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"Wir müssen rechtzeitig Deichschutz betreiben!"

Deich, Fluß (Quelle: freeimages.com, Autor: bowenfer)

Quelle: freeimages.com, bowenfer

Etwa 137.000 Personen in Deutschland sind nicht krankenversichert. Wenn sie gesundheitliche Probleme bekommen, droht ihnen der finanzielle Ruin. Dr. Uwe Denker hilft diesen Menschen mit seinem Team von der Praxis ohne Grenzen. Sie untersuchen, behandeln und beraten ehrenamtlich mittellose Kranke. Im Interview mit arzt & karriere berichtet der Mediziner von den Schwierigkeiten in der täglichen Arbeit und erklärt, warum sich unser Gesundheitssystem schnell ändern muss.

Worin bestand Ihre Motivation, die Praxis ohne Grenzen ins Leben zu rufen?

Mir lag daran, etwas für unsere kleine Kreisstadt Bad Segeberg zu tun. Ich hatte vom Sozialamt gehört, dass es ungefähr 50 Familien in unserer Region gibt, die sich eine Gesundheitsversorgung nicht leisten können. Auch aus den Erfahrungen in meiner Zeit im Sozialausschuss der Stadt und durch mein Engagement für "die Tafel" wusste ich, dass hier wirklich ein großer Bedarf besteht. Der Ruhestand bot mir dann die Möglichkeit, dieses Projekt in Angriff zu nehmen. 

Andere Leute genießen es, aus dem aktiven Dienst ausscheiden zu dürfen.

Nun ja, als Kassenarzt musste man 2005 mit 68 Jahren aufhören. Bei mir war es sogar etwas früher. Allerdings hat damit nicht automatisch mein "Arzttum" geendet. Mir lagen die Menschen in der Region und das Thema Gesundheit schon immer sehr am Herzen. Arzt zu sein – das ist mein Beruf und ich denke, dass ich das auch gut kann. Warum sollte ich damit aufhören, nur weil ich ein gewisses Alter erreicht habe?

 Wie hat sich die Praxis seit der Gründung im Januar 2010 entwickelt?

Zunächst habe ich das Projekt allein in Angriff genommen, da damals noch keine entsprechenden Räumlichkeiten zur Verfügung standen. Ich habe also meine Arzttasche genommen und mich in einen Konferenzraum der Arbeiterwohlfahrt gesetzt, die mir diesen Raum an einem Mittwochnachmittag für zwei Stunden zur Verfügung stellte. Im Vorfeld wurde die Praxis ohne Grenzen im Rundfunk, Fernsehen und in den regionalen Zeitungen angekündigt, daher hoffte ich auf eine gewisse Resonanz. Ich saß also allein in diesem Raum der Wohlfahrt, ohne zu wissen, was beziehungsweise wer dort auf mich zukommen sollte.

Und wie war die Resonanz?

Zunächst sind nur wenige Leute erschienen, zwei bis drei vielleicht. Doch es wurden immer mehr. Inzwischen haben wir hier in den letzten zweieinhalb Jahren gut 300 Patienten versorgt.

Das kann man allein nicht meistern. Wie hat sich Ihr Team entwickelt?

Relativ schnell hat sich mir ein Kollege angeschlossen, der seinerseits trotz Ruhestand weiterarbeiten wollte. Nach und nach hat sich unser Team dann weiter vergrößert. Inzwischen sind es sieben Kollegen, die mittwochs zwischen 15 und 17 Uhr im Wechsel ihre Sprechstunde abhalten. In erster Linie Hausärzte oder hausärztliche Internisten. Darüber hinaus steht uns ein Beraterteam aus Fachärzten zur Verfügung, wie Neurologen oder Frauenärzte, die zum Teil sogar noch eine eigene Praxis unterhalten. Es sind Krankenhausärzte dabei, Apotheker, Physiotherapeuten, Diabetisberater, eine ganze Gruppe von Krankenschwestern und Arzthelferinnen. Alles in allem besteht das Praxis ohne Grenzen-Team inzwischen aus 66 Leuten, die alle ehrenamtlich und kostenlos zur Verfügung stehen.

Was bieten Sie Ihren Patienten?

Neben der Sprechstunde biete ich täglich eine Telefonsprechstunde an, mit der ich quasi die ganze Republik versorge. Natürlich beantworten wir in der Praxis in erster Linie ärztliche Fragen, aber gelegentlich sind wir auch als Psychologen gefragt. Daher ist es wichtig, dass wir breit aufgestellt sind. Wir haben extra Psychologen und Psychiater an Bord, die in solchen Fällen Betreuung anbieten können. Als erfahrene Hausärzte und Internisten verfügen wir gleichfalls über ein breit gefächertes Erfahrungsspektrum, das wir einsetzen können. Außerdem unterstützen wir die Patienten bei Behördengängen.

Kennen Sie sich in diesem Bereich denn überhaupt aus?

Davon verstehe ich tatsächlich nur wenig. Wir haben hier in Schleswig-Holstein aber eine Einrichtung, die uns in diesen Fragen zur Seite steht. Ein Mitarbeiter der "Bürgerbeauftragten" des Landes Schleswig-Holstein kommt regelmäßig in unsere Sprechstunde und berät Patienten zu Themen wie Wohngeld, Hartz IV und einer möglichen Rückkehr in die Krankenversicherung. Diese Institution ist sinnvoll, da die Bürgerbeauftragten zumeist über gute Verbindungen zu den Krankenkassen verfügen. Wenn dann noch die Medien ins Spiel kommen, wird es für Behörden schwierig, sich herauszuwinden, wenn Hilfe benötigt wird. Es kommt dann schon einmal vor, dass Fälle zurück in die Krankenkasse gebracht werden, in denen es nach den geltenden Vorschriften vielleicht gar nicht möglich gewesen wäre.

Welche Klientel nimmt Ihre Hilfe denn primär in Anspruch?

Ursprünglich wusste ich ehrlich gesagt überhaupt nicht, wer zu uns kommen würde. Vielleicht hatte ich erwartet, dass einige Obdachlose oder auch Migranten die Möglichkeit wahrnehmen. Stattdessen sind es überwiegend Leute aus dem gestrauchelten Mittelstand. Zum Beispiel Designer, Grafiker, Journalisten, Versicherungsvertreter, Maurer- oder Dachdeckermeister.

Wie ist das zu erklären?

Es hat mich und auch meine Kollegen tatsächlich sehr überrascht – vor allem das Ausmaß. Das kannten wir aus unseren Praxen so nicht. Es sind überwiegend Patienten, die früher privatversichert waren, die Prämie aus irgendwelchen Gründen nicht zahlen konnten und dann darauf gehofft haben, dass sie nicht krank werden. Doch die Beitragsuhr tickt weiter. Das gilt auch für freiwillig in einer gesetzlichen Krankenkasse Versicherte. Diese Gruppen sind unser Hauptklientel und bereiten uns Sorgen. Wir versorgen sie medizinisch und versuchen sie irgendwie in eine Krankenkasse zurückzubringen.

Sind Ihre Patienten heute dankbarer als diejenigen, die Sie früher behandelten?

Ja, die Patienten in der Praxis ohne Grenzen sind so dankbar, das glaubt man gar nicht. Das habe ich früher nie so erlebt. Das Anspruchsdenken vieler Patienten in einer gewöhnlichen Praxis ist ein anderes. Schließlich hat man ja dafür bezahlt – dann erwartet man auch etwas. Das ist hier ganz anders. Die Leute wissen, dass wir ihnen nur mithilfe von Spendengeldern helfen können.

Wann stoßen Sie an Ihre "Grenzen"?

Leider sehr oft. Die erste Hürde mussten wir schon früh nehmen. Wir haben unsere Patienten anfangs mit Medikamenten versorgt, die wir als Ärztemuster bekamen oder als Spenden. Natürlich haben wir nur originalverpackte Medikamente verwendet, bei denen das Verfallsdatum nicht überschritten war. Doch schnell hat dem die zuständige Behörde einen Riegel vorgeschoben. Das Arzneimittelgesetz verbietet es nämlich Medikamente zu sammeln und weiterzugeben, die über den Apothekentisch gegangen sind.

Was geschieht damit? Müssen die etwa alle vernichtet werden?

Ja, und das finde ich sehr ärgerlich. Wir müssen sie aus Spendengeldern kaufen, obwohl wir wissen, dass alleine in Bad Segeberg im Jahr 22 Tonnen vernichtet werden. Erst gestern hat mich ein junger Mann aus der Nähe von München angerufen, der nach dem Tod seines Vaters Medikamente im Wert von 20.000 Euro bei sich rumliegen hat. Eigentlich muss ich ihm sagen, dass er sie in die Tonne kicken kann. Da verstehe ich das Gesetz nicht. Dazu kommt, dass wir in Deutschland auf Medikamente den vollen Mehrwertsteuersatz bezahlen. Das gibt es in kaum einem anderen EU-Land. Um die Medikamentenfrage zu klären, haben wir uns im Januar dieses Jahres zum Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr getroffen.

 

Und was hat sich daraus ergeben?

Wir haben eine Regelung gefunden, nach der wir nun verschlossene und nicht abgelaufene Medikamente aus sicherer Quelle verwenden dürfen. Sichere Quelle bedeutet, dass sie apothekenüberwacht sein müssen. Das sind zum Beispiel Pflegeheime, die ihre Medikamente lege artis, also nach den Regeln der ärztlichen Kunst, lagern. Wenn dort jemand verstirbt und die Erben zustimmen, dann darf unser Apotheker sie annehmen und an die Patienten kostenlos weitergeben.

Gibt es Fälle bei denen Sie das Gefühl haben, dass Ihr Angebot ausgenutzt wird?

Nein. Unsere Patienten sind echte Notfälle – in allen Belangen. Bei einigen sind wir zusätzlich auf die Unterstützung von einem Krankenhaus angewiesen. Das ist das nächste Problem. Natürlich stellen Krankenhäuser als gewinnorientierte Unternehmen die Behandlung in Rechnung. Wir haben beispielsweise drei bis vier Patienten ins Krankenhaus schicken müssen, die dann mit Rechnungen zwischen 6.000 und 20.000 Euro wieder rauskamen, die zu ihrem Schuldenberg noch dazukommen.

Das stürzt die Patienten häufig in eine tiefe Depression. Manche drohen mit Selbstmord. Es ist dramatisch. Deswegen müssen wir unbedingt noch weiter mit den Krankenhäusern verhandeln und gemeinsam Lösungen entwickeln. Erst neulich zum Beispiel haben wir eine Entbindung bei einer Frau per Kaiserschnitt bezahlt, die auch noch nachts durchgeführt werden musste. 4.300 Euro hat uns dieser Eingriff gekostet, den wir voll aus Spendengeldern finanziert haben. Das können wir aber natürlich nicht bei jeder Operation. Bisher konnten wir uns noch so durchkämpfen und haben Quellen aufgetan, aber das wird nicht ewig so weitergehen.

Kann sich Gesundheit bald nur noch leisten, wer das passende Kleingeld hat?

Hoffentlich nicht. Wir brauchen dringend einen Strukturwandel im deutschen Gesundheitswesen. Wenn der nicht vollzogen wird, dann sieht es düster aus – speziell mit Blick auf die Altersarmut, die uns in den nächsten Jahren droht. Das ist wie ein Tsunami, der auf uns zukommt. Um diese Last tragen zu können, müssen wir rechtzeitig Deichschutz betreiben. Sonst bricht alles zusammen. Es muss bald etwas passieren. 

Sie sind 74 Jahre. Wie lange wollen Sie die Praxis ohne Grenzen noch unterstützen?

Solange es geht. Mir wird dafür nur eine biologische Grenze von oben gesetzt. 

© Evoluzione Media AG, arzt & karriere

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