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Therapie von suchtkranken Ärzten

Medikamente [Quelle: freeimages.com, Autor: zeathiel]

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Tausende Ärzte sind alkohol- oder medikamentenabhängig. Dr. Paulus, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie an den Oberbergkliniken, erzählt, wie ihnen eine Therapie helfen kann und was jeder selbst tun kann, um erst gar nicht in Suchtgefahr zu geraten.

Herr Dr. Paulus, gibt es Erhebungen, wie viele Ärzte in Deutschland suchtkrank sind?

Nein, für Deutschland gibt es bisher keine Zahlen. Amerikanische Studien sprechen von rund acht Prozent der Ärzte, daher nehme ich an, dass die Zahlen bei uns ähnlich sind.

Warum sind Ärzte häufiger suchtkrank als der Rest der Bevölkerung?

Es gibt nicht den einen Grund, der eine Suchterkrankung auslöst. Jedoch kommen Ärzte einfacher an Suchtstoffe heran, als andere Berufsgruppen. Sie gehen mit dem Arztausweis in die Apotheke oder zweigen sich in der Klinik Medikamente ab. Dann experimentieren sie mit Aufputsch- und Narkosemitteln und bleiben daran hängen. Ältere Kollegen belohnen sich oft mit Alkohol und bagatellisieren dann ihren Konsum. Bei zwei Flaschen Wein am Tag spricht man aber schon von einer manifesten Alkoholabhängigkeit.

Aus welchem Antrieb kommen die Patienten in die Oberbergkliniken?

Die meisten kommen, weil sie merken, dass es so nicht weitergehen kann. Manche auch, weil sie im Job auffällig geworden sind oder beim Medikamentenklau erwischt wurden und der Arbeitgeber ihnen dann die Pistole auf die Brust gesetzt hat.

Viele der Ärzte suchen erst spät Hilfe. Warum?

Weil Suchterkrankungen in Deutschland ein großes Tabuthema sind und die Betroffenen oft stigmatisiert werden. Dabei ist eine Suchterkrankung eine Krankheit, genauso wie Diabetes oder Masern auch. Und natürlich haben viele Angst vor dem Entzug der Approbation.

Wird die Approbation automatisch entzogen, wenn eine Meldung an die Ärztekammer erfolgt?

Nein, viele Ärztekammern bieten eine anonyme Beratung an, ohne dass eine Meldung an die Aufsichtsbehörde geht. Sie empfehlen den Betroffenen oft Entzugsprogramme wie etwa das der Oberbergkliniken. Nach dem Programm können die Ärzte wieder in den Job einsteigen, werden jedoch noch ein bis zwei Jahre von der jeweiligen Ärztekammer kontrolliert. Nur wenn ein Patient nicht am Programm teilnehmen möchte, wird ihm die Approbation entzogen.

Wer übernimmt die Behandlungskosten?

Die Kosten werden von den Versorgungswerken der Ärztekammern übernommen. Die reinen Entgiftungskosten tragen auch oft die Privatversicherungen.

Gibt es Fachrichtungen, in denen Ärzte häufiger von Suchterkrankungen betroffen sind?

Ja, Chirurgen, weil sie sehr unter Druck stehen und niedergelassene praktische Ärzte, weil sie sich nach einem harten Arbeitstag oft mit Alkohol belohnen. Außerdem Anästhesisten, weil sie gut an Opiate herankommen.

Was ist in der Therapie der Ärzte wichtig?

Sie müssen zunächst begreifen, dass sie bei uns Patienten sind. Wir sprechen nicht unter Kollegen, sondern von Therapeut zu Patient. Das fällt vielen Patienten sehr schwer. Sie müssen also emotional ihre Rolle akzeptieren. Wir wollen den Patienten helfen, wieder Fuß zu fassen und ein normales berufliches Leben zu führen. Das erreichen wir mit einer intensiven Therapie, die den Patienten von der Entgiftung bis zum Abschluss der Entwöhnung begleitet.

Wie sieht so ein Wochenprogramm aus?

Die Patienten haben vier Einzeltherapien und vier Gruppentherapien in der Woche. Dazu gibt es Indikationsgruppen, Suchtgruppen, in denen die Krankheitsakzeptanz gefördert wird und Abstinenztraining. Außerdem machen die Patienten Gestaltungs- und Körpertherapien sowie Entspannungstraining.

Oft beginnt die Sucht schon im Studium. Wie kann man vermeiden, in die Sucht zu geraten?

Studenten rate ich immer, achtsam zu leben. Sich einfach abends kurz hinsetzen und überlegen, wie der Tag gelaufen ist und ihn damit abschließen. Auch Yoga, Atemübungen oder Meditation können dabei helfen, sich eine kurze Zeit am Tag auf sich selbst zu konzentrieren. In der Zeit vor dem Examen sollte man sich einen richtigen Arbeitstag einrichten. Zum Beispiel von 8 bis 12 Uhr lernen, eine Mittagspause machen und dann wieder von 13 bis 17 Uhr lernen. Den Abend hat man dann Zeit für Sport und Freunde.

Haben Sie auch für Ärzte Tipps?

Ja, wenn man morgens in die Klinik kommt, sollte man die Schuhe wechseln und abends umgekehrt. Alle Probleme, die in den Schuhen stecken, bleiben dort, wo sie hingehören. So kann man die Klinik intensiv leben und das Privatleben auch.

© Georg Thieme Verlag KG. Alle Rechte vorbehalten. (Zur Originalversion des Artikels)

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