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Einer muss den Drecksjob machen

Mann, Krawatte, Business, Dresscode, Hemd, schick, blau, Business-Outfit [Quelle: sxc.hu, Autor: LKay]

Arbeitgeber misstrauen Mitarbeitern, sie unterstellen ihnen Faulheit und Sabotage. Unternehmen setzen verstärkt auf Dritte, um Personal abzubauen oder Krisen zu bewältigen. Ein Buch kritisiert diese Methoden – leider zu pauschalisierend.

Arbeitgeber misstrauen Mitarbeitern, sie unterstellen ihnen Faulheit, Diebstahl und Sabotage. Deswegen lassen sie sie überwachen und schrecken selbst vor Kündigungen von Schwangeren und Behinderten nicht zurück. Alles muss sich der Gewinnmaximierung unterordnen. In den Augen der Manager sind Arbeitnehmer bloße Human Ressources.

So beschreiben die beiden Journalisten Christian Esser und Alena Schröder die moderne Arbeitswelt in ihrem Buch Die Vollstrecker. Die Autoren – so versprechen es wenigstens Untertitel und Klappentext – decken auf, "wer für Unternehmen die Probleme löst". Und da geht es auch schon los mit abstrusen Pauschalisierungen, die sich durch 192 Seiten und drei Kapitel ziehen.

Echte Enthüllungen sucht man in dem Buch leider vergeblich. Stattdessen liefern Esser und Schröder Zusammenfassungen von Unternehmensskandalen, über die bereits umfangreich berichtet wurde. Ob überwachte Mitarbeiter bei Lidl, der Bahn und der Telekom, ob Bagatellkündigung wegen eines unterschlagenen Pfandbons oder Krisen-PR: Dem Buch fehlt ein kritisch-reflektierender Blick, der die ausgewählten Fälle einordnet oder arbeitsrechtliche Grundlagen verständlich darstellt. Willkürlich erklären die Autoren einzelne Skandale für allgemeingültig – die Arbeitswelt als Horrorszenario.

Wo reale Beispiele fehlen, greifen die Autoren sogar auf fiktive Kinofiguren zurück, etwa auf Ryan Bingham, den George Clooney in dem Hollywood-Film Up in the Air darstellt. Der Kinoheld arbeitet als Rausschmeißer, den Unternehmen beauftragen, um Personal abzubauen. Menschen mit solchen Jobs gebe es auch immer häufiger hierzulande, behaupten die Autoren kühn. Wie viele es sein sollen, verraten Esser und Schröder nicht. Stattdessen stellen sie den Arbeitsrechtler Rüdiger Knaup als einen Vertreter dieses neuen Berufsstandes dar. Allerdings ist Knaup kein staatlich geprüfter Rausschmeißer. Er ist Arbeitsrechtler. Seine Kanzlei vertritt auch Arbeitgeber – und hin und wieder geht es in den Fällen um Stellenabbau. Schlichter Arbeitsalltag für einen Arbeitsrechtler.

Behauptungen ohne Belege

Man fragt sich beim Lesen ein wenig, ob sich die Autoren überhaupt mit Management und Arbeitsrecht auseinandergesetzt haben. Wild gehen die Begriffe durcheinander. So schreiben Esser und Schröder, dass in der Welt des Personalwesens nicht von "feuern" oder "rauschmeißen" die Rede sei. Während man sich als Leser noch fragt, warum Personalmanager sich im professionellen Kontext derart umgangssprachlich ausdrücken sollten (mal davon abgesehen, dass es arbeitsrechtlich heikel wäre), heißt es im Buch schon weiter, es sei vielmehr von Offboarding-Prozessen und Change-Management die Rede, "wenn Massenentlassungen anstehen". Nun muss man nicht BWL studiert haben, um zu wissen, dass Change-Management sich mit Veränderungsprozessen allgemein in Organisationen befasst und keineswegs als Synonym für Entlassungen verwendet wird. Auch fehlt ein konkretes Beispiel, an dem diese Behauptung belegbar wäre.

Am Ende läuft alles auf die eine, übertriebene These hinaus: Profitgeile Manager behandeln Mitarbeiter nicht wie Menschen, sondern wie entrechtete Arbeitssklaven. Außerdem betrügen sie die Verbraucher und versuchen, jeden Skandal zu vertuschen. Dafür bedienen sie sich perfider Helfershelfer.

Schröders und Essers Sicht ist einseitig und verzerrt: hier der Arbeitnehmer – das ständige Opfer – dort der Arbeitgeber – der böse Täter. Sicher, es gibt schwarze Schafe. Natürlich, es gibt unlautere Methoden. Doch kann man sie eben nicht als allgemeingültig darstellen. Ein kluges Buch, das auf Missstände hinweist, differenziert. Es ordnet ein, es analysiert. Das machen die Autoren aber kaum.

Schade. Die Vollstrecker hätte ein kritisches und interessantes Buch über Lücken im Arbeitsrecht, über Missbrauch von Macht und Einfluss werden können.

Christian Esser, Alena Schröder: Die Vollstrecker, Bertelsmann, München 2012, 192 Seiten, 14,99 Euro

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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