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Hühnerherzen für künftige Neurochirurgen

Studium Schule Schild Studienbeginn Abitur (© fotolia.com - kebox)

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Für Christina ist das letzte halbe Jahr als Lehrkraft angebrochen. Aus der Ruhe bringen lässt sie sich inzwischen kaum mehr, weder von der 'Null-Bock'-Haltung mancher Schüler, noch von schwangeren Neuntklässlerinnen. Stattdessen plant sie ein Basketball-Turnier und seziert mit ihren Siebtklässlern im Forscherclub Hühnerherzen.

Montag, 7. Februar 2011

7.30 Uhr: Der Wecker klingelt und signalisiert mir unüberhörbar, dass die Ferien nun definitiv vorbei sind. Ferien? Ja, genau, in Berlin gibt es tatsächlich Anfang Februar eine Woche Winterferien, um sich auf diversen Skipisten auszutoben. Ich habe mich in diesem Jahr allerdings für die weniger gefährliche Variante entschieden und eine erholsame Zeit in Berlin verbracht. Nach einem starken Kaffee starte ich jetzt voller Energie in die neue Woche!

Ein Blick auf den Kalender verrät mir, dass ich nun tatsächlich in das letzte Halbjahr meines Einsatzes für Teach First Deutschland starte. Wie bitte? In das letzte Halbjahr? Wo ist denn bloß die Zeit geblieben? In Gedanken versunken steige ich in die Bahn und schaue aus dem Fenster. An mir rasen nicht nur Berlin-Pankow, sondern auch die letzten eineinhalb Jahre meines Schuleinsatzes vorbei.

Wir sind in ein neues Schulgebäude umgezogen, ein logistisches Meisterwerk! Außerdem ist die Schule nun mittlerweile von einer integrierten Hauptschule zu einer integrierten Sekundarschule geworden. Die neuen 7. Klassen werden als Ganztagesschule geführt und laufen neben den 8., 9. und 10. Klassen der Hauptschule.

Zwei Schultypen unter einem Dach, so richtig vorstellen konnte sich diese Umsetzung im letzten Jahr niemand. Aber: Es funktioniert und mittlerweile läuft der Schulalltag routiniert ab. Nun leite ich in Kooperation mit einem Schülerlabor den Max-Forscherclub für Siebtklässler und unterrichte neben allen 9. Klassen auch die 10. Klassen in Biologie.

An der Schule angekommen kopiere ich noch schnell die vorbereiteten Arbeitsblätter und starte dann in die dritte Stunde: Biologie in der 10.3. Adrenalinschübe und damit verbundene Aufregung vor den Stunden sind mittlerweile Geschichte. Ich fühle mich sicher, habe in allen Klassen Regeln und Rituale eingeführt und freue mich auf die Stunden. Ein Zeichen für die fortschreitende Metamorphose zur Lehrerin?!

Nach einer kurzen Wiederholung  lasse ich die Schüler einen Test zum Thema Vererbung schreiben. Es freut mich sehr zu sehen, dass alle scheinbar ganz gut damit zurechtkommen. In den nächsten zwei Stunden unterrichte ich die anderen beiden 10. Klassen. So stehe ich am Ende der fünften Stunde mit einem Haufen noch unkorrigierter Bio-Tests in dem kleinen Bio-Vorbereitungsraum.

In den 10. Klassen wird nun immer deutlicher, dass einige wenige hochmotiviert sind, einen bestmöglichen Abschluss zu bekommen, um ihren gewünschten Ausbildungsplatz antreten zu können oder an einem Oberstufenzentrum ihren Mittleren Schulabschluss (MSA) oder sogar das Fachabitur nachzuholen.

Die meisten haben allerdings noch keinen Ausbildungsplatz oder auch nur eine Ahnung, wie es nach dem Schulabschluss weitergehen soll. Sie bewegen sich zwischen Angst und Gleichgültigkeit im Hinblick auf ihre Zukunft. Äußern tut sich das dann in absoluter "Null-Bock-Haltung" im Unterricht. Auch Tests werden da einfach nicht ausgefüllt. "Eine 6 mehr oder weniger ist ja auch egal!" Egal? Nein, ist es nicht! Ich beschließe, einige dieser Schüler vor der nächsten Stunde in einem persönlichen Gespräch zu motivieren.

Nach einer kurzen Pause treffe ich mich mit einer Schülerin der 10. Klasse, die ich einmal die Woche coache. Sie will den MSA machen und ich bereite sie gezielt auf die Prüfung vor. Anschließend heißt es schnell in die Bahn und ab nach Hause, denn dort wartet auch schon Lea*, die von mir in Englisch, Physik und bei Bewerbungen unterstützt wird. Als ich sie vor der Tür treffe und sie mir auf die Frage, wie es ihr geht nur ein "Scheiße!" entgegenschmettert, ist mir klar, dass es heute mal wieder um viel mehr als nur um Bildung gehen wird …

Dienstag, 8. Februar 2011

Bio und Sport! Der Dienstag ist ein sehr kurzer Tag. Um 8.45 Uhr stehe ich vor der Klasse 9.3 und schreibe das heutige Thema an die Tafel: Der Menstruationszyklus. Die Reaktionen reichen von "Ieeehh!" über "Warum müssen wir so'n Scheiß denn wissen?" bis hin zu aufmerksamem Schweigen.

Nachdem ich im letzten Jahr diverse disziplinarische Methoden versucht habe, habe ich nun folgendes System in allen meinen Klassen eingeführt: Zu Beginn der Stunden hänge ich einen Pappstreifen mit allen Namen der Klasse an die Tafel. Im Verlauf der Stunde schreibe ich hinter die Namen entweder Plus- oder Minuszeichen für gute Mitarbeit oder Störungen.

So bekommen die Schüler immer unmittelbares Feedback, werden zeitnah positiv bestärkt und sehen auch sofort, wenn sie gestört haben. Im letzten Fall erspare ich mir alle Diskussionen und Bestrafungen während des Unterrichts. Die Schüler wissen, dass sie sich nur zwei Minuszeichen erlauben dürfen und beim dritten Minus einen Elternanruf und die Stundennote 6 bekommen. Dieses System ist für alle Schüler transparent und es entwickelt sich teilweise sogar ein richtiger Wettkampf, wer am Ende der Stunde die meisten Pluszeichen bekommen hat.

So verläuft auch diese Stunde ohne besondere Vorkommnisse. Gerade beim Thema Sexualkunde ist es mir wichtig, dass die Stunden in einer angenehmen Atmosphäre ablaufen, damit die Schüler sich trauen, alle Fragen zu stellen und bereit sind zu lernen. Eine der Schülerinnen ist bereits Mutter, eine zweite erwartet im Sommer Zwillinge. Es ist echt erstaunlich, wie wenig die Schüler über Zusammenhänge zwischen Menstruation und Schwangerschaft wissen, aber ich freue mich über jede Frage! Mit einem guten Gefühl gehe ich in die Sporthalle und spiele Badminton mit den Schülern. Ein guter Tag!

Mittwoch, 9. Februar 2011

Mittwochs unterstütze ich in den ersten zwei Stunden den Förderkurs Englisch für acht Schüler aus den 10. Klassen, die den MSA machen wollen. Meine Rolle dabei ist die Förderung des Hörverstehens. Ich schreibe jede Woche einen Text, den ich vorlese und zu dem die Schüler Aufgaben im Stil der Prüfungsaufgaben bearbeiten müssen. Anschließend betreue ich die Siebener im Mittagsband.

Das Mittagsband umfasst an Ganztagesschulen die Zeit zwischen den schulischen Angeboten des Vormittages und denen des Nachmittags. Es soll eine Erholungspause sein, während der die Schüler essen, aus verschiedenen betreuten Angeboten wie Spielen, Sport oder AGs wählen oder sich selbst beschäftigen können. Ich spiele das Kartenspiel "Tabu" mit den Kids. Sie sind voll dabei und haben jede Menge Spaß.

In dieser Zeit merke ich immer wieder, wie gut es den Schülern tut, wenn man sich Zeit für sie nimmt, sich für sie und ihre Erlebnisse, Sorgen und Probleme interessiert und ihnen respektvoll gegenüber tritt. Zum Schluss geht es auch heute wieder in die Sporthalle, in der knapp 20 Siebener zur Basketball-AG kommen. Einige sind mittlerweile richtig gut geworden, aber auch schwächere Schüler trauen sich immer mehr. Ich plane momentan mit einem Teach First-Fellow aus Hamburg ein kleines Basketball-Turnier. Die Schüler können es kaum erwarten – und ich auch nicht!

Donnerstag, 10. Februar 2011

Vormittags unterrichte ich Sport in der 8. und Bio in der 9. Klasse. Nach der Mittagspause mache ich mich zusammen mit sieben Schülern des Max-Forscherclubs auf den Weg ins "Gläserne Labor", ein Schülerlabor nicht weit von der Schule, zu dem ich eine Kooperation aufbauen konnte. Schon den ganzen Tag über habe ich mich auf diesen Moment gefreut.

Einmal die Woche verbringt unsere Gruppe zwei Stunden im "Gläsernen Labor". Auch zwei Schüler des benachbarten Gymnasiums gehören zum Forscherclub. Heute wollen wir mit einem neuen Thema beginnen: dem Herzen! Wie ist es aufgebaut? Was ist die Funktion der einzelnen Bestandteile? Dazu werden wir Hühnerherzen sezieren. Ich bin gespannt, wie die Schüler mit dieser Aufgabe umgehen.

Nachdem alle ihre Forscherkittel angezogen haben, geht es auch schon los. "Wir sezieren heute ein Hühnerherz!", verkünde ich. "Wie cool!", "Voll geil!", "Das wollte ich schon immer mal machen, denn das muss ich als Tierarzt ja schließlich auch können!" Als Tierarzt? Wow, ich bin sehr beeindruckt, denn ich habe nicht damit gerechnet, dass ein Siebtklässler bereits so konkrete Pläne hat. "Ja, da musst du das auf jeden Fall können! Für mich als Neurochirurg wird das nicht so wichtig sein!" Jetzt bin ich total baff. Als Neurochirurg? Das ist ja der Hammer! Hier macht sich der neue Schultyp dann doch bemerkbar. Auf der Sekundarschule sind im Gegensatz zur Hauptschule auch stärkere Schüler mit Potenzial zum Abitur.

Die Kids legen sofort los und arbeiten mit akribischer Sorgfalt an ihren Präparaten. "Wie cool!", höre ich immer wieder aus verschiedenen Ecken. Sie überschlagen sich fast, mir ihre Präparationsschritte zu zeigen und sind sichtlich stolz auf ihre "Operationen". Das anspruchsvolle Arbeitsblatt füllt sich fast wie von selber aus. Es ist klasse zu sehen, dass das Konzept "Learning by doing" voll aufgeht!

Freitag, 11. Februar 2011

Noch einmal Bio in der 9. Klasse. Auch hier läuft alles nach Plan. Die Woche endet mit der Basketball-AG für alle Klassen, in der wir mittlerweile richtig spielen. Ein Schüler, der gerade alle anderen Stunden schwänzt, taucht auf und ich bin froh ihn zu sehen. Ich gebe ihm während des Spielens so viel positives Feedback wie ich nur kann und merke, wie er richtig aufblüht und sein Selbstbewusstsein wächst. Eine gute Ausgangslage für ein Gespräch, denke ich.

Nach einiger Zeit schaffe ich es, ihn dazu zu bewegen, ab Montag wieder am Unterricht teilzunehmen. Ich verspreche ihm darüber hinaus, ein Lob für herausragendes Engagement in der Basketball-AG zu schreiben, das er seinem Klassenlehrer und den Betreuern in seiner Wohneinrichtung zeigen kann. Er strahlt! Ich hoffe, er schafft es, diese positive Energie übers Wochenende aufrecht zu erhalten und sie am Montag als Motivation zu nutzen, um zur Schule zu gehen.

Samstag, 12. Februar 2011

Die Woche ist noch nicht vorbei, denn heute haben alle Berliner und Hamburger Teach First Deutschland (TFD) Fellows einen Fortbildungstag zum Thema "Kommunikation und Verhandlungsführung in Organisationen". Nachdem die Fortbildungstage im ersten Einsatzjahr vorwiegend pädagogisch und didaktisch ausgerichtet waren, liegt der Fokus nun auf der Zeit nach TFD und unserer beruflichen Zukunft. Gerade beim Perspektivendinner am Abend lassen sich spannende und vielversprechende Kontakte zur Ashoka Jugendinitiative und BMW Stiftung knüpfen.

*Die Namen aller Schüler wurden geändert

Was ist Teach First?

Teach First Deutschland schafft bessere Bildungschancen für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Die gemeinnützige Initiative fördert Schüler mit schlechten Startbedingungen, indem sie Absolventen aller Fachrichtungen mit sehr guten Noten vor dem Jobeinstieg zwei Jahre als zusätzliche Lehrkräfte (Fellows) an Hauptschulen schickt. Mehr zum Programm erfährst du in der Teach First Deutschland-Gruppe.

Du möchtest Fellow der Klasse 2011 werden?

Dann bewirb dich für das  Teach First Deutschland-Programm. Der letzte Bewerbungsstichtag ist am 1. März.

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