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"Man entwickelt ständig neue Fähigkeiten!"

Arzneimittel, Pillen, Medikamente (Quelle: freeimages.com, Autor: esrasu)

Quelle: freeimages.com, esrasu

Sie hat in der Medizin eine Bilderbuchkarriere hingelegt: Approbation mit 28, Habilitation mit 32, ein Preis für ausgezeichnete Lehre und eine eigene Sektion für experimentelle Organonkologie inklusive Forschungs- und Tierlabor. Warum Prof. Anja-Alexandra Dünne in die Pharmabranche wechselte, erzählt sie im Gespräch mit arzt & karriere-Chefredakteur Nicolai Haase.

Frau Professor Dünne, Sie haben sich früh auf die HNO-Heilkunde spezialisiert und sehr erfolgreich als Ärztin gearbeitet. Wieso haben Sie sich trotzdem nach einer Option außerhalb der Klinik umgeschaut?

Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn festgestellt, dass die Möglichkeiten, Patienten in der Krebsbehandlung zu helfen, gerade im Bereich HNO begrenzt sind. Oft setzt man mit der Behandlung erst dann an, wenn den Menschen nicht mehr geholfen werden kann und begleitet sie in der letzten Krankheitsphase. Das ist frustrierend. Gleichzeitig hat mich das aber motiviert, mich auf dem Gebiet der experimentellen HNO-Heilkunde weiterzuentwickeln. Ich wollte alternative Behandlungsmöglichkeiten finden, die man bei Krebspatienten früher einsetzen kann, um ihnen damit besser helfen zu können. Für mich war daher relativ bald klar, dass ich wissenschaftlich arbeiten muss, um näher zum Kern des Problems vordringen und auf diese Weise neue Möglichkeiten finden zu können.

Mit diesen Forschungen haben Sie schon in Ihrer Zeit an der Universität Marburg begonnen. Konnten Sie dort bereits erste wertvolle Ergebnisse erzielen?

Ja. In Marburg hatte ich für meine Forschungen optimale Arbeitsbedingungen vorgefunden. Ich konnte dort auf ein gut ausgestattetes Labor zugreifen und erhielt außerdem die Unterstützung von einem Kollegen aus Stanford, der ausschließlich für die Betreuung des Labors verantwortlich war. Während dieser Zeit hat sich eine enge Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Kolloid-und Grenzflächenforschung in Potsdam-Golm entwickelt. Gemeinsam haben wir an Vehikeln geforscht, um herauszufinden, wie Medikamente schneller zu den Matastasen transportiert und dadurch besser und effizienter gemacht werden können.

Was hat letztlich den Ausschlag gegeben, dass Sie Ihren Traum von der Chirurgie aufgegeben haben und stattdessen in die Pharmabranche gegangen sind?

Ich befand mich in einer Situation, in der ich mich entscheiden musste: Klinikleitung/Ordinariat, oder etwas ganz Neues. Ich habe mich für etwas ganz Neues entschieden, denn während meiner Zeit als Sektionsleiterin für experimentelle HNO-Heilkunde habe ich festgestellt, dass ich durch die Erforschung von neuen Medikamenten die Behandlung von Krebspatienten entscheidend mitbeeinflussen kann. Diesen Weg wollte ich weiterverfolgen
– allerdings außerhalb der Universität, da dort die finanziellen Möglichkeiten gerade im Forschungsbereich leider eingeschränkt sind. So bin ich auf die Pharmaindustrie aufmerksam geworden, da mir hier für meine Forschungen ganz neue Wege und Mittel zur Verfügung gestellt werden konnten. Das Umfeld, in dem ich mich nun bewege, ist größer und ermöglicht vielen Patienten den Zugang zu den Medikamenten, die ihnen helfen können.

Warum haben Sie sich gerade bei Roche beworben?

Im Bereich der Onkologie ist Roche allein aufgrund der Produktpalette Spitzenreiter. So innovative Ideen werden von kaum einem anderen Unternehmen umgesetzt. Roche zeichnet vor allem aus, dass man hier sehr viele Möglichkeiten hat, Dinge zu beeinflussen. Außerdem hat mich die Unternehmenskultur begeistert.

Können Sie näher beschreiben, worin die Besonderheit der Unternehmenskultur von Roche besteht?

Sie basiert auf der Anerkennung von Diversität und dem Zulassen verschiedener Meinungen, um gemeinsam eine Strategie zu finden und weiterzuentwickeln. Darin liegt zum Beispiel ein deutlicher Unterschied zu amerikanischen Unternehmen, in denen Entscheidungen einfach von oben nach unten delegiert werden.

Gibt es etwas, das speziell die Niederlassung in Grenzach-Whylen auszeichnet?

Nach den USA ist Deutschland der zweitwichtigste Markt und Standort. Das macht die deutsche Niederlassung für mich ganz besonders interessant. Auf diese Weise haben wir mit unseren Studienkonzepten globalen Einfluss und können Patienten auf der ganzen Welt durch unsere Forschung an neuen Medikamenten helfen. Es ist ein gutes Gefühl, in einer Länderorganisation tätig zu sein, die eine wichtige Stimme in der internationalen Strategie hat.

Mit welchen Aufgaben waren Sie bisher betraut, seit Sie in dem Unternehmen arbeiten?

In den letzten Jahren – sowohl in der Konzernzentrale in Basel, wie auch jetzt in Grenzach-Whylen – bestand meine Hauptaufgabe in der Entwicklung von unterschiedlichen Medikamenten für die Therapie von Brustkrebs. Diese Aufgabe liegt mir insbesondere deshalb am Herzen, weil ich als Frau einen persönlichen Bezug zum Thema habe. Es ist ein erfüllendes Gefühl, in seiner beruflichen Laufbahn vielleicht den einen oder anderen Ansatz zur Behandlung dieser Krankheit zu finden und den Patientinnen auf diese Weise helfen zu können, gerade weil es sich hierbei um einen mühsamen, akribischen und langwierigen Prozess handelt.

Sie sind jetzt „Medical Director Oncology/Hematology“. Was kann man sich darunter genau vorstellen?

Ich leite die Abteilung Hämatoonkologie. Hier habe ich es mit allen Medikamenten zu tun, die wir in diesem Bereich der Onkologie heute und zukünftig
vermarkten. Ich bin für das gesamte medizinische Team zuständig, also für die sogenannten Medical Manager, die mit verschiedenen Studiengruppen in Deutschland Konzepte entwickeln und dabei helfen, diese zu realisieren. Außerdem kümmere ich mich darum, dass wir genügend Patienten für die Studien rekrutieren. Momentan sind wir noch stark auf bestimmte Krankenhäuser fokussiert.Wir versuchen derzeit, den Fokus zu erweitern und auch in anderen Krankenhäusern tätig zu werden, um noch mehr Patienten den Zugang zu unseren Medikamenten zu ermöglichen.

Sie beschreiben hier eher eine Management-Aufgabe ...

... an meinem Anliegen hat sich aber nichts geändert. Ich möchte immer noch Menschen helfen. Bei Roche habe ich die Möglichkeit dazu, nur nicht als Ärztin im klassischen Sinne. So wie ich in meiner klinischen und akademischen Karriere unterschiedliche Entwicklungsstufen durchlaufen habe, tue ich das nun bei Roche. Zunächst war ich für ein Medikament zuständig und habe grundlegende wissenschaftliche Entscheidungen getroffen. Heute habe ich es mit Fragen des Personalmanagements zu tun, zum Beispiel wie wir uns als Organisation mit all den sich verändernden Anforderungen erfolgreich aufstellen.

Das heißt, dass Sie ständig vor neuen Herausforderungen stehen.

Ja und das ist das Großartige daran. Ich muss immer wieder neue Fähigkeiten an mir entdecken und diese weiterentwickeln. Hier bieten sich Medizinern viele Perspektiven. Mir geht es nicht um einen Aufstieg in der Hierarchie, sondern vielmehr um die Weiterentwicklung von mir selbst als Person. In der Klinik hatte ich diese Möglichkeit kaum. In meiner jetzigen Position kann ich viele Dinge bewegen und auf ebenso vielen unterschiedlichen Ebenen tätig sein. Jetzt geht es darum, optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen und Strategien anzubieten, um auf dieseWeise den bestmöglichen Erfolg zu erzielen. Diese Vielfältigkeit macht die Pharmaindustrie für mich so interessant. Ich sehe das als große Chance für meine persönliche Entwicklung.

Für Ihre Lehrtätigkeit an der Universität Marburg haben Sie den „Award for Excellent Teaching“ erhalten. Haben Sie denn gerne gelehrt?

Ich übernehme auch heute noch Lehrtätigkeiten in Marburg und das macht mir großen Spaß. Mir ist es sehr wichtig, keine reinen Frontalvorlesungen zu halten,  sondern mit realen Fällen zu arbeiten. Die Studenten sollen lernen, sich in konkrete Situationen hineinzuversetzen und entsprechende Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Der Lehrpreis hat mich selbst überrascht,weil im Jahr der Auszeichnung das gesamte Prüfungssystem umgestellt wurde und wir auf einmal doppelt so viele Studenten wie bisher hatten. Dass ich trotzdem alle erreicht habe, war ein gutes Gefühl.

Eine Führungsposition in der Industrie und zusätzlich noch die Lehrtätigkeit – wie viel Freizeit bleibt da für Sie?

Am Wochenende habe ich frei und sonst arbeite ich auf Vertrauensbasis.Wenn ich beispielsweise bis zehn Uhr am Abend eine Videokonferenz habe, kann ich am nächsten Morgen später anfangen oder von zu Hause aus arbeiten. Ich muss niemandem Rechenschaft ablegen, solange ich meine Arbeit abliefere. Diese Flexibilität ist in einem Krankenhaus kaum möglich, da es dort natürlich bestimmter Abläufe bedarf. Verglichen mit der Zeit in der Klinik habe ich heute eine hervorragende Work-Life-Balance.

Und was passiert, wenn Sie Ihre Arbeit nicht abliefern?

Es gibt Umstände, die nicht beeinflussbar sind. Wenn zum Beispiel in einem Land für einen längeren Zeitraum gestreikt wird, kann eine Studie dort nicht wie geplant starten – ob ich nun hinfliege oder nicht. In einem solchen Fall geht es darum, zu zeigen, dass alles getan wurde, um das Ziel zu erreichen.

 

Erzählen Sie uns bitte zum Abschluss: Was waren bisher Momente in Ihrem Berufsleben, die Sie besonders glücklich gemacht haben?

Für mich persönlich gab es da vor allem zwei Momente. Deutsche Brustkrebsexperten sind zu der Erkenntnis gekommen, dass Antikörper anders als Chemotherapien zu verabreichen sind. Letztere können nur bis zu einer gewissen Anzahl in der Behandlung eingesetzt werden, da ab einem bestimmten Punkt die Toxizität so hoch ist, dass man aufhören muss.Antikörper funktionieren anders und können je nach Einsatzgebiet unterschiedlich lange gegeben werden. Es ist mir gelungen zwei Studien aufzusetzen, die dieses Konzept untersuchen. Eine dieser Studien rekrutiert seit dem ersten Tag über den Erwartungen. Die zweite Studie wird hoffentlich im nächsten Jahr auch global starten. Das sind Erfahrungen, die in mir das Gefühl auslösen, hier wirklich etwas bewegen und Menschen helfen zu können.

© Evoluzione Media AG, arzt & karriere. 

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