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Freiberufler sind für Firmen billiger

Festplatte (Quelle: freeimages.com,Autor: nh313066)

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Obwohl die IT-Branche unter Fachkräftemangel leidet, bauen Konzerne feste Stellen ab. Sie setzen lieber auf Selbstständige, denn die sind billiger.

Der Technologiekonzern Hewlett Packard will in Europa bis Ende kommenden Jahres 8.000 Stellen streichen, berichtet die WirtschaftsWoche. Rund zehn Prozent der Beschäftigten in Deutschland werden offenbar ihren Job verlieren. Der Mobilfunkhersteller Nokia will mehr als tausend Stellen wegrationalisieren. Auch IBM plant, mittelfristig 8.000 Arbeitsplätze zu streichen. Der Konzern habe vor, Projekte stärker als bisher extern auszuschreiben, berichtet das Handelsblatt.

Diese Entlassungen stehen beispielhaft für eine größere Entwicklung: Unternehmen aus der IT-Branche ersetzen immer öfter Festangestellte durch Freischaffende, weil sie billiger sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Personaldienstleisters Etengo und der Fachhochschule Ludwigshafen.

Auch langfristig rechnen sich demnach Freiberufler mehr als fest angestellte IT-Kräfte. Die Studie enthält zudem neue Schätzungen, wie verbreitet freie Mitarbeiter in Technologieunternehmen sind. Bislang gingen Arbeitsmarktforscher von einem Anteil von zehn Prozent aus, die Autoren der Studie kommen nun auf rund 20 Prozent.

Für die Untersuchung haben die Wissenschaftler Führungskräfte aus Großkonzernen, mittelständischen Unternehmen und Kleinunternehmen befragt. Die Bedingung: Die Manager mussten in den vergangenen zwei Jahren mit selbstständigen Fachkräften und fest angestellten Mitarbeitern zusammengearbeitet haben.

Billige Projektarbeiter

Die Autoren der Studie nutzten die Antworten für einen Kosten-Nutzen-Vergleich. Ihr Ergebnis: Wenn die Unternehmen Fachkräfte kürzer als 26 Monate beschäftigen, ist es für sie billiger, Freiberufler zu engagieren. Erst wenn Menschen länger als zweieinhalb Jahre für ein Unternehmen arbeiten, lohnt es sich für die Unternehmen, diese Mitarbeiter fest anzustellen.

Das liegt auch daran, dass den Unternehmen bei der Suche nach festen Mitarbeitern hohe Kosten entstehen. Anders als Freischaffende müssen sie aufwändig geworben und ausgesucht werden – auch deshalb sind sie teuer. Nur wenn man diese Rekrutierungskosten ignoriert, lohnt es sich schon ab einer Beschäftigungsdauer von acht Monaten, feste Mitarbeiter zu beschäftigen.

Das ist eine Kostenrechnung, die jedes Unternehmen anstellt, bevor es freie Projektarbeiter einstellt. Natürlich kann auch das Anwerben von Freiberuflern teuer werden, denn der Markt ist begrenzt. Einer Erhebung des Branchenverbandes Bitkom zufolge waren Ende 2011 rund 38.000 IT-Stellen unbesetzt.

Höheres Einkommen, mehr Risiken und gesundheitliche Belastungen

Das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen eines IT-Experten liegt bei rund 50.000 Euro. Das sind etwa 4.200 Euro im Monat, wobei das Gehalt je nach Unternehmensgröße schwankt. Berufsanfänger in kleinen Unternehmen fangen mit 42.000 Euro an, Dax-Konzerne zahlen durchschnittlich 65.000 Euro, wie eine Umfrage im Auftrag der Computerwoche aus dem Jahr 2008 ergab.

Eine aktuelle Studie stellt fest, dass das Gehalt eines IT-Managers von 106.380 Euro auf 114.450 Euro pro Jahr gestiegen ist. Das Einkommen von Freiberuflern beziffert der Vorstandsvorsitzende von Etengo, Nikolaus Reuter, mit rund 10.000 Euro im Monat. Brutto verdienen die frei Beschäftigten also mehr.

Allerdings müssen sie sich selbst versichern und privat fürs Alter vorsorgen. Sie tragen auch das volle unternehmerische Risiko. Werden sie im Anschluss an ein Projekt nicht weiter beschäftigt, müssen sie von ihrem Verdienst auch eine Zeit der Beschäftigungslosigkeit überbrücken. Außerdem zahlen sie in der Regel ihre Fortbildungen selbst. Das ist kein unerheblicher Posten, denn die Innovationszyklen sind sehr kurz. Weiterbildungskosten machen in der Branche einen großen Teil der Personalkosten für Arbeitgeber aus.

Einen Vorteil haben die Freiberufler allerdings, wenn man der Studie Glauben schenkt. Sie sind produktiver. Als produktiv gilt in der Untersuchung ein Mitarbeiter, wenn er eigenständig und ohne wesentliche Rückfragen seine Aufgaben erledigt – und zwar in der vorgesehenen Qualität und der dafür vorgesehenen Zeit. Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, die freien IT-Experten brauchten im Durchschnitt einen Monat, bis sie produktiv arbeiteten. Die fest angestellten Mitarbeiter benötigen hierfür im Schnitt drei Monate.

Burn-out nimmt in der Branche zu

Eine Erklärung hierfür: Die unsichere Beschäftigungssituation treibt die Projektmitarbeiter zu mehr Leistung. Nicht wenige Freiberufler hoffen, über die Projektarbeit in eine Festanstellung zu kommen. Das Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen stellte unlängst fest, dass die Belastung in der IT-Branche stark zunimmt. Mehr als die Hälfte der IT-Freiberufler sind einer Studie aus dem Jahr 2010 zufolge Burn-out-gefährdet.

© ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

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