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Wächter über Schlaf und Schmerz

Ärztin in OP-Kleidung [© Michael Nivelet - Fotolia]

© Michael Nivelet - Fotolia.com

Oberflächlich betrachtet scheinen Anästhesisten einen merkwürdigen Job zu haben: Gerade wenn sie hervorragend arbeiten, sieht es so aus, als hätten sie wenig zu tun. Trotzdem ist dieses Fach nicht ohne Grund beliebt, denn die Ärzte in der Anästhesie brauchen nicht nur Köpfchen, sondern auch handwerkliches Können. Drei Ärzte erzählen, was diese Arbeit so spannend macht.

Früher ging alles gemächlicher und ruhiger zu? Von wegen! 1846 amputierte der englische Chirurg Sir Robert Liston das Bein eines Patienten angeblich in nur 28 Sekunden – in einem der ersten Eingriffe unter Äthernarkose. Bevor es eine gute Anästhesie gab, mussten Chirurgen möglichst rasch arbeiten, sonst starb der Patient an den Blutverlusten oder im Schock. Zudem waren die ersten Narkosen häufig nicht komplett schmerzfrei, und angesichts starker Nebenwirkungen war es schwer, das Mittel optimal zu dosieren.

Heute steht Fabian Wagenblast, Weiterbildungsassistent der Anästhesie im dritten Jahr, ruhig und gelassen im OP-Saal, obwohl die Neurochirurgen nun schon seit über einer Stunde operieren. Sie entfernen bei der 50-jährigen Patientin ein Meningeom. Der junge Arzt ist auf einen fünfstündigen Eingriff vorbereitet. Ob und wovon seine Patientin gerade träumt, weiß Fabian Wagenblast nicht, aber mehr als ein halbes Dutzend Parameter teilen ihm mit, wie es ihr geht. Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung, CO2, Urin-Ausscheidung – alles ist gut. Und auch die Beatmungsmaschine pumpt zuverlässig Luft, Sauerstoff und Narkosegase über den Tubus in ihre Lungen.

Die ersten Narkosen: Alkohol, Äther und Lachgas

Der Weg zu Hightech-Narkosen, wie dieser im Katharinenhospital in Stuttgart, war lang – und schmerzhaft: Zwar kennen Menschen seit der Antike schmerzstillende und schlaffördernde Mittel, etwa Mohn oder Alkohol. Bei OPs litten Patienten trotzdem oft Höllenqualen. Über Jahrhunderte setzten Mediziner vor allem physikalische Maßnahmen ein, etwa Kälte oder Festbinden. Manchmal komprimierten sie die Blutgefäße am Hals, um die Patienten kurz bewusstlos zu machen. Im 19. Jahrhundert experimentierten Operateure mit Hypnose – bis sich langsam Inhalationsnarkosen mit Äther, Chloroform oder Lachgas durchsetzten. Die neue Methode stieß zunächst auf Widerstand. Manche Ärzte empfanden die Schmerzen der Patienten als hilfreich für ihre Operationen. Gefährlich blieben die Narkosen auch: Äther brennt leicht und verursacht in hohen Dosen Atemstillstand. Chloroform, per Tuchnarkose gegeben, ist u. a. lebertoxisch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verfeinerten sich Technik und Anästhetika so rasant, dass Fabian Wagenblast jetzt fünf Jahre bis zum Facharzt brauchen wird.

Kontrollierte Notfallmedizin

Im Studium spielt die Anästhesie in der Regel nur eine Nebenrolle, deshalb absolvierte Fabian Wagenblast schon Famulaturen und das PJ in diesem Fach. "Trotzdem waren die ersten Wochen sehr anstrengend, eine Informationsflut", gibt er zu. Das lag auch an den Unterschieden, die er zwischen seinen Lehrbüchern und der Praxis feststellte. "Jeder Facharzt macht eine Kleinigkeit anders. Der eine gibt ein bisschen mehr Schlafmittel, der andere eher Opiate. Der eine arbeitet mit höheren Atemfrequenzen, der andere eher mit einem höheren Atemzugvolumen – so hat jeder einen besonderen Fingerabdruck, mit dem er die Narkose führt." Für die Anästhesie hat sich der Assistenzarzt entschieden, weil es von allen Fächern am meisten mit der Notfallmedizin zu tun hat. Sie ist sein Ziel, seit seinem Zivildienst als Rettungssanitäter. "Narkose ist ja Notfallmedizin unter kontrollierten Bedingungen – ich kontrolliere Atmung und Kreislauf", sagt er.

Beides steuert er auch während dieser Meningeom-OP wie gewohnt routiniert – obwohl nicht alles glatt läuft: Da das Meningeom nahe der Hypophyse sitzt, wird die Patientin polyurisch. Deswegen gibt er ordentlich Volumen nach. Alles geht gut.

Wie zum ersten Mal allein Auto fahren

Fabian Wagenblasts Klinik befindet sich in einem großen Haus: In seiner Abteilung betreuen etwa 100 Ärzte im Jahr mehr als 20.000 Patienten. Für die fünf Jahre Weiterbildung hat er einen Rotationsplan: Im ersten Jahr sind die Assistenten ausschließlich im OP und lernen Narkosen und regionale Anästhesieverfahren wie Armplexus- oder Femoralisblöcke und Spinalanästhesie. Erst im zweiten Jahr folgen dann Notfallmedizin und sechs Monate Intensivstation, die im vierten Jahr noch einmal wiederholt werden.

In den ersten sechs Wochen steht die Unfallchirurgie auf dem Programm. Hier durfte Fabian Wagenblast auch zum ersten Mal alleine eine Narkose durchführen – ein Patient mit einer Metallentfernung nach einer Fraktur. Natürlich bekommt man am Anfang junge, gesunde Menschen mit kleinen Eingriffen. Und häufig spähte der Oberarzt auch noch durch das Glasfenster der Einleitung und guckte, ob alles klappte: Zuerst ein Opiat geben, als Zweites ein Hypnotikum. Wenn der Patient schläft, folgt ein Relaxans, das die Atemmuskulatur lähmt – jetzt wird er mit der Maske beatmet und schließlich intubiert. "Es war wie zum ersten Mal allein Auto fahren", sagt Fabian Wagenblast. "Ich wusste zwar theoretisch, wie‘s geht. Aber ich war sehr angespannt und habe auf jegliche Komplikation, von der ich mal gelesen hatte, gewartet."

Mit dem Wechsel in die Allgemeinchirurgie kam die nächste Hürde: Wie dosiert man das Relaxans bei Bauch-OPs? Relaxierte er zu wenig, kassierte er Rüffel von den Chirurgen, weil sie nicht arbeiten konnten. Relaxierte er zu gut, musste er den Patienten noch 15, 20 Minuten nach der Operation beatmen. Für das Nachbeatmen gibt es einen Extra-Platz. "Wie ein Büßerbänkchen, niemand möchte dort stehen." Nach der Allgemeinchirurgie folgten vier Wochen HNO, dann die Urologie, Kieferchirurgie, Augenheilkunde und die Neuroradiologie. "Ich sehe wahnsinnig viele Eingriffe", sagt Fabian Wagenblast. Es sei das Beste, während der Weiterbildung zumindest zeitweise in ein großes Haus zu gehen, weil hier auch die großen, schweren Fälle betreut werden. Für das PJ sei dagegen ein kleines Haus sinnvoller, in dem man die Anästhesisten schnell kennenlernt und dann viel machen darf.

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