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Als Bachelor eine Baustelle leiten

Immobilienwirtschaftsrecht bei Freshfields (Autor: Paulista, Quelle: Fotolia.com)

© Paulista - Fotolia.com

Er hatte einen Bachelor als Bauingenieur und wollte Praktika machen, um Erfahrung zu sammeln. Bekommen hat er Jobs, die ihn überforderten.

Alter: 25

Aktuelles Gehalt: 3.400 Euro brutto

Nach meinem Bachelorabschluss als Bauingenieur lebte ich den Traum jedes Absolventen: Nach fünf Bewerbungen bekam ich eine Zusage – aber stolz war ich nicht darauf. Für den Arbeitsmarkt fühlte ich mich noch nicht bereit, eigentlich hatte ich mich um Praktikumsplätze beworben.

Im Studium hatte ich nur zwei Monate ein Praktikum gemacht. Mehrmonatige Pflichtpraktika waren in unserem Lehrplan nicht vorgesehen. Nach dem Abschluss wollte ich mehr Erfahrung und Selbstvertrauen gewinnen – und richtig in die Branche eingeführt werden. Doch auf meine Praktikumsbewerbungen bekam ich nur Absagen. Irgendwann hakte ich nach: Warum wollte mir niemand ein Praktikum geben? Die Antwort: Bewirb dich auf einen richtigen Job. Als Bachelorabsolvent stünde mir eine vollwertige Stelle und ein Gehalt zu. Also tat ich das. Ein großer Fehler.

Ich fing als Projektleiter an. Bauleiter und Projektleiter werden gesucht, die Firmen sind froh, wenn sie jemanden finden. Ich verdiente 2.800 Euro brutto in der Probezeit, danach sollten es 3.000 Euro werden. Doch dazu kam es nie.

Noch vor Ende der Probezeit rief mich der Chef in sein Zimmer und sagte mir, ich hätte eine Woche Zeit, um zu kündigen. Ansonsten würde mir gekündigt. Ich war schockiert und gleichzeitig erleichtert. Die Wochen zuvor hatte ich damit verbracht, E-Mails vom Chef zu sortieren und YouTube-Videos anzuschauen, denn niemand hatte mich richtig eingearbeitet oder mir gezeigt, wie ich Pläne erstelle oder Firmen beauftragen soll.

Ich traute mich nicht, die ganze Zeit bei den Kollegen nachzufragen. In meiner Abteilung gab es außer dem Chef niemanden, der mir helfen konnte, und die restlichen Kollegen waren mit anderen Projekten beschäftigt. Die Stimmung war angespannt, ich wurde oft fertig gemacht. Meine Kollegen warfen mir vor, keine Kompetenzen als Ingenieur zu haben. Heute weiß ich: Ich hätte viel mehr nachfragen müssen und nicht so viel Ja sagen sollen.

Zum Glück bekam ich ein gutes Arbeitszeugnis. Man wollte mir nicht mein Leben verbauen, hieß es. Am liebsten hätte ich mich wieder auf Praktika beworben, um Erfahrung zu sammeln. Nach ein paar Bewerbungen kam die nächste Jobzusage – ich wurde Bauleiter. Das machte mir Spaß: Ich war für kleinere Projekte verantwortlich, ging raus auf die Baustellen und lernte dort viel.

Trotzdem war die Stelle eine Nummer zu groß für mich. Ich konnte zwar alles ausmessen, Rechnungen stellen, Dinge rausfahren und Telefonate führen. Aber eine große Baustelle alleine leiten? Das konnte ich noch nicht. Ständig nachfragen konnte ich dort auch nicht wirklich, wir waren unterbesetzt, ich hatte kaum Ansprechpartner im Büro.

Ich arbeitete sehr viel: 50 bis 55 Stunden die Woche, von sechs Uhr morgens bis 17 oder 18 Uhr abends, teilweise auch am Wochenende. Pausen drückte ich irgendwie unterwegs rein. Etwa 70 Stunden habe ich in der heftigsten Woche gearbeitet. Danach war ich völlig durch. Dafür bekam ich 3.200 Euro im Monat. Ich hatte mein Gehalt nicht wirklich ausgehandelt, ich fand, das war schon eine gute Bezahlung für jemanden, der so unerfahren war wie ich.

Nach knapp einem Jahr rief mich der Chef zu sich. Als ich in sein Büro trat, sagte er, ich solle die Tür hinter mir zumachen. Da wusste ich, das Gespräch wird nicht positiv enden. Tatsache, denn er gab mir wieder ein paar Tage Zeit, selbst zu kündigen. Ich sei einfach kein vollwertiger Bauleiter. Die zweite Kündigung in kurzer Zeit – das hat mich verunsichert. Als ich rauslief, zweifelte ich an der gesamten Baubranche. War das überhaupt mein Ding?

Allerdings hatte ich dieses Mal kaum Zeit, darüber nachzudenken. Ein paar Tage später wurde ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Es ging um eine Stelle im öffentlichen Dienst. Zwischendurch hatte ich immer wieder Bewerbungen verschickt, um mich nach anderen Stellen umzusehen. Obwohl ich kaum geschlafen hatte, miserabel aussah und zweimal meinen Job gekündigt hatte, bekam ich den Job. Als ich wissen wollte, warum, sagten sie mir, ich hätte fachlich überzeugt. Mein Job als Bauleiter hatte mir also etwas gebracht.

Seit ich in diesem Job arbeite, läuft es sehr gut. Ich habe eine Einführung bekommen, konnte Fragen stellen und wurde nicht sofort mit Mammutprojekten überfordert. Das Einstiegsgehalt liegt bei 3.400 Euro im Monat, das ist so festgelegt. Mein neuer Arbeitgeber achtet darauf, dass wir keine Überstunden machen. Die Atmosphäre ist entspannt. Wenn ich einmal einen Fehler mache oder etwas nicht weiß, werde ich nicht vor meinen Kollegen fertig gemacht.

Dafür ist der Büroalltag nicht ganz so spannend, wie es draußen auf der Baustelle war. Dort hatte ich mehr Verantwortung und Aufstiegsmöglichkeiten. Die große Karriere kann ich bei meiner aktuellen Arbeitsstelle wohl nicht machen, das ist aber in Ordnung. Meine letzten beiden Jobs haben mir gezeigt, dass ich kein Karrieremensch bin, der sich für die Firma aufopfert.

Aufgezeichnet von Franca Forth

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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