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Mit sechzehnerlei Maß

Jura, Kanzlei, Anwalt, Justitia [Quelle: tempus corporate, Getty Images]

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Was unter juristischen Studenten und Referendaren seit jeher zu Klagen und Witzeleien Anlass gibt, erfährt nun erstmals Unterstützung durch die Wissenschaft: Die Staatsexamen sind tatsächlich unfair – und auf den Wohnort kommt es an.

Das belegt eine in der "Zeitschrift für Rechtssoziologie" erschienene Studie, die der FAZ vorliegt. Die Untersuchung der Bremer Rechtswissenschaftler Lorenz Kähler und Franziska Ritter sowie des Sozialwissenschaftlers Uwe Engel, die Examensnoten von 18.422 Personen aus zehn Bundesländern untersucht haben, liefert bedenkliche Ergebnisse: Das Bundesland, in dem ein Referendar die zweite Staatsprüfung ablegt, kann die Examensnote demnach um bis zu 1,6 Punkte nach oben oder 1,1 Punkte nach unten beeinflussen.

Die Bedeutung dieser Zahlen kann nur ermessen, wer sich der überragenden Bedeutung bewusst ist, die Examensnoten auf dem juristischen Arbeitsmarkt genießen. Mehr als in jedem anderen Beruf bestimmen sie berufliche Ein- und Aufstiegschancen, öffnen oder versperren Karrierepfade. So fordern etwa die meisten Großkanzleien, bekannt für exorbitante Einstiegsgehälter und Arbeitszeiten, ein Ergebnis von jeweils mindestens neun Punkten in erster und zweiter Staatsprüfung, was etwa 15 Prozent aller Absolventen vorweisen können. Zur Einstellung ins Richteramt legen einige Bundesländer die Latte genauso hoch, andere lassen 7,5 Punkte genügen. Hinzu kommt die Neigung der Examensprüfer, die Punktevergabe auf einen sehr schmalen Bereich zu verdichten: Nominell reicht die Skala zwar von 0 bis 18, de facto liegen jedoch 75 Prozent der 18.422 ausgewerteten Ergebnisse des zweiten Staatsexamens (die allerdings keine durchgefallenen Kandidaten enthalten) im Bereich zwischen 4,0 und 8,6 Punkten – kein einziges jenseits von 14,4.

Dieses Spektrum verengt sich zusätzlich, wenn man bedenkt, dass die Spannweite individueller Aspirationen selten mehr als drei Punkte umfasst: Wer aus früheren Prüfungen weiß, dass er meist knapp an der Bestehensgrenze rangiert, der hofft auf ein Ergebnis von mindestens vier und realistischerweise nicht mehr als sieben Punkten; wer zum oberen Mittelfeld gehört, hofft auf sechs bis neun. 1,6 zusätzliche Punkte in der zweiten Prüfung, wie sie nach der Studie einem Wechsel von Nordrhein-Westfalen nach Bremen nach dem ersten Examen entsprechen, bedeuten also den Unterschied zwischen einem individuell mäßigen und einem guten, beziehungsweise einem guten und einem hervorragenden Ergebnis.

Dies markiert allerdings nur das extreme Ende der Skala: Nicht zwischen allen Ländern sind die Differenzen so ausgeprägt wie zwischen den genannten, zum Teil liegt überhaupt kein signifikanter Unterschied vor. Um die Vergabepraxis zu erfassen, wendet die Studie mehrere Analyseverfahren an. Zunächst stellt sie fest, dass die Durchschnittsnote in der zweiten Staatsprüfung von Bundesland zu Bundesland erheblich schwankt und dabei dem Muster eines Nord/West-Süd/Ost-Gefälles folgt. Am oberen Ende der zehn untersuchten Länder liegt Nordrhein-Westfalen mit durchschnittlich 7,8 Punkten (vor Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz), am unteren Ende Mecklenburg-Vorpommern mit durchschnittlich 6,6 Punkten (hinter Sachsen und Bayern).

Dies sagt für sich genommen noch nichts darüber aus, ob die Notenvergabe in Nordrhein-Westfalen großzügiger ausfällt – es könnte schließlich auch so sein, dass es dort besser qualifizierte Examenskandidaten gibt, zum Beispiel aufgrund eines allgemein höheren Bildungsniveaus. Um diese potentielle Fehlerquelle auszuschließen, nimmt die Studie sodann die Gruppe derjenigen in den Blick, die ihre zweite Prüfung in einem anderen Bundesland ablegen als die erste. Da die Note in der zweiten Prüfung statistisch stark mit der Note aus der ersten korreliert, lässt sich für diese Kandidaten sehr präzise vorhersagen, wie sie in der zweiten Prüfung bei normalem Gang der Dinge abschneiden sollten. Wechseln sie in ein anderes Land und erzielen signifikant schlechtere beziehungsweise bessere Ergebnisse als die vorhergesagten, lässt dies auf einen unterschiedlich strengen Bewertungsmaßstab schließen, ohne dass dafür ein generell unterschiedliches Qualifikationsniveau verantwortlich gemacht werden könnte.

Selbstverständlich erlaubt diese Methode keine Rückschlüsse auf Einzelfälle, da bei jedem Kandidaten viele Faktoren für ein Abweichen von der zu erwartenden Note sorgen können, die nichts mit dem Prüfungsland zu tun haben. Unter den 18.422 untersuchten Kandidaten finden sich aber immerhin rund 3.300 Bundeslandwechsler, was ausreicht, um statistisch verlässliche Aussagen für eine Reihe von Länderkombinationen treffen zu können. So sorgt etwa der schon erwähnte Wechsel von Nordrhein-Westfalen nach Bremen für einen Anstieg um durchschnittlich 1,6 Punkte, der von Baden-Württemberg nach Sachsen für ein Plus von 0,7 Punkten, ein Wechsel von Hessen nach Baden-Württemberg hingegen für ein Minus von 1,1 Punkten – Vergleichsmaßstab ist dabei stets die erwartete Note im zweiten Examen für Kandidaten, die auch ihr erstes Examen im Zielland abgelegt haben. Für die Belastbarkeit der Zahlen spricht auch die Umkehrbarkeit der gemessenen Effekte: Wenn ein Wechsel von Land A nach Land B sich als vorteilhaft erweist, ist der Wechsel von Land B nach Land A (mit einer sehr knappen Ausnahme) stets unvorteilhaft, wenn auch nicht immer im selben Ausmaß.

Die Autoren regen angesichts der Ergebnisse an, diejenigen Länder, bei denen besonders starke Differenzen auftreten, sollten ihre Benotungspraxis überdenken. Anlass dazu könnte auch die Gesetzeslage bieten. Die Organisation des Bildungswesens fällt zwar in die Kompetenz der Länder, doch Art. 33 Abs. 2 Grundgesetz verlangt, den Zugang zu öffentlichen Ämtern, also auch zur Laufbahn als Richter, Staatsanwalt oder Notar, nur an der individuellen Eignung, Befähigung und Leistung festzumachen, was angesichts der verzerrten Examensnoten fraglich erscheint. Bereits 1980 war zudem das Deutsche Richtergesetz zur Einebnung der seinerzeit noch gravierenderen landesspezifischen Benotungsunterschiede geändert worden. In Paragraph 5d Abs. 1 S. 2 heißt es dort heute: "Die Einheitlichkeit der Prüfungsanforderungen und der Leistungsbewertung ist zu gewährleisten."

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