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"Dr. med." für 72.000 Euro

Medizinstudium, Arzt, Operation [Quelle: pixaby.com, Autor: Sasin Tipchai]

Quelle: pixaby.com, Sasin Tipchai

Der Markt für Privatuniversitäten in Österreich wächst. Was genau ein solches Institut ausmacht, bleibt oft diffus.

"Die Studenten sind die Kunden", sagt der Lektor in Hörsaal 4013. Die Zuhörer nicken zustimmend. Drei Frauen und vier Männern sitzen an diesem Februarabend in den Konferenzstuhlreihen, um sich hier an der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) in Wien über ein Jus-Studium zu informieren. Kosten: 480 Euro für Zulassungsverfahren und Inskription, dann 8.000 Euro pro Semester. Die Fenster des modernen SFU-Neubaus zeigen auf den ebenso neuen WU-Campus am Prater. Aber dort, an der Wirtschaftsuniversität, hat einer der Interessenten im Herbst ein Repetitorium mit 600 Kommilitonen im Saal besucht, erzählt er und will daher wissen: Wie schaut das an der privaten Uni aus? "Wir sind höchstens 30 in der Gruppe", sagt der Lektor, der die SFU vorstellt. "Wenn jemand viel Geld fürs Studium zahlt, hat er ein Recht auf eine gute Betreuung."

Kleine Gruppen statt Massenabfertigung, Praxisbezug und Karriere im Blick statt dumpfes Auswendiglernen: Immer mehr Studenten greifen für einen Uni-Abschluss mit solchen Qualitäten tief in die Tasche. Der akademische Bildungsmarkt entwickelt sich damit – analog zum Gesundheitssystem – zum Zweiklassensystem. Denn während in Österreich wiederholt über Zugangsbeschränkungen und Gebühren an staatlichen Unis diskutiert wird, die mit klammen Kassen kämpfen, blühen die kostenpflichtigen Privat-Unis auf. Im Gesetz sind sie erst seit 1999 verankert.

12.700 Studenten zählen sie derzeit. Das sind zwar nur vier Prozent des akademischen Nachwuchses, aber doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Zwölf Anbieter buhlen um die zahlungswilligen Studiosi, ein 13. wurde soeben akkreditiert, und von Tirol über St. Pölten bis Mürzzuschlag sind weitere Uni-Gründungen in Planung.

Mit der Zugkraft der kommerziellen Player wächst die Kritik. Von "forschungsfreien Ausbildungsstätten", intransparenten Studiengängen und einer beliebigen Vergabe der Bezeichnung Universität ist in Berichten des Wissenschaftsrats die Rede, der "vor einer nachhaltigen Schädigung des Wissenschaftsstandortes Österreich" warnt. Der deutsche Medizinische Fakultätenrat empörte sich schon vor zwei Jahren über "wissenschaftliche Discounter" aus Österreich. Selbst ÖVP-Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner sprach zuletzt von einem "Qualitätsproblem".

Verteufeln will Antonio Loprieno, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, das Modell Privat-Uni zwar nicht. Die Frage aber laute: "Was ist unter dem Begriff Privatuniversität zu subsumieren?"

Das lässt sich tatsächlich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen. So gelten etwa die katholischen Unis ebenso wie frühere Konservatorien als Privat-Unis. Daneben gibt es aber Angebote in allen Farben und Größen. Sie reichen vom Bachelor in Event Engineering an der New Design University in St. Pölten über Zahnmedizin für eine dezidiert adressierte Elite an der Danube Private University in Krems bis zu Sport- und Eventmanagement an der Privat-Uni Schloss Seeburg, die im Internet mit Absolventen "wie u.a. 'Dancing Star' Manuela Stöckl oder Oliver Kahn" wirbt.

Von "forschungsfreien Ausbildungsstätten" und intransparenten Studiengängen ist die Rede

SFU-Gründer und -Rektor Alfred Pritz ist vor zwölf Jahren mit 52 Studenten in das Uni-Geschäft gestartet. Heute betreibt er die mit rund 3.800 Studenten größte Privatuniversität im Land. Von seinem Büro ganz oben in der 2015 eröffneten Zentrale blickt Pritz auf die Vergnügungsattraktionen im Prater und auf eine Baustelle. In einem Jahr soll das SFU-Gebäude für angehende Mediziner bezogen werden. Denn die als Spezial-Uni für Psychotherapie und Psychologie gestartete SFU sieht sich längst als breite Alternative zu den staatlichen Akademikerschmieden. Stolz spricht Pritz von der Expansion. "Wir haben das alles selber durch Studiengebühren und Drittmittelprojekte finanziert", sagt er, "kein Cent kam von der öffentlichen Hand."

Damit ist die SFU eine Ausnahme. Vom Bund dürfen Privatuniversitäten zwar kein Geld erhalten, dennoch hängen sie oft am Tropf der Steuerzahler. An acht der zwölf Anbieter sind Länder, Gemeinden, Wirtschaftskammer, Kirche oder staatliche Hochschulen beteiligt. "Das Finanzierungsverbot muss ausgeweitet werden", fordert die Grünen-Wissenschaftssprecherin Sigi Maurer. "Solange sich jedes Bundesland seine eigenen Unis baut, läuft der bundesweite Hochschulplan völlig ins Leere."

Die universitäre Kirchturmpolitik floriert vor allem im Gesundheitssektor. Während es dem oberösterreichischen Landeshauptmann noch gelungen ist, seine MedUni an die Uni Linz anzuhängen, behilft man sich anderswo mit den privatrechtlichen Konstruktionen. Es gibt die skandalgebeutelte Umit in Tirol, die Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems, ein Lieblingsprojekt von Erwin Pröll, und die Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Salzburg. Deren großer Mäzen heißt zwar Didi Mateschitz, sie wird aber von Stadt und Land Salzburg mit unterstützt. St. Pölten hat gerade seine Beteiligung an einer Privat-Uni für Psychotherapie beschlossen. Und die Tiroler Landesregierung arbeitet auf Hochtouren an einer "Medical School". Mehr Studienplätze retten die ärztliche Versorgung zwar nicht, solange Jungärzte aus Österreich vertrieben werden. In der lokalpolitischen Selbstdarstellung zählt das aber wenig.

"Steuergelder sollten eingesetzt werden, um die Ausbildungsqualität zu verbessern", fordert Markus Müller. Der Rektor der MedUni Wien sitzt mit seiner Kritik aber zwischen den Stühlen. Denn als Müller das Amt übernahm, musste er auch ein Kind seines Vorgängers übernehmen: die Karl Landsteiner Privatuniversität, an der MedUni Wien, Donau-Uni Krems, Fachhochschule Krems und TU Wien beteiligt sind und die vom Land Niederösterreich unterstützt wird – auch mit Stipendien für das teure Privatstudium. "Ich würde so etwas nicht noch einmal starten", sagt Müller. Dass der Rechnungshof nun Unternehmensbeteiligungen von staatlichen Unis prüft, begrüßt er.

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