Erfahrungsbericht (Deutsche Botschaft Paris): Auf den Spuren von Bismarck in Paris
26. Mai 2011Eine Kapelle, die im Garten der Botschaft eine berühmte Pariser Prachtstraße besingt und leicht irritierte Franzosen – der Tag der Deutschen Einheit ist auch in der Deutschen Botschaft in Frankreich etwas besonderes. Während ihrer drei Monate in Paris hat Caroline die Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland hautnah miterlebt.
In der Online-Bewerbungsmaske des Auswärtigen Amts kann man bis zu neun Auslandsvertretungen als Wunschort angeben, wobei alle Wünsche gleichberechtigt behandelt werden. Da bei der Deutschen Botschaft in Paris im Schnitt nur eine von 100 Bewerbungen Erfolg hat, hatte ich mir lange überlegt, ob ich diese überhaupt wählen sollte, oder ob ich mich doch nur auf Konsulate (davon gibt es mehr als Botschaften) im französischsprachigem Raum bewerben soll. Da Paris aber meine absolute Präferenz war, ließ ich mich nicht abschrecken. Und umso glücklicher war ich dann, als ich eines Morgens das Praktikumsangebot in meinem Postfach entdeckte. Ich sagte natürlich sofort zu und sollte es auch nicht bereuen.
Eine Großbotschaft mit zahlreichen Verflechtungen
Gleich an meinem ersten Arbeitstag bekam ich einen Mentor an die Seite gestellt, der mich während meines gesamten Praktikums betreute. Bei einer Führung durch die Botschaft erklärte er mir, dass die Deutsche Botschaft Paris mit ungefähr 190 Mitarbeitern eine der wenigen sogenannten Großbotschaften sei. Wegen der zahlreichen und intensiven Verflechtungen zwischen Deutschland und Frankreich auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene gibt es ein hohes Maß an Informationsaustausch und es finden viele spannende Veranstaltungen statt.
Oben angekommen
Als wir auf der obersten Etage angekommen waren, sahen wir diese Verflechtungen nun auch bildlich vor uns. Direkt gegenüber vom Büro des Botschafters und des Gesandten befindet sich der Sitzungssaal. An dessen Wänden hängen Gemälde aller bisherigen Botschafter der Deutschen Botschaft Paris (mit Außnahme jener zu Zeiten des Nationalsozialismus) – auch Otto von Bismarck kann man dort entdecken.
Während ich meinen neuen Arbeitsplatz weiter erkundete, bekam ich einen ersten Einblick in die verschiedenen Abteilungen: Politik, Wirtschaft, Kultur, Presse und das Konsularwesen. Außerdem lernte ich die anderen Praktikanten und Referendare kennen. Ich selbst arbeitete in der Abteilung Politik.
Schwerpunkte: selber wählen!
Innerhalb meiner Abteilung wurden mir keine festen Aufgabenbereiche zugewiesen. Vielmehr hatte ich die Chance, in jeden der Aufgabenbereiche meiner Kollegen hineinzuschnuppern (wie zum Beispiel Europa-, Innen-, Sicherheits- und Sozialpolitik sowie das Protokoll). Meine Schwerpunkte konnte ich dann selbst festlegen. Besonders entscheidend ist dabei die Eigeninitiative.
Mitdenken und schnell sein
In einer so großen Botschaft, die sehr schnell auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren muss (während meiner Zeit waren das zum Beispiel das Regierungsumbildung Sarkozys, die Wikileaks-Enthüllungen oder die erhöhte Gefahr eines Terroranschlags), muss man wirklich aktiv sein und mitdenken. Sonst wird es schwierig, interessante Arbeitsaufträge und Verantwortung zu bekommen. Meine Aufgaben waren dann aber sehr vielseitig: angefangen von der Analyse und Aufbereitung verschiedener Studien über Telefonate mit der Regierung von Frankreich und Monaco, um zum Beispiel Daten abzugleichen, bis zu den Vorbereitungen für die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes.
Tag der Deutschen Einheit in Paris
Es gab auch Aufgaben, die alle Praktikanten der einzelnen Abteilungen gemeinsam übernahmen. Dazu gehörte zum Beispiel die Organisation der Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit in der Residenz des Botschafters. Das ist das größte und wichtigste Ereignis des Jahres und daher ein richtiges Highlight. Jedes Jahr wird ein anderes Bundesland als Gastland eingeladen und bekommt die Gelegenheit, sich den geladenen französischen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Politik zu präsentieren.
Irritierte Franzosen und musikalische Württemberger
Während meines Praktikums stellte sich Baden-Württemberg vor: Im Foyer präsentierten sich Unternehmen wie Mercedes-Benz oder Bosch, und im Garten verwöhnte man die Gäste kulninarisch mit schwäbischen Maultaschen, Riesling aus der Region und Schwarzwälder. Musikalisch begleitet wurde dieser Soirée von einer schwäbischen Blaskapelle, die es sich nicht nehmen ließ, auch "Champs-Elysées" zu spielen. Der ein oder andere vornehme Pariser schien von soviel deutsche Kultur zu Beginn wohl etwas irritiert zu sein. Mit fortschreitender Stunde wichen die Fragezeichen auf der Stirn dann aber doch einem wohlwollenden Ausdruck.
Deutsche Diplomatie im 21. Jahrhundert
Innerhalb der Botschaft wird zwar Deutsch und auf Konferenzen manchmal auch Englisch gesprochen, doch die morgendliche Lektüre der französischen Presse ist Pflicht. Auch im Umgang mit der französischen Regierung wird auf die Frankophonie sehr viel Wert gelegt. Mein Arbeitstag fing offiziell um 8.30 Uhr an und dauerte bis 17.30 Uhr. Oft waren am Abend aber auch noch wichtige Veranstaltungen oder Konferenzen, sodass es auch schon mal 22 Uhr oder später werden konnte – aber wer kann schon einer Soirée oder einer privaten Führung durch das Musée Quai Branley widerstehen?!
Geschichten aus anderen Ländern
Ganz nach alter Tradition ist der Umgangston in der Botschaft sehr höflich und freundlich. Dadurch ist die Arbeitsatmosphäre sehr angenehm. In den Mittagspausen unterhält man sich beispielsweise über die neueste Museumsausstellung oder lauscht einfach gespannt den Erlebnissen seiner Kollegen, welche die Welt auf einmal ziemlich klein erscheinen lassen. Da die Mitarbeiter im Schnitt alle drei Jahre in ein anderes Land versetzt wird, erzählten meinen Kollegen viel aus anderen Ländern: von den Gepflogenheiten der Inder, der Lieblingsspeise in Saudi Arabien oder den Herausforderungen in Kolumbien.
Paris, Paris!
An dieser Stelle könnte ich Romane schreiben: über die wunderschön beleuchteten Champs-Elysées zur Vorweihnachtszeit, die liebevoll dekorierten Schaufenster der "Galeries Lafayettes", die prunkvollen Gebäude des französischen Ministeriums und die edle Residenz des Botschafters, die einst im Besitz Napoleons war. Auch von den leckersten Macarons, der sechs Stunden lange Schlange vor dem Grand Palais während der Monet-Ausstellung oder dem siebten Arrondissement, das mehr als nur den Eifelturm zu bieten hat, könnte ich ewig erzählen. Aber ich denke, jeder Versuch, eine Metropole wie Paris zu beschreiben tut ihr Unrecht, da Paris nicht beschrieben, sondern erlebt werden muss.



![Erfahrungsberichte [Quelle:sxc.hu, Autor:clix]](http://www.e-fellows.net/community-blog/wp-content/uploads/2010/02/network_sxc.hu_clix1.jpg)