Erzkonservativ bis rechts, Zwangssaufen und Kotzen bis zum Umfallen, Festhalten an verstaubten Werten, Seilschaften statt Leistungsprinzip, undemokratisch, freiheitsberaubend, frauenverachtend. Willkommen in der Verbindungswelt – Sammelbecken für Reaktionäre und Sozialversager! Oder etwa nicht? Ein anonymer e-fellow und Verbindungsstudent gewährt Einblicke.
Seltsam, dass es dieser Anachronismus "Studentenverbindung" bis ins 21. Jahrhundert geschafft hat. Und warum übt etwas derart Abstoßendes trotzdem noch einen gewissen Reiz aus? Man fragt sich, was genau trotz klarer Faktenlage noch immer viele junge Studenten in die Fänge dieser Quasi-Sekten treibt. Und was dort hinter verschlossenen Türen Okkultes geschieht.
Der anonyme Autor ist Mitglied einer schlagenden Verbindung. Während seiner dreisemestrigen Aktiven-Zeit soff er bis zum Umfallen, focht und ordnete sich zahlreichen Zwängen unter. Bereuen tut er trotzdem nichts.
Verbindungen: alle gleich?
Ich bin Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung, also die ganz üble Sorte. Als ich letzte Woche eine Phase latenter Unproduktivität damit überbrückte, die e-fellows.net community nach dem Thema "Verbindungen" zu durchforsten, habe ich den Entschluss gefasst, eine Lanze zu brechen. Heute, nur eine Woche später, bin ich schon wieder etwas klüger: Mir ist klar geworden, dass das völlig unmöglich ist. Und das hat verschiedene Gründe: Zunächst wird auch in der Community mancherorts klar, dass Corps nicht gleich Burschenschaft, CVer nicht gleich Turnerschaft ist. Konzentriere ich mich also auf die Gemeinsamkeiten? Davon gibt es schlicht zu wenige. Nur Corps, weil ich einem angehöre? Auch hier gibt es große Unterschiede! Nur auf uns? Das gleiche Problem. Nur auf mich? Wen interessiert das!
Community-Diskussionen: "Studentenverbindungen"
Saufen und Fechten? Stimmt!
Außerdem: An jedem der Vorurteile ist etwas dran. Ich zum Beispiel habe schon mal getrunken bis zum Umfallen. Mehrmals. In einem ganzen Buch könnte ich niemanden davon überzeugen, dass das nötig ist – ähnlich wie das alte Thema Fechten. Trotzdem will ich beides beibehalten. Diskussionen weiche ich mit meinem Totschlag-Argument aus: "Wer es nicht miterlebt hat, wird es nicht nachvollziehen können." Ein feiger Schachzug, auch wenn ich das tatsächlich ernst meine.
Ich werde euch also unmöglich dazu bringen können, bei Facebook "Gefällt mir" zu klicken, sobald es um Verbindungen geht. Das will ich auch gar nicht, ich selbst finde einige Verbindungen grauenhaft und sehr viele Verbindungen peinlich. Ein paar gehören verboten. Ich kann euch aber ein paar Gedanken mitteilen, die möglicherweise zu einem etwas differenzierteren Bild beitragen, sofern ihr nach dem Wort "Kotzen" noch weitergelesen habt.
Teilnahme am Programm ist Pflicht
Vorweg möchte ich aber (nicht ohne Freude daran) das Klischee noch ein bisschen bedienen und wahrheitsgetreu aus unserer Aktivität berichten: Sie dauert drei Semester, außerhalb der Semesterferien gibt es nur äußerst wenig Freizeit. Getrunken wird fast täglich, häufig exzessiv. Jeden Tag gibt es gemeinsame Mahlzeiten, eine Stunde Fechtunterricht, kaum ein Abend oder Wochenende vergeht ohne Programm.
Sämtliches Programm ist verpflichtend, sofern man nicht krank oder aus Studiengründen befreit ist. Wenn ich zum Geburtstag meiner Tante will, muss ich das zunächst besprechen. Im ersten Semester, als "Fuchs", also Neueinsteiger, habe ich von überhaupt nichts eine Ahnung, darf an keiner Entscheidung mitwirken, werde immer wieder verarscht und bin für sämtliche niedere Arbeiten zuständig.
Und das alles nur wegen eines billigen Zimmers?
Man kann so manchen Vorwurf äußern, aber: Die Entscheidung für einen Eintritt in eine Verbindung ist in den seltensten Fällen der Weg des geringsten Widerstandes. Ständige Rechtfertigung nach außen, dazu die hohen Anforderungen des Verbindungslebens, studieren will man nebenbei auch. Die Aussicht auf ein günstiges Zimmer in Uni-Nähe und ein abstraktes Versprechen von "Vitamin B" würden keinen Menschen klaren Verstandes dazu bewegen, meiner Verbindung beizutreten. Was dann?
Die Freiheit der Verbindung geopfert?
Vielen geht es um die Erlebnisse, die vielen Wochenendfahrten mit einer lustigen Truppe, enge Freundschaften, die in dieser intensiven Zeit zustande kommen. Ich persönlich war und bin ein freiheitsliebender Mensch – und wollte mich zu Studienbeginn eigentlich nicht gleich wieder unterordnen. Dabei hatte ich im Nachhinein eines nicht begriffen: Zum einen, dass es bereits Freiheit bedeutet, mich überhaupt selbstbestimmt für oder gegen eine Aktivität zu entscheiden. Zum anderen, dass Freiheit nicht fehlinterpretiert werden sollte als die Option, sich ständig alles offen halten zu können. Das ist Vergeudung.
So sprang ich über meinen großen Schatten und habe mich dafür entschieden. Drei Semester à 16 Wochen, also netto knapp zehn Monate meiner Lebenszeit, habe ich geopfert – natürlich am Ende für mich selbst. Was hat es mir gebracht? Viel mehr, als ich dachte! Und die Wochenend-Touren, das Abendprogramm, die Partys? War alles klasse, aber das macht es nicht aus. Hier eine Auswahl:
Grenzerfahrungen
Alkoholkonsum. Fechten. Schlafentzug. Programmzwang. Konflikte. Das Ganze in einer Gruppe von Jungs, die 24 Stunden am Tag miteinander zu tun haben – und meist heterogener sind, als dies von außen bisweilen den Anschein hat. Warum all diese Zwänge? Weil es die Zeit intensiver macht. Ich habe mal gelesen, dass Kostümpartys erfolgreicher seien als "normale" Feten, was daran läge, dass die Gäste einen eigenen Beitrag zur Party leisten mussten, indem sie sich um ein kreatives Outfit gekümmert haben. Ergo: Mehr Input bedeutet mehr Output. Es schweißt enger zusammen, wenn jeder bestimmte Dinge durchmachen muss. Die Identifikation mit einer Gruppe wird gestärkt, wenn jeder Opfer bringt. Gruppenzwang? Auf jeden Fall!
Wenn ich von meiner Aktivität erzähle, gilt grundsätzlich folgende Faustformel: Je ätzender und anstrengender die Situation war, desto größer das Lächeln, mit der ich an sie zurückdenke. Natürlich hat das auch kompetitive Gründe: Die eigene Trinkgeschwindigkeit und -kapazität trägt als Aktiver in einem nicht von der Hand zu weisenden Umfang zum eigenen Selbstwertgefühl bei. Das ist vielleicht ein bisschen traurig, aber auch ein kleines bisschen komisch! Warum gehen Menschen an ihre Grenzen? Um sich selbst besser kennenzulernen. Es ist überraschend, was man alles zustande bringt, wenn man nur muss!
Kostenloses Konfliktmanagement-Training
Ich bin – nach wie vor – ein rechthaberischer Mensch, was mein Umfeld nicht ganz zu Unrecht hin und wieder auf die Palme bringt. Methodisch allerdings habe ich mich gebessert: Früher habe ich andere Meinungen eher plattzuwalzen versucht. Eine Strategie, die einen manchmal vielleicht auf dem schnellsten, selten aber auf dem besten Wege zum angestrebten Ziel führt. Die Kritik und Konflikte innerhalb des Verbindungslebens bleiben intern.
Das führt dazu, dass nach außen leicht der Eindruck einer Gesinnungs-Gleichschaltung entsteht. Häufig ist aber genau das Gegenteil der Fall: Nie zuvor habe ich derart persönliche Kritik erfahren, häufig auch vor der Gruppe, was es nicht schöner macht. In anderen Lebenslagen kann man Konflikten aus dem Weg gehen. Das ist unter Aktiven nicht möglich – zu sehr hockt man aufeinander. Schnell lernt man daher, auch substanzielle Kritik konstruktiv zu äußern. Wer nur Dampf ablässt, lässt seinem Gegenüber kaum eine andere Wahl, als auf stur zu schalten. Und wer selbst bei konstruktiver Kritik auf stur schaltet, landet in einer Sackgasse – und wird daraus lernen. Auch heute nervt mich Kritik an mir natürlich ganz ungemein. Ich habe aber dazugelernt.
Hilfe beim Studium dank "Alter Herren"
Die meisten Verbindungen haben auf die veränderte Realität reagiert, dass neben einer intensiven Aktivität auch ein erfolgreiches Studium möglich sein muss. Ob Lerntage, Alkoholverbot in Klausurenphasen oder Tutorien – es gibt vielfältige Möglichkeiten, eine Vereinbarkeit mit dem Studium zu fördern. Ehemals Aktive – die sogenannten "Inaktiven" und "Alten Herren" stellen ein hilfreiches Netzwerk dar – ob es um Tipps bei der Hausarbeit, die Organisation eines Auslandssemesters oder Studienortswechsels oder die Unterstützung bei der Bewerbung um Praktika geht.
Natürlich ändert dies nichts daran, dass die Voraussetzungen unterm Strich schwieriger sind als ohne Verbindungsleben. Aber: Ein ordentliches bis gutes Studium auch während der drei Semester Aktivität ist möglich – es erfordert ein gelungenes Zeitmanagement und die Steigerung der eigenen Effizienz! Wer das geschafft hat, legt häufig unmittelbar nach der Aktivität studientechnisch richtig los – das schlechte Gewissen, gegenüber den Kommilitonen aufholen zu müssen, drängt einen nicht selten auf die Überholspur.
Zeit zum Lernen trotz Programm
Natürlich gibt es auch viele Beispiele von im Studium scheiternden Verbindungsstudenten. Für die Juristen, die innerhalb der letzten Jahre in meiner Verbindung aktiv waren, gilt aber zum Beispiel, dass sie ausnahmslos den Freischuss wahrgenommen und ihr Studium im Durchschnitt mit einem Staatsexamen von über 9 Punkten abschlossen haben – der gleiche Durchschnitt wie an der Bucerius Law School. Durchfallquote: 0 Prozent. Gewiss sind andere Studiengänge etwas weniger aktivitätskompatibel, aber: Das Gelingen des eigenen Studiums liegt in den meisten Fällen an einem selbst, auch wenn man bei Misserfolgen gerne die Gründe andernorts sucht.
Soft Skills im Härtetest
Was kann man noch lernen außer den Umgang mit Kritik, Zeitmanagement und die Verbesserung der eigenen Effizienz? Die Liste der Soft Skills, über die in Zusammenhang mit Verbindungen selten gesprochen wird, ist deutlich länger: Ob bei eigenen Vorträgen oder auf den berüchtigten Kneipen: Die freie Rede wird geübt. Häufig wird gerade Füchsen ohne Vorwarnung ein Stichwort gegeben, zu dem sie eine Rede halten sollen. Bloßstellung vor der Gruppe? Manchmal vielleicht. Exakt dieselbe Aufgabe hat allerdings mein Bruder bei einem Assessment Center gestellt bekommen. Im schlimmsten Falle bleibt immerhin die Erfahrung, dass eine Blamage nicht das Ende der Welt ist, sondern menschlich ist und jedem widerfährt.
Demokratie versus Gruppenzwang
Unerlässlich ist es außerdem, zum Teamplayer zu werden. Das, was häufig den Vorwurf des Kollektivismus hervorruft, ist letztlich nichts anderes als die Lehre, dass man sich manchmal im Leben einfach nicht zu wichtig nehmen darf und tatsächlich einem Gruppenzweck unterordnen muss. Überraschend ist dabei, wie viel Kritik diese simple Sportlerweisheit hervorruft, obwohl in einer jeden Verbindung die Entscheidungsfindung nach demokratischen Grundsätzen verläuft. Zwar darf man in einer Verbindung nicht von Anfang an mitentscheiden – im Leben aber auch nicht.
Fazit
Was will ich euch also sagen? Erst einmal möchte ich rechtfertigen, warum ich anonym schreibe: Kaum eine Minderheit steckt so schnell in einer Schublade wie wir Verbindungsstudenten. Berichterstattung wie jüngst zu den besorgniserregenden Vorgängen innerhalb der Deutschen Burschenschaft haben zwar glücklicherweise nicht das Geringste mit mir zu tun, färben aber auf die gesamte Verbindungslandschaft ab. Wer noch alle Tassen im Schrank hat, ist daher gut beraten, sich nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu outen.
Vor allem aber will ich für einen differenzierteren Blick werben. Ich habe beschrieben, welche Erfahrungen und Lehren einem die Verbindungszeit bescheren kann. Man kann viel über sich selbst und über andere lernen, Qualifikationen für Studium und Beruf teilweise spielerisch erwerben und nebenbei enge Freundschaften knüpfen, die verblüffend häufig verblüffend lange halten.
Keine Reue
Natürlich bleibt viel Raum für Kritik. Häufig hilft es aber, das ganze Brimborium mehr als großes Spiel denn als bitteren Ernst zu betrachten. Ein Augenzwinkern schadet selten! Zur Kenntnis nehmen muss man auch, dass wir Verbindungsstudenten – wie jede andere gesellschaftliche Gruppe – aus Individuen bestehen, die sich unterscheiden. Überraschend gering ist die Quote derjenigen, die rückblickend ihre Entscheidung für eine Verbindung bereuen. Überraschend hoch ist die Quote derjenigen, die ihre Aktivität als intensivste und prägendste, häufig auch schönste Zeit ihres Lebens beschreiben. Und für alle, die das trotzdem beim besten Willen nicht nachvollziehen können: Das kann ich sehr gut verstehen! Aber was soll's – lasst uns einfach den Spaß!