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Der smarte Berater und der Pöbel

Gestatten Elite [Bildquelle: sxc.hu, Autor: barunpatro]

Gestatten Elite [Bildquelle: sxc.hu, Autor: barunpatro]

Die Mächtigen von morgen sind unter uns? Mitnichten. Sie leben in einer ganz eigenen Welt. Julia Friedrichs hat eine flott zu lesende Recherchereise durch die Eliteschmieden unseres Landes angetreten.

Es gibt sicher nicht viele Menschen in Deutschland, die auf den Namen Klaus Zumwinkel noch besonders gut zu sprechen wären. Die 28-jährige Journalistin Julia Friedrichs jedoch verdankt dem bisher größten Steuerskandal in der deutschen Geschichte wohl einen Sprung aus dem Stand auf die Bestsellerlisten. Denn auf die Rufe nach mehr Wettbewerb und Leistung der letzten Jahre folgt nun eine gewisse Skepsis einer Elite gegenüber, die sich von den Moral- und Rechtsvorstellungen der übrigen Gesellschaft abgekoppelt zu haben scheint. Und so platzte Julia Friedrichs' unterhaltsame und kluge Gesellschaftskritik in die Debatte wie eine Stinkbombe in eine Vorstandssitzung.

Elite kontra schnöder Pöbel

 "Wir brauchen eine neue Elite", verlangen Politiker und Firmenchefs. Und werden dafür enthusiastisch beklatscht von adretten jungen Menschen in Chanel-Kostüm und Maßanzug, frisch aus der Businessuni geschlüpft. Mittzwanziger, stromlinienförmig, smart und skrupellos. Und durchdrungen von der Gewissheit, mit dem schnöden Pöbel nichts gemein zu haben. Der wird im Zweifelsfall von den smarten Beratern in die Arbeitslosigkeit rationalisiert. So jedenfalls empfindet es die damals 25-jährige Absolventin, als sie bei einem Assessement-Center einer Unternehmensberatung in Griechenland einen Vertrag über 67.000 Euro im Jahr angeboten bekommt. Sie lehnt ab. Das soll die Elite sein? fragte sich Julia Friedrichs, selbst der Spross einer linksliberalen Lehrerfamilie, mit vermutlich etwas geheucheltem Entsetzten.
 

Expedition ins Reich derer, die dazugehören

 Die Frage, wer sich warum mit welchem Recht Elite nennt, lässt sie nicht mehr los. Sie macht sich auf eine Forschungsexpedition in die unbekannte Welt zukünftiger Entscheidungsträger. "Was macht die Elite zur Elite?" ist ihre Leitfrage. Leistung? Wissen? Oder, ganz schnöde, Papis Geld? Vom Kleinkinderunterricht, der für saftige Gebühren aus kleinen Hosenscheißern "FastTracKids", also "Überholspurkinder" macht, über das private Edelinternat bis zur Wirtschaftsuni und schließlich sogar nach Harvard führt sie ihre einjährige Recherche-Tournee. Doch fast überall, wo sie neugierig nachbohrt, fallen den Interviewten nur Wortblasen ein.
 

Geld und Einfluss entscheiden
 Friedrichs' ernüchterndes Fazit: An vielen der selbst ernannten Nobel-Pennen entscheidet nicht etwa die Abiturnote oder der vergleichsweise lasche Einstiegstest über eine Aufnahme. Sondern Geld und Einfluss der Väter. Ob man so die Besten, die Vorkämpfer für das Wohl der Gemeinschaft findet, ist die Frage. Und es kommt schlimmer: Wenn der Direktor vom Nobelinternat Schloss Salem (Jahresgebühr knapp 26.000 Euro) vom "durchschnittlichen 1,0-Abiturient vom staatlichen Gymnasium" spricht, tut er das mit aller Verächtlichkeit desjenigen, für den die Abkopplung der privat erzogenen Elite vom staatlich gebildeten Pöbel längst begrüßenswerte Tatsache ist.
 

Einfach eine andere Welt?
 Lichtblicke gibt es, doch sie sind rar. Der iranische Flüchtling Aadish, der sich einen Platz an der WHU - Otto Beisheim School of Management erkämpft hat. Die fleißige Maria vom Maximilianeum, die nichts für den Neid ihrer ehemaligen Mitschüler kann. Der reflektierte Carl von der Bayerischen Elite-Akademie, der sagt: "Ich kann den Begriff nur akzeptieren, wenn "Elite" die Übernahme von Verantwortung heißt". Einige der Marios und Bernds dagegen wirken so, als wären sie ausgewählt worden, weil sie am schönsten alle Vorurteile der Autorin und ihrer Leser bestätigen. Und auch der namenslose Taxifahrer, der erst über die besoffenen Internat-Snobs von Schloss Salem schimpft und dann milde meint: "Woher sollen die es besser wissen? Die leben da oben einfach in einer anderen Welt" passt zu schön in die Dramaturgie, um ganz wahr zu sein.
 

Die Consultants waren schon da

 Und was macht also dieser Elitenachwuchs mit seiner Eliteausbildung? Geht er in die Politik, zu den Vereinten Nationen, an den Internationalen Gerichtshof? Weit gefehlt. Wo immer Frau Friedrichs auftaucht, die Unternehmensberatung war schon da und hat die besten und klügsten Absolventen vom Markt gesaugt. "Ein Parallelsystem der neuen Mächtigen, gegen das verstaubte Organisationsformen wie Staat oder Wissenschaft keine Chance zu haben scheinen", klagt die Autorin und übersieht, dass sich ihre Kritik an die Falschen richtet - die Ausführenden nämlich und nicht an ihren Auftraggeber, einen schwachen Staat, der seine ureigensten Aufgaben an kommerzielle Beratungsagenturen delegiert.
 

Was ist so falsch daran?

 So bleiben nach der Lektüre noch viele offene Fragen. Was zum Beispiel soll so falsch daran sein, wenn junge Menschen in das investieren, was den Grundstein ihres beruflichen Lebens ausmachen wird - ihre Bildung? Sicher sind 10.000 Euro pro Jahr für eine private Wirtschaftsuni sehr viel Geld. Geld, das viele Familien ohne Aufnahme eines Kredits nicht aufbringen können. Bei einem durchschnittlichen Einstiegsgehalt von über 50.000 Euro - wenn es denn stimmt - stellt sich aber doch die Frage, ob die Investition nicht lohnenswert sein könnte.
 

Survival of the fittest?

 Und natürlich ist Skepsis angebracht, wenn Studenten für ein selbst organisiertes Symposium den Titel "Survival of the fittest" wählen, der nun wirklich puren Sozialdarwinismus beschwört. Eine fundierte Analyse dessen aber, welche Vor- und Nachteile die Herausbildung und Förderung einer Elite der Gesellschaft bringt, fehlt. Auch mangelt es dem Buch an Trennschärfe, wenn es darum geht, schnöde Geldmacherei von Einrichtungen, die sich das Elite-Label nur aufgepappt haben, von Institutionen wie beispielsweise der Studienstiftung (die im Buch nicht vorkommt) abzugrenzen.
 

Bitte übernehmen Sie!

 Seine Unwissenschaftlichkeit muss sich "Gestatten: Elite" vorwerfen lassen, weniger seine Subjektivität, die die Autorin, die nicht mit Anekdoten aus ihrem WG-Leben geizt, nie verhehlt. Oft überkommt einen der Verdacht, dass Julia Friedrichs, durch ihren Bestsellererfolg ironischerweise selbst in die Elite-Liga der Sachautoren aufgestiegen, das Ergebnis ihrer Recherche von vorneherein kannte. Dennoch bleibt "Gestatten: Elite" ist eine intelligente, idealistische und unterhaltsame Gesellschaftskritik, stilistisch und sprachlich tadellos. Ideen jedoch, wie denn eine Elite, die den Namen verdient, aussehen sollte und was man tun müsste, um eine solche heranzuziehen, hat die Autorin leider auch nicht. Vielleicht wäre das auch etwas viel verlangt. McKinsey, bitte übernehmen!

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