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Von der Kunst, sich selbst ein Bein zu stellen

Zahnräder im Kopf [© Sergey Nivens - Fotolia]

© Sergey Nivens - Fotolia

Es gibt sie noch: Die Hoffnung des Prüfers im staatlichen Teil der ersten juristischen Prüfung, irgendwann die perfekte Klausur zu lesen. Viele Kandidaten schießen sich allerdings selbst ins Abseits, wie Roland Schimmel aus Erfahrung weiß.

Die Sprache ist die eine Stolperfalle, der es in juristischen Klausuren auszuweichen gilt. Einen Seufzer entlocken kann man dem Prüfer allerdings auch durch materiell-rechtliche Fehler, von denen sich einige schon zu regelrechten Klassikern entwickelt haben.

Eines vorweg: Natürlich liegen jeder Aufgabe andere Probleme zugrunde. Viele Fehler sind zwar typisch für einen bestimmten Prüfungssachverhalt, aber nicht leicht verallgemeinerbar. Auffällig hingegen ist, mit welch hartnäckiger Regelmäßigkeit sich selbst Examenskandidaten im Sachverhalt verzetteln, weil sie sich verunsichern lassen. Ein Beispiel: In einer zivilrechtlichen Klausur geht es um Schäden, die durch einen verkauften, aber fehlerhaften Gegenstand entstanden sind. Zu diskutieren sind Mangelgewährleistungsansprüche einerseits, vertragliche (und eventuell deliktische) Schadensersatzansprüche andererseits. Das ist für die allermeisten Kandidaten vertrautes Terrain.

Erstaunlich aber, dass etliche Teilnehmer die Fragen nach der Nachlieferung eines mangelfreien Gegenstands oder der Kaufpreisrückzahlung wegen Rücktritts als verschuldensabhängig diskutieren. Das Vertretenmüssen des Verkäufers war in dem konkreten Klausursachverhalt als ziemlich problematisch präsentiert, was viele Prüflinge an dieser Stelle zu seitenlangen Erörterungen veranlasste. Die waren jedoch vollkommen überflüssig, weil das Gesetz für diese Ansprüche kein Verschuldenserfordernis vorsieht.

Dass zahlreiche Kandidaten damit Probleme hatten, lag offenbar daran, dass sie glaubten, die im Sachverhalt gegebenen Informationen zum Verschulden irgendwie verwerten zu müssen. Weil sie den anschließend zu diskutierenden verschuldensabhängigen Schadensersatzanspruch gerade nicht vor Augen hatten, packten sie die Erörterung eben in den Gewährleistungsanspruch. Das war zwar eine Falle - aber keine, die der Prüfer gestellt hatte, sondern eine, der sich die Teilnehmer selbst aussetzten.

Eindruck des unprofessionellen Umgangs mit dem Gesetz

Der Fehler selbst ist auf den zweiten Blick von großer Tragweite: Ein ziemlich heikles Tatbestandsmerkmal wird in eine Norm hineinprojiziert, in der es nach dem ganz unzweifelhaften Wortlaut und dem Willen des Gesetzgebers nicht enthalten ist – und zwar unverändert seit Inkrafttreten des BGB. Wie viele Schadensersatzansprüche an fehlendem oder nicht erweislichem Verschulden scheitern, kann man sich leicht vorstellen, auch ohne jahrelange juristische Praxis. Man muss dazu nur an die (widerleglichen) Verschuldensvermutungen denken, die das Gesetz nicht ohne Grund enthält.

Was die Kandidaten an dieser Stelle falsch gemacht haben, ist also mehr als nur ärgerlich, unabhängig davon, ob der Anspruch letztendlich zutreffend bejaht wurde (aber eben mit unnötigen Erörterungen und dem Risiko, durch eben diese zeitraubenden Überlegungen zum entgegengesetzten Ergebnis zu gelangen). Es  spielt nämlich keine Rolle, dass diejenigen Prüflinge, die das Vertretenmüssen fälschlicherweise bereits beim Gewährleistungsanspruch thematisiert hatten, bei der Prüfung des Schadensersatzanspruchs auf die Erörterung des Verschuldens verweisen konnten. Damit holte man zwar in der Klausur die fehlinvestierte Bearbeitungszeit wieder herein (immerhin!) – aber der Eindruck eines deutlich unprofessionellen Umgangs mit dem Gesetz bleibt bestehen. Darüber kann ein Prüfer nicht einfach großzügig hinwegsehen.

Klausuren sind wie Dates: Der erste Anschein zählt

Der Rechtsanwalt, der im realen Leben seinem Auftraggeber von der Anspruchsdurchsetzung bei Kaufmangelgewährleistungsansprüchen abriete, weil ein Verschulden des Gegners nicht ersichtlich ist, hätte sich diesem Mandanten gegenüber schadensersatzpflichtig gemacht. Die zugrundeliegende juristische Subsumtionsleistung wäre, streng betrachtet, unbrauchbar.

Ein anderes Problem: Wenn im Kopf des Prüfers erst einmal der Gedanke "unbrauchbar" aufblitzt, ist das für den Geprüften überhaupt nicht schön. Und so erwischt man sich in der Prüferrolle manchmal bei der Überlegung, es müsse so etwas geben wie die Knock-out-Kriterien bei der Stiftung Warentest. Die sind rigoros, zum Beispiel: "Wenn die elektrische Sicherheit des Produkts mangelhaft ist, kann das Testgesamturteil bestenfalls ausreichend sein." Zur Beruhigung aller Kandidaten: Für juristische Klausuren gibt es solche Kriterien nicht. Im Gegenteil: Die Prüfungsämter halten in Schulungen die Korrektoren an, für die Bewertung möglichst sinnvolle gegeneinander abgrenzbare Teileinheiten zu bilden, diese prozentual an der Gesamtleistung zu bemessen und jeweils mit einer eigenen Note zu versehen.

Bei konsequenter Befolgung dieser Regel wird das der übermäßige Einfluss einer ärgerlichen Fehlleistung auf die Gesamtbewertung verlässlich verhindert. Nicht auf diesem Wege ausgeschlossen werden kann allerdings die Stimmungstrübung beim Leser, die tendenziell zu schwächerer Bewertung auch besser gelungener Teile führt. Prüfer sind Menschen.

Ohne allzu wild zu spekulieren darf man annehmen, dass solche Fehler am leichtesten demjenigen passieren, der mit dem Sachverhalt ungeschickt umgeht, weil er dessen – scheinbarer – Suggestion nicht widersteht. Empfehlung: Normtexte lesen!

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"Perspektiven für Juristen" gibt einen Überblick über Berufsbilder und bietet hilfreiche Tipps für die Studien- und Karriereplanung für angehende Juristen.

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