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Zwischen den Welten

Kinder, Afrika, afrikanisch, Entwicklungsländer (Quelle: freeimages.com, Autor: unseenbob)

Quelle: freeimages.com, unseenob

Deutsche Ärzte riskieren beim Einsatz in den Krisenregionen der Welt oft Gesundheit und Leben. Woher sie ihre Überzeugung nehmen, davon berichtet Dr. Edith Fischnaller, Chefärztin des Zentralbereichs Hygiene der Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe und Vorsitzende von Cap Anamur in arzt & karriere.

In wenigen Tagen fliege ich für Cap Anamur nach Laos. Der Grund meiner Reise ist die verheerende Flutkatastrophe in Süd-Ost-Asien sowie die schlechte Gesundheitsversorgung in dem kommunistischen Staat, dessen Hilferufe nicht den Weg nach außen beziehungsweise in unsere Medien finden. Als Vorsitzende und medizinische Koordinatorin werde ich prüfen, inwiefern wir die laotische Bevölkerung unterstützen können.

Welche Vorbereitungen müssen getroffen werden? Als leitende Krankenhaushygienikerin und Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin in einem großen Verbund von katholischen Kliniken und anderen Pflege- und sozial-medizinischen Einrichtungen habe ich eine Abteilung mit 16 Mitarbeitern aufgebaut. Viele von ihnen befinden sich noch in der Ausbildung zur Hygienefachkraft. Hier gilt es, die anfallenden Arbeiten soweit im Vorfeld zu organisieren und zu übergeben, dass ich zwei Wochen abwesend sein kann, denn die meiste Zeit werde ich in Laos, wie auch in vielen anderen meiner Reiseländer, kaum oder nur schwer zu erreichen sein.

Gerade dort werden wir gebraucht!

Die Arbeit für Cap Anamur unterscheidet sich sehr von meiner Arbeit in Deutschland. Jede der beiden Tätigkeiten könnte ich aber ohne die andere nicht bewältigen. In einem Spezialgebiet, wie der Krankenhaushygiene, ist ein zeitweiliger Wechsel in eine andere Welt, mit anderen Bedingungen, Vorgaben und ohne die vielen Gesetze und Forderungen, bereichernd. Es hilft beim Perspektivwechsel. Die Bürokratie ist in Deutschland im Vergleich oft weniger ausgeprägt. In einigen Ländern bringt sie mich der Verzweiflung nahe. Besteht unsere Intention doch darin, der Bevölkerung zu helfen. Stattdessen werden wir mit Genehmigungen aufgehalten.

Andererseits machen die vielen Erfolge unserer Arbeit das wieder wett. Immer wieder werde ich von meinen Kollegen gefragt, wie man als Ärztin unter den Bedingungen,die wir in den meisten unserer Projektländer vorfinden, arbeiten kann. Cap Anamur ist dafür bekannt, an den schwierigsten und unmöglichsten Orten präsent zu sein: Wir bauen und unterstützen dort Krankenhäuser, Gesundheitsposten, Waisenhäuser und Schulen. Nach kriegerischen Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen kümmern wir uns um die wichtigsten Elemente der Infrastruktur. Für mich besteht genau darin der Reiz oder das Besondere und Spannende an Cap Anamur: nicht dort zu arbeiten,wo die Hilfsorganisationen sich gegenseitig im Weg stehen oder um Projekte konkurrieren, sondern sich dort einsetzen, wo sonst niemand hin möchte beziehungsweise sich hin wagt.

Bessere Kommunikation versus gewalttätige Erfahrungen

Gerade an diesen Orten haben vor allem Kinder, Frauen, Schwangere und Alte keine Möglichkeit zu fliehen. Oft fehlen ihnen schlicht Zeit und Mittel, sich um die untragbaren politischen Zustände oder Umwelteinflüsse zu kümmern. Aktuell zeigt sich beispielsweise an der Dürrekatastrophe in Somalia, mit welcher Verzweiflung, aber auch welchem Lebenswillen sich die Mütter mit ihren Kindern in die Hauptstadt Mogadishu aufmachen, um ihnen das Überleben zu ermöglichen. Leider überstehen längst nicht alle Flüchtlinge die Strapazen des langen Marschs. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre machen es einerseits leichter als Mediziner in den Projekten zu arbeiten: Es gibt Internetzugang, E-Mail, Telefon, sogar Mobiltelefone funktionieren häufig. Die Kommunikationsmöglichkeiten haben sich enorm verbessert, sodass ich den Kontakt zu Freunden, Familie, Kollegen und der Cap-Anamur-Zentrale halten kann. Diagnosen können von Deutschland aus bestätigt und Therapievorschläge eingeholt werden.

Andererseits ist es dadurch nicht unbedingt ungefährlicher geworden. Entführungen und Gewaltandrohungen gegenüber humanitären Helfern nehmen zu und lassen uns die Sicherheitsmaßnahmen für unsere Mitarbeiter verstärken. Vor 15 bis 20 Jahren konnte nur telefoniert oder Telegramme geschickt werden, wenn es die Möglichkeit gab, in die Hauptstadt zu gelangen.

Helfen zu können, an Orten, an denen sonst keine Hilfe stattfände, die Ausbildung von lokalem Personal, unser Wissen an die Projektmitarbeiter weiterzugeben, aber auch von Kollegen vor Ort zu lernen, ihre Arbeitsweise zu verstehen und anzunehmen, die Vor- und Nachteile beider Welten kennenzulernen und einzusetzen – das macht für mich den Reiz aus. Nicht immer sind der in Deutschland gewünschte Perfektionismus, die Zuordnung der Verantwortlichkeiten und viele andere "deutsche Eigenschaften" in den von uns betreuten Projekten zielführend. Wir nehmen die einheimische Vorgehensweise an und verbinden sie mit unserer, um den Aufbau funktionierender Krankenhausstrukturen und eines Gesundheitskonzepts nachhaltig umzusetzen.

Zusammenhalt im Angesicht der Gefahr

Eine der großartigsten Erfahrungen während meiner Projektarbeit ist die ausgeprägte Teamfähigkeit aller Berufsgruppen, insbesondere in gefährlichen oder schwierigen Situationen. In meinem ersten Projekt 1987 in Uganda, unerfahren, neu und jung, konnte ich mich den "alten Hasen" ohne Wenn und Aber anvertrauen. Meine erste Lumbalpunktion, meine erste Entbindung (die Vakuumentbindungen hatte ich von dem leitenden ugandischen Arzt gelernt), mein erster Narkosezwischenfall, bei dem das Kind fast gestorben wäre, da keine kleinen Tuben zur Intubation vorhanden waren – all das wäre ohne die Rückendeckung eines eingespielten Teams nicht möglich gewesen. Das ist der Grund, weshalb ich seit diesem ersten Einsatz immer wieder in den Projekten arbeiten möchte.

Wichtig dabei ist auch die Gleichberechtigung, die sich nicht nur in der Gleichbezahlung aller Teammitglieder darstellt. Der Arzt, der in Deutschland Chef- oder Oberarzt ist, bekommt das gleiche Gehalt wie der Techniker, der für die Reparaturen und den Bau zuständig ist. Im Team hat jeder die gleichen Entscheidungskompetenzen. Nicht zuletzt dadurch sind Grenzerfahrungen, wie ich sie in unserem Krankenhausprojekt in Afghanistan erlebt habe, möglich gewesen.

Grenzerfahrungen

Im Jahr 1987 sind wir verschleiert und illegal eingereist, da auf uns ein Kopfgeld ausgesetzt war. Wir gerieten zwischen die politischen Fronten der Mudschahedin nach dem Abzug der russischen Besatzung und wurden gefangengenommen. Uns gelang die Flucht, allerdings kamen wir nicht weit und wurden in die Berge entführt. Nach eigenen Verhandlungen wurden wir freigelassen und konnten nach Pakistan entkommen. Trotz dieser Erfahrungen ist Afghanistan immer noch einer unserer Projektorte. Zurzeit unterhalten wir dort eine Hebammen- und Krankenpflegeschule und bauen ein Krankenhaus. Zuvor haben wir mehrere Krankenhäuser und Gesundheitsprojekte sowie Schulen erfolgreich übergeben.

Unmittelbar nach meinem Afghanistaneinsatz bin ich für zwei Jahre in ein Krankenhausprojekt nach Mosambik gereist, mitten in ein Kriegsgebiet. Wir konnten hier viele Patienten versorgen, Flüchtlingen helfen und Waisenkindern ein Zuhause geben. Am Abend nahmen wir die Waisenkinder mit in unser Haus, damit wir im Falle von Angriffen und Bombardierungen gemeinsam mit ihnen hätten fliehen können. Es wäre unvorstellbar gewesen, die geretteten Kinder, deren Eltern auf der Flucht gestorben waren, alleine zurückzulassen.

Nach den beiden Jahren in Mosambik folgten Einsätze in Äthiopien, im Sudan und zwei Jahre in Angola. Nach der Geburt meiner Tochter habe ich einige Jahre in Deutschland verbracht. Aber sobald es die Umstände erlaubten, standen weitere Projektbesuche an. Von einer Reise nach Angola kehrte ich vor fast acht Jahren mit meiner Adoptivtochter zurück.

Von Beginn an hatte ich auch in Deutschland für Cap Anamur gearbeitet, zuerst in der Logistik und im Einkauf, dann in der medizinischen Koordination. Seit fast acht Jahren bin ich nun im Vorstand der Organisation. Vor etwa sieben Jahren wurde ich zur Vorsitzenden gewählt. Ich hoffe, diese Arbeit trotz Familie und anspruchsvoller hauptamtlicher Tätigkeit noch lange machen zu dürfen.

Cap Anamur Deutsche Not-Ärzte e.V. ist eingemeinnütziger Verein, der mit dem DZI-Spendensiegelausgezeichnet ist. In seinem Fokus stehen die medizinische Versorgung und der Zugang zu Bildung. Weitere Informationen finden Sie unter: www.cap-anamur.org

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