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Plagiatsaffäre bei den Medizinern [@ WavebreakmediaMicro - Fotolia]

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Doktoranden schreiben bei Habilitanden ab – und umgekehrt. Wissenschaftliche Arbeiten in der Medizin entstehen oft in fragwürdiger Teamarbeit. Die Branche erlebt einen handfesten Plagiatsskandal.

Als Jörg Rüdiger Siewert mit seiner Rede endet, ist das Schicksal von Hans-Hermann Dickhuth besiegelt. Siewert, der leitende ärztliche Direktor der Uni-Klinik Freiburg, ist an diesem 14. Oktober 2013 als Sachverständiger eingeladen, er spricht vor dem Habilitationsausschuss der Uni. Das Thema ist mehr als heikel: Es geht um die Frage, ob sein Kollege Dickhuth ein Plagiator ist. Ob das Werk des bekannten Sportmediziners zu großen Teilen auf Texten beruht, die seine Doktoranden geschrieben haben. Und ob ihm deshalb die Habilitation entzogen wird, also der Professorentitel.

Siewerts Urteil fällt eindeutig aus: Würde man die Habilitation nicht zurücknehmen, entstünde in der Öffentlichkeit der Eindruck, man nehme fehlerhaftes wissenschaftliches Verhalten nicht ernst genug. "Dies würde … die zuletzt wieder positivere öffentliche Sicht auf Fakultät und Klinikum gefährden." Tatsächlich war die Klinik zwei Jahre zuvor wegen eines gigantischen Dopingskandals in Verruf geraten. Die Sportmediziner standen im Verdacht, das Radsportteam der Telekom mit leistungssteigernden Mitteln versorgt zu haben.

Am Ende der Ausschuss-Sitzung ist Dickhuth seine Habilitation los. Begründung: Seine Schrift zur Echokardiografie sei "zu großen Teilen wortidentisch" mit den Arbeiten von mehreren Doktoranden, "ohne dass dies in einer Zitierung, Erwähnung in Fußnoten oder im Vorwort kenntlich gemacht worden wäre".

Als Siewert vor dem Ausschuss gegen seinen Kollegen wettert, ahnt er wohl schon, dass der Fall Dickhuth kein Einzelfall bleiben wird – und er sich selbst bald ähnlichen Vorwürfen gegenübersehen wird. Und nicht nur Siewert muss in der Folge die Rolle des Anklägers mit der des Angeklagten tauschen: Auch Norbert Südkamp, den Direktor der Freiburger Unfallchirurgie, trifft es – er hatte dem Dickhuth-Ausschuss vorgestanden. Beide Werke werden derzeit von der dortigen Kommission zur "Sicherung der Redlichkeit in der Wissenschaft" überprüft.

Insgesamt laufen in ganz Deutschland zurzeit Untersuchungen zu mehr als 30 wissenschaftlichen Arbeiten im Fach Medizin. Das dürfte nur der Anfang sein.

Die Vorwürfe lauten immer ähnlich: Die Habilitierenden sollen komplette Textpassagen aus den Dissertationen der von ihnen betreuten Doktoranden übernommen haben. Nach Informationen des Handelsblatts ist das seit Jahren Usus an den medizinischen Fakultäten. "In der klinischen Medizin waren die Doktorarbeiten häufig Bausteine für die Habilitationsarbeit des Assistenzarztes einer medizinischen Universitätsklinik – und sind es noch", sagt Tassilo Bonzel, ehemals Leiter der Kardiologie in Fulda – und einer von wenigen prominenten Medizinern, die über dieses Thema zu sprechen bereit sind.

Allein dem Handelsblatt liegen Dutzende Habilitationen vor, die mit Doktorarbeiten teils identisch sind – ohne dass darauf in den jeweiligen Arbeiten explizit hingewiesen wurde. Sie stammen von der Uni Freiburg, aber auch von den Fakultäten in Heidelberg, Hannover oder Göttingen.

Ob die Doktoranden von den Habilitanden abgeschrieben haben oder ob es umgekehrt war, muss im Einzelfall beurteilt werden. Einige der betroffenen Professoren könnten zwar durchaus Opfer von heimlich abschreibenden Doktoranden gewesen sein – doch das dürfte nicht immer zutreffen. Schließlich wurde die jeweilige Doktorarbeit in einigen Fällen zuerst abgegeben. In anderen waren die Professoren Erstgutachter der Dissertation – die Textüberschneidungen hätten ihnen also auffallen müssen.

Siewert und Südkamp – die beiden Freiburger Mediziner – versichern, dass sie sich bei dem Verfassen ihrer Habilitationsschriften an die Regeln gehalten haben – und das Datum ihrer Werke scheint ihnen auf den ersten Blick recht zu geben. Ihre Werke erschienen ein Jahr beziehungsweise zwei Jahre früher als die Doktorarbeiten ihrer früheren Mitarbeiter.

In beiden Fällen könnten also möglicherweise die Doktoranden die Plagiatoren sein. Im Fall Siewert handelt es sich bei dem damaligen Mitarbeiter um Hans-Jörg Weiser. Besonders pikant: Weiser ist mittlerweile Präsident des Verbandes Leitender Krankenhausärzte. Er will auf Nachfrage zu dem Vorgang nicht Stellung nehmen.

Möglich ist aber auch, dass diese Arbeiten in fragwürdigem Teamwork entstanden. Denn anvielen Fakultäten hierzulande scheint es gebräuchlich zu sein, in Gemeinschaftsarbeit aus einem gemeinsam ermittelten Datensatz mehrere Titel zu produzieren. "Habilitationen in der klinischen Medizin entstanden in Deutschland meist in (formlosen) Arbeitsgruppen mit eng betreuten Doktoranden", sagt auch der frühere Fuldaer Medizinprofessor Bonzel. "Die Ergebnisse wurden typischerweise gemeinsam verwertet." Wer Urheberwelcher Leistung war, blieb meist unerwähnt.

Doch ob es üblich war oder nicht – streng verboten war es in jedem Fall, wie der "Ombudsman für die Wissenschaft" klarstellt. Die Anforderungen sind unmissverständlich: Leistungen anderer müssen in der eigenen Arbeit stets als solche klar gekennzeichnet sein. Dabei reiche es keineswegs aus, das plagiierte Werk im Literaturverzeichnis aufzunehmen, ebenso wenig wie eine Danksagung an den Autor des kopierten Werkes, sagt Wolfgang Löwer. Er ist Sprecher des Gremiums, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft für genau solche Fragen eingesetzt hat.

Die Gründe, warum das System des Gebens und Nehmens im Team offenbar trotzdem bis heute funktioniert, sind einfach: Dem Medizinbetrieb mangelt es an Unrechtsbewusstsein.

Selbst herausragende Vertreter ihres Faches sagten dem Handelsblatt, es sei doch nichts dabei, wenn ein Betreuer seinem Doktoranden die Hand führe. Es handele sich um junge Menschen, die oft wissenschaftlich brillant seien, aber nicht unbedingt gerade Sätze schreiben könnten. Viele Professoren hielten es für ganz normal, große Teile der von ihnen betreuten Dissertationen selbst zu schreiben. Es komme auf die wissenschaftlichen Fähigkeiten ihrer Schüler an, nicht auf deren Formulierkunst.

Doch in einem System, in dem die akademischen Titel für die Karriere bares Geld wert sind, dürfte das allenfalls die halbe Wahrheit sein. Denn eine finanziell erfolgreiche Praxis aufmachen kann ein Mediziner praktisch nur mit einem Doktortitel auf dem Namensschild.

Auch die Habilitanden sparen sich auf dem Weg zu Professorentitel und Chefarztsessel kostbare Zeit, wenn sie die wissenschaftlichen Anstrengungen ihrer Doktoranden ganz ungezwungen in ihr eigenes Werk und andere Publikationen einfließen lassen. Schließlich schreiben sie ihre Arbeiten oft parallel zu einer Vollzeitstelle an der Klinik – die viele Überstunden fordert. "Erst die Zuarbeit der Doktoranden ermöglichte dem Habilitanden die Verfassung umfangreicherer Arbeiten mit höherer Qualität, die er allein nicht erbringen konnte", sagt auch Bonzel.

Dass der Fall Dickhuth dieses System nun ans Licht bringt, ist einem Zufall geschuldet. Sein Werk war 2011 im Zuge der Ermittlungen rund um die Freiburger Dopingaffäre aufgefallen.

Die Dopingkommission sprach Dickhuth zwar von allen Vorwürfen frei. Doch in seiner Arbeit stieß man auf mutmaßliche wissenschaftliche Ungereimtheiten. Seine Habilitation habe er mit "mit unlauteren Mitteln erlangt", heißt es in der Presseerklärung der medizinischen Fakultät zum Entzug des Titels. Er soll für umfassende inhaltliche Überschneidungen mit sieben Dissertationen verantwortlich sein, ohne dass dies kenntlich gemacht worden wäre.

Ein schwerwiegender Vorwurf, der in der Szene für große Kontroversen gesorgt hat. Dickhuth selbst bestreitet ihn vehement – jedoch mit einem Verweis auf die gängige Praxis der Teamarbeit: So habe er seine Habilitation vollständig allein verfasst. "Daten und Befunde" allerdings habe man gemeinsam erarbeitet, außerdem habe Dickhuth den Doktoranden Formulierungen und Texte überlassen sowie deren Arbeiten korrigiert, heißt es in einem Schreiben seiner Anwälte an den Habilitationsausschuss. Einer seiner Doktorandinnen etwa habe er nach deren Aussage vor dem Ausschuss "vorgefertigte Texte (auf Zetteln) zur Verfügung gestellt" – als Nichtmuttersprachlerin hätten ihr die sprachlichen Fähigkeiten gefehlt.

Auf weitere Nachfragen des Handelsblatts dazu gehen Dickhuths Anwälte nicht ein – wohl auch, weil Dickhuth sich offenbar verpflichtet hat, nicht mit der Presse zu reden. Vor wenigen Wochen einigte er sich mit der Universität darauf, dass ein Disziplinarverfahren gegen ihn unterbleibt.

Ein Deal, von dem sich wohl beide Seiten Vorteile versprachen: Dickhuth behält so Titel und Pensionsansprüche – und die Universität konnte hoffen, den imageschädigenden Streit leise beendet zu haben.

Doch das dürfte eine Fehleinschätzung sein. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte bereits jemand anderes begonnen, die Arbeiten anderer Professoren unter die Lupe zu nehmen: Hermann Scharnagl, ein umtriebiger Publizist aus dem süddeutschen Raum. Sein Ergebnis: Dickhuth wurde letztlich für eine Praxis bestraft, die möglicherweise unzulässig war, aber bundesweit gang und gäbe ist. Die ungeschriebenen Gesetze in der medizinischen Wissenschaft sehen offenbar völlig anders aus als die Empfehlungen der zuständigen Stellen für gute wissenschaftliche Praxis.

Tatsächlich spricht selbst der Habilitationsausschuss der Uni Freiburg von einer häufig vorkommenden "sehr engen Zusammenarbeit" von Habilitand und Doktorand. Die Erarbeitung der Daten und Fakten sei eine "meist gemeinschaftliche Leistung". Bis vor einigen Jahren sei es in der Medizin außerdem uneinheitlich gewesen, "ob und wie Dissertationen und Habilitationsschriften gegenseitig zitiert wurden".

Aber darf man einen Wissenschaftler für das bestrafen, was zwar verboten, aber völlig üblich war? Mediziner Bonzel sagt Nein: Er hält das Vorgehen der Uni Freiburg gegen Dickhuth für falsch. Es sei in höchstem Maße fragwürdig, einen einzelnen Wissenschaftler für eine Vorgehensweise zur Rechenschaft zu ziehen, die in einem zufällig ausgewählten Zeitraum üblich und sinnvoll gewesen sei.

Ombudsmann Wolfgang Löwer sieht es fundamental anders: Für die Frage der Redlichkeit in der Wissenschaft spiele es keine Rolle, was die Zunft für gängige Praxis gehalten habe oder halte, sagt Löwer. In den 70ern und 80ern hätten viele Mediziner vielleichtweniger Bedenken gehabt, auf diese Weise ihre wissenschaftlichen Arbeiten zu erstellen. "Wissenschaftlich unzulässig war es aber auch schon damals."

Schaut man sich die von Scharnagl ausgegrabenen Habilitationen und die Arbeiten der Doktoranden an, so weisen alle zumindest Identitäten bei Abbildungen und Tabellen auf. Schon allein das verletze aber die Grundsätze für gute wissenschaftliche Praxis, sagt Löwer. Nicht zuletzt deshalb müssen Doktoranden in Freiburg –wie auch anderswo üblich – sogar an Eides statt versichern, dass sie ihre Arbeiten selbstständig abgefasst haben.

Die Unnachgiebigkeit von Ombudsmann Löwer zeigt: Medizinern in ganz Deutschland könnte bald das gleiche Schicksal widerfahren wie ihrem Kollegen Dickhuth. Es sei denn, sie treffen auf milde Richter.

Die bestehen in den Habilitationsausschüssen vornehmlich aus Kollegen der eigenen Zunft mit Professoren- und Doktortiteln.

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