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Bottle-Partys und die Frage nach dem Warum

Lernfabrik McKinsey (Autor: WavebreakMediaMicro, Quelle: Fotolia.com)

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Plötzlich geht das Jurastudium los, und auf die Studenten strömen ungeahnte Stoffmassen ein. Zwischen BGB AT, Strafrecht AT und Verwaltungsrecht bleibt wenig Zeit, die grundlegenden Fragen zu klären. Zum Beispiel, warum man sich das eigentlich alles antut. Um Sinnkrisen vorzubeugen und Lerntechniken zu vermitteln, bieten einige Unis inzwischen spezielle Einstiegsveranstaltungen an.

Warum mache ich das eigentlich? Warum tue ich mir das an? Viele der Erstsemester, die in diesem Herbst ins Jurastudium starten, stellen sich früher oder später diese Fragen. Spätestens dann, wenn sie die erste Klausur, mit mehr Korrekturbemerkungen als eigenem Text, in Händen halten. Wer dann eine Antwort auf die Warum-Frage hat, steckt Frustrationen leichter weg als andere.

"Die intrinsische Motivation ist schon sehr wichtig", sagt Julia Speierer, Mitarbeiterin der Juristischen Fakultät Regensburg. Die Wahrscheinlichkeit, durchzuhalten, steige, wenn der Student eine "Ahnung hat, wo es hingeht". Die Universität Regensburg bietet daher gleich zu Beginn des Studiums Kurse zur Orientierung an. "Rund 40 Prozent der Teilnehmer haben genaue Vorstellungen", sagt Speierer. Der eine möchte in die Wirtschaftskanzlei, ein anderer ins Ausland, der nächste zu einer Stiftung. Doch es gibt auch Jurastudenten, die das Fach als "Ausweichmanöver" wählen. Weil das Abi für Medizin nicht gereicht hat. Oder weil die Eltern Juristen sind. Oder schlicht, weil sie gehört haben, dass sich mit Jura viel Geld verdienen lässt.

Doch wenn sich der Lernstoff auftürmt, können solche Motive schnell ihre Wirkung verlieren. Wer noch nicht weiß, wo die Reise hingehen soll, kann im Regensburger Kurs zunächst mal probehalber einen Beruf auswählen, sich in ihn hineinversetzen und das Berufsbild den anderen Studenten vorstellen. Und oft liegen die Studenten mit ihrer Wahl gar nicht schlecht: "Viele sagen hinterher, dass sie jetzt wüssten, wofür sie das machten", sagt Speierer. Und die Frage, wo man hin will, kann nicht nur fürs Durchhalten, sondern auch für die konkrete Studienplanung wichtig sein: Brauche ich eine bestimmte Note für den Staatsdienst? Brauche ich Zusatzqualifikationen oder sogar Kenntnisse aus einem anderen Studienfach? "So kommt man von der Vier-gewinnt-Mentalität weg", sagt Speierer.

Drehbuch hilft bei der Arbeitsgruppe

Die Bucerius Law School in Hamburg klärt die Motivationsfrage ihrer Bewerber bereits vor dem Studium, im mündlichen Teil des Auswahlverfahrens. Wer  keine Vorstellung hat, warum er sich für das Studium begeistert, hat dort schlechte Karten. Da die Betreuung an der Bucerius Law School sehr viel individueller als an vielen Unis ist, sind Studenten von Anfang an gut eingebunden. Im Propädeutikum, das zwei Wochen vor dem ersten Trimester beginnt,  werden die Studenten ins juristische Denken und Arbeiten eingeführt.

Auch an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bielefeld, die seit zwei Jahren das Projekt "Richtig einsteigen" durchführt, widmet man sich im Erstsemesterkurs der Motivation. "Die kann helfen, lernschwache Zeiten durchzustehen", sagt Helena Bertrams, wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ein anderer wichtiger Aspekt sei, sich möglichst schnell zu vernetzen. In Bielefeld gibt es dafür so genannte "Bottle-Partys" für Juristen. Dabei sollen Studenten in lockerer Partystimmung einen passenden Lernpartner finden.

"Jeder bringt ein Getränk mit", beschreibt Bertrams die akademische Abendveranstaltung, "und stellt sich dann mithilfe einer Karteikarte vor". Bin ich pünktlich? Was ist mein Noten-Ziel? Welchen Rechtsbereich mag ich besonders gern, welchen nicht? Hier ist Ehrlichkeit gefragt, um am Ende in einer gut zusammengestellten Gruppe zu landen. "Wir geben den Studenten dann noch so genannte Drehbücher mit, die sie durch die ersten Gruppentreffen leiten sollen", sagt Bertrams. Denn nicht selten verkommen private Arbeitsgruppen zu Klatschrunden am Kaffeeautomaten. Kein Wunder, meint Bertrams, schließlich fehle den "manchmal erst 17-Jährigen" doch häufig ein "festes Setting".

In den Einführungsveranstaltungen geht es allerdings um noch weit mehr als Motivation und die passende Arbeitsgruppe. Neben Zeitmanagement und Studienplanung soll auch das Lernen an sich gelehrt werden. "Viele fragen sich, warum sie sich nach dem Abitur damit noch einmal auseinandersetzen sollen", sagt Bertrams. Doch eine systematische Herangehensweise, mit der man die immense Stofffülle bis zum Examen behalten kann, sei für die meisten dann doch neu. Wie arbeitet mein Gehirn? Wie schreibe ich eine sinnvolle Karteikarte? Wie mache ich die Vorlesung für mich nutzbar? "Natürlich kann man sich die Powerpoint-Präsentation einfach runterladen, aber wenn man den Stoff für sich selber noch einmal strukturiert, reflektiert man ihn währenddessen", sagt Bertrams, die sich bei der Konzeption von "Richtig einsteigen" an dem Buch "Jurastudium erfolgreich" von Barbara Lange orientiert hat.

"Nicht jeden Meinungsstreit auswendig lernen"

Auch in Regensburg widmet man sich den Lerntechniken von Beginn an – die Zeit gedankenlosen Paukens nach dem "Nürnberger Trichter" soll vorbei sein. "Es geht nicht darum, vom ersten Semester an jeden Meinungsstreit auswendig zu lernen", sagt Speierer. Stattdessen soll das System, das hinter den Gesetzen steckt, deutlich werden.

Dieser Ansatz wird auch von Dr. Frank Bleckmann verfolgt. Er ist Richter am Landgericht Offenburg, derzeit abgeordnet ans Oberlandesgericht Karlsruhe. An der Universität Konstanz hat Bleckmann in den vergangenen zwei Jahren das Projekt "Jura lernen!", das sich ebenfalls an Einsteiger richtet, durchgeführt. Ihm ist wichtig, Studenten zu vermitteln, was hinter dem Fach steht: "Es geht immer um konkrete Konflikte und darum, Orientierungswerte für das Verhalten anderer in der Zukunft zu entwickeln."

Bei "Jura lernen" machen die Studierenden sich bei jeder Vorschrift klar, was für ein sozialer Konflikt damit gelöst werden soll und welche Interessen sich gegenüberstehen. "Man kann die Willenserklärung natürlich begrifflich einführen", macht Bleckmann exemplarisch deutlich, "mit dem Handlungswillen, dem Erklärungsbewusstsein und dem Geschäftswillen. Das ist die innere Seite. Zudem gibt es die äußere Seite, das Erklärungsverhalten. Doch dann diskutiert man schon wieder herum, wozu der Rechtsbindungswille gehört." Am Ende stehe man vor einer Pyramide von Begriffen, doch die eigentliche Idee der Vorschrift sei gar nicht klar.

Das entscheidende bei der Willenserklärung, so Bleckmann, sei schließlich, dass sie den Konflikt darüber löse, ob jemand etwas versprochen habe und ob man sich auf dieses Versprechen verlassen dürfe oder nicht. "Auf der einen Seite steht das Interesse, nicht zu schnell rechtlich gebunden zu werden. Wenn ich nur unverbindlich etwas äußere, will ich nicht gleich daran festgehalten werden. Auf der anderen Seite gibt es das Interesse, dass ich mich, wenn jemand etwas sagt, darauf verlassen und mein Verhalten entsprechend danach ausrichten  kann." Anhand dieser Interessen könne man die gesamte Rechtsgeschäftslehre aufarbeiten – und fördere damit das Tiefenverständnis der Studenten.

"Es gibt eine Welt da draußen, für die wir das machen"

Die allerdings paukten meist nach dem Lehrbuch, das "häufig jede Menge Antworten auf Fragen enthält, die die Studenten gar nicht haben", so Bleckmann. Die sozialen Probleme, die gelöst werden sollen, würden im Lehrbuch hingegen selten aufgezeigt. Dabei sei Jura "eine Begründungslehre für Entscheidungen", macht Bleckmann deutlich. "Es gibt eine Welt da draußen, für die wir das machen. Das sind keine Fingerübungen." Und durch den Blick hinter den Text der Gesetze könne man die Entfremdung, die manche Studenten ihrem Fach gegenüber spüren, reduzieren. Und vielleicht sogar den einen oder anderen Studienabbrecher aufhalten.

"Die, die wir retten könnten, wären jene, die es eigentlich können, aber angeekelt sind von der Art des Studiums." Diese hätten vielleicht schon Gerechtigkeitsideen mitgebracht, die ihnen dann aber systematisch ausgetrieben würden. Ihnen werde vermittelt, dass das, was sie sich selber denken, keine Rolle spiele. Dabei zerstöre man schon zu Studienbeginn genau jenes Selbstvertrauen, das Juristen zum eigenen Argumentieren bräuchten. Stattdessen würde ein Kanon memoriert. "Die ersten Semester sind einfach frustrierend, wenn man mit einer Mission kommt", hat Bleckmann während des Projektes beobachtet.

Wichtig für einen erfolgreichen Studienbeginn sei aber auch, ehrlich zu sich zu sein - auch, was die eigene Leistungsbereitschaft angeht. "Vier oder fünf Punkte sind kein Problem, wenn man weiß, woher sie kommen." Wenn man etwa eine Marktlücke entdeckt habe und schon relativ früh beim Anwalt mitarbeite, sei es in Ordnung, nicht im oberen Punkte-Bereich zu schreiben. Und auch vor Studienabbrechern, die eine bewusste Entscheidung gegen das Fach treffen, habe er "großen Respekt", sagt der Richter. Dass Studenten aber aus reinem Frust das Studium hinschmeißen, möchte er gern verhindern. Der Projektbericht zu "Jura lernen" soll im nächsten Jahr erscheinen und auch ein Manual zur Veranstaltungsplanung enthalten, um das Konzept und die Erfahrungen möglichst konkret für andere nutzbar zu machen.

"Wenn ihr verwirrt seid, ist das super"

Wer nicht weiß, woher seine vier Punkte kommen, der kann in Regensburg einmal in die Rolle des Korrektors schlüpfen - und sich so selber auf die Schliche kommen. "Die Studenten müssen die Fehler finden", sagt Speierer, die die bewusst fehlerhaften Klausuren ausgibt. "Dadurch bekommen sie einen anderen Blick auf den Stoff."

In Bielefeld gibt es eine sogenannte Klausurenklinik, bei der Studenten Klausuren, mit denen sie nicht zufrieden waren, einzeln besprechen können. "Manche haben eine gewisse Scham", sagt Bertrams, "schließlich lässt man auch die Hosen herunter, wenn man sein schlechtes Ergebnis zeigt". Vor allem junge Männer hätten in den ersten Semestern Hemmungen, sich Hilfe zu holen. Offenbar, weil sie damit zugeben müssten, dass etwas "nicht stimme".

Dabei ist genau dieses Gefühl notwendig. "Wenn ihr verwirrt seid, ist das super", sagt Bleckmann den Erstsemestern. Denn Strukturaufbau laufe in der Regel über "Krisen". Verwirrung, Unklarheiten, Fragen? All das ist erlaubt und erwünscht - denn es sei "der Anfang des Lernens", so Bleckmann. Wichtig sei, dann nicht aufzugeben.

© lto.de. Artikel zum Jura-Studium bietet die Rubrik "Studium & Referendariat" von Legal Tribune ONLINE.

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"Perspektiven für Juristen" gibt einen Überblick über Berufsbilder und bietet hilfreiche Tipps für die Studien- und Karriereplanung für angehende Juristen.

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