagen. Und als es klingelt, wollen alle dann doch "nur noch ein bisschen" weiterspielen.

Nach der Zeugnisausgabe wirft der Karneval im Musikraum bereits seinen Schatten voraus: Der Höhenberger Karnevalszug steht an und "Nachschlag", die Samba-Truppe meiner Schule, wird mitlaufen. Rund 20 Schüler warten ungeduldig auf ihre Instrumente und verhandeln, wer welches spielen darf. Besonders beliebt ist die Caixa, die brasilianische Variante der Snare-Drum. Gemeinsam proben wir Aufstellung und unterschiedlichte Rhythmen. Die Probe klappt bestens: Die Schüler spielen wirklich gut, alle Rhythmen klingen super und die Musiklehrerin ist begeistert. Am Ende sind sich alle einig, dass ich beim Karnevalszug mitlaufen darf – ein perfektes Ende einer großartigen ersten Woche!

*Die Namen aller Schüler wurden geändert.

Was ist Teach First? Teach First Deutschland schafft bessere Bildungschancen für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Die gemeinnützige Initiative fördert Schüler mit schlechten Startbedingungen, indem sie Absolventen aller Fachrichtungen mit sehr guten Noten vor dem Jobeinstieg zwei Jahre als zusätzliche Lehrkräfte (Fellows) an Hauptschulen schickt. Mehr zum Programm erfährst du in der Teach First Deutschland-Gruppe.

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