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Unter Wasser zur guten Examensnote

Unterwasser, Tauchen, Meer, See, Untertauchen [Quelle: freeimages.com, Autor: vjeran2001]

Quelle: freeimages.com, vjeran2001

Beim zweiten Examen ist die Lernzeit knapp und konkurriert obendrein mit der Arbeit in den Stationen. Weil dabei leicht das eine oder das andere zu kurz kommt, entscheiden sich viele dafür, einige Monate lang zu 'tauchen'. Andere hingegen schwören auf die Praxiserfahrung – auf viele exotische Klausurprobleme könne man sich ohnehin kaum vorbereiten.

"Tauchen" oder nicht "Tauchen", so lautet eine ganz grundlegende Frage auf der Zielgeraden des Referendariats. Mit Wasser hat das aber nichts zu tun: Wer im Referendariat "taucht", nimmt sich während seiner Anwaltsstation einige Monate inoffiziell frei und konzentriert sich in Vollzeit auf das Lernen für die Examensklausuren.

In den Prüfungsordnungen der Bundesländer ist diese Lernpause zwar nicht vorgesehen. An die Anwaltsstation schließen sich stattdessen meist nahtlos die Examensklausuren an. Viele Kanzleien erlauben ihren Referendaren aber trotzdem, vor dem Examen einige Wochen bis Monate zu Lernzwecken auszusetzen – ob als Sonderurlaub oder durch eine verringerte Arbeitsbelastung. Zwei Juristinnen berichten von ihrer Examensvorbereitung – einmal mit und einmal ohne "Tauchen":

Untergetaucht: Daniela Kayser*

Auf dem Papier habe ich während meiner gesamten Anwaltsstation in die Corporate/M&A-Abteilung einer internationalen Großkanzlei geschnuppert. Tatsächlich habe ich aber nur gut die Hälfte der Zeit in der Kanzlei verbracht und bin während der übrigen Monate getaucht. Für mich bot diese Aufteilung die perfekte Kombination aus Arbeits- und Lernzeit: Während meiner Zeit in der Kanzlei habe ich Vollzeit gearbeitet. Weil ich an fünf Tagen pro Woche im Büro war, konnte ich auch Projekte übernehmen, die schnell bearbeitet werden mussten oder kontinuierlichen Input benötigten – anders als Referendare, die nicht getaucht sind, dafür aber nur an drei oder vier Tagen pro Woche da waren.

Für die Großkanzlei war es von Anfang an vollkommen in Ordnung, dass ich tauche. Mein Betreuer hat das Thema im Einstellungsgespräch sogar selbst angesprochen. Ob und wie lange eine Kanzlei das Tauchen erlaubt, hängt nach meiner Erfahrung von der Verhandlungsposition des Referendars ab: Wer eine gute Note aus dem ersten Examen mitbringt, kann eine längere Tauchphase vor dem Zweiten fordern. Auch unter den Referendaren wurde ganz offen über die Tauchzeit geredet: "Und, wie lange bleibst du?"

"Ich lerne am besten unter Druck und der kommt erst kurz vor dem Examen"

Weil ich so häufig in der Kanzlei war, hatte ich allerdings abends und an den Wochenenden nicht wirklich Zeit und Lust zum Lernen. Bis ich mit dem Tauchen angefangen habe, habe ich deshalb sehr wenig fürs Examen gelernt. In meinen freien Monaten vor dem Examen konnte ich dafür Vollgas gegeben: ein Repetitorium besuchen, den ganzen Tag lernen, Klausuren schreiben. Weil ich nicht ständig zwischen der Arbeit und dem Lernen hin- und herwechseln musste, konnte ich mich besser auf den Stoff konzentrieren. Das kommt meinem Lerntyp sehr entgegen: Ich lerne am besten unter Druck, und der kommt eben erst kurz vor dem Examen auf.

Die intensive Lernzeit nach der Anwaltsstation brauchte ich dann auch: Im Examen musste ich zum Beispiel selbst einen Schriftsatz formulieren können. Mit Schriftsätzen hatte ich in der Corporate/M&A-Abteilung aber gar nichts zu tun. Die Kanzleien stellen eben andere Anforderungen an die Referendare als die Prüfer an die Examenskandidaten. Um beide zu bewältigen, war die Tauchphase wichtig. Neben dem guten Eindruck, den man in der Anwaltsstation hinterlässt, zählt schließlich gerade in den Großkanzleien auch die gute Examensnote. Und die hätte ich, da bin ich mir sicher, ohne meine Entscheidung für das Tauchen nicht erreicht.

An Land geblieben: Laura Schmitt

Mein erster freier Tag nach sechseinhalb Monaten Anwaltsstation war der Tag meiner ersten Probeexamensklausur. Bis dahin habe ich bis zu vier Tage pro Woche in der Arbeitsrecht-Praxisgruppe einer internationalen Wirtschaftskanzlei gearbeitet. Am Ende meiner Station durfte ich dort sogar einen Mandanten selbstständig mitbetreuen. Ich glaube nicht, dass ich so viel Verantwortung übertragen bekommen hätte, wenn ich mich fürs Tauchen entschieden hätte. Weil von Anfang an klar war, dass ich länger bleibe als die meisten Referendare, habe ich ganz andere Einblicke in den Arbeitsalltag erhalten: Ich habe verschiedene Teams kennengelernt und Aufgaben aus diversen Bereichen bekommen.

Und: Ich habe festgestellt, dass mir die Arbeit als Anwältin gefällt – viel besser, als ich es ursprünglich erwartet hatte. Es war gut, dass ich nicht nur ein paar Monate, sondern die ganze Station Zeit hatte, um mir die Anwaltstätigkeit anzugucken. Wann sonst hat man schon mal die Gelegenheit, alle Berufe, mit denen man so liebäugelt, auszuprobieren? Und es ist allemal besser, im Referendariat herauszufinden, dass einem ein bestimmter Beruf nicht liegt, als später während der Probezeit mit festem Arbeitsvertrag.

"Manches kann man sich nicht in Eigenregie aneignen"

Leider ist das Arbeitsrecht in Berlin nur in Grundzügen Stoff des zweiten Examens. Im Hinblick auf das materielle Recht habe ich mich also durch die Arbeit in der Anwaltsstation nicht wirklich auf die Klausuren vorbereiten können. All das habe ich dann eben für mich selbst gelernt. Andere Dinge kann man sich aber nicht in Eigenregie aneignen, obwohl sie im Examen wichtig sind: Wie man einen Sachverhalt zusammenfasst zum Beispiel, oder wann man einen Beweis anbietet. Auch in Sachen Schreibstil und Argumentation habe ich aus den Akten, die ich in der Kanzlei bearbeitet habe, viel lernen können.

Wiederholt habe ich allerdings auch schon während der Stationen. Ich hatte eine Lerngruppe, die sich jede Woche getroffen hat, außerdem habe ich in den AGs mit-gearbeitet und Probeklausuren geschrieben. Kurz vor dem Examen musste ich dann noch die Klausurklassiker und Standardprobleme lernen. Letztlich hätte mir aber auch ein halbes Jahr Tauchen für meine Examensklausuren nicht geholfen: In einer Klausur ging es zum Beispiel um einen israelischen Reiter, der sich mit seinem französischen Vertragspartner bei einem Rennen in Italien gestritten hatte. Die Klausur hätte ich auch mit mehr Lernzeit nicht besser gelöst.

* Name von der Redaktion geändert

© lto.de. Artikel zum Jura-Studium bietet die Rubrik "Studium & Referendariat" von Legal Tribune ONLINE.

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