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OP-Saal [Quelle: Fotolia, Autor: Kalinovsky Dmitry]

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Der Numerus clausus für Medizin ist zum Symbol geworden: Er steht für ein extrem begehrtes, oft aber unerreichbares Fach. Für geplatzte Träume und die Suche nach anderen Wegen ans Ziel. Davon gibt es zwar einige - aber sie sind auch riskant.

So unterschiedlich die Bundesländer in Bildungsfragen auch sein mögen - was das Medizinstudium betrifft, ergibt sich ein erstaunlich einheitliches Bild. Betroffene würden es eher erschreckend nennen. Vielleicht auch niederschmetternd. Beim Numerus clausus (NC) jedenfalls, neben der Wartezeit und Auswahltests das zentrale Kriterium für Zu- oder Absage, müsste Interessierte Panik überkommen. Die Auswahlgrenze für das Wintersemester 2015/2016 lag laut der Zulassungsstelle hochschulstart.de für Abiturienten aus Bayern bei einem NC von 1,0. Baden-Württemberg: 1,0. Berlin: 1,0. Hessen: 1,0. Nordrhein-Westfalen: 1,0. Sachsen: 1,0. Mecklenburg-Vorpommern: 1.0. Und so weiter, und so weiter. Anders sieht es nur in Schleswig-Holstein und Niedersachsen aus. Hier lag die Grenze jeweils bei 1,1. Spitzenwerte von Süd bis Nord, von West bis Ost. Willkommen also im Land der sehr begrenzten Möglichkeiten.

Wem Zynismus nicht fremd ist, könnte sagen, dass der dornige Weg zum Traumstudium selbst verschuldet ist. Schließlich ist der Ansturm auf die medizinischen Fakultäten und ihre insgesamt 10.000 Studienplätze so gewaltig, dass es ohne Beschränkungen nicht geht - und das in Zeiten des Ärztemangels mit Tausenden unbesetzten Stellen allein in Krankenhäusern. Immerhin, nur 20 Prozent der verfügbaren Plätze gehen derzeit an die Abiturbesten, 20 Prozent werden über ihre Wartezeit zugelassen, 60 Prozent über die Auswahlverfahren der Hochschulen - in denen die Abiturnote allerdings auch eine bedeutende Rolle spielt.

Deshalb kursieren auch immer wieder Geschichten, dass Abiturienten mit Bestnoten nur deshalb Medizin studieren, weil sie einen Schnitt von 1,0 haben - und nicht etwa, weil sie sich ernsthaft für Medizin interessieren. So wie zum Beispiel jene Bewerber, die zwar keine Spitzennote mitbringen, dafür aber jede Menge Wartezeit. Wie ausdauernd viele auf den ersehnten Studienplatz warten müssen, zeigt schon die Wartezeitquote im Wintersemester 2015/16. Sie lag bei sieben Jahren. In der Zeit haben andere schon längst ihre Lehre oder ihr Studium abgeschlossen und reichlich Berufserfahrungen gesammelt.

Kein Wunder also, dass es an kerniger Kritik am Zulassungsverfahren nicht fehlt. "Es ist volkswirtschaftlicher Wahnsinn, dass wir einerseits Mediziner aus anderen Ländern zu uns holen, andererseits Tausenden in Deutschland den Zugang zu einem Medizinstudium verwehren", sagt zum Beispiel Dirk Naumann zu Grünberg. Der Jurist ist Spezialist für Hochschulrecht und Mitinitiator der Online-Plattform Medistart, die Studienplätze für Medizin im Ausland vermittelt. Damit steht er für zwei alternative Wege ans Krankenbett und den Operationstisch: die Klage auf einen Studienplatz in Deutschland und das Studium jenseits der Grenzen, zum Beispiel in Budapest, Vilnius, Riga, Lodz, Nikosia oder Bratislava. Um nur einige zu nennen.

An einem Informationstag im Februar im vornehmen Frankfurter Stadtteil Westend wartet die klassische Klientel auf zu Grünberg, um zur Beratung vorgelassen zu werden: ein Arzt mit Tochter, etwas angespannt, aber erwartungsfroh. Einmal im Monat lädt Medistart in vier deutsche Großstädte ein, um über ein Medizinstudium im Ausland zu informieren, jeweils 60 bis 100 junge Leute kämen da zusammen. Die meisten von ihnen seien Kinder von Ärzten und Hochschullehrern, das sei die Hauptklientel. "Es sind aber grundsätzlich alle Bevölkerungsschichten vertreten", sagt zu Grünberg. Die Aussichten klingen verlockend: ein Studienplatz ohne NC und Wartezeit, dazu keine Probleme mit der Anerkennung hierzulande. Das Ganze bei intensiver Vorbereitung und mit Betreuung vor Ort. Der Abschluss in Lodz zum Beispiel werde sogar in den Vereinigten Staaten anerkannt.

Grundpfeiler der Medizinerausbildung in der Europäischen Union ist die Berufsanerkennungsrichtlinie der EU. Danach muss eine Universität Träger der Ausbildung sein, nur für die klinische Praxis dürfen außeruniversitäre Einrichtungen - in der Regel Kliniken - eingebunden werden. Das gilt auch für Kooperationen zwischen Hochschulen im europäischen Ausland mit inländischen Kliniken. Allerdings sind die Kosten deutlich höher. Ein Semester in Sofia kostet 4.000 Euro, in Wien sind es 11.000 Euro. Das Gros bewegt sich irgendwo dazwischen.

Fragt sich nur, wann die Ausweichler wieder in die Heimat zurückkehren. Es gebe zwar jene Studenten, die länger bleiben, als sie anfangs denken - die Universität Vilnius etwa sei so gut, dass von den rund 20 deutschen Studenten im Jahr nur drei bis vier das Land nach der Vorklinik wieder verlassen. Der Rest studiere dort einfach zu Ende. Allerdings ist der Eintritt in die klinische Phase - dann also, wenn im Umgang mit Patienten die fremde Sprache eine größere Rolle spielt - meistens der Zeitpunkt des Abschieds. Dann folgt oft der zweite Versuch, doch noch in Deutschland Fuß zu fassen. Mittels der jetzt längeren Wartezeit - oder per Klage in ein höheres Semester. Kostenpunkt: 12.000 bis 15.000 Euro.

Zu Grünberg, nebenbei Vertrauensanwalt der Deutschen Hochschulstiftung, ist einer jener Spezialisten, die Universitäten nachzuweisen versuchen, dass sie bei der Angabe ihrer Kapazitäten untertrieben haben und eigentlich doch mehr Studenten aufnehmen könnten - zum Beispiel seine Mandanten. Es gibt regelrechte Klagelisten mit den aussichtsreichsten Universitäten. Er hat zwischen 15.000 und 20.000 Verfahren betreut, wie er sagt, warnt aber trotzdem vor Überschwang: Die Verfahrensdauer sei lang, der Ansturm enorm. Beim Klageweg sei inzwischen eine Kapazitätsgrenze erreicht. Der vorübergehende Weg ins Ausland nach dem Abi wirkt da schon angenehmer. Es gebe ja auch einige seriöse Anbieter. Allerdings: "Grundsätzlich ist das ein völlig unregulierter Bereich, in dem jeder erzählen kann, was er will. Deshalb gibt es auch schwarze Schafe." Ein Hinweis auf jene vermeintlich exzellenten Auslandsuniversitäten, die hier und da angeboten, deren Leistungsnachweise in Deutschland aber nicht anerkannt werden. Ein Konkurrent von Medistart sei hier mal mit einem eher zweifelhaften Angebot in Bulgarien besonders negativ aufgefallen.

Auch Clara, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, weil sie sich noch um einen Studienplatz in Medizin bewerben will, hat schlechte Erfahrungen gemacht. Nach berufsorientierenden Psychologietests und Praktika im Krankenhaus wollte sie Ärztin werden - wie der Vater. Ihre Abiturnote: 2,2. Für Deutschland zu schlecht, für eine Bewerbung an einer polnischen Universität kein Problem. Nach einem sogenannten Vorsemester Medizin in Deutschland, einer Art Vorbereitungskurs ihrer Vermittlungsagentur für 2.500 Euro, kam sie schließlich nach einem Aufnahmetest an die Universität Olsztyn (Allenstein) nach Polen. Das Semester kostete 6.700 Euro, aber in Gesprächen mit Kommilitonen aus Schweden - auch dort ist die Nachfrage größer als das Angebot - erfuhr sie, dass diese pro Jahr knapp 1.000 Euro weniger bezahlen mussten. Die deutschen Betreuer vor Ort seien am Ende auch nur mäßig interessiert gewesen - anders als nach den blumigen Präsentationen zu erwarten war. Außerdem seien noch mehr Kosten hinzugekommen, für Bewerbungen und weitere Vorbereitungskurse etwa. Von Studenten aus anderen Auslandsuniversitäten habe sie aber auch schon viel Gutes gehört, besonders aus Riga und Budapest.

So oder so, Polen war für sie nicht das Richtige, sie hat ihr Studium abgebrochen. Heute macht sie eine Ausbildung zur Physiotherapeutin und hofft auf ihre einzige verbliebene Chance - die Wartezeit. Sie würde ja gerne zur Überbrückung Physiotherapie oder Biologie studieren, aber Studien an deutschen Hochschulen werden nicht als Wartesemester anerkannt. Sie kenne Kandidaten, die in Österreich Biologie studieren, um diesem Dilemma zu entkommen und sich danach mit mehr Wartesemestern wieder in Deutschland in ein höheres Semester zu bewerben. Die entsprechenden Scheine würden anerkannt. Allerdings: "Leider ist die Idee nicht neu, weshalb man auch auf diesem Weg mit vielen Konkurrenten rechnen muss." Ihr Ziel bleibe es trotzdem, Hausärztin auf dem Land zu werden. "Das ist eigentlich genau das, was Deutschland händeringend sucht, und trotzdem darf ich nicht studieren."

Da müsste sie mal Dirk Naumann zu Grünberg hören. Der sagt: "Es ist traurig, dass Abiturienten diese Umwege gehen müssen. Der Weg ins Ausland ist so etwas wie der Plan B, und auch aus einem Plan B kann man eine tolle Zeit machen. Es ist aber eine Gemeinheit gegenüber denen, die sich als Arzt für die Gesellschaft engagieren wollen." Nationale Alternativen in diesem Sinne als Plan C zu bezeichnen, würde den sogenannten Medical Schools in Deutschland sicher nicht gefallen - sehen sich Standorte wie Hamburg, Kassel oder Nürnberg, die mit ausländischen Hochschulen kooperieren, doch als hochwertige Adressen neben den staatlichen Angeboten. Allerdings gab es zuletzt reichlich Diskussionen, wie seriös, vor allem wie wissenschaftlich fundiert die zwar anerkannte, aber polarisierende Medizinerausbildung dort ist. Mancherorts werde allenfalls auf Fachhochschulniveau ausgebildet, so der Vorwurf. Vor allem Nürnberg mit seiner Kooperation mit einer Privatuniversität in Salzburg stand regelrecht am Pranger. Johanna Weber, die Vizepräsidentin für Hochschulmedizin und Gesundheit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), spricht zwar von einer sinnvollen Ergänzung. Private Angebote könnten dazu beitragen, das Missverhältnis zwischen Nachfrage und Studienplatzangebot in Deutschland zu lindern. Allerdings: "Entscheidend ist, dass diese Angebote den wissenschaftlichen Standards einer universitären Ausbildung entsprechen. Auch die neuen Standorte müssen sich am Leitbild des wissenschaftlich und praktisch ausgebildeten Arztes der Approbationsordnung ausrichten. Und dies ist unseres Erachtens nicht bei allen Standorten der privaten Medizinerausbildung gewährleistet."

Die neuen Modelle ließen teilweise nicht hinreichend erkennen, dass die Qualitätsstandards in Forschung und Lehre gewährleistet werden. Vielerorts seien vor allem in der Krankenversorgung tätige Ärzte für die Lehre in den klinischen Fächern gewonnen worden. Und die klinisch-theoretischen Fächer seien nicht überall ausreichend abgedeckt. Andererseits: Die Einbindung einer ausländischen Universität begründe nicht gleich den Verdacht, dass deutsche Standards unterlaufen werden.

Frank Wissing, der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages, klingt da schon etwas skeptischer. "Ein Studium an einer privaten Medical School ist mit Studiengebühren von etwa 50.000 bis 115.000 Euro kostenintensiv", sagt er. "Damit dürfte der vereinfachte Zugang doch nicht für alle Bewerber möglich sein." Ob über diese Auswahlkriterien ausreichend qualifizierte Studenten gewonnen und zu guten Ärzten ausgebildet werden können, müsse sich erst noch zeigen. Das gilt auch für einen der Hauptvorwürfe - nämlich, dass von den privaten Anbietern gewissermaßen Schmalspur-Mediziner ausgebildet würden, provokativ formuliert: der Dr. med light. Mit entsprechend schlechteren Aussichten am Arbeitsmarkt. Wissing sagt: "Da noch keine der Studierenden-Kohorten an den Medical Schools ihr Studium abgeschlossen hat, ist es noch zu früh, um die Ergebnisqualität zu beurteilen. Die gelegentlich geäußerte Hoffnung, dass die an Medical Schools ausgebildeten Ärzte vorwiegend in den unterversorgten Regionen tätig sein werden, halte ich aber für naiv."

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