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Hahn (Quelle: freeimages.com, fcl 1971)

Quelle: freeimages.com, fcl 1971

Husten, Schnupfen, Durchfall – das verbinden viele Medizinstudenten mit dem Job als Landarzt. Für Nils Kathmann ist es ein Traumberuf.

Bernd Schwarzer atmet tief ein und tief wieder aus. Er trägt ein weißes Unterhemd, draußen gackern die Hühner. Nils Kathmann drückt ihm das Stethoskop auf die Brust. Schwarzer beginnt zu erzählen: "Meine Frau, die isst zu wenig."

"Ick will deine Wurscht nich, dit begreift der nich, Herr Doktor."

"Die will nur noch Marmelade."

"Ick werd imma dicker."

"Ach, hör uff jetzt, immer dicker!"

Nils Kathmann legt das Stethoskop auf den Tisch und setzt sich auf die Holzbank mit den geblümten Kissen. Er ist 24, hier, in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt, begleitet er den Landarzt Thomas Dörrer bei seinen Hausbesuchen. Schwarzers Ehefrau Helga bietet Cappuccino an. "Man merkt, dass sie lange verheiratet sind. Marmelade ist schon okay", sagt Thomas Dörrer. "Siehste, der Doktor kennt mich!", sagt Helga Schwarzer.

Nils Kathmann studiert im siebten Semester Medizin an der Universität Halle-Wittenberg. Sein praktisches Jahr beginnt erst in anderthalb Jahren. Aber schon jetzt begleitet er Thomas Dörrer bei seinen Hausbesuchen. Er gehört zur Klasse Allgemeinmedizin, einem besonderen Programm seiner Uni. Dabei unterstützen Medizinstudenten Ärzte in der Provinz – von der Altmark bis in den Südharz. Nils Kathmann weiß schon jetzt: Er will später selbst als Landarzt arbeiten. Dieser Wunsch macht ihn zur Ausnahme. "Die meisten Medizinstudenten wollen Kardiologen oder Chirurgen in einer großen Klinik werden", sagt Thomas Dörrer, "Hausarzt auf dem Land, das klingt nach Husten, Schnupfen, Durchfall." Es gibt kaum junge Mediziner, die diesen Job übernehmen wollen. Viele Landärzte müssen ihre Praxen früher oder später schließen. In der Großstadt ballen sich Praxen auf engem Raum, auf dem Land sind rund 3.000 unbesetzt. Dabei arbeiten viele bis weit über das Rentenalter hinaus, in Sachsen-Anhalt ist die älteste Hausärztin bereits 86 Jahre alt.

Weil in Deutschland der medizinische Nachwuchs fehlt, lockt die Kassenärztliche Vereinigung mit Stipendien für Studenten. Sie zahlt Subventionen für Niederlassungen. Krankenkassen zahlen sogar ein knapp 80.000 Euro teures Studium in Ungarn, um die deutsche NC-Hürde zu umgehen – wenn sich die Studenten verpflichten, später für fünf Jahre als Landarzt in Sachsen zu arbeiten. Universitäten erfinden Programme, die den Studenten die Arbeit der Landärzte näherbringen sollen.

Wie hier in Halle. Nils Kathmann hockt auf einer Pritsche im Labor der medizinischen Fakultät. Gleich beginnt das Seminar. Er und seine neun Kommilitonen tauschen sich über ihre Erfahrungen auf dem Land aus:

"Ich durfte rektal tasten – das war ’n Erlebnis!"

"Mein Highlight war ein Herzinfarkt."

"Ich habe einen Aderlass gesehen – wusste gar nicht, dass es das noch gibt."

Am Anfang ihres Studiums waren sie noch zwanzig Leute, jetzt, im siebten Semester, ist nur noch die Hälfte übrig. Manche kamen nicht durchs Physikum, anderen wurde Halle irgendwann doch zu klein. Sie zog es zum Beispiel nach Berlin, an eine der größten Universitätskliniken Europas.

Der Kurs beginnt, diesmal mit einem Rollenspiel: Der Dozent wird zum Kaninchenbauern, der trotz Herzinfarkt nicht ins Krankenhaus will. Die Studenten sollen seine Brust abhören, das EKG auswerten und ihn überreden, doch mit in die Klinik zu kommen. Das Fach Allgemeinmedizin kommt im normalen Studium nur drei Wochen lang vor. Anders als andere Mediziner trainieren Kathmann und seine Kommilitonen hier mehrmals im Semester die speziellen Herausforderungen im Alltag als Landarzt. Neben dem Fachwissen müssen sie vor allem lernen, wie man mit Menschen umgeht. Wie sie bei der Untersuchung Nähe zeigen statt Distanz. Auf dem Land ist die Arztpraxis häufig auch ein wichtiger sozialer Ort. Viele Patienten kennen sich, manche legen sogar extra ihre Termine zusammen, damit sie im Wartezimmer plaudern können. "Du kennst Mutter, Vater und das ungeborene Kind, und alle erzählen dir den Klatsch und Tratsch", sagt Kathmann. Ihn stört das nicht, im Gegenteil: "Ich finde es spannend, am Leben meiner Patienten teilzuhaben, zu erfahren, was sie bewegt."

Nach zwei Stunden ist das Seminar vorbei. "Wer kommt mit in die Kneipe?", fragt der Dozent. 30 Minuten später sitzen alle in einer Bar in der Innenstadt. Auf einer Leinwand läuft ein Fußballspiel. Eine große Gruppe Erstsemestler lehnt an der Theke und verlangt Schnaps. "Die Kneipe macht mich fertig", sagt ein Kommilitone von Nils Kathmann. Sobald er Arzt ist, will er zurück ins Zwickauer Land. "Da ist es chillig", sagt er. Nils Kathmann sieht das ähnlich. Auf den Stress in einer Großstadtklinik hat er keine Lust. "Diese Hochleistungsmedizin mit den vielen technischen Geräten kann ja spannend sein, aber mir fehlt da der Mensch im Ganzen", sagt er. "Mich reizt, dass der Job vielfältig ist." Manche Praxen würden sogar kleine chirurgische Eingriffe machen.

Es ist fast Mitternacht. Kathmann verlässt die Kneipe, steigt aufs Rad und fährt nach Hause. Vierte Etage, Altbau mit Stuck. In der WG-Küche schlürfen sein Mitbewohner und eine Freundin Tee aus Jägermeister-Bechern. An den Wänden hängen Poster gegen Atomkraft und eine Deutschlandkarte. Kathmann blickt auf die Karte, auf volle Städte und flaches Land. Er deutet auf dünn besiedelte Flecken, auch auf Sachsen-Anhalt. "Hier gefällt es mir, hier will ich arbeiten." Aufgewachsen ist er im Ammerland, Niedersachsen. Moore, Wiesen, Heide. Sein Mitbewohner kommt auch aus einem kleinen Dorf. "Landjugend, Feuerwehrfeste – nee, ich geh nicht zurück", sagt er. "Wenn meine Oma fragt, wann ich wiederkomme, sage ich immer: Ich mache eine sehr, sehr lange Ausbildung."

Halle ist die zweitgrößte Stadt in Sachsen-Anhalt, aber mit 230.000 Einwohnern zählt sie in Deutschland noch zu den kleineren. Nils Kathmann kommt Halle trotzdem riesig vor: Busse, Bahnen, ein 24-Stunden-Supermarkt – immer Betrieb.

Besser gefällt es ihm in Zscherben, dem Dorf, in dem Thomas Dörrer seine Praxis hat. Sie liegt westlich von Halle, zwischen Mais- und Zuckerrübenfeldern. In Zscherben leben nur 1.600 Menschen. Und es werden immer weniger, viele junge ziehen weg. Zu den Sehenswürdigkeiten zählen eine Kirche und ein Rittersaal, es gibt eine Eisdiele, einen Landgasthof und einen Tante-Emma-Laden. Mehr nicht. Metzger und Bäcker haben längst dichtgemacht.

Thomas Dörrer ist der einzige Arzt in Zscherben. "Im Durchschnitt hat ein Allgemeinmediziner in Deutschland 980 Patienten im Quartal", sagt Thomas Dörrer. Zu ihm kommen 1.200. Das Bild vom Einzelkämpfer, der mit seinem Köfferchen rund um die Uhr im Einsatz ist, ohne Freizeit, mit wenig Geld, und der notfalls auch Kätzchen und Kälber auf die Welt bringt, sei aber völlig überholt, erzählt Dörrer. Landärzte hätten einen Umsatz von rund 200.000 Euro im Jahr. "Viel mehr verdient ein Oberarzt in einer Klinik auch nicht – und der hat mehr Stress", sagt Dörrer. In der Stadt sei der nächste Konkurrent mit seiner Praxis gleich gegenüber. "Bei mir ist Freitag um elf Uhr Wochenende, aber meine Patienten laufen mir trotzdem nicht weg." Notdienste fährt er einmal im Monat.

Heute ist er wieder unterwegs und sitzt in der Küche des Ehepaars Schwarzer, sie sind seit sechzig Jahren verheiratet und wohnen auf einem alten Bauernhof mit Hühnern im Garten. Jedes Mal wenn Dörrer vorbeikommt, geben sie ihm frische Eier mit, "mit schönem gelben Dotter". Ein anderer Patient, dem er vor Jahren mal das Leben gerettet hat, schenke ihm jedes Weihnachten sein bestes Kaninchen, erzählt er. Nach der Untersuchung schlägt Helga Schwarzer das Fotoalbum auf und zeigt ihm die neuen Bilder der Enkelin.

Eine halbe Stunde später fahren Nils Kathmann und Thomas Dörrer im blauen Citroën zum nächsten Hausbesuch. Rita John, 80 Jahre, wartet schon am Fenster und winkt: Hallo, Herr Doktor!

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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