Die Weisen aus dem Morgenland – eine e-fellows-Weihnachtsgeschichte
18. Dezember 2008 Kapitel 2, Vers 1-2
Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten, zu beraten und sein Portfolio zu optimieren.
Kaum im Stall angekommen, baute Kaspar Kassenprüfer seine Flipchart auf und malte eine zweispaltige Tabelle, die er rechts mit einem großen Plus und links mit einem dicken Minus betitelte. Die ärmlichen Verhältnisse Maria und Josephs hatten sich bereits bis ins Morgenland herumgesprochen. Nun, wozu ist man denn Wirtschaftsprüfer, dachte sich Kaspar, und nahm sich gleich mal die Bücher des Zimmermanns vor. Sparpotenzial gibt's auch im kleinsten Handwerkerbetrieb.
Balthasar Berater zog sich nacheinander mit Maria und Joseph in eine Ecke des Stalls zurück, um mehr über die Abläufe im familiengeführten Zimmermannbetrieb zu erfahren. Als das Wort "Hedge Funds" fiel, horchte Melchior Moneymaker auf. Sein Auftritt war gekommen, als Balthasar sich zurückzog, um die gewonnen Informationen in einer Balanced Scorecard zu strukturieren: "Maßgeblicher Negativpunkt eines Listings ist die Notwendigkeit, die dann sehr dynamischen Fund Flows in den Griff zu bekommen. Ein Hedge Funds mit vielen Shorts ist bei entsprechend starken Mittelabflüssen zur vorzeitigen Liquidierung einzelner Positionen gezwungen. Gleiches gilt für einen Hedge Funds mit vielen Pair Trades. Ebenso problematisch ist der dynamische Fund Flow für Hedge Funds, die in illiquide Assets investieren."
"Ja, das lassen wir dann mal so stehen", entgegnete der eher risiko-averse Kaspar – und begann, Maria und Joseph die Aufstellung ihrer Einnahmen und Ausgaben zu präsentieren. Die jungen Eltern waren geschockt, welch dickes Minus unterm Strich übrig blieb. "Machen Sie sich keine Sorgen," beruhigte sie Kaspar, "Ich habe gesehen, dass Sie im Jahre 1 und 2 vor Ihrem Sohn viel zu viel Steuern gezahlt haben. Die Lasttiere können Sie doch problemlos absetzen – und Ihr Wohnzimmer wird zum Arbeitszimmer. Wenn wir das, inklusive des Kindergeldantrags, noch bis Silvester einreichen, kommen Sie bald zu einem guten Batzen Schekel. Zudem habe ich mit einem befreundeten Anwalt telefoniert. Mit ein wenig Glück können Sie von Jesus' leiblichem Vater eine dicke Unterhaltszahlung rausholen."
Auch Balthasar trat wieder zu Maria und Joseph. "Meine Visual Assistants haben mir gerade einen Stapel frisch gemalter Charts vorbeigebracht – gespickt mit jeder Menge Optimierungspotenzial. Zunächst sollten Sie sich auf Ihre Kernkompetenzen beschränken. Schrauben, Dübel und Muttern lassen Sie am besten ab sofort im Morgenland fertigen. Kosten sparen Sie ein, wenn Sie Ihren Laufburschen durch Lasttiere ersetzen. Auch bei Rohstoffen können Sie was rausholen: Holz sollten Sie von einem Billigimporteur aus Brasilien beziehen."
Und so ließ die kleine Runde den ereignisreichen Abend bei einem Feierabend-Myrrhetee ausklingen – während der Star von Bethlehem hell über den Cash-Cows und Dogs leuchtete.


Am 18. Dezember 2008 um 13:16 Uhr
Ich schmeiß mich weg!!!
Am 18. Dezember 2008 um 18:03 Uhr
Nichts für ungut, aber das doch etwas geschmacklos, denn es heißt doch, Du kannst nicht zwei Herren dienen. Das als Witz zu betrachten, also ich weiß nicht recht…
Am 19. Dezember 2008 um 03:32 Uhr
Halte ich ebenfalls für geschmacklos – aber dient vielleicht als absurdes Relikt eines gescheiterten Paradigmas; denn in der Welt nach der Weltwirtschaftskrise wird derartiges Gelaber wohl aussterben…
Am 19. Dezember 2008 um 08:44 Uhr
>denn in der Welt nach der Weltwirtschaftskrise wird derartiges Gelaber wohl aussterben…
Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Am 19. Dezember 2008 um 12:51 Uhr
Geschmacklos und wenig geistreich – kann selbst als Berater nicht über sowas lachen.
Am 19. Dezember 2008 um 13:24 Uhr
Also ich weiß nicht, was ihr habt. Ich finds lustig. Würde das nicht so bierernst nehmen.
Am 19. Dezember 2008 um 17:08 Uhr
Ich finds lustig. Schoene Geschichte … schreit nach einer Fortsetzung an Ostern.
Am 21. Dezember 2008 um 14:43 Uhr
Richtig gut fand ich es, als ich die Kommentare gelesen habe… Warum polarisiert die Religion/Wirtschaft nur so?!
Ich bin jedenfalls der Ansicht: Leben und leben lassen.
Am 27. Dezember 2008 um 00:41 Uhr
Eine Geschmacklosigkeit ohne gleichen. Christus war in Armut reich. Dies ins lächerliche zu ziehen hat mehr mit einer Stupides, als mit einer gelungenen Pointe zu tun.
Am 30. Dezember 2008 um 00:17 Uhr
Gott hat auf jeden Fall Humor. Doch ich denke, er weint zum Beispiel darüber, dass wir Holz aus Brasilien importieren, nur weil das billiger sei. Finanziell gesehen haben wir zwar Recht damit, aber in ökologischer und sozialer Hinsicht lügen wir uns selbst die Hucke voll. Soll Geld wirklich der einzige Maßstab sein?