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"Heute herrscht Stille in den Fluren"

Bürogebäude [Quelle: pixabay, PublicDomainPictures]

© pixabay, PublicDomainPictures

Ein Berufseinsteiger, der in den Achtzigern in einer Kanzlei anfing, musste ganz andere Fähigkeiten mitbringen als heutzutage. Zwei erfahrene Anwälte erzählen, was sich im Lauf ihres Berufslebens verändert hat – und was immer gleich bleibt.

Uwe Hornung: Effizienz nimmt zu, Flurgeplauder ab

Während meiner Anfänge in der Kanzlei Ende der Achtziger nutzten wir für die Mandantenkommunikation vor allem Telefaxe. Diese "Telexe" starben eigentlich bereits aus, kamen aber noch ab und zu vor und sorgten dann für Stress, weil das Knowhow langsam verloren ging. Sie wurden auf Papierrollen ausgedruckt, die wir als "Butterbrotpapier" bezeichneten. Die Druckerschwärze darauf verblasste innerhalb weniger Monate, was wir aber erst später merkten und was dazu führte, dass dann die frischen Telefaxe gleich noch einmal abkopiert wurden. Es galt die Regel: Auf ein Telefax antwortet man spätestens am nächsten Tag, sonst wurden die Absender nervös.

Die Umschlaggeschwindigkeit, mit der heute gearbeitet wird, ist gegenüber der "Telefax-Ära" enorm gestiegen. Der Arbeitsalltag und die Reaktionszeiten auf Anfragen haben sich extrem beschleunigt. Das spiegelt sich auch im Schreibstil wieder. Wurden E-Mails in ihren Anfangszeiten noch ausführlich und in ganzen Sätzen formuliert, antwortet man heute mit kurzen, schnellen Aussagen. Tippfehler, Schludrigkeiten, fehlende Umlaute – das stört heute im Geschäftsleben bei E-Mails oder SMS kaum jemanden mehr. Richtigkeit des Inhalts und Schnelligkeit gehen vor Form, eigentlich also eine (Rück-)Besinnung auf das Wesentliche.

Dafür sind die Anforderungen an die Optik von Textdokumenten gestiegen. Wo früher schon mal eine Tipp-Ex-Spur einen Schreibfehler zugekleistert hat, hat das Dokument von heute fehlerfrei zu sein. Im perfekten Layout, versteht sich. Und bestimmte Kulturerrungenschaften des deutschen Schreibwesens sind verloren gegangen. Es schreibt niemand mehr gesperrt, um auf etwas   n a c h d r ü c k l i c h   hinzuweisen, dafür kommt ;-) häufiger vor.

"Das Statussymbol von heute ist die Anzahl der Bildschirme auf dem Schreibtisch"

Zu meinen Anfangszeiten hatten wir in der Kanzlei eine schöne, große und vor allem teure Bibliothek. Es war damals auch eine Art Statussymbol. Sie war sehr gut besucht. Wenn ein Buch gefehlt hat, gab es eine Rundmail an die Kollegen, wer es denn ausgeliehen hätte. Diese E-Mails gibt es heute kaum noch. Durch die Internet-Recherche ist in der Bibliothek heute viel mehr Platz und sucht man ein Buch, findet man es sofort. Abgegriffen ist es nie. Dafür fehlen die Eselsohren und Post-Its oder gar mal ein Bleistifteintrag.

Es ist dadurch in der Kanzlei insgesamt viel ruhiger geworden. Früher liefen Kollegen oft zwischen Bibliothek und Büro hin und her, heute ist auf den Gängen nicht mehr viel Betrieb. Auch weil der persönliche Austausch mit dem Kollegen im Nachbarsbüro weitgehend durch E-Mails abgelöst wurde. Und kaum jemand benutzt noch Diktiergeräte. Wo damals aus den einzelnen Büros Selbstgespräche heraus klangen, herrscht heute Stille in den Fluren

Oft hört man ja Klagen, dass die jüngeren Anwälte nicht mehr so viel arbeiten würden. Das sehe ich nicht so. Sie arbeiten anders. Eben von zuhause und von unterwegs und meist schneller als früher. In den Neunzigern gehörte es noch zum guten Ton, dass die halbe Kollegschaft am Samstag im Büro saß. Heute sind die Stockwerke am Wochenende verwaist. Viele Kollegen kommen nur noch in das Büro, wenn sie müssen. Das Statussymbol von heute ist übrigens die Anzahl der Bildschirme auf dem Schreibtisch.

Nachwuchs beherrscht und erwartet moderne IT-Lösungen

Den jüngeren Anwälten brauchen wir nicht mehr zu erklären, wie man richtig recherchiert oder sich in eine neue Software einarbeitet. Obwohl manche von ihnen glauben, drei einschlägige Zitate würden für ein Gutachten nicht ausreichen. Sie packen dann lieber noch sieben weitere Argumente hinein. Die schnelle Verfügbarkeit großer Informationsmengen erhöht die Qualität also notwendigerweise nicht immer.

Auch die Behauptung, dass die Jüngeren nicht mehr gut ausgebildet würden, teile ich nicht. Die Menschen lernen heute anders und können Anderes. Die Welt ist komplexer als in den Siebzigern, als ich Abitur gemacht habe. Die Fähigkeiten zur Datenverarbeitung sind besser. Man nimmt schnell Wissen auf und löscht es bei Nichtbedarf ebenso schnell wieder von der eigenen Festplatte im Kopf.

Anders herum hat der Nachwuchs eine höhere Erwartung an die Kanzlei. Die Technik muss auf dem neuesten Stand sein. Ist das einmal nicht der Fall, hören wir umgehend den Vorwurf, warum wir derart altmodische und zeitraubende Dinge oder Prozesse nutzen.

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