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Dem Genie auf der Spur

Einstein - Eine Biographie [Bildquelle: sxc.hu, Autor: spekulator]

Einstein - Eine Biographie [Bildquelle: sxc.hu, Autor: spekulator]

Wer war Albert Einstein wirklich? Eine umfassende Biografie des Physikers und Publizisten Jürgen Neffe versucht, ein Bild vom 'größten Genie des zwanzigsten Jahrhunderts' zu zeichnen. Gleichzeitig beschreibt er eine spannende Zeit der großen Entdeckungen in der Wissenschaft. Eine unterhaltsame Biografie mit Witz.

"Princeton, New Jersey, 18. April 1955. Ein sonniger Montagmorgen. Im Krankenhaus des Universitätsstädtchens erscheint der Pathologe Thomas Harvey zum Dienst. Auf dem Seziertisch im Obduktionsraum findet er einen Toten vor, wie ihn ein Arzt nur einmal im Leben zu Gesicht bekommt."
 Dies ist nicht der Anfang eines Krimis. Es ist der Anfang einer Biografie. Der Pathologe schneidet dem Toten gleich zu Beginn des Buches verbotenerweise das Gehirn aus dem Schädel – das Gehirn Albert Einsteins. Diese unfreiwillige Organspende wird zum Synonym für die Faszination der Genialität dieses Physikers, die bis heute andauert.
 

100 Jahre Relativitätstheorie
 Auch wenn das Jahr 2005 der 100. Geburtstag der Relativitätstheorie ist, trug ihr Entdecker seine Erkenntnis doch noch vierzehn Jahre lang von der Öffentlichkeit unbemerkt mit sich herum. Dann erst lagen endlich wissenschaftliche Belege für seine Theorien vor. Doch während man 1919 in den USA und Großbritannien Einsteins Erkenntnis als "bedeutendste Aussage menschlicher Gedanken" preist, ignoriert man den Physiker im kriegsgebeutelten Deutschland erst noch einen Monat lang. Bis auch hier schließlich die Erkenntnis reift, dass Einstein sich als "neue Größe der Weltgeschichte" etabliert hat. Die Belohnung: der Nobelpreis für Physik im Jahr 1922.
 

Psychogramm eines Genies
 Ein näherer Einblick in den Charakter Einsteins, dem das öffentliche Interesse an seiner Person eher unangenehm war, bleibt spekulativ. Allerdings trägt Autor Jürgen Neffe verschiedene Stimmen von Einstein nahe stehenden Zeitgenossen zusammen, deren Gesamtheit so etwas wie ein Psychogramm Einsteins möglich macht. Sein Verhältnis zu Frauen war kompliziert bis katastrophal. Auch seinen Kindern war er kein guter Vater. Am besten beschrieb Einstein wohl Max Brod, der die Hauptfigur seines Romans "Tycho Brahes Weg zu Gott" nach Einstein entworfen hat. Folgende Attribute werden dabei genannt: beharrlich, nach außen hin völlig abgesperrt, unverletzlich, aufnahmeunfähig für alles, was nicht seine Wissenschaft betraf. Doch dies ist auch ein Teil des Wesens der "Genialität", die Neffe eine Psychologin im Buch definieren lässt: "Genialität besteht letztlich darin, mit unbestechlichem Instinkt alle Versatzstücke, Ideen und Verbindungsteile zu erkennen, aufzunehmen, und zum größeren Ganzen zu verschweißen."
 

Alles ist relativ
 Genau das ist Einstein mit seiner Relativitätstheorie auch gelungen. Neffe schreckt auch vor diesem schwierigen Thema nicht zurück und erklärt es anschaulich mit vielen Vergleichen und Versuchen. So erfährt man, warum Zeit und Raum nicht, wie bis dato allgemein angenommen, konstant sind, sondern warum sie nur als relativ vom Standpunkt eines Einzelnen angesehen werden können. Oder warum jemand, der mit einem Affenzahn durchs Weltall rauscht, langsamer altert als jemand, der schön gemütlich auf seinem Erdball bleibt. Einstein war gleich klar, welch einen Durchbruch seine Erkenntnis darstellte. Sonst hätte er sicher nicht so sehr mit seiner Frau gefeiert, wie er in einer Postkarte an einen Freund berichtet: "Total besoffen leider beide unterm Tisch. Ihr armer Steisbein & Frau."

Schicksalsjahre eines Querdenkers
 Doch der Held Einstein hat auch tragische Seiten. In der Quantentheorie überwirft er sich Anfang der dreißiger Jahre mit jüngeren Kollegen, bei denen er fortan als unmodern und starrsinnig verschrien ist. Sein ohnehin schon gespanntes Verhältnis zu Deutschland und dessen Militarismus zerbricht endgültig. Schon in den zwanziger Jahren steht er der Republik und der Sozialdemokratie nahe, spricht sich gegen Krieg aus. Ein Jude, Linker, Pazifist und notorischer Querdenker, der seine Ansichten öffentlich äußert: "Wer es zulässt, dass die Demokratie zerstört wird, der riskiert seinen eigenen Untergang." Der aufstrebenden braunen Diktatur ist er deshalb verhasst. So kehrt er 1933 Deutschland für immer den Rücken, das für ihn fortan nur noch "Barbarien" oder "die blonde Bestie" heißt.
 

Schuldfrage Atombombe
 Vielleicht war es diese Ablehnung gegenüber "Barbarien", die ihn seine pazifistische Haltung aufgeben ließ und zu seiner umstrittensten Tat anstiftete: der Mitarbeit an der Entwicklung der Atombombe. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs distanziert er sich von seiner Mitarbeit. Er hätte am Bau nur mitgewirkt, um zu verhindern, dass die Deutschen als erste eine Atombombe entwickeln. Doch um eine moralische Mitschuld an diesem Sündenfall der Physik kommt er nicht mehr herum.
 Sein Verhältnis zu seiner neuen Heimat USA verschlechtert sich zudem in der McCarthy-Ära zusehends. Der Querdenker eckt auch an der antikommunistischen Nachkriegshysterie in seiner Wahlheimat an - und macht sich wieder unbeliebt.
 Noch am Sterbebett soll Einstein gesagt haben: "Ich habe meine Sache hier getan!". Er stirbt 1955 – doch nur um sogleich ein neues Leben als eingelegtes Genie-Gehirn zu beginnen. Pathologe Thomas Harvey steht schon mit gewetztem Messer bereit.
 

Alles über Einstein
 Jürgen Neffe hat ein unterhaltsames Buch geschrieben, das durch seine zahlreichen Zeit- und Perspektivsprünge manchmal etwas anstrengend ist. Aber er hat sich bemüht, wirklich alles zusammen zu tragen und zu thematisieren, was von Einstein bekannt ist. Er lässt viele Zeitgenossen und Einstein-Kenner zu Wort kommen. Die wissenschaftlichen Erklärungen sind klar und deutlich. Trotzdem gibt der Autor niemals vor, wirklich alles von Einstein erfasst zu haben. Auch nicht das Geheimnis seines Genies. In seinem Gehirn fand man es übrigens auch nicht.

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