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Deutsche Stilkunde vom Meister persönlich

Schreibmaschine, Schreiben an der Uni (pixelio.de, stonewashed)

Schreibmaschine, Schreiben an der Uni (pixelio.de, stonewashed)

Der Schreiber nehme den Taktstab in die Hand und dirigiere. Dabei sollte er aber nicht vergessen, es dem Leser so angenehm wie möglich zu machen und ihn nicht stolpern zu lassen, über Satzzeichen und Worte. Das empfiehlt Wolf Schneider als einer der berühmtesten Journalisten Deutschlands. Er muss es wissen, denn er gilt nun mal als Fachmann sondergleichen, als anerkannter Journalist und Medienkenner, seit mehr als 50 Jahren.


Viele Regeln in Schneiders Werk beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen. Wie soll einer da noch erörtern und rezensieren? Es ist Schneider Hand in Hand mit der Wissenschaft und nicht irgendwer, der unumstößliche Gebote der deutschen Stilkunde niederschrieb. Aber auch er hat Vorbilder: Einer seiner Lieblingsautoren ist Franz Kafka.

"Der Kampf der Hände"
Kafka war wohl Spartaner, zumindest schriftstellerisch. Karger Wortschatz, einfacher Satzbau und dazu ungewöhnliche Perspektiven - das schreibt Schneider über ihn. Und dennoch, oder gerade deshalb, schrieb Kafka Weltliteratur. "Meine Hände begannen einen Kampf. Das Buch, in dem ich gelesen hatte, klappten sie zu und schoben es beiseite, damit es nicht störe", schreibt Kafka in einem namenlosen Text zu Beginn und der Leser ist plötzlich dort: mittendrin in einer anderen Welt, die er aus einer anderen Perspektive betrachtet. Für Schneider ein Paradebeispiel für die enorme Wirkung des einfachen Schreibens.

Die Kunst des Einfachen
Einfach ist das Schreiben nicht, aber erlernbar - so könnte man eine der wichtigsten Aussagen des Schneiderschen Manifests zur deutschen Sprache zusammenfassen. UDamit der Leser keine Zeit vergeudet, soll der Verfasser eines Textes sich aufs Wesentliche und Eindeutige beschränken. Das ist die Kunst. So kultiviert man Sprache – effizient und schnörkellos. Die stammt schließlich aus der Steinzeit und hängt in ihrer Bedeutung von vielen Details ab. Deshalb haben viele Worte eine flexible Bedeutung, die erst im Kontext konkret wird.

Wechsel zwischen kurz und lang
Eine Mischung aus kurzen und längeren Sätzen empfiehlt Wolf Schneider ebenso, wie starke, aussagekräftige Verben zu verwenden: Das bloße "sein" ist oft vage. Verben sind die "Königswörter". Kraftvolle Prädikate ziehen den Leser in den Text, so wie die Nixe in Goethes Ballade vom Fischer:

"Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm, halb zog sie ihn, halb sank er hin."

Ohne ein einziges Adjektiv saugt der Satz den Leser in sich und die Nixe zieht den wehrlosen Mann mit sich. Beide betäuben ihr Objekt der Begierde. Schreiben heißt nun einmal umwerben, manchmal auch mitreißen.

Drei Sekunden
Einfach ist das Schreiben nicht, aber viele einfache Regeln machen es leichter. Eine wissenschaftlich fundierte Regel besagt für Nebensätze: Drei Sekunden sollen es sein oder auch neun Worte. Denn der Durchschnittsmensch liest genau so viele Worte innerhalb von drei Sekunden, wie das Institut für Medizinische Psychologie der Universität München herausfand. Dazu legten sie mehreren Probanden ein Bild vor. Viele sahen darin entweder einen Mann mit Glatze oder eine Maus mit langem Schweif. Sobald sie die Information hatten, dass man auch das andere Motiv sehen kann, sprang das Bild vor den Augen der Probanden spätestens alle drei Sekunden von der Maus zum Mann, vom Mann zur Maus, hin und her. Der Mensch kann beide Motive nicht gleichzeitig sehen, also innerhalb der drei Sekunden nur eines. Die Schlussfolgerung: Wenn ein Nebensatz länger als drei Sekunden dauert, fängt das Gehirn an zu vergessen und Teile des zuvor Gelesenen zu löschen.

Die Melodie übertragen
"Spiele mit Interpunktionen" lautet ein weiterer Tipp von Schneider. Denn das Gesprochene hat etwas, was das Geschriebene nicht hat: Rhythmus und Melodie. Viele meiden Kommas, Frage- und Ausrufezeichen, weil sie Angst haben, sie falsch einzusetzen. Aber ohne Abwechslung in der Interpunktion wirkt der Text ähnlich unattraktiv wie einer mit falsch gesetzten Satzzeichen. Sie sind die Noten des Textes, die ihn lebendig machen und auch den Rhythmus bestimmen - der Schreiber wird zum Dirigenten. Nur 27 Worte von Lessing können so zu einem nachdrücklichen Staccato werden, das sich kaum von einer guten Filmszene unterscheidet:

"Darf ein Prediger Komödien machen? Hierauf antworte ich: Warum nicht? Wenn er kann. Darf ein Komödienmacher Predigten machen? Darauf war meine Antwort: Warum nicht? Wenn er will?"

Keine Interpunktion - kein Gesang
Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie viel ärmer an Melodie und Ausdruck die Worte wären, brächten die Sätze nicht den Wechsel zwischen Fragezeichen, Doppelpunkt und Punkt mit sich. Es lohnt sich, Lessings Absatz nochmals laut zu lesen. Der Rhythmus und die Melodie, die er vorgibt, werden dann erst richtig deutlich. Der Vorteil beim lauten Lesen: Worte fahren erst laut ausgesprochen ihre Stacheln aus und wehren sich gegen ihre Verwendung, das Gebälk der Satzarchitektur kracht, wenn die Worte unpassend sind. Für den Schreiber ist es dann leichter, die Stolpersteine im Text aus dem Weg zu schaffen, wenn man ihn sich selbst vorliest.

Eine Klasse für sich
Jeder kann also mit wenigen klaren Regeln sehr viel schlechtes Deutsch aus seinem Text tilgen. Sei es die banale Regel, sich kurz und knapp zu fassen, die Drei-Sekunden-Direktive, das Gebot der Interpunktion oder die Aufforderung zu schreiben, wie es Mode werden kann und nicht, wie es Mode ist: Die Kunst, den Leser einzufangen, das ist das Thema des Buches "Deutsch für Kenner". Zum Schluss kennt man auch Schneiders Favoriten deutscher Prosa: Von Robert Walser bis Gottfried Benn präsentiert er die schönsten Passagen deutscher Meisterwerke. Schneiders goldene Regeln des großen Schreibstils leiten auf einer Seite zusammengefasst die Favoriten ein. Die erste und eindringlichste lautet: "Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge" (Schopenhauer).

So sicher wie das Amen in der Kirche?
Vieles in "Deutsch für Kenner" ist einleuchtend und erleuchtend. Ob man nach dem Lesen zum Illuminat der geschriebenen deutschen Sprache wird, hängt immer noch von jedem einzelnen ab. Nicht zu allem in Schneiders Werk muss der Leser das Amen abgeben. Viele halten beispielsweise seinen Abgesang auf die wissenschaftliche Sprache für gewagt. Schließlich handelt es sich oft um Fachausdrücke, die Forderungen Schneiders erfüllen: Pragmatismus und Effizienz. Wenn Wissenschaftler untereinander kommunizieren, sparen sie sich Zeit durch eben jene nominalistischen Fachausdrücke, die den hohen stilistischen Anforderungen Schneiders bei weitem nicht genügen. Falls jedoch die wissenschaftliche Sprache angewandt wird, um andere Menschen gezielt vom Verständnis auszuschließen, dann muss man Schneider sicherlich zustimmen. Dann ist Wissenschaftsdeutsch wohl zweckfrei.

 

 

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